Interview zu Sara

Biographisch:
Wann wurde das Thema Religion für Sie ein zentrales Thema in Ihrem Leben?

Religion war immer wichtig, soweit ich mich zurückerinnern kann. Aber nicht zentral. In meiner Familie gab es Respekt vor der Religion, vor dem Glauben, vor Gott. Zentral wurde das Thema Religion, als ich mich entschloss, Priester zu werden. Da war ich 25.

War Religion/Kirche in Ihrer Kindheit/Jugend im Elternhaus/Schule von Bedeutung?

Im Gymnasium hatte ich einen Religionslehrer, der auch Priester war. Zu ihm entwickelte ich, besonders nach der Schule, eine freundschaftliche Beziehung.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Libretto für ein Stück mit religiösem Schwerpunkt in der heutigen Zeit, für eine Kirchenoper zu schreiben?

Ich verfolge die Kirchenopern in Ossiach schon längere Zeit. Einerseits bin ich Festivals gegenüber eher skeptisch, weil ich sie einer bürgerlichen Selbstreproduktion verdächtige. Andererseits bin ich viel stärker der abstrakteren Instrumentalmusik verschrieben. Ich dachte aber, wenn es schon diese interessante Form von zeitgenössischem Musiktheater gibt, und dann noch in kirchlichem Kontext, dann muss das genau verfolgt werden. Und dann war ich jedesmal enttäuscht. Nicht von der Musik. Moderne Musik kann große Qualitäten und Erfahrungsräume öffnen, die kirchlicher Verkündigung sehr elementar entgegenkommen. Ich habe diesbezüglich wunderbare Erfahrungen gemacht mit Kompositionsaufträgen, die ich über elf Jahre hinweg regelmäßig vergeben habe. Eigentlich schon länger. Sondern ich war enttäuscht von den biederen und langweiligen Themen. Offensichtlich dachten diese Künstler, Projekte für die Kirche müssten brav und harmlos sein. Und deshalb wollte ich etwas anderes machen. Einerseits mit einem sprachlichen Anspruch. Und andererseits mit einem reflexiven Thema, das hintergründig nicht eine Geschichte vorführt, sondern umgekehrt die Beteiligten selbst!

Wer sind Ihre Vorbilder bezüglich Ihrer Arbeit?

Wichtige Schriftsteller des 20. und 21. Jahrhunderts. Vielleicht Hugo von Hoffmansthal.

Was sind Ihre Ziele und Visionen?

Früher hätte ich gesagt: Die Bibel als ein weises Buch des Lebens darzustellen. Und den christlichen Glauben als ein Durchqueren jeglicher Fraglichkeit. Seit der Aufführung sage ich: Den Menschen in seinem Ringen um Rechtfertigung zu zeigen. Das habe ich an der Reaktion von Beteiligten erkannt.

Haben Sie ein Lebensmotto?
Initiative anstatt Resignation.

Würden Sie sich als religiös bezeichnen?
Natürlich.

Werk:
Welchen Stellenwert hat Kirchenoper in Ihrem Werk?
Nicht den obersten. Es gibt auch andere Kunstformen in meinem Leben.

Was ist für Sie die Definition von Kirchenoper?
Die Verbindung von Musik und szenischer Literatur, zu einem in irgendeinem Sinn religiösem Thema.

Welche Komponisten haben Ihrer Meinung nach am meisten für das Genre Kirchenoper geschrieben?
Wahrscheinlich Olivier Messiaen.

Kennen Sie andere Librettisten, die ein ähnliches Interesse verfolgen wie Sie?
Nein.

Was interessiert Sie daran, Kirchenoper aufzuführen?
Dieses Genre hat eine sehr schillernde Präsenz. Und es vermag, in der Form einer erzählten Geschichte auch heute noch starke Fragen im Kirchenraum zu entwickeln.

Wie ist Ihre Herangehensweise bei der Kreation einer Kirchenoper, bez. bei Ihrer Arbeit generell?
Nun, ich achte einfach darauf, was mich selbst anspricht. Ich habe das bei ignazianischen Exerzitien gelernt.

Denken Sie an ein bestimmtes Publikum, wenn Sie einen Stoff auswählen?
Bei meiner Sonntagsgemeinde kann ich das. Beim Carinthischen Sommer weiß ich nur: sehr bürgerlich.

Welche Quellen suchen Sie auf, um einen geeigneten Stoff für eine Kirchenoper zu finden?
Die besten „Stories“ sind in der Bibel. Besonders die augenscheinlichen Nebenfiguren.

In wie fern ist der Aufführungsort bei der Konzeption mitbestimmend?
In diesem Fall hat der Ort (und das Budget) das Figurenensemble beschränkt.

