fragen über fragen

Freitag, 4. Juli 2008

Warum es uns gut geht,

schreibt Geiger nicht. Was heißt schon gutgehen.
Eher lässt sich nachvollziehen, was jeweils fehlt zum Glück. In den Kriegs- und Nachkriegsgenerationen einer Wiener Familie.

Ich erfahre: Welche Hintergründe es hat, wenn gut situierte Menschen mit ihrem eigenen Leben kaum zurechtkommen. Welche Spannungen auf Menschen lasten, die Bewegungsfreiheit haben. Wie Menschen abgeklärt werden, sobald sie die immer wiederkehrenden Reaktionen ihrer Partner durchschauen, und wie zynisch. Und wie hilflos diejenigen sind, die sie nicht durchschauen.
Und wie tapfer eigentlich alle sind.

Wird es genug sein, sie so zu belassen?

Sonntag, 20. Januar 2008

Unsere Romanfiguren

Schon längst sollte einmal geschrieben werden oder vielmehr gefragt, warum die jetzigen deutschsprachigen Romane von sovielen verkehrten Helden bevölkert werden:

sie sind nicht Herr ihres Lebens
sie treiben und können/wollen nicht steuern
sie beobachten, anstatt zu handeln
sie erleiden hilflos, manchmal heldenhaft
sie sind entweder angepasst wider besseres Wissen,
oder irgendeinem Zwang ausgeliefert, wie Ja'ara in Zeruya Shalevs Liebesleben,
oder wie diese immerfort wartend auf Zeichen und rätselnd über die Bedeutung der Orakel/

Ich denke dabei an Alois Hotschnig, Georg Klein, Werner Kofler, Gerhard Roth, Thomas Glavinic, Norbert Gstrein habe ich sogar selbst danach gefragt, er wich aus,
aber auch türkische Autoren wie Özdamer oder Ferit Edgü, oder die Albaner Fatos Kongoli oder Ornela Vorpsi.
Oder Juli Zeh.

Hat sich der Mensch verändert?

Aber dann Daniel Glattauer, Darum.
Diesen umgekehrten Krimi.
Gut, Krimis sind ohnehin ausgenommen: Komissare können zwar krank, zynisch, ehe- oder sonstwie belastet sein, aber steuern müssen sie dennoch. Trotz der Zufälle.
Aber DIESER umgekehrte Krimi/ ich versuche, trotz meiner Leseleidenschaft nichts von der Handlung zu verraten/ zeigt eine Figur, die steuert UND steuert nicht. Und das ist gerade das Thema.

Zweitens das Selbstverhältnis. Eine Person, die mit sich selbst nicht im Reinen ist. Der Leser forscht, warum. Warum wird seit Freud und Kafka immer alles Wesentliche verdrängt und verschwiegen.

Und daraus ergibt sich drittens das schiefe Verhältnis zur Wahrheit. Diese Figur, Jan Haigerer, die zuerst aussieht wie ein Versager, unzufrieden, von der Geliebten verlassen, zynisch, sich kommentierend von allem und allen distanzierend: aber Jan selbst ist der ihm entgegengebrachten Zuneigung nicht gewachsen, verschweigt, entzieht sich.

Das Ende mag ein gewisser Beitag zur Wahrheitsfrage sein. Aber die anderen Fragen bleiben.
Wie ist denn inzwischen der Mensch geworden?
Erklärt mir das

Montag, 18. Juni 2007

Kleines Wiener Fragetheater aus dem vorigen Jahrhundert

Schatzi bist du da




1. Szene:

Im Park, auf einer Bank. Kamera blickt auf den Rücken des Paares, im Hintergrund Springbrunnen, Plätschern hörbar in den Gesprächspausen. Sommerliches Wetter, hell, schattig.

SIE: Kannst du mir das Differenzieren erklären?
ER: Klar, das ist ganz leicht. Du hast a b c gegeben, dann differenzierst du die drei durch zwei, rechnest aus und schreibst die Formel wie im Mathebuch.
SIE: Das versteh ich nicht.
ER: Aber ja, keine Kunst.
...

