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Mittwoch, 14. Mai 2008

der zögling tjaz - kein entwicklungsroman

1.

Die gängige Spur, diesen Roman von Florjan Lipus als Dokument der slowenischen Volksgruppe zu lesen, die Peter Handke mit seiner Übersetzung ins Deutsche gelegt hat, wird bestehen bleiben und kann von jedem betreten werden. Es führen aber noch viele andere Spuren zu und durch dieses Werk, und besonders um derentwillen, die das Werk jenseits wieder verlassen, soll noch ein anderer Durchgang versucht werden.

a.
Endlich gehst du durchs Dorf, beginnt Buch und Erzählung, also mit einer Rede, die im ganzen Roman anhält und ein Du hat, aber keineswegs den Leser. Vom Ende her gesehen könnte das eine Art Biograph sein, einer, der die Geschichte des Zöglings aufschreibt, aber jedenfalls erzählt er sie ihm, erzählt ihm also die eigene Geschichte. Warum tut man das? Es ist wie das gemeinsame Betrachten alter Familienfotos, da wird gezeigt und identifiziert, und mitunter neu gedeutet. Dem Zögling wird vom Ende her seine eigene Geschichte gesagt, er ist verwirrt, ihm wird gesagt: schau her, das bist du, so bist du.

b.
Das Dorf, durch das Tjaz zur Bahnstation geht: das zwischen deiner Bahnstation und dem Elternhaus liegt, und das heißt nicht viel: es ist ihm gewährt, dazwischenzuliegen, mag es dir auch im Weg sein auf dem Weg zur Station. (S.5 – zitiert nach der Ausgabe Suhrkamp 1984)
Ist das eine Überhebung des Zöglings, dass dem Dorf die Gnade seiner Beheimatung zukommt? In der Anrede mag es eine Beschwörung sein, die ihn groß macht und ihm eine Identität verleiht, die vor dem Dorf und seiner restlichen Umgebung liegt. Aber recht allgemein soll diese Verortung des Zöglings zunächst nur Subjektumkehr genannt werden: nicht der Gehende durchkreuzt die Umgebung, sondern die Umgebung umlagert den Gehenden. Auf dem Lebensweg des Zöglings liegen: Elternhaus, Dorf, Bahnstation.... So funktioniert der Text.

c.
So sitzt du eigentlich nicht im Zug, obwohl du inzwischen schon eingestiegen bist, sondern treibst dich in den Mäulern deiner Dörfler herum und bist ihnen Anlaß zu Gedampfe. Obwohl sie nicht die Deinen sind und du keiner von ihnen bist, sind sie doch die Deinen, und du bist einer von ihnen, weil sie dich zu ihresgleichen gezählt haben, sie selbst haben ja sonst niemanden, du hast dich ihrer erbarmt (8). Zur Subjektumkehr, die nun deutlich als Gnade dargestellt ist, tritt noch eine Dislokation: Gesprächsstoff sein mindert die Präsenz im fahrenden Zug. Gesprächsstoff sein ist eine Aktivität, vergleichbar der wiederkäuenden Verdauung von Kühen. Und noch eine weitere Art von Subjektumkehr läßt es pendeln, wer nun zu wem gehört, wer also der Aktive und wer der Zugehörige ist. Zuletzt bleibt die Unzugehörigkeit: die niemand haben, sind die Heimatlosen (ich will nicht von der Volksgruppe reden!) – d.h. in der Rückgängigmachung der Subjektumkehr wird nun deutlich der Tjaz als der Heimatlose, Unzugehörige, ja Verlorene sichtbar, und in der Rede wird ihm gerade das Gegenteil beschworen. Das zum Sinn dieser Redeform.