In wie fern hängt die Architektur einer Kirche mit der Kirchenoper zusammen?
Barockkirchen sind zwar seit der Barockzeit beliebte Aufführungsorte, aber sie engen durch ihre starke Definitionsmacht doch den Raum sehr ein.

Was möchten Sie mit der Kirchenoper für eine Wirkung erzielen?
Betroffenheit und Nachdenklichkeit. Und Freude an der Präsenz des Schönen.

Denke Sie, dass Librettisten sich an anderen Schreibtechniken orientieren, um eine Kirchenoper zu schreiben oder ein spirituelles Thema zu bearbeiten, wie zu einem nicht sakralen Thema?
Ich hoffe, dass nicht das der Grund ist für ihre Harmlosigkeit!

Wie denken Sie hat sich der zweite Weltkrieg auf die religiöse Musik, bez die Kirche ausgewirkt?
Danach gab es ein starkes Bedürfnis nach einer Rückkehr zu einer heilen Ordnung.

Gibt es erkennbare Tendenzen wie sich die Kirchenwelt nach 1945 verändert hat?
Katholizismus und Protestantismus bildeten tragende und umfassende Milieus und gaben starke Identität durch Zugehörigkeit. Nach etwa zwei Jahrzehnten erschöpfte sich jedoch dieses Zuordnungsbedürfnis, und die Modernisierung begann, ein Massenphänomen zu werden, was sie vor dem Ersten Weltkrieg nur in den Städten und Bildungsschichten war.

Persönlich denke ich, dass Kirchenoper in der Zeitgenössischen Musik wenig geschätzt wird, teilen Sie diese Meinung?
Das hinge von den Themen ab. Die Presse ist natürlich religiösen Formen gegenüber sehr reserviert.

Muss man religiös sein um Kirchenoper zu schätzen, zu schreiben?
Als Autor bestimmt, als Besucher bestimmt nicht. Überhaupt, was heißt: religiös sein? Nach meinem Verständnis heißt das: große Fragen stellen, ohne sich schnell abspeisen zu lassen. In diesem Verständnis sind wohl viele Kunstinteressierte religiös. Nach der Aufführung haben sich übrigens der Komponist und der Regisseur als Nichtreligiös geoutet.

Würden Sie auch Kirchenopern mit Themen aus anderen Religionen, z.B. Judentum oder Islam schreiben wollen?
Bestimmt.

Stellung der Kirchenoper allgemein?
Was glauben Sie, sind die Gründe, dass die Religion aus der Oper, die neue Musik aus der Kirche gegangen sind?

In meiner Kirche ist die neue Musik immer drin. Aber man muss auch sagen, dass die neue Musik kaum irgendwo sicher drin ist, nicht einmal in den Konzertsälen und Radioprogrammen. Die Kirche kann die prekäre Präsenz der neuen Musik auch nicht wiederherstellen, obwohl ich mich darum bemühe.

Wie hat sich unsere Gesellschaft bez. Religion und Kirche verändert?
Ein starkes Misstrauen gegenüber Institutionen, die zunächst als Einschränkung der freien Selbstentfaltung verstanden werden, treibt den Menschen in andere Erfahrungswelten.

Könnte zeitgenössische Kirchenoper Menschen wieder mehr in Kirchen bringen?
Ich denke, das hängt von individuellen Erfahrungen ab. Da geht es um Vertrauen in bestimmte Personen und um Glaubensentscheidungen. Aber für die öffentliche Präsenz der Kirche und für die kritische Meinungsbildung der „Insider“ kann sie hilfreich sein.

Zeitgenössische Musik ist für viele Leute schwer verständlich, ist die Kombination mit religiösen Themen eine Verdopplung dieses Problems, oder kann dies ein neuer Weg sein, beide diese Gebiete dem Publikum näher zu bringen?
Weder die Musik noch die religiösen Themen müssen schwer verständlich sein. Was Musik und Religion gemeinsam wollen, ist die Transformation der banalen Alltagserfahrung in einen übergeordneten Kontext. Also die Verwandlung. Also die Zuordnung in einen Heilszusammenhang.

Warum ist Religion bei heutigen Komponisten kein Thema mehr, oder kaum, dennoch ist das Thema Spiritualität zur zeit sehr präsent?
Ich kann diese Einschätzung nicht bestätigen. Nahezu alle Musiker, die ich um Mitwirkung gefragt habe, sagten sofort begeistert zu. Der Auftrag, in und für die Kirche zu arbeiten, spornt sie zu ihren besten Werken an!

