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Donnerstag, 22. März 2012

was ich lese

Sie werden bestimmt nicht gedacht haben, dass Sie hier ein Fachvortrag erwartet zu den beiden angekündigten philosophischen Büchern, die bereits vor Jahrzehnten erstmals und nun neuerlich erschienen sind, und womöglich dazu angeregt oder gar aufgefordert werden, diese Bücher zu erstehen und anschließend selbst durcharbeiten zu müssen – denn diese Veranstaltung ist ja kein Leseseminar, sondern eine Präsentation privater Lektürevorlieben mit einem gewissen Unterhaltungswert. Andererseits erwarten Sie von mir zu Recht Ehrlichkeit bei der Literaturangabe, sodass ausgeschlossen werden kann, dass ich hier Texte präsentiere, die ich gar nicht gelesen habe, oder Texte auslasse, die ich sehr wohl gelesen und sogar da und dort erwähnt habe. Das trifft nämlich gerade bei dem umfangreichen Buch von Panajotis Kondylis zu, das ich vor Zeugen mehrfach das Buch des Jahrzehnts genannt habe, weshalb ich jetzt nicht mehr umhin kann, es auch vorzustellen. Meine Zwickmühle ist aber mit dem Gegensatz zwischen ernster Philosophie und launiger Unterhaltung noch nicht vollständig wiedergegeben, denn das noch größere Dilemma besteht darin, dass Sie das Thema dieses Buches und wahrscheinlich meiner ganzen Literaturwahl auch persönlich betreffen wird, weil jedenfalls zu erwarten ist, dass Besucher von Vorträgen recht bürgerliche Leute sind, zumal in einer Buchhandlung. Man könnte ja auch der Meinung sein, dass Angriffe auf Bürger nicht in Büchern erfolgen sollen, weil doch Bücher fast nur von bürgerlich eingestellten Menschen gelesen werden, und somit Bürgerkritik in Buchform früher oder später das Kulturgut Buch abschaffen würde – oder auch den Bürger – und vielleicht ist das ohnehin bereits im Gange oder schon abgeschlossen.

Und somit verspreche ich, heute nichts über Kondylis zu sagen, obgleich es sich um ein brillantes und leider nur in Fachkreisen bekanntes Buch handelt. Wahrscheinlich hat Kondylis das auch selbst so gewollt, denn er hat sich konsequent aus dem akademischen Wissensbetrieb herausgehalten, so konsequent, wie ich das sonst nie gesehen habe. Man stelle sich vor, 300 Seiten über die Ideen- und Motivgeschichte des Bürgertums zu schreiben, ohne ein einziges Werk, einen Künstler, Wissenschaftler, Politiker oder ein Datum zu nennen! Natürlich erhöht das weder Verständlichkeit noch Lesevergnügen, abgesehen von einem gewissen detektivischen Reiz, den es hat, Andeutungen zu folgen und sich falsche oder richtige ungenannte Autoren oder Werke vorzustellen. Außerdem disqualifiziert sich das Werk ja bereits durch seinen Titel, denn was soll an einem Bürgertum noch interessant sein, wenn es angeblich bereits untergegangen ist. Wahrscheinlich muss das Buch selbst zu dem darin konstruierten Phänomen gerechnet werden, dessen Erscheinen und Verschwinden auf hunderten Seiten ausgebreitet wird, ohne ein einziges Faktum zu nennen. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass ich dieses Buch auch niemals besessen habe, denn es war seit Jahrzehnten vergriffen, und die jüngste Neuauflage erschien zu einem stattlichen Preis.
Bei Formulierungen wie der folgenden denke ich unwillkürlich an bestimmte Menschen, deren Lebenshaltung mich zugleich fasziniert wie auch abgestoßen hat, ohne dass ich das damals, als Schüler und Student, noch einer bestimmten sozialen und ideologischen Figur wie dem Bürgertum hätte zuordnen können. Aber hören Sie selbst:

„Derselbe Wunsch, Natur und Vernunft, Geist und Materie, Norm und Trieb im Rahmen eines übergreifenden harmonischen Ganzen miteinander in Einklang zu bringen, beflügelt die bürgerliche Anthropologie. Das Harmonisierungsbestreben, das auf ontologischer Ebene in der doppelten Abgrenzung gegen den Dualismus und den Monismus bzw. den Spiritualismus und den Materialismus gründete, entstand im Bereich der Anthropologie aus der doppelten Abneigung gegen das restlose Aufgehen des Menschen in der materiellen Natur und gegen eine solche Erhebung über die Natur, dass er nur im Himmel seine wahre Heimat finden könnte. (...) Die Auffassung, der Mensch herrsche kraft seiner Vernünftigkeit über die eigene Natur, hing freilich auch eng mit der Überzeugung von der Beherrschbarkeit der äußeren Natur und dadurch mit der modernen Naturwissenschaft und dem Glauben an die Naturgesetzmäßigkeit zusammen.“ (30)

Ich habe in jugendlichem Alter solche Haltungen, die mir in imposanten Persönlichkeiten, z.B. einem Priester und Religionslehrer, begegnet sind, für lauwarm und inkonsequent gehalten. Dennoch hat gerade er mir Kirche und Glauben mit Nachdruck unter die Nase gerieben. Jüngst habe ich sein Gedenkbild wiederentdeckt, auf dem er stolz vermerkt: „Kirchliche Auszeichnungen: Keine. Auszeichnung durch einen Jugendlichen: Wenn sogar du in dieser Kirche bist, dann bleibe ich auch!“ Der hier bezeugte Gegensatz zwischen einer starken Präsenz bei Menschen und einem theologischen Konservativismus, bestimmten mein Kirchenbild in jungen Jahren, eigentlich bis zum Theologiestudium. Es war kein Darum-Glauben, sondern eher ein Trotzdem-Glauben. Auch die Rede von der Naturliebe machte mich misstrauisch. Vielleicht sind die am Plan abgehakten Wanderwege eher ein Instrument der Herrschaft und Selbstbestätigung. Die Art von Vernunft, die mir damals von der älteren Generation begegnete, schien mir überaus interessengeleitet zu sein, und was daran sich als religiös gab, war wenig glaubhaft.

„In der Geschichte entfaltet oder aktualisiert sich die menschliche Natur – und der Versuch, in jener Gesetzmäßigkeiten aufzuzeigen oder dem Einfluss materieller Faktoren, von den geographischen bis zu ökonomischen, auf die Spur zu kommen, entsprang im bürgerlichen Denkrahmen nicht so sehr der Wunsch, die menschliche Autonomie zu relativieren, sondern eher der Absicht, den unberechenbaren Einmischungen Gottes in das Weltgeschehen ein Ende zu setzen. (...) Der bürgerliche Evolutionismus (...) bildete den Gegenbegriff zum theologischen Fixismus, der seinerseits den Ewigkeits- und Unveränderlichkeitsanspruch der societas civilis in den Kosmos hineinprojizierte. In der bürgerlichen Vorstellung paarte sich indes die Idee des Fortschritts und der Entwicklung mit der Idee der Ordnung“ (33)

Somit erschien mir das Streben nach Beherrschung der Natur, auch der eigenen, z.B. mit Hilfe der Vorstellung Freuds von der Triebökonomie, indem man sich gerne kleine Laster gestattet zugunsten der Ablenkung von stärkeren Bedürfnissen, als wenig überzeugend. Die Abdrängung Gottes zu einem Wunderwirker in beschränktem Rahmen konnte ich zwar als Argumentationsfigur anwenden, aber wirkliche Erkenntnis erwartete ich davon nicht. Mein Gefühl warnte mich davor, mich einem solchen wohlgeteilten Bürgerhimmel zu verschreiben, wie mir auch für meine Wohnung und meinen Tagesablauf übertriebene Ordnung verdächtig war, und mich stets mehr das Unvorhergesehene interessierte, und das, was aus der Reihe trat. Mein Kampf gegen die bürgerliche Weltvermessung wurde auf Radtouren und Reisen per Anhalter ausgetragen, und die Benützung des Privatautos von Einzelpersonen trotz möglicher Alternativen erscheint mir bis heute als unmoralisch und engstirnig. Wahrscheinlich habe ich deshalb nicht in den vorgesehenen Lebensjahrzehnten geheiratet und eine Familie gegründet, sondern bin Vagabund geworden.

Aber solche Konsumgewohnheiten sind nach Kondylis eigentlich als nachbürgerlich zu betrachten, obwohl sie unzweifelhaft die ehedem bürgerlichen Anliegen darstellen, nur dass sie inzwischen einer Masse zugänglich geworden sind, in die hinein die historische Formation des Bürgertums sich inzwischen aufgelöst hat. Und während meine Generation immer noch den vermeintlich heroischen Kampf der 68er gegen das System hochhält, breitet Kondylis ein Beispiel um das andere aus, um den Übergang vom bürgerlichen Wertekanon zum massendemokratischen Konsumkanon zu beschreiben als die gesellschaftliche Durchsetzung der früheren bürgerlichen Anliegen.

„Die Abschaffung des bürgerlichen Bildungskanons geht ... mit dem Kampf gegen die Autorität und mit dem Bestreben einher, Spontaneität und Kreativität als Voraussetzungen für die Selbstverwirklichung zu entwickeln. (...) Wir meinen die grundsätzliche soziale Nivellierung der Altersstufen, die genauso wie die angestrebte Beseitigung der Unterschiede zwischen den Geschlechtern aus dem Aufstand des Egalitarismus gegen die Biologie folgen muss. (...) Vor diesem Hintergrund entsteht der massendemokratische Kult der Jugend und der Jugendlichkeit, dem die Älteren ständig Rechnung tragen müssen, indem sie sich mit unterschiedlichem Erfolg bemühen, möglichst lange fit zu bleiben....“ (220)

Man sieht, wie sich die Aufklärungsideale vom freien Subjekt durchgesetzt haben in der modernen Massendemokratie – ein Leitbegriff bei Kondylis – für die Selbstverwirklichung zum Dogma geworden ist. Die Freiheitsforderung geht so weit, einerseits völlige Angleichung aller zu fordern: der Männer, Frauen, Jugendlichen, Kinder, Senioren, Reichen, Armen, und sowohl Forderung wie auch Umsetzung durch dem Massenkonsum von Gütern zu gewährleisten. Frauen, Kinder und Senioren traten deshalb ins Rampenlicht, weil sie als Konsumenten gebraucht wurden am bereits gesättigten Markt. Andererseits geht die Freiheitsforderung der anspruchsvoll gewordenen Konsumenten auch gegen die eigene Natur. Empfängnisverhütung und Abtreibung, Lebensverlängerung, künstliche Befruchtung, Manipulation am Erbgut oder Neubewertung von Homosexualität haben den Menschen mehr Verfügung über die Natur gebracht, aber auch viele neue Probleme und Fragen.
Es ist wohl das, was mich an Kondylis´ Untersuchung so beeindruckt hat, dass der Zusammenhang zwischen bürgerlichen Einstellungen, liberal oder konservativ, mit heutigen Konsumhaltungen und ihrem ungeniert zur Schau getragenen Hedonismus so klar nachgezeichnet wird. Ich beginne zu verstehen, wie noch so konservativ eingestellte Persönlichkeiten zugleich ohne jede Zurückhaltung sich modernster Konsumartikel bedienen und jeden Trend mitmachen können, ohne das als Widerspruch zu empfinden.
Was noch aussteht, und das interessiert mich ja stets am meisten, ist die Neubewertung der Rolle, die Bürgertum und bürgerliche Haltungen und Werte in der Kirche spielten und heute spielen. Ich frage nach der bürgerlichen Theologie, für die Kants Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ vielleicht ein Schlüsselwerk war, und nach ihren philosophischen und gnostischen Verästelungen bis zur Esoterik, jeweils im Horizont der abendländischen Kirchenspaltung durch den Protestantismus. Die Pole bürgerlicher Religion, der Deismus und der Pantheismus, sind wahrscheinlich Voraussetzungen und zugleich Begleitumstände der aufkommenden Naturwissenschaft, die nach wie vor regelmäßig Weltdeutungen produziert, ohne dass diese kirchlich wahrgenommen oder beantwortet würden. Zugleich ist auch unser Kirchenbetrieb selbst von bürgerlichen Interessen durchzogen, die als kirchlich erscheinen und in einem fort Machtkämpfe generieren, und vielleicht ist ein Leben aus dem Glauben gar nicht anders als mit einem bürgerlichen Schatten vorstellbar. Hat jemand dazu eigentlich schon einmal die heilige Schrift befragt?

Nun möchte ich mich einer womöglich noch sonderbarer und eigenwilliger Buch-Erscheinung zuwenden, nämlich Josef Mitterers „Die Flucht aus der Beliebigkeit“. Der Philosophieprofessor an der Klagenfurter Universität führt auf knapp 200 Seiten und in 160 Paragraphen vor, in welcher Beliebigkeit philosophisches Denken, und Denken und Argumentieren überhaupt, sich bewegt, und wie alle erreichten Positionen, als Rationalismus und Empirismus, Konstruktivismus und Dekonstruktivismus usf, stets nur das für sich in Anspruch nehmen können, dass ihre Vertreter sie eben vertreten. Die dargestellten Richtungen erscheinen als Glaubensrichtungen, die sich jeweils im Besitz der Wahrheit sehen, und untereinander dogmatisch argumentieren. Warum aber jemand eine bestimmte philosophische Auffassung vertritt, liegt nach Mitterer an dessen Biographie, wer seine Lehrer waren, und wo er studiert hat, und nicht an der Wahrheit der Auffassung, denn diese ließe sich niemals gültig darstellen gegenüber anderen Positionen. In lakonischem Stil führt er das seitenweise vor, mit einfachsten Beispielen und ohne Fachvokabular. Alle großen philosophischen Fragen erweisen sich solcherart als ungelöst, und man kann staunen über den großen Aufwand, der über Jahrtausende betrieben wurde ohne gültige Ergebnisse.