d.
Ist es Gottes Wille gewesen, ist es nicht Gottes Wille gewesen, Tjaz hat angefangen, sie von unten her anzuschauen, statt von oben, dabei ist er sich auch seiner Verwirrung bewußt geworden. Der Internatling schaut das Weib grundsätzlich von oben an (16). Zur Subjektumkehr tritt der Perspektivenwechsel. Das Internat liegt am Berghang und schaut ins Tal. Der Zögling wird einmal ein gebildeter Mensch, und schaut auf die Dorfbewohner herab. Das geistliche Institut bereitet auf ein geistliches Leben vor und blickt daher auf die Frau herab. Nun, das sind alles die Trampelpfade biederen Lesens. Aber hier ist von Gottes Blick die Rede. Und der Wechsel in die irdische Perspektive ist derjenige der Versuchung: aber wenn ihn die Augen verleiten. Wenn hier aber Adam und Eva mitzulesen sind, dann wird die Frage nach Gottes Willen zur theologischen Frage: Will Gott die Versuchung? Das Verleitetwerden durch die Augen klingt wie Ausrede, bei Adam: die Schlange – aber ist nicht beides gleichermaßen Subjektumkehr? Dann ist der ganze Text als Rechtfertigung zu lesen.

e.
Die Initiation, die nun folgt, wird als Vorgang zwischen Erde und Mensch erzählt: Beute – Finger – Stengelchen – Widerstand – stinkigen Saft, Finger bespritzt – Säfte versagt – strotzende Lebensverlangen – heilsamen Berührungen – ranzigen Ausdünstungen – Blut aus der Wunde gesickert – keine Schmerzen - Honig gerochen – Norm zerplatzt - . Als du heimgehst, verbeugt sich vor dir das Gras (17-25). Umgekehrt erscheinen nun sie als die Erde (anstatt Adam aus dem Ackerboden) und er als das Leben (anstatt Eva, das Leben). Aber es ist eine Begegnung und Herausforderung, die er bestanden hat. Ohne zu wissen, was hier geschieht, hat er sich gestellt und bestanden. Das Gras verbeugt sich vor ihm, der das unerkannte Brautgemach verläßt, und Mann geworden kehrt er heim, ohne bemerkt zu haben, wie klein er ist: das Gras.
Diesem (ambivalenten) Sieg folgt sogleich die Niederlage, wenn die Verirrung des Kindes erzählt wird, das dem Vater, Holzfäller, das Essen in den Wald nachtragen soll: er, der keine richtige Sprache har, hat den Weg nicht richtig erklärt: so daß du schwindlig geworden bist und es dir den Boden unter den Füßen weggezogen hat (27). Unmittelbar nach der Defloration erzählt, könnte der Schwindel auch von dieser herrühren. Aber der Verirrte taumelt allein durch den dunklen Wald: Ein Abgrund hat dir entgegengestarrt und ist dir mit seiner Leere ans innerste Leben gegangen, er hat vor dir zu schwanken angefangen, fast hat er getanzt. Du bist größer geworden, und vor den Augen ist dir immer noch der Abgrund, der sich wiegt (28). Aber wieder ist es umgekehrt: Der Abgrund ist des Tjaz´ Ursituation, und im tanzenden Mädchen findet er sie wieder. Der Abgrund der Existenz aber erzeugt Schwindel.

f.
Wie und warum wird aus Tjaz der Kratzende? Er, der Kadavergehorsam von zu Hause kannte, hat den Predigten und Ansprachen des Spirituals auf den i-Punkt geglaubt (39) – warum ist er nicht in seiner Unauffälligkeit geblieben? Das kirchliche Leben des Internats nennt der Erzähler eine bloße Herde von Melkkühen, die Bubenschaft nur den ausführenden Teil: denn für das Leben der Kirche ist ein gläubiges Volk nun einmal notwendig, zum Unterordnen und zum Befolgen der Gebote (35). Ist das nun eine Kirchenkritik, verbunden mit einer Kritik am Internat? ....jetzt knieten sie sich nieder und streckten die Zungen heraus, auf daß der Priester einen nach dem andern sakramentalisch belade, worauf dann Reinheit von vorn nach hinten die Bänke durchstrahlte .... wie viele Wege mußten sich kreuzen, wie viele Schritte im Gleichmaß erfolgen, bis der Kirchengeometrie genügt war. (36)
Wiederum ist auf die Subjektumkehr zu achten, die Rechtfertigungsfunktion hat. Die Verlagerung der Verantwortung auf die Umstände und die Umgebung soll entlasten. Der Bericht des Biographs spricht den Zögling frei. Aber die hier genannten Subjekte sind: die Bubenschaft, die Kirchengeometrie. Das sind keine verantwortungsfähigen Subjekte, sondern Verallgemeinerungen. Der einzelne wird in etwas (imaginäres) Allgemeines hineingestellt. Die beladenen Zungen, die bänkedurchstrahlende Reinheit, die vorherrschende Kirchengeometrie erscheinen als imaginäre Subjekte, denen alles Individuelle und Selbständige unterzuordnen ist. Jedenfalls für Zöglinge, die nicht Ich sagen, nicht selbst und aus Eigenem handeln, sondern wegen etwas Allgemeinem und ihnen Fremden. Die Subjektumkehr (Subjektverwandlung) zeigt die fehlende Individuation: als Erziehungsproblem und als pastorales Problem. Wir denken an die Zeiten der Volkskirche und an das kirchliche Leben aus automatisierter Zugehörigkeit, ohne individuelle eigenverantwortliche Glaubensentscheidung.