Werfen wir einen Blick auf andere Komponisten, welche haben Ihrer Meinung nach besonders zur Weiterentwicklung des Genres Kirchenoper beigetragen?
Ich habe Messiaen bereits genannt. Ich möchte aber auch Künstler wie John Cage oder Jimi Hendrix nennen, die zwar keine Kirchenoper, aber wohl Bewegung, auch Szenische, in die Musik gebracht haben. Nach meiner Meinung lebt „Kirchenoper“ von der Konsistenz eines Themas oder einer Geschichte, sowie von dem Ereignishaften und Überraschenden seiner Präsentation, die nicht nur auf der Kirchenbühne. sondern in der Wahrnehmung der Besucher stattfindet, wenn sie mit neuen Fragen heimgehen.

Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptunterschiede einer ‚normalen’ Oper, z.B. Samson et Dalila von Saint-Saens, die auf einem biblischen Stoff beruht und einer Kirchenoper?
Wahrscheinlich der Aufführungsort.

Kirchenoper im/als Musikbetrieb
Ist es leicht, von dem Beruf als Librettist zu leben?
Das kann ich nicht sagen. Ich bekomme ein Gehalt als Pfarrer und Lehrer.

Hat die Kirche Sie und Ihre Arbeit in irgendeiner Weise mitfinanziert und für Ihre Arbeit Interesse gezeigt?
Geld nein, Interesse viel. Immerhin war Bischof Schwarz bei der Premiere und hat mich zu weiteren Texten ermutigt.

Was ist das typische Publikum für eine Kirchenoper/ für Ihre Texte?
Bürgerliche Kunstinteressierte, die sich ein solches Ereignis leisten können und wollen. Meine Texte? Leser, die sich nicht scheuen, sich hinterfragen zu lassen.

Wie waren die Auslastungen für die Kirchenoper?
Jede Aufführung ausverkauft.

Welche Werbestrategien verfolgen Sie für Ihre Arbeit?
Presseaussendungen, besonders an die kirchlichen Medien. Aber der C.S. hat eigene Werbestrategien.

Braucht es spezielle Musiker, Sänger, Regisseure für Kirchenoper?
Ich bevorzuge die Radikaleren.

Wie sehen Sie die Zukunft von dem Carinischen Sommer?
Ich denke, er hat sich übernommen. Er ist stark auf den Intendanten zugeschnitten.

Die Produktion von ‚Sara und ihre Männer’
War ‚Sara und ihre Männer’ ein Auftragswerk des Carintischen Sommers?
Wenn, dann ging der Auftrag von mir aus.

Wie lange im Voraus wussten Sie von der Produktion?
2003 schrieb ich den Text. Die Jahre danach brauchten wir, um vom Intendanten wahrgenommen zu werden.

Wie ist Ihr Arbeitsprozess?
In zwei Wochen war der Text fertig.

Wie lange im Voraus haben Sie sich im Vorfeld mit dem Komponisten oder dem Regieteam getroffen, bez. gemeinsam über das Stück und die geplante Umsetzung gesprochen?
Ich habe den Komponisten gefragt, ob er bereit wäre, einen Text zu vertonen. Ich wusste, dass Bruno immer wieder Textfragmente für seine Kompositionen verwendet. Als Bruno den Text hatte, haben wir uns immer wieder getroffen und darüber gesprochen. Mit dem Regisseur und dem Bühnenbildner trafen wir zwei Jahre vor der Aufführung zusammen. Eine Woche lang gingen wir gemeinsam den Text durch. Da wurde auch über die Musiker und DarstellerInnen gesprochen.

Finden Sie es hilfreich, mit einem Komponisten zusammen zuarbeiten?
Anders ist wohl eine Kirchenoper kaum möglich.

Wie empfanden Sie die Probenarbeit dieser Produktion?
Spannend, wenn aus imaginierten Figuren plötzlich Menschen aus Fleisch und Blut werden.

Wie würden Sie den Schwierigkeitsgrad der Musik einstufen?
Sehr schwierig. Grenzwertig.

Gab es etwas, was für Sie in der Produktion ungünstig war?
Nein.

Inwiefern waren Sie an der Auswahl der Besetzung beteiligt?
Wir haben über den jeweiligen Typus der Figuren gesprochen.

Was würden Sie sagen, haben Sie durch die Arbeit an und mit ‚Sara’ für Ihre Arbeit neu dazugelernt?
Auf jeden Fall.

Würden Sie gerne wieder ein solches Projekt starten?
Bin schon dabei.

Herzlichen Dank für Ihre Mitarbeit!
Susannah Haberfeld

Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde.

Hebr 11,8

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