SIE: Warum warst du gestern so unfreundlich, als ich dir meine Freundin vorgestellt habe?
ER: Ich wollte mit dir allein sein.
SIE: So wie jetzt?
ER: Genau.
SIE: Und?
ER: (legt den Arm um sie) Ich mag ja dich, Schatzi, und nicht deine Freundin.
SIE: Warum magst du mich denn?
ER: --- Das kann man nicht so sagen.
SIE: Schade.
ER: Was redest du denn.
...

SIE: Was hältst du davon, sich selber umzubringen?
ER: Wie kommst du auf das?
SIE: Kennst du nicht den Steppenwolf?
ER: Ja, Born to be wild!
SIE: Nein, ich mein das Buch!
ER: Nein, Bücher kenn ich nicht.
SIE: Da ist der Harry, ein besonderer Typ. Die anderen langweilen ihn, er durchschaut alles, wird überdrüssig. Na da kann man sich doch nur umbringen, oder?
ER: Blödsinn.
SIE: So. Blödsinn. Aber in der Schule haben wir lang darüber geredet. Das hat echt alle beeindruckt.
ER: Ja ihr seids solche Diskutierer, die alles zerreden.
SIE: Ja, wahrscheinlich.
ER: Weißt du was, entspann dich doch ein bisserl.
SIE: Ja, gut. (lehnt sich an ihn)



2. Szene:



ROMULUS und REMUS in einer Bibliothek. Sie gehen auf und ab, nehmen dann und wann ein Buch aus dem Regal, blättern darin, suchen nach etwas.


Romulus: Hör mal, was ich gefunden habe: Der Napoleon hat die Eiernockerl nicht vertragen, die´s ihm in Deutschwagram serviert haben, darum hat er die Schlacht am nächsten Tag verloren.
Remus: Echt? Wast net sagst.
Romulus: Wir decken alle Hintergründe auf.
Remus: Nur die eigenen net.
Romulus: Ja, des is wahr. Müss ma halt länger suchen.
Remus: Aber auf die Art - ich weiß net.
Romulus: Ja stimmt.
Remus: Wir bräuchten einen Plan.
Romulus: Ja.
Remus: Ja wenn wir die Namen hätten.
Romulus: Ja haben die nicht so wie wir geheißen?
Remus: Häufig wird der Erstgeborene nach dem Vater benannt.
Romulus: Also schau im Verzeichnis nach REMUS.
Remus: (öffnet einige Bücher) Ich find aber immer nur mich selber.
Romulus: Dann schau nach ROMULUS!
Remus: Romulus, Romulus, Romulus... Da! Expresszug Rom - Wien 2x täglich - nein, das ist auch nix.
...

Romulus: Bruder, sag mir meine Herkunft. Frag hinter unser Gedächtnis zurück.
Remus: Ich glaub, es gibt nichts dahinter. Mit uns fängts an.
Romulus: Das kann nicht sein. Alles hat einen Ursprung.
Remus: Kannst du das beweisen?
Romulus: Alles ist ein Beweis dafür! Schau, der Stein kommt vom Felsen, der Apfel vom Baum, das Lamm vom Schaf...
Remus: Und das Schnitzel vom Wirt.
Romulus: Spötter!
Remus: Das ist zu einfach. Du fragst nicht weit genug. Woher kommt denn der Felsen? Und woher überhaupt Schafe so wie du?
Romulus: Ja, wie wir, das ist die Frage.



3. Szene:



Dunkler, dichter Wald. Knacksen, Schritte, JACK und JOE erscheinen, mit Rucksack und Pfadfinderausrüstung, von Anstrengung gezeichnet, Gewand zerfetzt, am Rucksack Bärenkeule o.ä.