g.
Ein Unglück, das ihm leibhaftig die Schuhe ausgezogen hat (47), begegnet dem Mitzögling, der unglücklicherweise gerade vor Tjaz zu sitzen kommt. Als dieser ihm unbemerkt die Nägel aus den Lederschuhen zieht, welche auseinanderfallen, wäre er am liebsten versunken. Nun beginnt Tjaz seine Abgründigkeit und Bodenlosigkeit auf andere zu übertragen, und es wird ausdrücklich als seine neue Aktivität dargestellt, als sein Eigenes, seine neue Eigenheit, das Kratzen, obwohl das doch augenscheinlich gar nichts mit Kratzen zu tun hat. Kratzen ist Zeichen der Wehrhaftigkeit des Unterlegenen, Schwächeren. Kratzen macht nicht stärker, aber sichert einen Freiraum.
Durch das Kratzen ereignet sich verspätet Tjaz´Individuation.

h.
Als der bereits Mann gewordene Tjaz das Mädchenzimmer der nicht unerfahrenen Nini betritt, da hat er zunächst nur Augen für die Zimmereinrichtung. Vielleicht ist es das Individuelle nach den Schlafsälen, die er kennt, vielleicht das Persönliche und Private. Jedenfalls verschafft ihm das Beobachten und Späen einen Freiraum, und es sind nach dem Kratzen die ersten freien Handlungen, die von ihm erzählt werden – und gerade der Widerspruch zum Allgemeinen der Internatsordnung sind das Zeichen dafür, bis zur morgendlichen Heimkehr. Viel Sprechen mit der neuen Freundin war nicht.

i.
Der Höhepunkt des Kratzens, und sozusagen die erste freie und bewußte Tat, ist die Stürmung des Himmels, verbunden mit der Schändung der Heiligen. Tjaz erklettert zusammen mit einem Verbündeten, wahrscheinlich dem Biographen, und im Beisein Ninis, nachts den Hochaltar mit der Säge, und verstümmelt die Heiligenfiguren, die er bisher so wie damals das Mädchen von unten gesehen hat. Einige göttliche Heilige und Heiliginnen haben noch gewartet und uns ihr Holz angeboten, aber wir haben sie nicht mehr erhören können (96). Das Wachstum des noch klein gebliebenen Tjaz setzt mit den Kratzaktionen ein, und das größte Wachstum, das im Internat möglich ist, führt zu den Heiligen und über sie hinaus, die weiblichen werden gesondert erwähnt. Es erscheint als lustvolle Orgie, und wie als weiterer, besonderer Schritt auf der Himmelsleiter, und ohne einen Schatten von Destruktivität und Rache. Der zu sich gekommene Holzfäller.

j.
Am Ende wird des Tjaz´ Neigung zur Weiblichkeit auf einen noch höheren Turm führen. Und auf die höchste Erhebung des Verbannten wird dessen tiefster Fall folgen, gerade in dem Moment, als er mit dem Biographen zusammentreffen soll. Damit könnte die ganze Biographie als fiktiv erkannt sein, wenn sie nicht als Beschwörung und Rehabilitation des Gefallenen zu verstehen ist. Denn der Tjaz scheint noch immer keine eigene Sprache gehabt zu haben, konnte sich auch mit dem Mädchen kaum verständigen.