Es geht Mitterer dabei um das, was allen philosophischen Denkschulen gemeinsam ist, nämlich dass sie zwischen der Welt und dem Diskurs über die Welt unterscheiden. Er nennt das dualistische Redeweise. Sie findet sich in der Gegenüberstellung von Sein und Denken, Subjekt und Objekt, Idee und Wirklichkeit, Sprache und Sein, Wort und Ding. Indem zur Welt das Reden über die Welt gesetzt wird, entsteht ein Entsprechungsverhältnis. Diese Entsprechung kann zutreffen oder nicht zutreffend sein, wahr oder falsch. Auf der Ebene des Redens entstehen nun Methoden und Regeln, die eine wahre Aussage von einer falschen unterscheiden. Dabei versucht jede Argumentation, im Reden die Sprachebene zu verlassen und die Ebene der Wirklichkeit zu erreichen. Dieser Übergang ist der Wahrheitsdiskurs. Nur, so Mitterer, sei das Problem des Übergangs eben ein Folgeproblem des dualistischen Denkens, und auf langen Seiten führt er das mit immer neuen Ansätzen und Beispielen als zirkulären Vorgang vor, bis dem Leser schwindelt und er sich zu fragen beginnt, ob denn da kein Ausweg ist aus dem Strudel.

Er mag sich erinnern an die Sprachkritik des frühen Wittgenstein, die Elementarsätze fordert zur genauen Wiedergabe der Tatsachen, und andere Reden zurückweist, oder an die Sprachspiele des späten Wittgenstein. Mitterer verleugnet diese Verwandtschaft nicht. Aber zeigt nicht gerade Wittgenstein die Parallelität zwischen Sprache und Sein erst recht? Näher verwandt erweist sich sein Denken mit dem Konstruktivismus, aber auch diesen überführt er in einem eigenen Anhang des dualistischen Denkens. Weniger aufmerksam scheint die Kritik an Mitterer für dessen Verbindung zu erkenntnistheoretischen Positionen Nietzsches zu sein. Dessen berühmter Aphorismus 22 aus Jenseits von Gut und Böse führt die Wissenschaft vor, die Naturgesetze findet und zu Tatsachen erklärt. Er bestreitet, dass die Objekte der Wissenschaft der Text wären, den sie rekonstruiert, und von dem sich durch Interpretation und Ableitung die moderne Technik und Lebensweise gewinnen ließe. Der Tatsachentext, der Kult des Faktischen, sei selbst Interpretation, so Nietzsche, und der gesuchte Boden des Faktischen, auf dem wir stehen, bloßes Wunschdenken. Er nennt das den zweiten Atheismus, den entmachteten Glauben an die Naturgesetze.

Nietzsche öffnet in dieser erkenntnistheoretischen Grundsatzdiskussion das Tor zur existenziellen Dimension. Er könnte beinahe als der Entdecker der interessensgeleiteten Argumente gelten, der aufzeigt, was es jemand nützt, so oder so zu denken und zu argumentieren. In seiner Genealogie der Moral hat er das mit Nachdruck ausgeführt. Er gibt uns damit einen Fingerzeig zurück zum eingangs untersuchten Bürgertum und seiner Geisteshaltung. So soll also nun Mitterer nach seiner eigenen Position befragt werden, da ja nach dessen Dekonstruktion der Philosophiegeschichte schwer noch eine von dessen Kritik ausgenommene Position denkbar bleibt. Er nennt in einer Handvoll Paragraphen eine Nichtdualisierende Rede, die die genannten Probleme unterlaufen könne.

„Nichtdualisierendes >>Reden über<< ist nicht mehr auf das Objekt der Rede gerichtet, sondern geht vom Objekt der Rede aus. Über ein Objekt reden heißt die Rede so far in einer Rede from now on fortführen.“, sagt Josef Mitterer in Paragraph 157. Solcherart wird darauf verzichtet, einen Wahrheitsanspruch einzuführen und die Gültigkeit der eigenen Aussage zu untermauern. Stattdessen stellt Mitterer das Prinzip der Interpretation heraus, dass sie nämlich später ist als das Interpretierte. Der Unterschied zwischen den Aussagen liegt nicht in ihrer metaphysischen Ableitung, sondern im Zeitpunkt der Rede. Der den früheren interpretiert und dessen Rede über das Objekt fortführt, hat recht – bis ein anderer seine Rede wieder interpretiert. So ist die Rede über das Objekt selbst als Objekt begriffen, und fällt mit ihm zusammen. Damit ist der bisherige Wahrheitsbegriff obsolet, und die Aussagen erscheinen alle gleichwertig und auf der gleichen Ebene. Die einzig relevanten Unterschiede liegen nicht in einer Rangordnung oder Abbindung an Unbestreitbares, sondern bloß in der Reihenfolge. Das ist sozusagen ein demokratischer Wahrheitsbegriff, der es nicht nötig hat, ein Jenseits des Diskurses zu behaupten, sei es eine Wirklichkeit oder ein Ding an sich oder eine Idee.

Wenn es dabei bleibt, welche Folgen hätte ein solches Wahrheitsverständnis für unser Leben, und im besonderen für die theologische Rede? Autoritäten wie Eltern oder Lehrer hätten es dann noch schwerer, denn die Geltung ihrer Rede könnte noch weniger als bisher von ihrer Position abgeleitet und begründet werden. Der Zögling könnte jederzeit sagen: Ich interpretiere deine Rede und das, wovon du redest, anders, und meine Aussage gilt from now. Leichter aber hätten es die Prediger. Denn sowohl das jeweilige Schriftwort wie auch alle bisherigen Interpreten könnten jederzeit in freiem Sinne in eine neue Rede hineingestellt werden, sodass jede Predigt eine Zeitenwende sein möge, wie auch Jesus es verstanden hat, der sagte: Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist... / ich aber sage euch: ....
Man sieht sogleich, dass der neue Wahrheitsbegriff, auf den Mitterer zugeht, mit der Persönlichkeit zusammenhängt, der ihn vertritt, und mit seinem Geist. Die Behelfe können auf Dauer nicht vor falscher Rede schützen, die Person muss als überzeugend erfahren werden, der Erweis liegt in der Präsenz der Person. Und wenn es strittig sein mag, wer nun recht hat: nun, so warten wir eben auf den, der danach kommt und redet. „Gesetzt, dass auch dies nur Interpretation ist – und ihr werdet eifrig genug sein, dies einzuwenden? – nun, umso besser.“ (Jenseits von Gut und Böse, Aph 22)

Die Wendezeit, die sich, wenn schon nicht bei Kondylis oder Mitterer, so doch zumindest in meiner Interpretation abzeichnet, wie sie mit den Wendungen so far/from now markiert ist, spielt, wie man bemerken wird, bei meiner Literaturwahl eine große Rolle. Dabei gebe ich nicht allein der Zeit und ihrer Texte die Schuld, sondern bin bereit und gefasst, auch das Lesen selbst gebührend in die Pflicht zu nehmen. Eine Art Lesens wie das vorgestellte vermag ja überall, Wendezeichen zu finden, oder das Lesen wendet selbst die Zeichen, bis ein neuer Sinn erkennbar wird. So gestehe ich unumwunden, dass selbige Ergebnisse auch aus jeglicher anderer Literatur gezogen hätten werden können, sodass die schließlich erzielte Auswahl sich mehr pragmatischen Erwägungen verdankt, wie der Verfügbarkeit der Texte (bis auf einen), ihr jüngeres Erscheinungsdatum, oder auch bloß die Quantität der Zeit und Interpretationen, die ich mit ihnen verbrachte. So würde ich gerne versuchen, einen Textauszug von Gerhard Rühm mit Ihnen gemeinsam zu untersuchen, um darauf zu achten, was in einem solchen Text liegen mag oder was wir Leser darin finden wollen:

ABAELARD UND HELOISE
achleitner. eisenbahnstreik. aeschylos. sämtliche dramen. albrecht. abriss der römischen literaturgeschichte. albumblätter. alexis. die hosen des herrn bredow. cabanis. der roland von berlin. der werwolf. der falsche woldemar. andersen. bilderbuch ohne bilder. glückspeter. der improvisator. nur ein geiger. sämtliche märchen. sein oder nichtsein.
anschütz. erinnerungen aus dessen leben und wirken. griechische anthologie. apel und laun. gespensterbuch. archenholtz. geschichte des siebenjährigen krieges. ariosto. rasender roland. aristoteles. die poetik. verfassung von athen. arndt. erinnerungen. gedichte. wanderungen mit stein. bettina von arnim. goethes briefwechsel mit einem kinde. arnim-brentano. des knaben wunderhorn. arnold. die leuchte asiens. augustinus. bekenntnisse,.

Ich würde diesen Textauszug gerne sogleich mit Ihrem Einverständnis als anarchistisch bezeichnen. Wie Sie jetzt nicht sehen können, schreibt Gerhard Rühm in radikaler Kleinschrift, das bedeutet, ohne jede Hierarchie im Schriftbild, kein Buchstabe vor anderen ausgezeichnet, alle vor Gott gleich. Das einzige verwendete Satzzeichen ist der Punkt. Damit sind alle Textteile ebenfalls gleichwertig nebengeordnet. Da kein Satz vorliegt, gibt es auch keinen Satzbau, welcher die Glieder in eine Ordnung zwingen würde. Zwar hat der mit mehreren Seiten längste Text des Buches eine Überschrift, aber diese fügt ihn bloß ins Buch ein, innerhalb des Textes sind die beiden Wörter eben die ersten beiden in der Kette der Gleichrangigen, ohne hierarchische Funktion.
Die Anarchie bedeutet nicht, dass im Text keine Ordnung wäre. Zunächst fällt der Buchstabe A auf, der den gesamten Text alphabetisch strukturiert – eine Ordnung, die sich gleichsam aus der Sprache selbst ergibt. Sodann soll auf die Auswahl der Textglieder geachtet werden.
Petrus Abaelard, der große und streitbare Philosoph und Theologe des Mittelalters, eröffnet diese Sequenz. Das lässt eine Streitschrift erwarten, Unnachgiebigkeit und Disput bereits in der Überschrift. Aber Abaelard wird zusammen mit Heloise genannt, deren Privatlehrer er war, und die er liebte. Als sie ein Kind erwartete, sollten sie getrennt werden. Doch Abaelard gelang es, sie zu heiraten. Beide gerieten unter Druck, Heloise kam im Kloster unter, Abaelard wurde entmannt. Später betreute er Heloises Klostergemeinschaft spirituell, was ihm wieder Feinde machte.
Somit steht Rühms Fragment unter dem Zeichen von Liebe und Konflikt, von Spannung und Anziehung, Freude und Missgunst. Es ist deutlich ein Beziehungszeichen, und zwar aus der Welt des Denkens und Glaubens. Mehrere Nennungen fügen sich in diese so eröffnete Reihe, Aischylos, die Literaturgeschichte, Sein oder Nichtsein, Aristoteles, die Poetik, Augustinus und seine Bekenntnisse – diese mehrfach, sowohl im Sinne des Glaubenskampfes, des großen Denkers, wie auch durch die dort bezeugte spannungsreiche Liebesbeziehung.
Mehrere Nennungen beziehen sich auf Goethe und die deutsche romantische Dichtung. Aber es gibt auch Anspielungen auf den Wiener Aktionismus der Nachkriegsjahrzehnte, zu dessen Vertretern Rühm selbst gehört, sowie der gleich anfangs genannte Friedrich Achleitner, womöglich noch origineller als Rühm selbst, auch heute noch. Der Werwolf mag auf H.C. Artmann anspielen und seine Vampirgeschichten, ebenso wie die Kleinschrift und die alphabetische Reihung. Rühm ist Komponist, Sprachdichter und arbeitet mit Gestik und visueller Kunst. Sein anarchischer Ansatz, der bereits im Buchtitel >LÜGEN ÜBER LÄNDER UND LEUTE< aufscheint, öffnet ein Feuerwerk von Ideen und Anfängen, ohne dass es respektlos und selbstgerecht würde. Rühm kennt und nennt seine Voraussetzungen und Vorläufer, das Zitat ist ein selbstbewusstes Element seiner Texte, die Anspielungen klug und wohlgesetzt. Wenn jemand fragt, worauf er denn mit seinem Text hinauswolle, so wird sich schon eine präzise Antwort finden.