Jack: Wie wärs mit einer Pause, wir gehen schon zehn Stunden ununterbrochen.
Joe: Schwächling! Na gut. Gibts da Wasser?
Jack: Ich hör was glucksen.
Joe: Das ist mein Magen.
Jack: Setzen wir uns auf diese bemoosten Steine. Das ist ein idealer Rastplatz, windgeschützt, schattig, lauschig.
Joe: Du hast recht. Schau, hier war schon wer. (hebt Konservendose vom Boden auf)
Jack: Das gibts doch nicht! Ist die echt?
Joe: Nein, aus Plastik.
Jack: Jetzt rennen wir schon tagelang durch unberührten Urwald, kein Weg, keine Menschenseele, und dann das. ...
Vielleicht ist das aus einem Flugzeug gefallen.
Joe: Oder von einem Satelliten.
Jack: Gibt es denn nirgends auf der Welt einen Ort, wo man die Menschen los wird?
Joe: Doch, den Schlaf.
Jack: Nein, auch da träum ich noch.
Joe: Von wem?
Jack: Von dir nicht.
(machen sich was zum Essen)

Joe: Aber im großen und ganzen ist doch der Wald hier schon sich selbst überlassen, gell?
Jack: Bis halt die Bäume groß genug sind für die Bulldozzer von der Holzindustrie.
Joe: Aber bis dahin?!
Jack: Zwanzig Jahre.
Joe: Na gut, immerhin, zwanzig Jahre. Frühling Sommer Herbst und Winter mal zwanzig, Ruhe vor dem Menschen für Grizzlys, Elche und Stinktiere.
Jack: Und was machen die so lang?
Joe: Schlafen, Fressen, Lieben. Was sonst?
Jack: So wie wir. Nur quatschen tun sie nicht.
(essen)

Jack: Und schmatzen.
Joe: Da lebt alles so zusammen, weißt du, so friedlich aufeinander eingestellt seit Jahrmillionen.
Der Friede ist viel älter als die Menschen.
Jack: Wie ist das zwischen Grizzlys und den süßen Elchbabys?
Joe: Die Natur selber ist der Friede. Du mußt größer denken. In Ewigkeiten. Dann kommst du ohne Menschen aus.
Jack: Kann ja sein. Aber vorläufig laß ich mirs schmecken.



4. Szene:



Sternwarte, Professor hinter Fernrohr. Man sieht ihn von hinten oder von der Seite. Raum ansonsten leer.


Professor: Ich bin so aufgeregt! Stern XY 789, von uns 56 Lichtjahre entfernt - also ganz nah! - hat Planeten! Hat noch niemand bemerkt! Ich bin der Entdecker! Ich werde den Planeten ATLANTIS nennen. Genauso unerforschtes Land. Gibts mehrere Planeten? Haben sie Monde? Wie alt ist das System? Hat der Planet eine feste Oberfläche? Eine Atmosphäre?
Jahrelang hab ich gesucht. Beobachtet, berechnet, analysiert. Ich hab mich schon ans Warten gewöhnt. Und jetzt überstürzt sich alles. Seit ich das regelmäßige Blinken bemerkt habe, dann die Bahnabweichungen des XY 789 berechnet, die Spekralanalyse ausgewertet habe, sind erst ein paar Tage vergangen. Aber die Ergebnisse sind sehr deutlich. Lassen sich nicht anders erklären als durch Planeten, von denen zumindest einer in einer Entfernung ungefähr wie die Erde zirkuliert. Umlaufdauer 409 Tage. Dazu die Gammastrahlung aus diesem System. Gibt es dort besondere Energiequellen? Ihr Rhythmus entspricht gerade der Umlaufdauer. In dieser Gegend unserer Galaxie gibt es keine Supernoven oder andere so starke Energiequellen. Natürliche Kräfte dieser Art sind unbekannt.
Also ich weiß nicht, was ich davon halten soll. ---

Captain Kirk wäre mit Sol 5 hingefahren und hätte sich runtergebeamt. Und was mach ich?
Ich werd die Sache veröffentlichen, mich mit den Kollegen herumstreiten über die genauen Daten, alle werden mich für naiv halten, und ich werde nicht weiterkommen. Sie werden mir wieder vorwerfen, daß ich kurzsichtig bin und manchmal epileptische Anfälle hab. Dabei ist der letzte schon vier Monate her. Und die großen Propheten waren doch auch Epileptiker.