k.
Erhellend ist ihr Bericht, ebenso fiktiv wie der des Biographen: mit dem Gekratze vervollständigte er sich, formte sein eigenes Leben, hielt sein Geschick im Gleichgewicht(193)- deutet sie, versteht es also und versteht es nicht, ist in einer Weise ihm verbündet und ist es nicht.
Ich verstehe nicht, wie er sich das Leben nehmen konnte, ich habe ihn doch alles tun lassen, was ihm nottat(197), bekennt sie offen und hilflos, und zeigt damit das Drama des Scheiterns aller: des Vaters, des Internats, der Freundin. Des Tjaz.
Mit tun lassen ist es nicht getan.
Was war wohl jenes Wort?
Er trug in sich jenes Wort, das ihn letztlich in den Tod trieb(186) - das niemals ausgesprochene, verschwiegene, ungesagte, doch gesagte, unverstandene, entsetzliche, von dem sie fühlte, dass er es ihr zugedacht hätte:
immerhin jemand, der ICH sagt.


2.

a.
Ein anderer Zögling, und damit soll jetzt des Tjaz` Geschichte von hinten und von innen aufgerollt werden, nämlich der Törleß, erlebt jene "Jahre des Übergangs" in einem Erziehungsinstitut in der Provinz - er kommt sozusagen von der anderen Seite, von der städtischen, wohlhabenden, gut situierten an ebendiese Schwelle, und die Provinz selbst mag dabei die Aufgabe eines Klosters erfüllen, das in seiner Abgeschiedenheit die inneren Vorgänge verstärkt zu Bewusstsein bringt: und er borgt seine Sprache jenem Holzfällerbuben und konzediert gleich zum Anfang dessen Ende:
Wenn man da solch einem jungen Menschen das Lächerliche seiner Person zur Einsicht bringen könnte, so würde der Boden unter ihm einbrechen, oder er würde wie ein erwachter Nachtwandler herabstürzen, der plötzlich nichts als Leere sieht.(16 - Törleß, nach Rowohlt zitiert)

b.
"Von alldem, was wir den ganzen Tag in der Schule tun, - was davon hat eigentlich einen Zweck? ... Man weiß am Abend, daß man wieder einen Tag gelebt hat, daß man soundsoviel gelernt hat, man hat dem Stundenplan genügt, aber man ist dabei leer geblieben, - innerlich meine ich, man hat sozusagen einen ganz innerlichen Hunger...."
Das ist eine Wahrnehmung des Schülerlebens im ganzen, der Betriebsamkeit mit all ihrer inneren Folgerichtigkeit, wahrscheinlich nicht anders als auch ein Berufsleben: es bleibt ohne innere Korrespondenz, es geht ins Leere, es antwortet nichts im Menschen, der Schüler ist zwar tätig, doch nur äußerlich, die Tätigkeiten meinen nicht IHN, er selbst wird nicht erreicht und bleibt hinter dem Getriebe zurück.
"Es ist so: Ein ewiges Warten auf etwas, von dem man nichts anderes weiß, als daß man darauf wartet .... Das ist so langweilig ...." (30f)

c.
Bei Tjaz klingt das so: Jetzt kamen sie reihenweise nach vorn zu den betonierten Altarstufen, jetzt knieten sie sich nieder und streckten die Zungen heraus, auf daß der Priester einen nach dem anderen sakramentalisch belade, worauf dann Reinheit von vorn nach hinten die Bänke durchstrahlte ... wie viele Wege mußten sich kreuzen, wie viele Schritte im Gleichmaß erfolgen, bis der Kirchengeometrie genügt war. (36) Wieder steht das handelnde Subjekt zur Frage (Subjektumkehr), liegt nicht im Schüler, nicht im Erzieher/Priester – und diesmal kann der Entzug des Subjekts nun ein Tor öffnen zu der wirklichen Misere der Geschichte: Sie entbehrt der Handelnden! Ein Gottesdienst um der Geometrie willen, kein Erziehungsziel, keine Werte, keine Selbständigkeit, kein selbständiges Glauben. Stattdessen Selbstanpassung.