Oswald Wiener, von dem der vierte heute vorzustellende Text stammt, obwohl er nicht in der Aussendung stand, weil er nicht mehr lieferbar ist, habe ich vor einigen Jahren bei einem Vortrag an der Uni Klagenfurt erlebt, und war enttäuscht. Viel witziger und hintergründiger schienen mir seine Texte und Aktionen, als der etwas steife und ungelenke stattliche Herr, der ohne jede Spur von Ironie oder Hintergründigkeit über künstliche Intelligenz referierte. Das erste, was ich von Wiener kannte, war sein Text über den Bio-Adapter. Das ist eine Glücksmaschine, an die der Mensch angeschlossen wird, und die nach und nach seine körperlichen und geistigen Funktionen übernimmt. Damals studierte ich fürs Lehramt Biologie und Deutsch und hatte noch keine Ahnung von Computern und Handys, von Google und Satellitennavigation. Aber die Warnung, durch Technik den Menschen überhaupt über-flüssig zu machen, erschien mir sehr begründet, zumal sie von dem Bürgerschreck, Philosophen und Kreativgenie stammte. DIE VERBESSERUNG VON MITTELEUROPA, ROMAN führt Sprachkritik vor auf einem, ich würde sagen, exzessiven Niveau, mindestens ebenso radikal wie die bisher vorgetragenen Stücke, und dazu in einem fröhlichen und rücksichtslosen Ton, ohne je zu zögern, jederzeit die Probe des Behaupteten bei sich selbst zu machen, also mit einem zutiefst existenziellen Bezug. Hören Sie ein recht willkürlich ausgewähltes Fragment:



die zivilisationserscheinung des lachens.
sprache ist alles, was bedeutung vermuten lässt, (eigens für die theologie formuliert die welt eine meinung gottes, sie beweist ihn indem sie die welt zu einer sprache erklärt,) und sinn mutmassen heisst die sinnlichkeit degradieren.
das lachen bedarf der sprache und ihrer suggerierten endgültigkeit.
fernöstliche ökonomie, wie sie so oft mit abstraktion verwechselt wird, gibt einem witz sein kolorit; die pointe aber ist eine vernichtung der situation durch eine analogie, die ziellos bleibt und induktion verbietet. der eingestimmte hörer, er ist ja besten willens, belacht die beschränktheit seiner eigenen konzentrierten auffassung, verständnislos und doof weilt der asket.
das paradoxon allein ist komisch und bringt, als ungefährliches wunder, kindlichen gästen entladung.
witzig ist die unbesehene analogie, die unverbindlich angedeutete ersatzsituation, letztlich die erkenntnis.
das witzwort ausserhalb der ihm zugedachten situation ist unlustig wie letztere an sich, so weit so gut. wer schneller denkt, lacht aber neuerdings über die beschreibung allein, herzlich.
der spiesser nimmt den witz nicht ernst, lehnt dessen kongruenzverfahren nicht ab, obwohl es sich ausdrücklich nur auf momente beschränkt: der spiesser gestattet sich den witz, weil er ihn für ein spiel hält. je nun – es ist aber jegliche erkenntnis erheiternd; was uns verstummen lässt ist die verbindlichkeit, die usupatorische verallgemeinerung. ernst macht mich, dass .

Der Wittgenstein´sche Ansatz wird sogleich gebrochen am Lachen, das möglicherweise eine Welterschließung jenseits der Sprache gewährt, die ja beschränkt ist. Aber zugleich sind Lachen und Witz jederzeit dazu angetan, den Spießer bloßzustellen. Einerseits führt Wiener eine Souveränität der Sprachbeherrschung vor, indem er an ihren Grenzen entlang navigiert und in einem fort Ebenen überspringt zwischen Fachvokabular, Nihilismus und Erzählung, insbesondere indem er vorgibt, etwas Bestimmtes zu sagen, eine Erkenntnis zu präsentieren und dem Leser/Hörer mit Bestimmtheit vorzusetzen. Doch andererseits besteht gerade sein Manöver darin, die Unmöglichkeit der verbindlichen Aussage über die Welt vorzuführen. Bemerkenswert, dass selbst dieser verquere Aphorismus übers Lachen nicht ohne Theologie auskommt. Ich könnte mühelos die Darstellung der Welt als Meinung Gottes als Zitat aus Musils Mann ohne Eigenschaften belegen, der bestimmt in Wieners Reichweite ist – möchte aber meinem Vorsatz treu bleiben, endlich einmal einen Vortrag ohne Musil zustandezubringen. So verweise ich auf Augustinus, der die Welt mit den Gedanken Gottes zusammenbringt, und bin ebenso wieder bei der Sprache gelandet.

Was mich von jeher faszinierte am Wiener Aktionismus, war diese Einheit von Kunst und Existenz, ja eigentlich ist diese seltsame, ausschweifende Form der Künstlergruppe zugleich Existenz und Kunst. Deshalb sind Texte und Filme, Aktionen und Malerei, Musik und Kabarett, Architektur und Wissenschaft nur verschiedene Kanäle desselben unbändigen Hervorbrechens eines neuen Denkens. Die Welt neu zu sehen, neu zu denken und neu zu schaffen, war gewiss nach dem Krieg und der darauf folgenden Dumpfheit sehr nötig, aber dieses Ereignis ist nicht nur ein regionales, sondern markiert einen Übergang, wie er weiter oben von einer anderen Seite bereits beschrieben wurde. Ich habe von diesem Übergang vielleicht einen anderen Begriff als Ossi Wiener und der Aktionismus, bin aber nichtsdestotrotz davon überzeugt, dass er gemacht werden muss. Neidvoll habe ich immer auf dieses Kollektiv hingeschaut, das Politisches Kabarett macht und Performances veranstaltet, ein Team aus lauter Individualisten, das frech einen neuen Sinn einführt und in vielem bis heute richtungsweisend wurde, z.B. in der Literatur und im Experiment. Wenn Sie mich nicht verraten, dann gestehe ich an diesem unverdächtigen Ort, dass ich ja deshalb Priester geworden bin, um kreative Talente aufzuspüren und Aktionskanäle zu erweitern, und ich bin guter Dinge, dass vielleicht aus dieser Pfarrgemeinderatswahl nun das geniale kreative Team hervorgehen wird.

Samstag, 6. November 2010

Eine Art Krimi. Das Matratzenhaus

Das eine ist die strenge Perspektivik. Als Leser steigst du derart in eine Figur, dass du ihre Weltsicht, ihr Zeitschema, ihre Beziehungen gar nicht mehr verlassen willst. Des Psychiaters Personal auf der Station. Die Söhne, die Frau. Und besonders die Patienten. Wie sie ihn als Menschen herausfordern. Wie er an seinen Grenzen ist. Da zeichnet sich als seine Kompetenz ab, das auszuhalten, die Hilf- und Ratlosigkeit, und dennoch nicht die Nerven wegwerfen und auf Bewährtes zurückgreifen. Gespräche. Das Team. Und Medikamente.
Der andere Mann ist der Kommissar. Auch seine Perspektive ist so streng, dass du sie ungern wieder verlässt. Da lebst du als Leser ein fremdes Leben und siehst mit fremden Augen, als wäre dir alles vertraut. Erst in der zweiten Buchhälfte fallen Bemerkungen über das Äußere einer Figur, und den Leser irritiert es nicht, als hätte er es schon immer gewusst.
Und selbst der Figurenwechsel verursacht zwar Orientierungsaufwand, wirft den Leser aber nicht aus der strengen Perspektivik. Er ist stets eingebettet in die Außensicht der anderen, der Kolleginnen mit ihren Eigenarten, der Frauen und besonders der Kinder.
Und die wären eigentlich das Hauptthema - als Töchter/Söhne der Protagonisten, als Opfer und Patienten, und auch als Protagonistin im Zwischenbereich des Dorfschauplatzes zwischen Klinik und Kommissariat. Und diese, die Kinderperspektive, ist vielleicht das Erstaunlichste dieser Literatur, nämlich ohne jede Psychologisierung und in reflexionsarmer Einfachheit - vielleicht am verwegensten in der grenzgängerischen Konzeption dieses Stücks Literatur.

Und von hier aus das zweite. Denn Kinderperspektivik ist vor allem eine bestimmte Sprache. Eine, die vieles ungenannt lässt. Die für vieles keine Worte hat. Oder falsche. Und diese Wortlosigkeit macht mehr den Krimi aus als der Herr Kommissar. Kinder als Zeugen, die nichts sagen. Kinder, die etwas gesehen haben, und nicht davon reden. Erwachsene, die auf ihre Art mit diesem Nichtreden umgehen. Mal klüger, mal weniger. Und dann vielleicht auf andere Weise hinter das Ungesagte kommen.
Nun, das Ungesagte ist das Zweite in diesem Stück Menschenliteratur. Jeder der Teilnehmer daran, jede Figur des Romans, sowie der Leser und die Figuren seiner eigenen Welt, haben ihre eigene berechtigte Sicht auf die Welt und nehmen sie als ganzes. Aber sie alle, wir alle, wissen nur wenig. Das hält diese Literatur stets offen. Das Ungesagte ist auch ein Ungewusstes, ein Entzogenes, ein Unverfügbares. Das präsentieren die Kinder uns, die Volksschulkinder und die pubertären, diejenigen mit Neonhaaren und Metallbehängen: die vollständige und undurchbrechbare Fremdheit in unseren eigenen Häusern und Dörfern in der Gestalt unserer Kinder. Unbegreiflich.
Das kann nicht einmal ein Krimi auflösen, diese Fremdheit bleibt

Samstag, 7. November 2009

Die ungeschriebene Theorie der Präsenz

1. Annäherung.

Es würde darum gehen, eine Qualität menschlichen Seins zu beschreiben und als unabdingbar zu seinem Wesen gehörig auszuweisen. Der Mensch ist nicht wie ein Ding vorhanden, sondern er ist auf irgendeine Weise anwesend in seiner Welt - ja eigentlich könnte sogar umgekehrt gesagt werden, seine Welt entsteht geradezu aus seiner Anwesenheit.
Diese eigentümliche Anwesenheit ist jahrtausendelang Geist genannt worden, und zwar als menschliche Fähigkeit und Kraft, anwesend zu sein mit Willen, Gestaltungskraft und Überlegung, aber auch als unfassbare außermenschliche Anwesenheit in der Natur, in ihren Kräften - eine Anwesenheit, die der Mensch mit den Geistern teilen musste. Anwesenheit ist so deutlich erfahrbar wie das Sichtbare, ja auch im Sichtbaren, die Anwesenheit macht gerade erst das Sichtbare interessant, sodass es uns anspricht und uns etwas sagt. Ein gemaltes Stilleben öffnet dem westlichen Menschen eine Präsenz der Dinge, die dem ursprünglichen Menschen noch selbstverständlich war.
Eine flache Kinoleinwand verstrickt die Zuschauer in Leidenschaften, die von Gesichtern, Bewegungen und Worten ausgehen, und er wird berührt von eigenen und fremden Sehnsüchten und Ängsten. Die Verehrung des Darstellers, auch wenn er ohne Maske ist (ist er das je?) - ja gerade die Lust, hinter die Maske zu sehen, sucht gerade seine professionelle Fähigkeit der Präsenz, in diesem oder jenem Zusammenhang.
Vielleicht hat erst diese öffentliche Präsenz der Schauspieler die Wahrnehmung der Ahnen verdrängt, und all der Geister, Engel und Dämonen, die Tag und Nacht den Lebenskreis bevölkerten - so wie heute die lebensprallen Zeitungsnachrichten, vom Rand her.

2. Anfänge

Bezeichnenderweise nahm auch das philosophische Denken bei der Präsenz des Ganzen seinen Anfang, die im Feuer, im Wasser oder sonst in einer Kraft gesehen wurde, die den Kosmos durchwirkt. Ihre innere Richtigkeit faszinierte die Denker, obgleich die Präsenz sich bei jedem Zugriff sogleich um eine Linie zurückzog - das ist bis Einstein und den heutigen Physikern so geblieben.
Auch heute noch wirken offenes Feuer und fließendes oder still liegendes Wasser stark auf Menschen ein, die aus ihren synthetischen Welten in die Natur fliehen, von einer schweigenden Präsenz angezogen.

3. Die Religionen

Die Religionen fanden wohl die deutlichsten Antworten auf die wahrgenommene Präsenz, weil sie sie zunehmend als personale Anwesenheit von Göttern ansprechen konnten. In den alten Religionen ist die gemeinsame Anwesenheit von Göttern und Menschen typisch, auch in den ersten Genesiskapiteln, oder im Abraham-Erzählkreis ist das erkennbar. In den großen Religionen wird dagegen diese personale Präsenz immer stärker als souveräne Anwesenheit wahrgenommen. Das geht vielleicht einher mit der Souveränität der Großkönige, die mehrere Völker beherrschen konnten mit einem starken Willen und einer weitsichtigen Organisationskraft - aber es führt von dort ein Weg zur westlichen Bedeutung der individuellen Freiheit, deren Souveränität mit der Gottes nun ebenbürtig erscheinen kann.
Andere Kulturen, z.B. die indische, haben die Präsenz nicht so sehr auf das Individuum konzentriert, weder bei Gott noch in der Gesellschaft - obwohl auch dort dieselbe Tendenz zu bemerken ist.

4. Zeit

Sehr erstaunlich, dass es kaum einer unternommen hat, einen umfassenden Begriff von der Präsenz in zeitlicher Hinsicht darzulegen, wo doch das deutsche Wort Gegenwart in beide Richtungen weist: jetzt dasein, im Unterschied zu früher oder zu einem späteren Zeitpunkt - aber auch in deiner Gegenwart etwas sagen, sodass du es hören kannst. Vielleicht ist Heidegger in der Nähe gewesen, aber er hat das sich zeitigende Sein nicht personal ansprechen können, wodurch allein vermeidbar gewesen wäre, ein Seiendes daraus zu machen. Umgekehrt ist womöglich die personaldialogische Philosophie, wie sie z.B. Levinas vorträgt, wohl zu einem grundlegenden Verständnis des Du gekommen - aber gerade nicht als Gegenwart, sondern als uneinholbare Zukunft, als welche der Andere stets entzogen bleibt.
Im Gegenteil, was gegenwärtig unter Zeit verstanden wird, Fortschritt, Entwicklung, Evolution, wird immer stärker völlig apersonal angelegt - und dieses Denken erweist sich in einer umfassenden Beschleunigungsbewegung, die über Menschenschicksale, sowie die Befindlichkeit ganzer Länder und Völker rücksichtslos hinweggeht. In dieser Hinsicht besteht zwischen der gegenwärtigen wirtschaftlichen Globalisierung und der nationalsozialistischen Ideologie gar kein großer Unterschied - jeweils geht es darum, dem (eigenen) Fortschritt alles andere unterzuordnen, also den Menschen verfügbar zu machen für den Fortschritt der Zeit. Auch die bereitwillige Unterordnung der Massen unter das jeweilige Diktat von Zeit ist vergleichbar: erstaunlich, wie mühelos sich Menschen von Wirtschaftszwängen und Modediktaten gängeln lassen. Schmeichelhaft wird auch diese gegenwartsarme Zeit mit Zeitgeist angesprochen.