Was wirklich los ist, interessiert die gar nicht. Nur die eigene Karriere. Muß so einer wie ich kommen, um die richtigen Fragen zu stellen.
Die Frage lautet:
IST DA WER?

Die alte Frage. Alle haben sie gestellt, als sie zu studieren begannen. Und dann später vergessen und begraben im Professionalismus.

IST DA WER UND TEILT ER SICH MIT?
Sind das Signale, die ich da empfange? Enthalten sie eine Botschaft? Ich brüte Tag und Nacht darüber.
Und wie kommt es, daß diese Signale erst jetzt bei uns eintreffen. Nie früher. Dabei wird schon seit Jahrzehnten gemessen.
EIN NOTSIGNAL?
Und:
WISSEN DIE VON UNS?

---

Am Ende sind WIR die beobachteten ....



5. Szene



Vater und Sohn am steinigen Ufer eines Baches. Der Vater sitzt auf einem großen Stein und liest Zeitung, der Bub spielt am Ufer mit Steinen oder mit Papierschiffchen.


Sohn: Papa, wo schwimmt das Schifferl hin?
Vater: Den Fluß hinunter.
Sohn: Und dann?
Vater: Immer weiter.
Sohn: Wie weit?
Vater: Bis zum Meer.
---
Sohn: Papa?
Vater: Ja?
Sohn: Papa, bitte zeichne mir das auf. Den ganzen Fluß mit allen Kurven bis zum Meer.
Vater (legt nach einigem Zögern die Zeitung weg): Schau, da ist die Quelle, da der Bach, da sind wir, da gehts weiter, und da ist das Meer.
---
Sohn: Kann man da hinfahren?
Vater (hinter der Zeitung) Ein anderes Mal.
---
Sohn: Papa? Und wo kommt das ganze Wasser her?
Vater: Vom Himmel.
Sohn: Aber da ist gar nix.
Vater: Später.
Sohn: Heute noch?
Vater: Vielleicht.
---
Sohn: Papa? Von wo kommen dann die Menschen? Kommen die auch vom Himmel?
Vater: Naja. Indirekt.
Sohn: Was heißt das?
Vater: Ganz am Anfang sind sie vom Himmel gekommen.
Sohn: Und jetzt nicht mehr?
Vater: Kaum.
Sohn: Schade.
---
Sohn: Wie schauts eigentlich aus im Himmel?
Vater: Das weiß niemand.
Sohn: Warum nicht? Wenn doch die Menschen von dort kommen? Und das Wasser?
Vater: Dann müßtest ja du das selber wissen.
Sohn: Aber ich habs vergessen.
Vater: Ich auch.
---
Vater:(faltet die Zeitung zusammen und legt sie weg) Sohn?
Sohn: Ja?
Vater: Du, Sohn, WOHER KOMMEN EIGENTLICH DEINE FRAGEN?
Sohn: Vom Himmel. Was sonst?



6. Szene:



Kahles leeres Zimmer, verdunkelte Fenster. In der Mitte ein Stuhl, darauf eine Frau.