3

a.

Viele würden jetzt gerne auf die bestimmten Bildungsinstitutionen eingehen, die Internate, die Schulen, auch auf Kirche als Institution, auf Glaubens-„Vermittlung“. Und die kritische Schlagrichtung im Zögling Tjaz ist nicht zu verhehlen. Aber zuerst sollte Dringlicheres abgeklärt werden: Es fehlt an Menschen. Solche, die handeln können, die entscheiden, die Ziele haben, die begegnen können. Menschen mit Freiheit und Selbständigkeit. Dem Tjaz gegenüber ist nur ein Mensch mit seinem Namen geltend geworden, und dieses Mädchen war selbst noch halb Kind, das mit sich machen ließ.

b.
Was nun den Institutionen angelastet werden kann, ist, dass sie zuwenig transzendente Ziele anstreben, zumal den kirchlichen. Denn nicht als Anpassung soll gelebt/gelernt/geglaubt werden, darin liegt kein Sinn, sondern in jedem einzuübenden Vollzug soll das Worumwillen deutlich werden, das erst wäre die wirklich pädagogische und menschliche Aufgabe.

c.
Nun ist gerade am Törleß deutlich geworden, dass erst solche Selbstdistanzierung gültige, weil reflektierte Sprache hervorbringt. Tjaz spricht nicht, er kratzt. Mutter/Vater haben ihm keine Sprache gegeben, und verlassen tastet er nach dem großmütterlichen Urbild einer Zugehörigkeit, ohne einem elterlichen Menschen zu begegnen, auf schwankendem Boden.
Dass Sprache entsteht, bedarf eines anderen, eines Fremden (des Biographen), obzwar mit unerklärlichem Wissen über des Tjaz’ Geschichte und Herkunft. Möglicherweise ist er ihm doch näher gekommen, als er sagt.

d.
Und wenn es das ist, was bleibt, der Appell an die persönliche Begegnung, die Wahrnehmung des einzelnen in seiner unsäglichen Not, das Erscheinen des Ungesagten – oder wenn es sogar das ist, dass in der unbeholfenen Subjektumkehr das bleibend Mystische erkannt wird, dass jenseits des frei und selbstbewußt handelnden Menschen etwas anderes als Subjekt erkannt wird. Aber man soll sich Gedanken machen, wie einer Mensch werden kann, und nicht Funktion, und es ist wohl seit den Zeiten des Tjaz der Individualismus weit fortgeschritten, sogar extrem weit, ist zum wichtigsten immanenten Wert der Gesellschaft geworden, aber noch lange nicht die Individuation, im Gegenteil. Was heißt nun ICH sagen.



Vergleiche:
http://diepresse.com/home/meinung/kommentare/fleischhacker/374605/index.do?direct=374563&_vl_backlink=/home/bildung/erziehung/index.do&selChannel=
http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/384583/index.do?from=suche.intern.portal

Samstag, 22. Dezember 2007

Flüchtige Moderne

Flüchtig/flüssig: Flüssigkeiten und Gase bewegen sich und verbrauchen Zeit, während Festkörper in ihrer Form verharren. Modernisierung wurde stets als Verflüssigung von zu Starrem verstanden: Zerschlagung von Formen. Aber es sollten neue Stabilitäten entdeckt werden:
instrumentelle Rationalität (Max Weber),
determinierende Rolle der Ökonomie (Karl Marx).
Die heutige Herrschaft des Ökonomischen, dessen Ordnung sich ununterbrochen reproduziert, nennt Claus Offe „Null-Option“. Elemente:

o Demontage aller sozialen Verbindungsglieder, weil sie menschliche Handlungsfreiheit einschränken würden,
o Geschwindigkeit, Verschwinden, Passivität (Richard Sennett)
o gesellschaftliche Position MUSS selbst definiert werden
o Eroberung des Raums – Aufteilung der Welt, Ausbreitung der Siedlungen
o Kriege sind keine Eroberungskriege mehr, die Territorium besetzen wollen, sondern rasche Schläge und Verschwinden, um Hemmnisse des globalen Machtflusses zu beseitigen (vgl. Golf I, Balkan, Terrorismus)
o Bodenhaftung verliert an Bedeutung: transnationale Ökonomie