5. Scheinpräsenz/Präsenzschein

Am deutlichsten wird die Sache werden, wenn von den Schein- oder Ersatzformen von Präsenz die Rede ist. Einem jungen Hund, der nicht allein zu Hause bleiben will, stellt man einen tickenden Wecker ins Kistl: das mag ihn an den Herzschlag des Muttertiers erinnern und gibt ihm jedenfalls das Gefühl, nicht allein zu sein. Kindern stellt man mit dem selben Ziel den Fernseher an. Die "Präsenz" aus Licht und Geräuschen, aus einfachen Handlungen und einfach generierten Gefühlen nimmt sie in Anspruch und lässt sie in ein Geschehen eintauchen, als Zuseher und Mitspieler (Mitfühlender). In türkischen Haushalten habe ich oft laufende Fernsehapparate gesehen, ohne dass irgendjemand auf den Bildschirm sah - es genügte das Geräusch, und dass dort unablässig etwas vorging. Diese stetige Produktion von beiläufiger Bedeutung suggerierte ein belebtes Haus. Ich selbst lasse gern das Licht brennen, wenn ich aus dem Haus gehe, um andern ein bewohntes Haus zu präsentieren, und selbst bei der Rückkehr kein leeres betreten zu müssen. Ähnliche Wirkungen haben Kinderzeichnungen an der Wand - ja Bilder überhaupt: Es ist Bedeutsamkeit und Präsenz, die so in einer Wohnung angereichert wird.
Ähnliches wird vom Radio zu sagen sein, Ähnliches auch von der Musik, wobei es große Differenzen in den Arten des Hörens und "Hörens" gibt. Die maschinelle Berieselung erinnert wohl eher an den Hundewecker als an ein Konzert oder ein Gespräch. - Gerade an der Form eines Gespräches tritt aber die bestimmte Form der Präsenz sehr deutlich hervor: am Interesse am Gesprächspartner, am Zuhören, an der Erwiederung, am Diskursniveau.
Daraus ließen sich unschwer Kriterien für die Präsenz entwickeln: ob sie nämlich eine personale Begegnungsdimension aufweist - oder eine solche abweist.

6. Dichte Präsenz

Ich kenne zwei Beispiele für eine deutlich wahrnehmbare Präsenz. Zuerst die Musik. Das eigentümliche an dieser Kunstform ist, dass es sie jeweils nur einmal gibt. Alles, was erklingt, gibt es nur im Augenblick. Man kann das bewundern mit dem Blick auf die Musiker: im Orchster, als Solisten, immer brauchen sie einen besonderen Sinn für den richtigen Moment. Da gilt es, Takte zu zählen, zuzuhören, die eigene Tonproduktion zu beherrschen. Gerade komme ich von einem Konzert zweier Musiker, die zum ersten Mal miteinander spielten und gerade heute erst zusammen gekommen waren. Konzentrierter Blick auf die Noten: eine Seite für ein 10 Minuten-Stück! Immer wieder ein Blick zum anderen, manchmal eine Handbewegung, ein Kopfnicken. Es sind Millionen Momente, die ganz genau kommen müssen! Große Beherrschung der Fingertechnik, der Rhythmen, des Instruments, und auch des Stücks. Und dann große Freiheit im Ausdruck, und in der Anspannung dann wieder große Gelassenheit, ja spontane Freude über dieses oder jenes glückliche Zusammenstimmen, wie das kurze Aufleuchten eines Meteoriten. - Und ebenso die Zuhörer, konzentriert, freudig, bewegt, ergriffen von lauter Momenten, die Stücke entlang fühlend, mit ihren lauten Höhen und zirpenden Stillen - und am Ende jeweils laut aufatmend mit den Händen.
Aber auch das Ereignis als solches ist von unvergleichlicher Einzigartigkeit. Gewiss, man kann Aufnahmen machen - ich hätte gern welche: aber dann, zuhause, ist die Präsenz bereits viel schwächer, obwohl die Musik gleich gut ist. Es bedürfte einer eigenen, besonderen Inszenierung, um eine ähnliche Aufmerksamkeit aufzubauen wie beim Livekonzert. Das braucht es nämlich für die Präsenz: gestimmte, aufmerksame Hörer, mit einem Gefühl für das, was kommt. Egal, ob Konzertsaal oder Cafehaus, Jazzklub oder Kirche. -

Und nun das zweite Beispiel, die Liturgie. Auch hier Musik - vielleicht nicht immer so professionell, aber mitgesungen, eine andere, womöglich viel intensivere Art der Teilhabe als bloßes bewegungsloses Hören. Aber die Musik nur ein Zeichen für etwas anderes, eine Einbettung mehrerer anderer Präsenzen. Zunächst die Gemeinde, die sich bis zum Beginn langsam aufbaut, die Mitarbeiter, die ihre Positionen einnehmen, sich noch absprechen, vorbereiten, noch manchmal eine Irritation. Dann das Erscheinen von Assistenz und Zelebrant, der Einzug, die Umrundung der Gemeinde, Blickkontakte. Mit erschienen heute ein Taufkind, wie mit der Sänfte getragen. Die ersten Worte, die weiter Präsenz aufbauen, an aktuellen Ereignissen anknüpfen, auf die Schrifttexte vorbereiten, vielleicht eine Frage aufwerfen, die von der Schrift oder von der Predigt beantwortet würde. Das Kyrie, das Gloria, Aufrichten der Gemeinde mit Christus, Öffnen der Wahrnehmung für das Wort - das ewige, das nicht vergeht (heutiges Evangelium), das aber ergeht an diesem heutigen Tag, zu dieser Stunde (und zwar gewissenhaft vorbereitet von den Lektoren). Wer jetzt nicht hört, versäumt. Wer jetzt noch mit sich selbst beschäftigt ist, bleibt unberührt. Denn das Wort dringt ein und bewegt, und es will verändern, erneuern und bekehren. - Das ist die zweite, die dritte Präsenz: wer da spricht, wer da verändert.
Sinnbild dieser Präsenz ist wieder eine Zeitform: einsetzend mit einer Erzählung (am Abend nach dem Mahle) baut sie sich auf: Nehmet und esset alle davon: ein präsentischer Auftrag, eine Aufforderung, ein Ansprechen der Anwesenden (das auch um die Abwesenden weiß), dass sie entgegnen, dass sie mitsprechen, mit lobpreisen, dass sie herkommen und empfangen. Und noch einmal: Seht das Lamm Gottes..., damit sie auch wirklich herschauen und sich dabei selbst empfinden als das, was sie vor ihm sind.
Vielleicht ist es nirgends sonst so deutlich: pure Anwesenheit, zwischen den Worten, in den Zeichen, in aller Stille und Aufmerksamkeit.
Und wenn dann noch Kinder stehen, und Jugendliche, gerade an diesem Tag in dieser Weise zusammengewürfelt, rund um den Altar, mit den Händen erhoben, aufrecht, alle in zufälliger Reihenfolge, aber alle hingeordnet auf das stille Geheimnis, das sich da an dem Tisch vollzieht. Und wie der Priester da still steht, und die ganze Gemeinde, aufrecht, und sieht das Lamm, sieht ein Brot, und weiss, das Brot/das Lamm ist die Antwort: ist die Präsenz, welche die eigene berührt, umfasst und einschließt, bis hin zur Bekehrung. Da ist es eine bewegte Gemeinde, in aller Stille, die nicht für die Ohren mehr ist.

Wenn auch bei uns die Gemeinde kleiner wird: Wahrscheinlich sind wir da zuwenig präsent in den Häusern und Gasthäusern und allen möglichen Stätten, das mag sein. Immerhin lassen wir uns im öffentlichen Raum nicht ganz zur Seite drängen von all der Nullpräsenz, wie sie bald zur Weihnachtszeit hervorquellen wird. - Aber an unsrem Initiationsort, im Gottesdienst, da entfalten wir die Präsenz, und das teilt sich mit. Wer da nicht mehr kommt, der meidet eher die Präsenz, weil er nicht antworten will, weil er noch zögert - oder weil es anderswo billiger geht. Präsenz ist geschenkt, aber nicht billig.


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Sonntag, 1. März 2009

Ich stelle hier ein Lesen vor,

das Sie überraschen wird, ein Lesen, das im ursprünglichen Sinn ein Sammeln ist. Gleich vier Bücher lesen, die miteinander zunächst gar nichts zu tun haben, keine Verbindung der Autoren, keine gemeinsame Poetologie, keine gleichen Themen. Aber auch jedes dieser Bücher soll schichtweise gelesen werden, als Gebäude mit Stockwerken, zwischen denen gewechselt werden kann. In jedem der Bücher sind unter der Hand andere Texte mitgeschrieben, von fremden, manchmal unbekannten Autoren, und es ist nicht sicher, ob das immer absichtlich geschehen ist beim Schreiben, oder ob sich die Bezugstexte auch von selbst mitschreiben.

Ich beginne mit dem jüngsten Text, 1999 veröffentlicht, Allerseelen von Cees Nooteboom. Eine Geschichte, die vorwiegend in Berlin spielt, mit einem kleinen Abstecher nach Holland und einem Anhang in Spanien. Im wesentlichen sind es Streifzüge durch die winterliche Stadt, von einem Sonderling, Dokumentarfilmer, der die Familie verloren hat. Es gibt Begegnungen mit einigen Freunden, Gespräche, Erinnerungen, einige kulinarische Zusammentreffen eines Freundeskreises. Dann eine Bekanntschaft mit einer jungen Frau, Studentin, kurz und intensiv, mit einer längeren, unbefriedigenden Nachgeschichte.
Mag sein, dass der Plot dürr ist für ein großes Buch. Das könnte ein Hinterhalt sein. Ganz bestimmt verführen die Sinne den Leser, die Stadt im Schnee, die Orte, die man kennt, die Speisen, die kredenzt werden, die Stimmen, die Sehnsüchte, die seltsam verhaltene Begegnung mit der Studentin.
Ich rate, zum Einstieg unter die Oberfläche die Abstiege zu verfolgen. Er las die Stadt wie ein Buch, eine Geschichte über unsichtbare, in der Historie verschwundene Gebäude, Folterkammern der Gestapo, die Stelle, an der Hitlers Flugzeug noch hätte landen können, alles erzählt in einem kontinuierlichen, fast skandierten Rezitativ. (23)
Die zweite, miterzählte Geschichte ist also die Geschichte, das Rezitativ. Erzähler dieser zweiten Geschichte ist die Stadt selbst, gelesen wird sie vom Freund Viktor, der sie Arthur Daane vorbuchstabiert. Aber alle Figuren scheinen ein Verhältnis zu dieser zweiten Geschichte zu haben, und bereits Arthurs Betreten der Stadt verläuft so:
Die alte Frau blieb oben an der Treppe stehen. Von unten klang das Gewitter der U-Bahn herauf. Arthur steigt in die Unterwelt hinab wie Orpheus zu den Toten (über den er reflektiert). Sie ging weg, drehte sich um und sagte: „Alles Unsinn.“ Dabei lachte sie, und einen kurzen Moment lang, so flüchtig, dass man ihn mit keiner Kamera hätte einfangen können, hatte sie das Gesicht, das sie einst, in irgendeinem Augenblick ihres Lebens, schon einmal gehabt haben musste. ... Die meisten Lebenden waren genauso unerreichbar wie die Toten. (46f) Arthur ist im Totenreich unterwegs, von Eurydike hinuntergelockt, und erforscht Berlin von unten. Dachau, Napoleon in Moskau, nach Frankreich zogen zwei Grenadier´, Stalingrad, von Paulus sind Erscheinungen jener Welt und verkörpern ihr Grauen. Das Totenreich führt Arthur in die Vergangenheit, ihn umgibt das fortgesetzte Flüstern der Toten unter jeder Gasse Berlins. Er steigt die Treppen zur Unterwelt hinunter und findet seine Familie: „Soll ich dir einen Vater und eine Mutter aussuchen?“(66), fragt er seine (unnahbare) Begleiterin, die verlorene Frau mit dem Sohn.
Das Gemälde im Schloss, Königin Luise von Preußen, ein weiterer Einstieg: Sie hatte nicht nur eine unverkennbare sexuelle Ausstrahlung, sondern es schien auch so, als wollte die Frau aus dem Bild heraus, als ertrage sie den Rahmen nicht. Eurydike wartet auf die Erlösung. Aber es könnte sein, wird angedeutet, dass sie ihren Orpheus nicht mehr erkennt. Solche Frauen gibt es nicht mehr. ... Dieser Blick ist ausgestorben. (54) Die Vergangenheit drängt in die Gegenwart herein, aber sie kommt nicht zu sich. Auf diese Weise befinden wir uns ständig im Totenreich. ... Ein immerwährendes Gespräch an ein und derselben Stelle. (107) Unerlöste Vergangenheit, unerlöste Toten, unerhörte Worte und Sätze, ein Gebrummel, Gemurmel. Unerkannt drohen ihre Geschicke zu bleiben. Das Unverständnis und die Dumpfheit gegenüber ihrem Bedeutungsüberschuss sind aus der Gegenwart genügend bekannt.


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Arthur befindet sich am Ort der Produktion von Wirklichkeit, von Daten und Fakten. Der Redakteur öffnete die Tür zu einem Saal voll schweigender Gestalten an Computern. Lieber tot, er wusste später noch, dass er das gedachte hatte. (25) Von dieser Erscheinung von Wirklichkeit aus der Unterwelt hebt sich Arthur fortgesetzt ab mit seinen wesenhaften Dokumentarfilmen. Sein großes Projekt ist das Einsammeln von Authentizität, beruflich von Tod und Abgeschiedenheit, als persönliche Leidenschaft von Metaphern für das Leben: alles durch Filmaufnahmen, die Gewesenes retten, damit kein Gestus ausstirbt wie das Lächeln der Königin. Hier haben Sie wieder das Lesen, es ist als wesenhaftes Lesen klar markiert durch das Unzeitgemäße und Unangepasste. Am liebsten wäre es ihnen, glaube ich, wenn sie gar nicht mehr existierte (26), sieht Arthur die Welt in ihrer Existenz gefährdet und kämpft um sie.
Die Stadt als Buch erzählt von der Unterwelt und damit von der Vergangenheit. Auf diese Weise befinden wir uns ständig im Totenreich. (107) Das Buch ist offen nach unten und nach hinten, das ergibt die erste (grobe) Vermessung.