Frau: Ein paar Wochen wirds noch dauern, hat der Arzt gesagt. Ist ja schon egal, wie lang. Die paar Tage, und dann ewig.
Aber ewig was. Ewig tot, sagt ein Witzbold. Das ist nichts. Das totale NICHTS.
Oder ewig ETWAS. Aber WAS etwas.
---
Was hab ich denn in der Hand. Für NICHTS oder ETWAS.
Als ich von Zuhause weggegangen bin, wars nicht für NICHTS, da war ETWAS. Mein Mann, meine spätere Familie, meine Zukunft, mein Leben. Unseres. Bald nur mehr ihres.
Als meine Mutter gestorben ist, war da NICHTS? Nein, da war ETWAS. Der Vater, die Familie, hauptsächlich die anderen.
Und die Schwangerschaften und Geburten, da war natürlich ganz besonders ETWAS - sie kriegt etwas KLEINES, haben sie bei uns immer gesagt.
---
Nein, so einfach ist es aber nicht. Es war doch auch immer NICHTS dabei. NICHTS wissen über das Kommende. Es war immer eine Blindheit. Ins Dunkle, Unbekannte hinein. Da ist wurscht, wie lang du den Mann schon kennst, den du heiratest, wer er IST, weißt du doch nicht. Schon gar nicht, wer er SEIN WIRD.
Warum tut man das trotzdem? Ehrlich gestanden gibt ja niemand zu, daß er nichts weiß und nichts in der Hand hat. Alle bilden sich ein, das mach ma schon. Das geht schon irgendwie. Genauso bei den Kindern. Was weißt du denn schon, was für ein Balg da in deinem Bauch heranwächst. Und in deinem Haus. Und was dann auch wirklich alles passiert ist. Wenn wir das gewußt hätten.
Und als die Mama gestorben ist, haben wir uns halt gesagt, das ist eben so. Am Schluß stirbt man.
---
Warum sind wir immer einverstanden mit allem?
Und warum sind wir so zuversichtlich?
---
Solange ich das nicht weiß, bin ichs nicht. Wenn du auf der Seite der Weiterlebenden bist, kannst du leicht sagen, mach ma so weiter. Die Weiterlebenden sind die Angepaßten. Die Einverstandenen. Die Gutgläubigen. Die lassen sich alles einreden. Die sind eigentlich korrupt. Sie stellen sich die Frage nicht. Um keinen Preis. Mit welchem Argument?
---
Na gut, ihr Argument ist das Leben. Das Weiterleben wenigstens. Ist ja auch etwas. Das haben sie für sich. Aber das gilt nicht für immer. Für niemanden. Das Argument ist zu kurz.
---
Man müßte wissen, was das ist, das einen ins Dunkle hineintreibt, ohne daß man irgendetwas weiß. Vielleicht haben wir irgendeine Abmachung mit dem, vielleicht kennen wir das eh. Vielleicht ist es uns das Allerselbstverständlichste. Wie die Zehennägel, die du immer mit dir herumträgst, und erst merkst, wenn irgendwas nicht stimmt damit. Sie wachsen stur immer weiter, sogar wenn du tot bist.



7. Szene



Büro mit riesigem Schreibtisch, auf dem meterhohe Stapel von Papier liegen. Mehrere Telefone, ein Computer, Fax und andere technische Geräte.

MUSIK: lauter Gitarrensound, peitschender Rhythmus

Julius hantiert mit Akten, Telefonen, Computer...ca. 2-3 Minuten. Steigerung. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn. Papier fällt zu Boden. Sekretärinnen stürzen herein, stellen (stumme) Fragen, Julius rauft sich die Haare.
Dann zieht er den Stecker aus der Dose und fällt erschöpft auf den Sessel zurück.