Freiheitsbegriff: Ein Leben auf der Basis augenblicklicher Impulse bedeutet eine geistlose Existenz (Anthony Giddens)
Kritik an der Realität als Pflichtaufgabe der Normalexistenz: wir sind „reflexive“ Wesen in permanenter Selbstbeobachtung und Unzufriedenheit, immer auf dem Weg der Verbesserung (Giddens) – aber die komplexen Steuerungsmechanismen werden nicht durchschaut: Hilflosigkeit (Leo Strauss)

Moderne Gesellschaft ist wie ein Campingplatz: Jeder kann sich dort niederlassen, bekommt Stellplatz, zahlt für Strom- und Wasseranschluß, jeder nach seinen eigenen Plänen. Die Autorität des Platzverwalters wird anerkannt, die Nachbarn sollen nicht laut sein. Aber:
o kein gemeinsamer Hasushalt
o keine Systemkritik, höchstens Kritik der Konsumenten

Der bisherige Typ moderner Gesellschaft, auf den sich die traditionelle kritische Theorie Adornos und Horkheimers bezog, suchte den Totalitarismus:
o die fordistische Fabrik (mechanisierte Menschen)
o Bürokratie (Verwaltungsdienste ohne Persönlichkeit)
o Big Brother als umfassende Kontrolle
o Konzentrationslager bzw. GULag als Belastungstest unter Laborbedingungen

Seit Lessing: Emanzipation vom Glauben an die Schöpfung – zurückgeworfen auf sich selbst – unfähig zum Stillstand: modern sein heißt, sich immer ein Stück voraus sein.
Modernisierung = Selbstverwirklichung der Individuen; statt Kampf um gerechte Gesellschaft nun Kampf um Menschenrechte (eigene Idee des Glücks, eigener Lebensstil)

Die Gesellschaft DER Individuen (Norbert Elias): reziproke Erschaffung der Indiv. durch Gesells. und umgekehrt.
Laufende Individualisierung ←→ Umgestaltung der Netzwerke gegenseitiger Abhängigkeit
Menschen werden nicht mehr in ihre Identität hineingeboren (sozial, beruflich, geschlechtlich) – die frühe Moderne hatte die Menschen entwurzelt, um sie neu einzuordnen: Entwurzelung als Schicksal, Neuverortung als AUFGABE des Einzelnen → reflexive Moderne (Ulrich Beck): Bettenknappheit wie „Reise nach Jerusalem“, immer in Bewegung, kein Ankommen, nur flüchtige Beziehungen, keine Aussicht auf Wiedereinbettung. Also: Individualisierung ist ein Schicksal, nicht frei gewählt.

Tocqueville: in die Freiheit entlassene Menschen werden indifferent: das Individuum ist der größte Feind des BÜRGERS (Person, die ihr Wohlergehen an das der Stadt knüpft) – während Individuen außer Eigeninteressen noch Allgemeininteressen verfolgen: damit füllen sie den öffentlichen Raum.
Die ÖFFENTLICHKEIT wird durch die Privatsphäre kolonisiert: geteilte Intimität als Form der „Vergemeinschaftung“, öffentliche „Interesse“ nur mehr Neugier des Publikums.

Wachsender Widerspruch zwischen Individuen DE JURE und Individuen DE FACTO, die Kontrolle über das eigene Schicksal erhalten. Zerfall des öffentlichen Raums, der zu einem riesigen Bildschirm geworden ist, auf den private Sorgen projiziert werden. Gestaltungsmacht ist daraus verschwunden, keine öffentlichen Anliegen. Selbstgemachte Identitäten: zerbrechliche Partnerschaften, große Erwartungen, kaum Institutionalisierungen.