Im Zentrum der Erzählung ist eine scharfsinnige Tischrunde (122). Die Ritter der Tafelrunde treten aus dem Totenreich und kommen zu üppigen Mahlen zusammen. Zum Ensemble gehört der Wirt Schulze sowie Galinsky, der Tote: Er sitzt so still wie eine Statue .... als ob er in der Ferne Musik hörte. (122f) Arno, Viktor, Zenobia: Arthur lehnte sich zurück. Vielleicht, dachte er, ist das ja der Grund, warum ich immer wieder nach Berlin zurückkehre. Ein Kreis, in den er aufgenommen war (115). Von diesem Kreis gab es im Schloss ein Bild:

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Es handelt sich um ein Gemälde Adolph von Menzels, das Friedrich den Großen neben Voltaire zeigt, im Kreis führender Köpfe der Preußischen Akademie der Wissenschaften, im Schloss Sanssouci. Das Bild entstand 1850 und verbrannte 1945. Es dokumentiert den Gestus des Königs, die Weisen seiner Zeit, Diplomaten, Schriftsteller und Offiziere von Rang zu versammeln und unter ihnen der Philosoph von Sanssouci zu sein.

Es ist eine Treppe, auf der in Fontanes Gedicht der Dichter und Spaziergänger dem König begegnet und angesprochen wird auf den Maler Menzel, welcher bei der Tafelrunde Voltaires Platz einnehmen soll (Theodor Fontane, Auf der Treppe von Sanssouci). Und so pflanzt die Runde sich fort. Denn auch der König war mit Bau und Einrichtung von Schloss Sanssouci eingestiegen in ein bereits seit dem Mittelalter währendes Tafeln, als König Arthur die Tapferen seiner Zeit an den Hof holte und sie auf gleicher Höhe um den Gral versammelte. Ihre Erzählungen gehören zu den großen Texten des Mittelalters – die sich somit auch in diesem Buch fortschreiben.



Die Runde verweist auf das Mittelalter; das Mahl selbst hingegen ist die Zusammenkunft derer, die von ihren Taten und Überlegungen zu erzählen haben – und ist somit selbst wiederum sprachliche Ereignisstätte von Vergangenheit. Nicht nur die Stadt selbst, deren Oberfläche und Gegenwart vom Schnee verdeckt wird, versinkt in der Vergangenheit, auch das Hauptereignis, das Tafeln, wächst auf mittelalterlichem Boden.

Das dritte Fenster in die Vergangenheit ist Elik Oranje. Die geheimnisvolle Studentin mit dem Königsnamen, die auf eigene Faust nach der mittelalterlichen Königin forscht, erscheint selbst wie deren Inkarnation. Ihre Weltfremdheit, ihr Einzelgängertum und ihre stumme Sexualität sind Marken dafür, und einzig eine Großmutter scheint Zeugin der wirklichen welthaften Existenz dieses Wesens zu sein, dessen Herkunft ansonsten nur eine erzählte ist – und somit der legendären Königin entsprechend. Immerhin scheint sie für Arthur doch sehr wirklich zu werden: Sie tritt ein in den Kreis der Tafelnden und behauptet sich dort mit der Sprache; sie tritt Arthur – wenn das gesagt werden kann – nahe, wobei die Nähe entschieden wird und sich nicht aus dem Beziehungsverlauf ergibt. Die beiden scheinen sich durch einander jeweils erlösen zu wollen von einem Bann: sie von der Narbe ihrer Herkunft, er von der Narbe seines Verlustes von Frau, Kind und Heimat.

Diese Art des Lesens, das im Text andere Texte aufspürt, kann aber nicht alles entscheiden und abschließen. Offen bleibt etwa die Rückfrage nach Odysseus, dem Held Arthurs Jugendzeit, oder nach Orpheus, der seine Frau aus der Unterwelt erlösen will, der ebenfalls genannt wird. Beide auf schwieriger Fahrt, auf eine Frau zu. Der eine ringt mit Zyklopen (88), der andere begegnet Schatten. Der eine, der Tatkräftige, findet und befreit sie, der andere, der Sänger, verfehlt sie. Jedenfalls ein Reisender ohne Gepäck (11), Arthur, der mit Ungeheuern zu tun hat und mit Toten. Aber das ist noch nicht alles, was ich sehe. Es ließe sich noch etwas sagen über den Horizont dieser Reise.

Was uns immer wieder wundert, ist, dass ihr euch so wenig wundert. (64) So hebt ein Metadiskurs an, der das erzählte Geschehen von oben und außerhalb kommentiert. Er nennt sich selbst, ganz nach antikem Vorbild, der Chor. Der Chor der Engel begleitet die Menschengeschichte und wundert sich darüber. Er hat die Menschheit im Ganzen im Blick, Zeit und Raum, Ewigkeit, Gott, Geschichte – und das Verhalten der Menschen darin. Die Wesen, die sich nur die Begleitung nennen und nicht selbst richtig leben dürften (64), sind schon bei Peter Handke und Wim Wenders im Himmel über Berlin (1987) zuhause. Ihr erster Kommentar hinsichtlich der menschlichen Vergänglichkeit: Es ist, als explodierte die Zeit hinter euch in einem fort. (65) Das sind, vom Himmel, vom Jenseits aus gesehen, schlechte Vorzeichen für eine Rekonstruktion der Vergangenheit. Die schlafende Elik möchte mit der Hand die Wahrheit aus dem Buch ziehen wie einen Körper, wie die vergangene Zeit und die ferne Königin, wie eine Ausgrabung, aber ihr könntet nicht damit umgehen (206), sagen die Engel. Ein Licht der Vergeblichkeit, in dem die Handlung erscheint. Vergeblich, sich den Toten zu nähern. Also Orpheus. Umsonst, die Heldentaten. Doch Odysseus? Die wissenden Engel staunen selbst über den Menschen: wie schlecht ihr in euer eigenes Dasein paßt. (64) Immerhin wird es zum Rätsel erhoben, wie weit der Geist des Menschen geht und wie viel Raum er einnehmen kann.

Der Horizont des Himmels überspannt auch die Unterwelt. Orpheus sinniert über die Toten: Er war hier, aber sie waren allgegenwärtig, sie hatten keinen Ort mehr und waren überall, sie hatten keine Zeit mehr und waren immer da. (147) Seine gestorbene Frau, die nie ganz von dieser Welt war (149), hat ihm somit eigentlich den Horizont gewiesen, in den Worten des Johannesprologs. Sucht er nun die Welt oder den Himmel, wenn er Völker besucht, die eine Schöpfung hatten, die für sie allein geschaffen war und deren Schritte über trockene leere Landschaften er filmt. Als er sich trotz Warnung nachts allein aus der Stadt wagt, überfällt ihn das Nichts, die totale Stille: so war der Himmel auf ihn gefallen (154), und darin waren drei Gestalten erschienen, die aus der Tiefe von Jahrtausenden gekommen waren. Er hatte ohne Angst bestanden, weil er nicht in diese Welt gehörte (155) und, wie die Engel sagen würden, schlecht in sein Dasein passt. Denn die ganze Welt war ein Verweis, alles verwies auf etwas anderes zurück (156) Auf die Geschichte, das Gewordene. Der Mönchsgesang ist das Röcheln der Ewigkeit. (200). Gleichwie du nicht weißt, welchen Weg der Wind nimmt und wie die Gebeine im Mutterleib bereitet werden, so kannst du Gottes Tun nicht wissen, der alles wirkt (282f), liest man in Kohelet. Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war (283) , wird Psalm 139 gelesen, die größte erreichte Weite, die weiteste Offenheit nach vor und zurück und aus der Zeit heraus, im Zitat zwar und nicht im Bekenntnis, aber wie kann Sprache weiter aus der Welt hinausweisen als im Zitat, zumal eines Lehrers für einen Suchenden und Fragenden. Zenobias Leidenschaft für Raumfahrt können diesen Horizont nicht ausfüllen, und Arthurs Abenteuerfahrt hinter der Erscheinung der Königin her wohl auch nicht, obwohl beide in gewisser Weise die Grenzen der Schöpfung durchmessen im Wagnis. Die Geschichte, die mit einem Vorübergang an der Buchhandlung und somit mit dem Lesen begonnen hatte, läuft auf den sichtbar werdenden hohen Himmel des Nordens zu, eine Durchquerung der Schöpfung in allen Richtungen von Raum und Zeit.


Handke war schon am Wort – das zweite Buch soll Langsame Heimkehr sein, ebenfalls eine Reisegeschichte, und mehr als die vorige, und zugleich, so sei es gleich voraus gesagt, eine innere Reise durch die Schöpfung. Mit den gewonnenen Wegmarken lassen sich die Etappen leichter abstecken. Sorger, der Geologe und Naturforscher – Schöpfungsforscher, möchte man beinahe sagen – untersucht über Jahre eine Flusslandschaft im hohen Norden Kanadas, wo im Verborgenen die Schotterkugeln dahinglitten, sich rollend überschlugen oder sogar langsame Bogensprünge vollführten, eingehüllt in Schlammwolken und weiterbefördert von natürlichen Wasserwalzen, welche – tief unter der stillen Oberfläche in der Gegenrichtung rotierend – er sich nicht denken, sondern sinnlich miterleben konnte (12f). Er hat ein Gespür für die Formen unter der Oberfläche, für die Wellen und Kurven, die Hebungen und Senkungen, für die räumliche Tiefe, möchte man sagen, und auch für die zeitliche, in jahreszeitlichen und erdgeschichtlichen Skalen.

Der Name Sorger? Der Forscher geriert sich nicht als objektiver, unbeteiligter Beobachter, sondern sieht seinen Auftrag darin, seine Anstrengung, das Befremdende jeder Erdgegend auszuhalten (16) – es ist eine Weltvertrauens-Übung, ein Teilhaftigwerden an „seinem Gegenstand“ (17). Der Sorgende ist Teilnehmer, Mitbetroffener, Vollzieher der Natur in ihren Dimensionen: Raum und Zeit konstatiert er wörtlich mit (in) seiner Existenz, über Jahre in der Tundra. Aber nicht nur das: In diesem Zeitraum war ständige Gegenwart, ständige Allerwelt, ständige Bewohntheit. Die Gegenwart war eine Allgegenwart, wo die einst geliebten Toten mitatmeten (52). So ist bereits mit wenigen Strichen ein Schauplatz gezeichnet, der, nunmehr in der wilden Natur, ebenso wie vorhin in Berlin den Untergrund, das Gewordene und Gewesene aufleuchten lässt, bewohnte Schöpfung. Die Indianerfrau, die Katze, der Kollege Lauffer, das Dorf: alles Erscheinungen des Grundes, ließe sich sagen, wie die plötzlich erschienenen Aborigines am nächtlichen Rand Alice Springs, als Arthur die Stille des Nichts erfahren hatte: Epiphanien des Grundes. (Ich könnte weitere anführen, aus dem nächsten und übernächsten Text, vielleicht komme ich dazu.)

Von dort reist Sorger ohne genannten Grund ab, über mehrere Stationen nach Europa, eben die langsame Heimkehr. Die nächste Station an der Pazifikküste bringt eine Veränderung seiner Naturwahrnehmung. Zunächst durchstreift er die Dünenlandschaft, er, der auf den Grund gesehen hat und von dort seine Sprache bekommen hat (104) – aber fern von der Schöpfung (130) erfahrt er eine Versagung der Lebendigkeit und Zugänglichkeit der Natur: Eine Maschine empfing ständig die Tonwellen aus dem Erdinneren, ... ein ... fast singender Klang (131). Eine Versagung auch von Menschen, die ihn nicht erkennen: Dann wurde der Boden zu seinen Füßen so deutlich, als sei er schon gestürzt. (137) Und in der hereinbrechenden Einsamkeit überwältigt ihn eine unbekannte Unbehaustheit: Das Meer wurde unheimlich. – Zerstört war der Lebensplan .... aus dem Untergrund fuhr „der lebende Tote“ in ihn .... und er sah...die Seele ... hatte Sorger ein Erdbeben erlebt .... so schien ihm jetzt auch das eigene Ende ganz nah .... die Weltenrichterstimme ..... „Danke, ihr Mächte.“ .... „Göttlicher anderer.“ .... Erlebnis der „Schwelle“: wieder im Spiel der Welt sein. (137-141) In dieser erdbebenreichen Küstenlandschaft wird mit Naturmetaphern eine Grunderfahrung erzählt: der Existenzgrund, im ganzen Buch stets unterschwellig gegenwärtig, wird erschüttert, ohne erkennbaren Anlass, ein Ereignis in aller Stille und Einsamkeit. Dieser zweite Abschnitt der Heimkehr heißt Raumverbot – der Naturraum/Weltraum hat sich in seiner Bedeutungskraft entzogen.
Der dritte Abschnitt heisst Das Gesetz. In Abweichung von seinem Plan bleibt Sorger an einem Ort, wo er jemanden kennt. Ihn will der Einsame besuchen, und erfährt gerade von seinem Tod. Vor dem Sarg beweint er den Toten und die anderen Toten. Aufschauend glaubte er zu sehen, wie diese gewaltig über ihn lachten. Er lachte mit ihnen. (166) Diese Begegnung mit dem Tod/Toten führt Sorger neu in eine Behaustheit zurück, der sogleich in der Schneelandschaft in einer schimmernden Furche: die schönste Frau, die er je gesehen hatte, erblickt und somit seinen Naturalismus wieder hat. Was hat sich geändert? Er sieht die Inbilder seiner Verstorbenen, es zieht ihn zu den Abgeschiedenen hin, er gelangt in ein Neubegreifen der Zeit, stellt sich die Zeit als einen „Gott“ vor, der „gut“ war. (173) Gerade in der Großstadt, seiner letzten Station, findet er wieder zum Bewußtsein „seiner“ Erdformen zurück (179). Es ist die Sorge um einen Menschen, der sich ihm anvertraut, die ihm einen Tag in der großen Stadt schenkt, wo er aus dem tiefen Nacht-Raum wie von einem Schauder der Schöpfung überflogen wird (183). Er sieht in einer Vision die Große Handschrift, in der sein Leben beschrieben wurde (201), das als Begegnung der Elemente (Spiegel, Nichts und Gravität) gesehen wird. Diese apokalyptische Vision zeigt, dass die Geschichte der Menschheit bald vollendet sein würde (209), und führt Sorger in eine Sonntagsmesse, wo er gewahr wird, wie ein Schwanken durch die Welt geht, während Brot und Wein gewandelt werden: in ähnlicher Weise (206), also gewandelt, streift er wieder durch die Straßen, vorbei an Bekannten und Unbekannten, und ein Schulfreund erkennt den Gewandelten und erkennt ihn nicht: „Wie der Valentin Sorger!“