Julius: Pffffft.
Das gibts ja nicht.
Geht zum Fenster, öffnet es. Vogelzwitschern.
Heute gehts aber wieder super. Ein echter Genuß. Endlich weiß ich, wozu ich lebe. Sonst würde ja die ganze Wirtschaft zusammenbrechen. Und zuerst unsere Firma. Das ist echt ein Lebensauftrag.
Und am Wochenende fahren wir in die Berge. Das heißt: Kinder zusammenpacken, Telefon umleiten, das Adressbuch nicht vergessen, die Milch abbestellen, den Nachbarn bitten, die Katze zu versorgen, eine Wanderkarte kaufen, die Berghütte reservieren, die Wettervorhersage hören, außerdem das Auto vom Mechaniker holen, die Bergschuhe einfetten, den Rucksack vom Bruder holen, die Aufträge dieser Woche noch Zuhause fertigmachen, meine Nummer beim Lieferanten für nächste Woche angeben, und die Hälfte habe ich wahrscheinlich vergessen, das merk ich dann am Montag.
Die Uli wird mich wieder kritisieren, daß ich abwesend bin, wenn ich bei ihr liege, die Kinder werden mich fad finden, wenn ich dauernd telefoniere, dem Erwin werde ich zu langsam gehen und zuwenig Kondition haben, das Wetter wird wahrscheinlich zu kalt sein und zu windig, dann werden die Sonnenkollektoren auf der Hütte keinen Strom bringen, und wir werden schon um 8 kein Licht mehr haben, die Kinder werden maulen, die Uli witd das romantisch finden bei Kerzenlicht, aber ich werde nicht dazupassen zum gemütlichen Ambiente, wenn mir immer etwas einfällt, das ich schnell notieren muß.
Mit einem Wort: das perfekte Leben.
Und das seit Jahren.
Ich will gar nicht nachrechnen.
Ich war ja immer schon perfekt.
Schon als Kind immer funktioniert. Die Spielsachen aufgeräumt, die Aufgaben ordentlich gemacht, nie frech gewesen.
Mein Tod wird auch perfekt sein.
Mit Gift am besten. Das macht keine Flecken.
Testament und Begräbnis schon alles geregelt, Frau und Kinder versorgt - mit wem?, ach, da find ich schon wen, den Erwin vielleicht, vielleicht ist der eh schon..., ja wahrscheinlich. Weil ich nie Zuhaus bin.
Aber wird dann a Ruh sein?
Wenn ich nimma da bin?
---
Aber bin ich jetzt überhaupt da?
Was heißt überhaupt DA? ----
WO?


8. Szene


Berggipfel, vielleicht düsteres Licht, windig. Alle bisherigen Figuren locker gruppiert, sitzen, stehen. Ruinen, Bäume, hohes Gras. Manche schauen den Abhang hinunter, manche stehen um einen Baum herum, andere sitzen auf einer Mauer, einer ißt ein Butterbrot, einer hockt mit einem Buch in einer Mauernische, manche schauen sich nur stumm an.


Er: Also ich find das recht langweilig. Das ist gar nichts Neues. Das ewig gleiche Gequatsche. Hörst du 1000x jeden Tag.
Joe: Na und? Das soll doch lebensnah sein, oder?
Professor: Wer sagt das?
Frau: Auch im Gequatsche kommen die wirklichen Fragen hervor. Jedenfalls bei uns.
Julius: Ja, das ist das Konzept.
Vater: Also Fragen sinds genug.
Jack: Und was ist mit den Antworten?
Frau: Nicht so schnell. Wichtiger sind die Fragen.
Sie: Find ich auch.
Remus: Die wirklichen Frager sind die Frauen und Kinder. Merkt ihr das?
Professor: Das ist richtig - zunächst. Aber es gibt auch fragende Männer. Die fragen anders.
Jack: Ja, als Forscher z.B.
Frau: Aber ist das nicht das Fragen danach, wie man etwas kriegen kann?
Professor: Und die Alternative?
Frau: Offenheit. Die Frage offen lassen.
Joe: Das war überall so. Niemand hatte eine Antwort.
Er: Und was ist daran Besonderes? Keine Antwort zu haben? Wozu studieren wir das? Die ewigen Fragen der Menschen? Was gehn uns die an - das ist meine Frage. Wieviele Figuren, wieviele Situationen brauchen wir noch? Was soll da herauskommen?
Professor: Ich glaub, wir müssen darauf achten, wie die Fragen entstehen. Nämlich aus einem Problem. Einem Mangel. Etwas Fehlendem.
Frau: Die Frage sucht das Fehlende.
Professor: Die Frage kommt also aus einer Wahrnehmung. Man muß zuerst wahrnehmen, was nicht da ist.
Er: Wir forschen also nach NICHTS.
Julius: Das stimmt. Das Fehlende war in allen Beispielen präsent.
Sie: Und die Frauen haben das Fehlende anders wahrgenommen und gesucht. Sie wollten es gutmachen.

Ich wollte sicher sein, dass ich nicht vergeblich laufe oder gelaufen bin

Gal 2, 2

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