Ideen der herrschenden Klassen = herrschende Ideen (Karl Marx): heute also nach mehrhundertjähriger Herrschaft kapitalistischer Lenker Totalherrschaft kapitalistischer Ideen:
Fordismus: Rationalisierung und Mechanisierung der Produktion, Trennung von Intelligenz und manuellen Vorgängen, verstärkte Kontrolle, verstärkte Anreize (Bezahlung).
Lenin: „sowjetisches Organisationsmodell“ = wissenschaftliche Arbeitsorganisation außerhalb der Fabriksmauern, mit dem Ziel, das soziale Leben zur Gänze zu durchdringen.
Der „schwere“ Kapitalismus hielt die beschäftigten Arbeiter fest auf dem Boden – heute reist das Kapital mit leichtem Gepäck (Handy, Laptop): ständige Bewegung der Beschäftigten, Güter und Firmen.


(Zygmunt Baumann)

Sonntag, 16. Dezember 2007

Zur Theorie der Überforderung

Die meiste Zustimmung fand bisher die These von der beruflichen Überforderung:
+ Konkurrenzdruck zwischen Kunden, Kollegen, Firmen
+ das Bewußtsein, für die Firma nur ein Geldfaktor zu sein, der in Notzeiten jederzeit "abgebaut" werden kann
+ gesteigerter Arbeitseinsatz, wenig Energie für Lebensbereiche außerhalb der Arbeit
+ dermaßen gesteigerte subjektive Bedeutung der Erwerbsarbeit bei zugleich abnehmender Bedeutung des Arbeitnehmers für die Firma



Weitere Thesen:
+ gesteigerter Anpassungsdruck an Lebensformen: Marken-Bekleidung, Autos, Urlaubsreisen usw. legen die finanzielle Latte hoch und verringern Bewegungs- und Erlebnismöglichkeiten;

+ zunehmende Ichzentrierung:
"was gibt ma des" (Qualtinger), vgl. mit vorigem Posting des Scheidungs-SMS!

+ Erlebniszentrierung:
"das Ungeborene hat ein Lebensrecht, wenn es Schmerz ERLEBEN kann...."
"der Behinderte kann vielleicht Glück ERLEBEN" (Argumente ethischer Normendiskussion im RU)
...wenn ich das und das tu, dann FÜHL ich mich wohl
...damit sie sich hier wie zu Hause FÜHLEN (weil dus nicht BIST: sondern fremd hier)
...damit die Menschen das GEFÜHL haben, es wird etwas für sie getan (Politiker-Rechtfertigung)

+ Transzendenzverlust:
"das macht Sinn/ keinen Sinn" (Heide Schmidt)
-> als ob Sinn hergestellt werden könnte!
Vielleicht ist diese Erscheinung die Zusammenfassung aller anderen Beobachtungen.

Dienstag, 11. Dezember 2007

hallo du,

so begann ein SMS von einem früheren Mitarbeiter, den ich getraut habe:

"Nach 5 Jahren Ehe und gesamt 11 Jahren Beziehung laß ich mich scheiden. Was so leicht klingt war lange von mir überlegt und es ist schwer, aber für meine Seele besser."

So sind Menschen...

Mittwoch, 5. Dezember 2007

von der theorie der überforderung

Nehmen wir einmal an, die heutigen Menschen wären von ihrem Leben überfordert. Ihnen wäre einfach alles zu viel, der fordernde Beruf, der ihnen alles abverlangt, ihren Fleiß, ihre Kreativität, ihre Kommunikationsfähigkeit. Dann der fordernde Ehepartner, der Ansprüche stellt. Und natürlich der fordernde Nachwuchs, der nicht nur die neuesten Computerspiele beansprucht, sondern auch Zuwendung und Zeit. Halten wir uns gar nicht auf mit Vergleichen zu früheren Zeiten, mit Fabriksarbeit oder Bauernleben, mit Wochenstunden und Arbeitsbedingungen. Denn es könnte ja sein, dass Menschen früherer Generationen andere Ressourcen hatten, und das sie darum Schwieriges anders aufgefaßt haben. Eine Theorie der Überforderung müßte daher nach den Sinnkonzepten fragen, mit denen Menschen ihre Situationen verstanden und bewältigt haben.