Die Welt/die Schöpfung ist wieder zum bergenden Haus geworden, weniger durch einen Persongott, eher durch eine pantheistische Natur. Die Dimensionen der Schöpfung verlaufen im Untergrund, in den geologischen Formen und Abläufen, in der Totenwelt, in Schuld und Gutsein – und zuletzt in einer Art geschenkter (gnadenhafter) Identität. Freies Handeln (Subjektivität) und Gefühl der Eingebundenheit (Gnade) sind verflochten und nicht entwirrbar. Was bei Nooteboom Literaturzitat, ist bei Hanke sozusagen Naturzitat – bedeutungsüberschießend beide. Schöpfungsmetaphern des Werdens und Vergehens, des Ereignishaften, das innerweltlich rätselhaft bleibt und zur Deutung eine externe Perspektive braucht, je in vertikaler Dimension, von Engeln und Toten.

Mehr noch als für die bisherigen Texte gilt das für den dritten: Rainer Maria Rilke, Duineser Elegien, unter besonderer Beachtung der neunten, und mit einer gewissen Neugier für die Sonette an Orpheus im Hinblick auf das erste besprochene Buch, welche sich im selben Band befinden.

(Der vierte und letzte Text dieses Gevierts wird Robert Musils 4.Kapitel Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muß es auch Möglichkeitssinn geben aus Der Mann ohne Eigenschaften sein. Mit diesen vieren ließe sich ein Schöpfungsverständnis umreißen, das, so meine ich, auf der Höhe unserer Zeit sein könne.)

Romy-kuesst

Dienstag, 18. November 2008

Erfrischend echt

Es gibt auch positive öffentliche Darstellungen kirchlichen Lebens und Denkens in der Tagespresse:
http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/kultur/1617334/index.do und http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/kultur/1617334/index.do?seite=2

Hier fragt Erwin Hirtenfelder behutsam und einsichtig einen der Großen der Kärntner Kirche, und bekommt Antworten, die gar nicht zu einer kleinen Tageszeitung passen wollen: vorsichtige, umsichtige, differenzierte; Antworten, die im selben Zug die eigene Position und die Gesprächssituation in Frage stellen: "Wenn ich sagen würde, ich wähle ihn nicht...", Antworten, die sich über das Interview hinaus eigentlich in der ganzen Zeitung einnnisten und festsetzen, weil sie schnelle Zuordnungen vermeiden und Verschließungen verweigern: Er lässt sich in keine Ecke drängen, Colerus-Geldern, will stattdessen der Umkehr dienen, beschuldigt nicht, versteht die moralische Mangelsituation - und am Ende hat er sich in einer unerwarteten Wendung gar selbst in Stellung gebracht als möglicher Parlamentsseelsorger! (Ein Lob dem Fragensteller)

Der zweite Bericht des Jahres (nach meiner Wertung), kurz danach erschienen, präsentiert den Pfarrer von Radenthein, wie er leibt und lebt:
http://www.kleinezeitung.at/kaernten/spittal/radenthein/1625847/index.do
Da lacht mir das Herz, wenn er rockend und busfahrend daherkommt, und wenn er SEINE Schule präsentiert, die er sich gekauft hat, weil niemand in das leere Gebäude mehr investieren wollte, wie auch in die Jugendlichen dieses Landstriches. Da hat Simonitti wahrlich eine Schule gegründet, in der zu lernen ist. Dass es oberste seelsorgliche Aufgabe ist, zu fördern. Dass es möglich ist, mit 37 jugendlich unbeschwert Pfarrhöfe auszumisten oder Rockmusik zu machen. Dass nicht alle jungen Menschen saturiert und gelangweilt sind, und dass es möglich ist, sie zu gewinnen. Besonders aber zeigt er, dass es höchsten Ernst braucht und beinharte Konsequenz, um sich über die vielen Hindernisse hinwegzusetzen, die von Eltern, Behörden oder Kirchenleitungen aufgebaut werden, oder einfach und womöglich noch schlimmer, über das Unverständnis und Desinteresse.

Und nicht nur wegen Gerhard ist das ein Rekordbericht, auch wegen Manuela Kalsers Entschluss, auf eine reißerische Darstellung zu verzichten (wer hat da den Fallschirmspringer verschwiegen?) und auch seine Gegner zu zeigen, das Riskante seines Einsatzes und das Unabschließbare eines solchen Weges, und folgerichtig endet sie mit guten Wünschen für die Zukunft.

Beide Medienereignisse markieren mir eine Wende. Hatten wir uns noch im Kritischen Oktober beklagt über die flache, eng vordefinierte Kirchendarstellung http://www.kath-kirche-kaernten.at/pages/bericht.asp?id=12860,
so öffnen sich hier wahrlich neue Welten, abseits von Brauchtumsromantik und Obrigkeitsberichterstattung, Skandalgekratze und Konzertvorschau. Eine um Objektivität bemühte Geschichtsdarstellung schwieriger Zeiten, die eine persönliche Zukunft eröffnen könnte, und eine Persönlichkeitsdarstellung, die einen jungen pastoralen Stil markiert: solches Schreiben ist nicht mehr der Unterhaltung, sondern der Wahrheit verpflichtet, und ist im besten Sinne konstruktiv.

Alle Achtung.

Mittwoch, 14. Mai 2008

der zögling tjaz - kein entwicklungsroman

1.

Die gängige Spur, diesen Roman von Florjan Lipus als Dokument der slowenischen Volksgruppe zu lesen, die Peter Handke mit seiner Übersetzung ins Deutsche gelegt hat, wird bestehen bleiben und kann von jedem betreten werden. Es führen aber noch viele andere Spuren zu und durch dieses Werk, und besonders um derentwillen, die das Werk jenseits wieder verlassen, soll noch ein anderer Durchgang versucht werden.

a.
Endlich gehst du durchs Dorf, beginnt Buch und Erzählung, also mit einer Rede, die im ganzen Roman anhält und ein Du hat, aber keineswegs den Leser. Vom Ende her gesehen könnte das eine Art Biograph sein, einer, der die Geschichte des Zöglings aufschreibt, aber jedenfalls erzählt er sie ihm, erzählt ihm also die eigene Geschichte. Warum tut man das? Es ist wie das gemeinsame Betrachten alter Familienfotos, da wird gezeigt und identifiziert, und mitunter neu gedeutet. Dem Zögling wird vom Ende her seine eigene Geschichte gesagt, er ist verwirrt, ihm wird gesagt: schau her, das bist du, so bist du.

b.
Das Dorf, durch das Tjaz zur Bahnstation geht: das zwischen deiner Bahnstation und dem Elternhaus liegt, und das heißt nicht viel: es ist ihm gewährt, dazwischenzuliegen, mag es dir auch im Weg sein auf dem Weg zur Station. (S.5 – zitiert nach der Ausgabe Suhrkamp 1984)
Ist das eine Überhebung des Zöglings, dass dem Dorf die Gnade seiner Beheimatung zukommt? In der Anrede mag es eine Beschwörung sein, die ihn groß macht und ihm eine Identität verleiht, die vor dem Dorf und seiner restlichen Umgebung liegt. Aber recht allgemein soll diese Verortung des Zöglings zunächst nur Subjektumkehr genannt werden: nicht der Gehende durchkreuzt die Umgebung, sondern die Umgebung umlagert den Gehenden. Auf dem Lebensweg des Zöglings liegen: Elternhaus, Dorf, Bahnstation.... So funktioniert der Text.

c.
So sitzt du eigentlich nicht im Zug, obwohl du inzwischen schon eingestiegen bist, sondern treibst dich in den Mäulern deiner Dörfler herum und bist ihnen Anlaß zu Gedampfe. Obwohl sie nicht die Deinen sind und du keiner von ihnen bist, sind sie doch die Deinen, und du bist einer von ihnen, weil sie dich zu ihresgleichen gezählt haben, sie selbst haben ja sonst niemanden, du hast dich ihrer erbarmt (8). Zur Subjektumkehr, die nun deutlich als Gnade dargestellt ist, tritt noch eine Dislokation: Gesprächsstoff sein mindert die Präsenz im fahrenden Zug. Gesprächsstoff sein ist eine Aktivität, vergleichbar der wiederkäuenden Verdauung von Kühen. Und noch eine weitere Art von Subjektumkehr läßt es pendeln, wer nun zu wem gehört, wer also der Aktive und wer der Zugehörige ist. Zuletzt bleibt die Unzugehörigkeit: die niemand haben, sind die Heimatlosen (ich will nicht von der Volksgruppe reden!) – d.h. in der Rückgängigmachung der Subjektumkehr wird nun deutlich der Tjaz als der Heimatlose, Unzugehörige, ja Verlorene sichtbar, und in der Rede wird ihm gerade das Gegenteil beschworen. Das zum Sinn dieser Redeform.

d.
Ist es Gottes Wille gewesen, ist es nicht Gottes Wille gewesen, Tjaz hat angefangen, sie von unten her anzuschauen, statt von oben, dabei ist er sich auch seiner Verwirrung bewußt geworden. Der Internatling schaut das Weib grundsätzlich von oben an (16). Zur Subjektumkehr tritt der Perspektivenwechsel. Das Internat liegt am Berghang und schaut ins Tal. Der Zögling wird einmal ein gebildeter Mensch, und schaut auf die Dorfbewohner herab. Das geistliche Institut bereitet auf ein geistliches Leben vor und blickt daher auf die Frau herab. Nun, das sind alles die Trampelpfade biederen Lesens. Aber hier ist von Gottes Blick die Rede. Und der Wechsel in die irdische Perspektive ist derjenige der Versuchung: aber wenn ihn die Augen verleiten. Wenn hier aber Adam und Eva mitzulesen sind, dann wird die Frage nach Gottes Willen zur theologischen Frage: Will Gott die Versuchung? Das Verleitetwerden durch die Augen klingt wie Ausrede, bei Adam: die Schlange – aber ist nicht beides gleichermaßen Subjektumkehr? Dann ist der ganze Text als Rechtfertigung zu lesen.

e.
Die Initiation, die nun folgt, wird als Vorgang zwischen Erde und Mensch erzählt: Beute – Finger – Stengelchen – Widerstand – stinkigen Saft, Finger bespritzt – Säfte versagt – strotzende Lebensverlangen – heilsamen Berührungen – ranzigen Ausdünstungen – Blut aus der Wunde gesickert – keine Schmerzen - Honig gerochen – Norm zerplatzt - . Als du heimgehst, verbeugt sich vor dir das Gras (17-25). Umgekehrt erscheinen nun sie als die Erde (anstatt Adam aus dem Ackerboden) und er als das Leben (anstatt Eva, das Leben). Aber es ist eine Begegnung und Herausforderung, die er bestanden hat. Ohne zu wissen, was hier geschieht, hat er sich gestellt und bestanden. Das Gras verbeugt sich vor ihm, der das unerkannte Brautgemach verläßt, und Mann geworden kehrt er heim, ohne bemerkt zu haben, wie klein er ist: das Gras.
Diesem (ambivalenten) Sieg folgt sogleich die Niederlage, wenn die Verirrung des Kindes erzählt wird, das dem Vater, Holzfäller, das Essen in den Wald nachtragen soll: er, der keine richtige Sprache har, hat den Weg nicht richtig erklärt: so daß du schwindlig geworden bist und es dir den Boden unter den Füßen weggezogen hat (27). Unmittelbar nach der Defloration erzählt, könnte der Schwindel auch von dieser herrühren. Aber der Verirrte taumelt allein durch den dunklen Wald: Ein Abgrund hat dir entgegengestarrt und ist dir mit seiner Leere ans innerste Leben gegangen, er hat vor dir zu schwanken angefangen, fast hat er getanzt. Du bist größer geworden, und vor den Augen ist dir immer noch der Abgrund, der sich wiegt (28). Aber wieder ist es umgekehrt: Der Abgrund ist des Tjaz´ Ursituation, und im tanzenden Mädchen findet er sie wieder. Der Abgrund der Existenz aber erzeugt Schwindel.

f.
Wie und warum wird aus Tjaz der Kratzende? Er, der Kadavergehorsam von zu Hause kannte, hat den Predigten und Ansprachen des Spirituals auf den i-Punkt geglaubt (39) – warum ist er nicht in seiner Unauffälligkeit geblieben? Das kirchliche Leben des Internats nennt der Erzähler eine bloße Herde von Melkkühen, die Bubenschaft nur den ausführenden Teil: denn für das Leben der Kirche ist ein gläubiges Volk nun einmal notwendig, zum Unterordnen und zum Befolgen der Gebote (35). Ist das nun eine Kirchenkritik, verbunden mit einer Kritik am Internat? ....jetzt knieten sie sich nieder und streckten die Zungen heraus, auf daß der Priester einen nach dem andern sakramentalisch belade, worauf dann Reinheit von vorn nach hinten die Bänke durchstrahlte .... wie viele Wege mußten sich kreuzen, wie viele Schritte im Gleichmaß erfolgen, bis der Kirchengeometrie genügt war. (36)
Wiederum ist auf die Subjektumkehr zu achten, die Rechtfertigungsfunktion hat. Die Verlagerung der Verantwortung auf die Umstände und die Umgebung soll entlasten. Der Bericht des Biographs spricht den Zögling frei. Aber die hier genannten Subjekte sind: die Bubenschaft, die Kirchengeometrie. Das sind keine verantwortungsfähigen Subjekte, sondern Verallgemeinerungen. Der einzelne wird in etwas (imaginäres) Allgemeines hineingestellt. Die beladenen Zungen, die bänkedurchstrahlende Reinheit, die vorherrschende Kirchengeometrie erscheinen als imaginäre Subjekte, denen alles Individuelle und Selbständige unterzuordnen ist. Jedenfalls für Zöglinge, die nicht Ich sagen, nicht selbst und aus Eigenem handeln, sondern wegen etwas Allgemeinem und ihnen Fremden. Die Subjektumkehr (Subjektverwandlung) zeigt die fehlende Individuation: als Erziehungsproblem und als pastorales Problem. Wir denken an die Zeiten der Volkskirche und an das kirchliche Leben aus automatisierter Zugehörigkeit, ohne individuelle eigenverantwortliche Glaubensentscheidung.

g.
Ein Unglück, das ihm leibhaftig die Schuhe ausgezogen hat (47), begegnet dem Mitzögling, der unglücklicherweise gerade vor Tjaz zu sitzen kommt. Als dieser ihm unbemerkt die Nägel aus den Lederschuhen zieht, welche auseinanderfallen, wäre er am liebsten versunken. Nun beginnt Tjaz seine Abgründigkeit und Bodenlosigkeit auf andere zu übertragen, und es wird ausdrücklich als seine neue Aktivität dargestellt, als sein Eigenes, seine neue Eigenheit, das Kratzen, obwohl das doch augenscheinlich gar nichts mit Kratzen zu tun hat. Kratzen ist Zeichen der Wehrhaftigkeit des Unterlegenen, Schwächeren. Kratzen macht nicht stärker, aber sichert einen Freiraum.
Durch das Kratzen ereignet sich verspätet Tjaz´Individuation.

h.
Als der bereits Mann gewordene Tjaz das Mädchenzimmer der nicht unerfahrenen Nini betritt, da hat er zunächst nur Augen für die Zimmereinrichtung. Vielleicht ist es das Individuelle nach den Schlafsälen, die er kennt, vielleicht das Persönliche und Private. Jedenfalls verschafft ihm das Beobachten und Späen einen Freiraum, und es sind nach dem Kratzen die ersten freien Handlungen, die von ihm erzählt werden – und gerade der Widerspruch zum Allgemeinen der Internatsordnung sind das Zeichen dafür, bis zur morgendlichen Heimkehr. Viel Sprechen mit der neuen Freundin war nicht.

i.
Der Höhepunkt des Kratzens, und sozusagen die erste freie und bewußte Tat, ist die Stürmung des Himmels, verbunden mit der Schändung der Heiligen. Tjaz erklettert zusammen mit einem Verbündeten, wahrscheinlich dem Biographen, und im Beisein Ninis, nachts den Hochaltar mit der Säge, und verstümmelt die Heiligenfiguren, die er bisher so wie damals das Mädchen von unten gesehen hat. Einige göttliche Heilige und Heiliginnen haben noch gewartet und uns ihr Holz angeboten, aber wir haben sie nicht mehr erhören können (96). Das Wachstum des noch klein gebliebenen Tjaz setzt mit den Kratzaktionen ein, und das größte Wachstum, das im Internat möglich ist, führt zu den Heiligen und über sie hinaus, die weiblichen werden gesondert erwähnt. Es erscheint als lustvolle Orgie, und wie als weiterer, besonderer Schritt auf der Himmelsleiter, und ohne einen Schatten von Destruktivität und Rache. Der zu sich gekommene Holzfäller.

j.
Am Ende wird des Tjaz´ Neigung zur Weiblichkeit auf einen noch höheren Turm führen. Und auf die höchste Erhebung des Verbannten wird dessen tiefster Fall folgen, gerade in dem Moment, als er mit dem Biographen zusammentreffen soll. Damit könnte die ganze Biographie als fiktiv erkannt sein, wenn sie nicht als Beschwörung und Rehabilitation des Gefallenen zu verstehen ist. Denn der Tjaz scheint noch immer keine eigene Sprache gehabt zu haben, konnte sich auch mit dem Mädchen kaum verständigen.


k.
Erhellend ist ihr Bericht, ebenso fiktiv wie der des Biographen: mit dem Gekratze vervollständigte er sich, formte sein eigenes Leben, hielt sein Geschick im Gleichgewicht(193)- deutet sie, versteht es also und versteht es nicht, ist in einer Weise ihm verbündet und ist es nicht.
Ich verstehe nicht, wie er sich das Leben nehmen konnte, ich habe ihn doch alles tun lassen, was ihm nottat(197), bekennt sie offen und hilflos, und zeigt damit das Drama des Scheiterns aller: des Vaters, des Internats, der Freundin. Des Tjaz.
Mit tun lassen ist es nicht getan.
Was war wohl jenes Wort?
Er trug in sich jenes Wort, das ihn letztlich in den Tod trieb(186) - das niemals ausgesprochene, verschwiegene, ungesagte, doch gesagte, unverstandene, entsetzliche, von dem sie fühlte, dass er es ihr zugedacht hätte:
immerhin jemand, der ICH sagt.


2.

a.
Ein anderer Zögling, und damit soll jetzt des Tjaz` Geschichte von hinten und von innen aufgerollt werden, nämlich der Törleß, erlebt jene "Jahre des Übergangs" in einem Erziehungsinstitut in der Provinz - er kommt sozusagen von der anderen Seite, von der städtischen, wohlhabenden, gut situierten an ebendiese Schwelle, und die Provinz selbst mag dabei die Aufgabe eines Klosters erfüllen, das in seiner Abgeschiedenheit die inneren Vorgänge verstärkt zu Bewusstsein bringt: und er borgt seine Sprache jenem Holzfällerbuben und konzediert gleich zum Anfang dessen Ende:
Wenn man da solch einem jungen Menschen das Lächerliche seiner Person zur Einsicht bringen könnte, so würde der Boden unter ihm einbrechen, oder er würde wie ein erwachter Nachtwandler herabstürzen, der plötzlich nichts als Leere sieht.(16 - Törleß, nach Rowohlt zitiert)

b.
"Von alldem, was wir den ganzen Tag in der Schule tun, - was davon hat eigentlich einen Zweck? ... Man weiß am Abend, daß man wieder einen Tag gelebt hat, daß man soundsoviel gelernt hat, man hat dem Stundenplan genügt, aber man ist dabei leer geblieben, - innerlich meine ich, man hat sozusagen einen ganz innerlichen Hunger...."
Das ist eine Wahrnehmung des Schülerlebens im ganzen, der Betriebsamkeit mit all ihrer inneren Folgerichtigkeit, wahrscheinlich nicht anders als auch ein Berufsleben: es bleibt ohne innere Korrespondenz, es geht ins Leere, es antwortet nichts im Menschen, der Schüler ist zwar tätig, doch nur äußerlich, die Tätigkeiten meinen nicht IHN, er selbst wird nicht erreicht und bleibt hinter dem Getriebe zurück.
"Es ist so: Ein ewiges Warten auf etwas, von dem man nichts anderes weiß, als daß man darauf wartet .... Das ist so langweilig ...." (30f)

c.
Bei Tjaz klingt das so: Jetzt kamen sie reihenweise nach vorn zu den betonierten Altarstufen, jetzt knieten sie sich nieder und streckten die Zungen heraus, auf daß der Priester einen nach dem anderen sakramentalisch belade, worauf dann Reinheit von vorn nach hinten die Bänke durchstrahlte ... wie viele Wege mußten sich kreuzen, wie viele Schritte im Gleichmaß erfolgen, bis der Kirchengeometrie genügt war. (36) Wieder steht das handelnde Subjekt zur Frage (Subjektumkehr), liegt nicht im Schüler, nicht im Erzieher/Priester – und diesmal kann der Entzug des Subjekts nun ein Tor öffnen zu der wirklichen Misere der Geschichte: Sie entbehrt der Handelnden! Ein Gottesdienst um der Geometrie willen, kein Erziehungsziel, keine Werte, keine Selbständigkeit, kein selbständiges Glauben. Stattdessen Selbstanpassung.


3

a.

Viele würden jetzt gerne auf die bestimmten Bildungsinstitutionen eingehen, die Internate, die Schulen, auch auf Kirche als Institution, auf Glaubens-„Vermittlung“. Und die kritische Schlagrichtung im Zögling Tjaz ist nicht zu verhehlen. Aber zuerst sollte Dringlicheres abgeklärt werden: Es fehlt an Menschen. Solche, die handeln können, die entscheiden, die Ziele haben, die begegnen können. Menschen mit Freiheit und Selbständigkeit. Dem Tjaz gegenüber ist nur ein Mensch mit seinem Namen geltend geworden, und dieses Mädchen war selbst noch halb Kind, das mit sich machen ließ.

b.
Was nun den Institutionen angelastet werden kann, ist, dass sie zuwenig transzendente Ziele anstreben, zumal den kirchlichen. Denn nicht als Anpassung soll gelebt/gelernt/geglaubt werden, darin liegt kein Sinn, sondern in jedem einzuübenden Vollzug soll das Worumwillen deutlich werden, das erst wäre die wirklich pädagogische und menschliche Aufgabe.

c.
Nun ist gerade am Törleß deutlich geworden, dass erst solche Selbstdistanzierung gültige, weil reflektierte Sprache hervorbringt. Tjaz spricht nicht, er kratzt. Mutter/Vater haben ihm keine Sprache gegeben, und verlassen tastet er nach dem großmütterlichen Urbild einer Zugehörigkeit, ohne einem elterlichen Menschen zu begegnen, auf schwankendem Boden.
Dass Sprache entsteht, bedarf eines anderen, eines Fremden (des Biographen), obzwar mit unerklärlichem Wissen über des Tjaz’ Geschichte und Herkunft. Möglicherweise ist er ihm doch näher gekommen, als er sagt.

d.
Und wenn es das ist, was bleibt, der Appell an die persönliche Begegnung, die Wahrnehmung des einzelnen in seiner unsäglichen Not, das Erscheinen des Ungesagten – oder wenn es sogar das ist, dass in der unbeholfenen Subjektumkehr das bleibend Mystische erkannt wird, dass jenseits des frei und selbstbewußt handelnden Menschen etwas anderes als Subjekt erkannt wird. Aber man soll sich Gedanken machen, wie einer Mensch werden kann, und nicht Funktion, und es ist wohl seit den Zeiten des Tjaz der Individualismus weit fortgeschritten, sogar extrem weit, ist zum wichtigsten immanenten Wert der Gesellschaft geworden, aber noch lange nicht die Individuation, im Gegenteil. Was heißt nun ICH sagen.



Vergleiche:
http://diepresse.com/home/meinung/kommentare/fleischhacker/374605/index.do?direct=374563&_vl_backlink=/home/bildung/erziehung/index.do&selChannel=
http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/384583/index.do?from=suche.intern.portal

Samstag, 22. Dezember 2007

Flüchtige Moderne

Flüchtig/flüssig: Flüssigkeiten und Gase bewegen sich und verbrauchen Zeit, während Festkörper in ihrer Form verharren. Modernisierung wurde stets als Verflüssigung von zu Starrem verstanden: Zerschlagung von Formen. Aber es sollten neue Stabilitäten entdeckt werden:
instrumentelle Rationalität (Max Weber),
determinierende Rolle der Ökonomie (Karl Marx).
Die heutige Herrschaft des Ökonomischen, dessen Ordnung sich ununterbrochen reproduziert, nennt Claus Offe „Null-Option“. Elemente:

o Demontage aller sozialen Verbindungsglieder, weil sie menschliche Handlungsfreiheit einschränken würden,
o Geschwindigkeit, Verschwinden, Passivität (Richard Sennett)
o gesellschaftliche Position MUSS selbst definiert werden
o Eroberung des Raums – Aufteilung der Welt, Ausbreitung der Siedlungen
o Kriege sind keine Eroberungskriege mehr, die Territorium besetzen wollen, sondern rasche Schläge und Verschwinden, um Hemmnisse des globalen Machtflusses zu beseitigen (vgl. Golf I, Balkan, Terrorismus)
o Bodenhaftung verliert an Bedeutung: transnationale Ökonomie


Freiheitsbegriff: Ein Leben auf der Basis augenblicklicher Impulse bedeutet eine geistlose Existenz (Anthony Giddens)
Kritik an der Realität als Pflichtaufgabe der Normalexistenz: wir sind „reflexive“ Wesen in permanenter Selbstbeobachtung und Unzufriedenheit, immer auf dem Weg der Verbesserung (Giddens) – aber die komplexen Steuerungsmechanismen werden nicht durchschaut: Hilflosigkeit (Leo Strauss)

Moderne Gesellschaft ist wie ein Campingplatz: Jeder kann sich dort niederlassen, bekommt Stellplatz, zahlt für Strom- und Wasseranschluß, jeder nach seinen eigenen Plänen. Die Autorität des Platzverwalters wird anerkannt, die Nachbarn sollen nicht laut sein. Aber:
o kein gemeinsamer Hasushalt
o keine Systemkritik, höchstens Kritik der Konsumenten

Der bisherige Typ moderner Gesellschaft, auf den sich die traditionelle kritische Theorie Adornos und Horkheimers bezog, suchte den Totalitarismus:
o die fordistische Fabrik (mechanisierte Menschen)
o Bürokratie (Verwaltungsdienste ohne Persönlichkeit)
o Big Brother als umfassende Kontrolle
o Konzentrationslager bzw. GULag als Belastungstest unter Laborbedingungen

Seit Lessing: Emanzipation vom Glauben an die Schöpfung – zurückgeworfen auf sich selbst – unfähig zum Stillstand: modern sein heißt, sich immer ein Stück voraus sein.
Modernisierung = Selbstverwirklichung der Individuen; statt Kampf um gerechte Gesellschaft nun Kampf um Menschenrechte (eigene Idee des Glücks, eigener Lebensstil)

Die Gesellschaft DER Individuen (Norbert Elias): reziproke Erschaffung der Indiv. durch Gesells. und umgekehrt.
Laufende Individualisierung ←→ Umgestaltung der Netzwerke gegenseitiger Abhängigkeit
Menschen werden nicht mehr in ihre Identität hineingeboren (sozial, beruflich, geschlechtlich) – die frühe Moderne hatte die Menschen entwurzelt, um sie neu einzuordnen: Entwurzelung als Schicksal, Neuverortung als AUFGABE des Einzelnen → reflexive Moderne (Ulrich Beck): Bettenknappheit wie „Reise nach Jerusalem“, immer in Bewegung, kein Ankommen, nur flüchtige Beziehungen, keine Aussicht auf Wiedereinbettung. Also: Individualisierung ist ein Schicksal, nicht frei gewählt.

Tocqueville: in die Freiheit entlassene Menschen werden indifferent: das Individuum ist der größte Feind des BÜRGERS (Person, die ihr Wohlergehen an das der Stadt knüpft) – während Individuen außer Eigeninteressen noch Allgemeininteressen verfolgen: damit füllen sie den öffentlichen Raum.
Die ÖFFENTLICHKEIT wird durch die Privatsphäre kolonisiert: geteilte Intimität als Form der „Vergemeinschaftung“, öffentliche „Interesse“ nur mehr Neugier des Publikums.

Wachsender Widerspruch zwischen Individuen DE JURE und Individuen DE FACTO, die Kontrolle über das eigene Schicksal erhalten. Zerfall des öffentlichen Raums, der zu einem riesigen Bildschirm geworden ist, auf den private Sorgen projiziert werden. Gestaltungsmacht ist daraus verschwunden, keine öffentlichen Anliegen. Selbstgemachte Identitäten: zerbrechliche Partnerschaften, große Erwartungen, kaum Institutionalisierungen.

Ideen der herrschenden Klassen = herrschende Ideen (Karl Marx): heute also nach mehrhundertjähriger Herrschaft kapitalistischer Lenker Totalherrschaft kapitalistischer Ideen:
Fordismus: Rationalisierung und Mechanisierung der Produktion, Trennung von Intelligenz und manuellen Vorgängen, verstärkte Kontrolle, verstärkte Anreize (Bezahlung).
Lenin: „sowjetisches Organisationsmodell“ = wissenschaftliche Arbeitsorganisation außerhalb der Fabriksmauern, mit dem Ziel, das soziale Leben zur Gänze zu durchdringen.
Der „schwere“ Kapitalismus hielt die beschäftigten Arbeiter fest auf dem Boden – heute reist das Kapital mit leichtem Gepäck (Handy, Laptop): ständige Bewegung der Beschäftigten, Güter und Firmen.


(Zygmunt Baumann)

Sonntag, 16. Dezember 2007

Zur Theorie der Überforderung

Die meiste Zustimmung fand bisher die These von der beruflichen Überforderung:
+ Konkurrenzdruck zwischen Kunden, Kollegen, Firmen
+ das Bewußtsein, für die Firma nur ein Geldfaktor zu sein, der in Notzeiten jederzeit "abgebaut" werden kann
+ gesteigerter Arbeitseinsatz, wenig Energie für Lebensbereiche außerhalb der Arbeit
+ dermaßen gesteigerte subjektive Bedeutung der Erwerbsarbeit bei zugleich abnehmender Bedeutung des Arbeitnehmers für die Firma



Weitere Thesen:
+ gesteigerter Anpassungsdruck an Lebensformen: Marken-Bekleidung, Autos, Urlaubsreisen usw. legen die finanzielle Latte hoch und verringern Bewegungs- und Erlebnismöglichkeiten;

+ zunehmende Ichzentrierung:
"was gibt ma des" (Qualtinger), vgl. mit vorigem Posting des Scheidungs-SMS!

+ Erlebniszentrierung:
"das Ungeborene hat ein Lebensrecht, wenn es Schmerz ERLEBEN kann...."
"der Behinderte kann vielleicht Glück ERLEBEN" (Argumente ethischer Normendiskussion im RU)
...wenn ich das und das tu, dann FÜHL ich mich wohl
...damit sie sich hier wie zu Hause FÜHLEN (weil dus nicht BIST: sondern fremd hier)
...damit die Menschen das GEFÜHL haben, es wird etwas für sie getan (Politiker-Rechtfertigung)

+ Transzendenzverlust:
"das macht Sinn/ keinen Sinn" (Heide Schmidt)
-> als ob Sinn hergestellt werden könnte!
Vielleicht ist diese Erscheinung die Zusammenfassung aller anderen Beobachtungen.

Dienstag, 11. Dezember 2007

hallo du,

so begann ein SMS von einem früheren Mitarbeiter, den ich getraut habe:

"Nach 5 Jahren Ehe und gesamt 11 Jahren Beziehung laß ich mich scheiden. Was so leicht klingt war lange von mir überlegt und es ist schwer, aber für meine Seele besser."

So sind Menschen...

Mittwoch, 5. Dezember 2007

von der theorie der überforderung

Nehmen wir einmal an, die heutigen Menschen wären von ihrem Leben überfordert. Ihnen wäre einfach alles zu viel, der fordernde Beruf, der ihnen alles abverlangt, ihren Fleiß, ihre Kreativität, ihre Kommunikationsfähigkeit. Dann der fordernde Ehepartner, der Ansprüche stellt. Und natürlich der fordernde Nachwuchs, der nicht nur die neuesten Computerspiele beansprucht, sondern auch Zuwendung und Zeit. Halten wir uns gar nicht auf mit Vergleichen zu früheren Zeiten, mit Fabriksarbeit oder Bauernleben, mit Wochenstunden und Arbeitsbedingungen. Denn es könnte ja sein, dass Menschen früherer Generationen andere Ressourcen hatten, und das sie darum Schwieriges anders aufgefaßt haben. Eine Theorie der Überforderung müßte daher nach den Sinnkonzepten fragen, mit denen Menschen ihre Situationen verstanden und bewältigt haben.

Erste Station würde die Theorie bei der Frage der Selbstbestimmung machen, welche die Aufklärung gestellt hat. Die freie Selbstbestimmung der Vernunft ist ja seit Kant die Basis des modernen Subjekt-Konzeptes. Der Mensch entscheide nach Vernunftgründen, nach welchen Richtlinien er sein Leben gestalten wolle, seine Berufsplanung, sein Familienleben, seine Weltanschauung und seinen Glauben. Das setzt ein hohes Maß an Einsicht und Reflexionsvermögen voraus. Umso mehr, als es dieses Menschenbild ja nicht mehr erlaubt, einfach so weiter zu machen: Denn damit ist ja die Tradition diskreditiert. Nur weil die Alten so dachten, ist kein Argument für mich. Und leider, die Umfragen zeigen es sehr deutlich: sie haben keine Argumente! In die Kirche gehen, nur wegen des Glaubens? Leben nach dem Tod? Sündenvergebung? Mission? Der Glaube ist ja eben kein Argument. Ist die Aufklärung an dieser Generation gescheitert?

Aber an unserer Generation: Wir glauben nur, was beweisbar oder argumentierbar ist. Sagen wir.

Irgendeine Station, möglichst eben nicht die erste, würde natürlich auch die Reformation untersuchen. Als Geisteshaltung, die einen Gottesglauben fundieren will außerhalb der rissig gewordenen Tradition, und besonders außerhalb des Dogmas und der Kirchenautorität. Aber diese Bestimmung würde selbstverständlich nicht auf eigene Bestimmung, sondern auf Gnade zurückgehen. Das Fundament dieser Haltung ermöglicht ein neues Schriftverständnis, auch eine neue Schriftauswahl, und besonders eine neue Kirchenverfassung. Es läßt sich das nicht ableiten aus den politischen Bedingungen der Renaissancezeit, sondern enthält ein bleibendes Element neuzeitlichen Menschseins, das in heutigen sehr säkular gewordenen Kirchen wiedergefunden werden kann.

Eine andere Station müßte bei der keimenden Wissenschaftsgläubigkeit gemacht werden, meinetwegen beim beginnenden Empirismus und Rationalismus, aber jedenfalls beim Evolutionsbegriff, der, von der Biologie der Arten ausgehend, heute das ganze Gebäude wissenschaftlichen Denkens und Meinens trägt. Der Gedanke also, etwas wäre verstanden, wenn seine Ursachenkette bekannt wäre, bis zu einem Weltbild immerwährenden Werdens und Vergehens. Dabei können ruhig auch die Grenzen oder Verfeinerungen dieser Erklärungsmodelle durch die Quantenmechanik und Chaostheorie zur Darstellung kommen, die das Bild wissenschaftlicher Rationalität insgesamt aber nicht zur Disposition stellen werden.

Der Hauptteil der Theorie aber sollte sich mit den heutigen Lebensäußerungen beschäftigen. Dabei würden vermutlich die vielen Wahlmöglichkeiten des Individuums in der modernen Demokratie im Zentrum stehen. Denn wenn nicht nur Regierungen und Parteien zur Wahl stehen, nicht nur Berufe und Partner, Kinderwunsch und Lebenskonzepte, Weltanschauungen und Religionen – manches davon erst seit wenigen Jahrzehnten und folglich noch ohne großen Erfahrungswerte -, sondern auch solche Fragen wie nach der Kontaminierung und Herkunft der Lebensmittel oder den Produktionsbedingungen und Transportwegen unserer Elektrogeräte und Bekleidungen: dann steigen die meisten aus. Die Wahlmöglichkeit ist zur Belastung geworden. Die leicht abrufbare Information verpflichtet ja, und die unerträgliche Dauerverpflichtung (ist das schon einmal mit der Leibeigenschaft verglichen worden?) erzieht zur Ignoranz, welche ich als beständigste Haltung erwachsener Individuen erkenne. Haben Sie bedacht, welche Auswirkungen die Information des Arztes an die werdende Mutter hat, dass ihr Kind möglicherweise mißgebildet zur Welt käme, wenn sie das wolle – und nicht dieses Wachstum des neuen Menschenlebens rechtzeitig beende? Dass die Mutter nunmehr die Existenz des behinderten Kindes rechtfertigen muß? Oder die Angehörigen des alten, kranken Menschen dessen Pflege zu Hause oder in der Anstalt? Oder, gestatten Sie diese Argumentation, der Arbeitslose seine erwerbsuntätige Existenz, wie auch die Hausfrau?

Besonders würde ich von einer Theorie der Überforderung Aufschluß erwarten über die Funktionalisierung des Menschen, deren Effizienzkriterien er sich willenlos (oder jedenfalls widerstandslos) zu unterwerfen scheint. Wie kann ein modernes Subjekt sich so bereitwillig den Zwängen der Fabrikation des öffentlichen und privaten Lebens unterwerfen, deren Werbemechanismen und Konsumzwänge so offensichtlich alle Lebensbereiche beherrschen und diese Herrschaft völlig ungeniert und unwidersprochen zu Markte tragen? Warum läßt sich der aufgeklärte Bürger so bereitwillig reduzieren, warum unterstützt er noch seine eigenen Parasiten, die aus ihm jede Eigenständigkeit saugen, um damit ein System zu nähren, den Markt und seinen Wettbewerb, auf dem er recht und schlecht überleben kann, dauernd vom Absturz bedroht? Mit Beifall belohnt wird, wer wieder Pfründe einer Gruppe bloßstellt, um sie gleichzumachen, obwohl wir lieber Überlegenheit durch Leistung und Rücksichtslosigkeit anerkennen als durch Geist – vorläufig wenigstens. Wenn, zumindest in Mitteleuropa, unaufhörlich der Gräueltaten der Nazizeit gemahnt wird, die die anderen begangen haben, so ist eigentlich der moralische Fortschritt im Menschenbild nur schwer zu erkennen, oder im Vergleich zum Imperialismus und zur Kolonialpolitik: nur die Mittel scheinen verändert, kaum die Sprache.

Es dürfte vielleicht nicht so schwer sein, eine solche Theorie überzeugend darzustellen, und ist bestimmt bereits geschehen. Aber die Mittel der Gegensteuerung scheinen doch recht bescheiden, Schule und Politik, gesellschaftsbildende Elemente, noch gerade mit der Effizientmachung des Menschen beschäftigt: und die Kirche? Man möge nicht von der Dringlichkeit der Aufgabe auf den Ernst der Arbeit schließen, auf Einhelligkeit in der Absicht und Einsatz aller Kräfte. Das wäre nämlich ein Effizienzargument.

Ich wollte sicher sein, dass ich nicht vergeblich laufe oder gelaufen bin

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