Erste Station würde die Theorie bei der Frage der Selbstbestimmung machen, welche die Aufklärung gestellt hat. Die freie Selbstbestimmung der Vernunft ist ja seit Kant die Basis des modernen Subjekt-Konzeptes. Der Mensch entscheide nach Vernunftgründen, nach welchen Richtlinien er sein Leben gestalten wolle, seine Berufsplanung, sein Familienleben, seine Weltanschauung und seinen Glauben. Das setzt ein hohes Maß an Einsicht und Reflexionsvermögen voraus. Umso mehr, als es dieses Menschenbild ja nicht mehr erlaubt, einfach so weiter zu machen: Denn damit ist ja die Tradition diskreditiert. Nur weil die Alten so dachten, ist kein Argument für mich. Und leider, die Umfragen zeigen es sehr deutlich: sie haben keine Argumente! In die Kirche gehen, nur wegen des Glaubens? Leben nach dem Tod? Sündenvergebung? Mission? Der Glaube ist ja eben kein Argument. Ist die Aufklärung an dieser Generation gescheitert?

Aber an unserer Generation: Wir glauben nur, was beweisbar oder argumentierbar ist. Sagen wir.

Irgendeine Station, möglichst eben nicht die erste, würde natürlich auch die Reformation untersuchen. Als Geisteshaltung, die einen Gottesglauben fundieren will außerhalb der rissig gewordenen Tradition, und besonders außerhalb des Dogmas und der Kirchenautorität. Aber diese Bestimmung würde selbstverständlich nicht auf eigene Bestimmung, sondern auf Gnade zurückgehen. Das Fundament dieser Haltung ermöglicht ein neues Schriftverständnis, auch eine neue Schriftauswahl, und besonders eine neue Kirchenverfassung. Es läßt sich das nicht ableiten aus den politischen Bedingungen der Renaissancezeit, sondern enthält ein bleibendes Element neuzeitlichen Menschseins, das in heutigen sehr säkular gewordenen Kirchen wiedergefunden werden kann.

Eine andere Station müßte bei der keimenden Wissenschaftsgläubigkeit gemacht werden, meinetwegen beim beginnenden Empirismus und Rationalismus, aber jedenfalls beim Evolutionsbegriff, der, von der Biologie der Arten ausgehend, heute das ganze Gebäude wissenschaftlichen Denkens und Meinens trägt. Der Gedanke also, etwas wäre verstanden, wenn seine Ursachenkette bekannt wäre, bis zu einem Weltbild immerwährenden Werdens und Vergehens. Dabei können ruhig auch die Grenzen oder Verfeinerungen dieser Erklärungsmodelle durch die Quantenmechanik und Chaostheorie zur Darstellung kommen, die das Bild wissenschaftlicher Rationalität insgesamt aber nicht zur Disposition stellen werden.

Der Hauptteil der Theorie aber sollte sich mit den heutigen Lebensäußerungen beschäftigen. Dabei würden vermutlich die vielen Wahlmöglichkeiten des Individuums in der modernen Demokratie im Zentrum stehen. Denn wenn nicht nur Regierungen und Parteien zur Wahl stehen, nicht nur Berufe und Partner, Kinderwunsch und Lebenskonzepte, Weltanschauungen und Religionen – manches davon erst seit wenigen Jahrzehnten und folglich noch ohne großen Erfahrungswerte -, sondern auch solche Fragen wie nach der Kontaminierung und Herkunft der Lebensmittel oder den Produktionsbedingungen und Transportwegen unserer Elektrogeräte und Bekleidungen: dann steigen die meisten aus. Die Wahlmöglichkeit ist zur Belastung geworden. Die leicht abrufbare Information verpflichtet ja, und die unerträgliche Dauerverpflichtung (ist das schon einmal mit der Leibeigenschaft verglichen worden?) erzieht zur Ignoranz, welche ich als beständigste Haltung erwachsener Individuen erkenne. Haben Sie bedacht, welche Auswirkungen die Information des Arztes an die werdende Mutter hat, dass ihr Kind möglicherweise mißgebildet zur Welt käme, wenn sie das wolle – und nicht dieses Wachstum des neuen Menschenlebens rechtzeitig beende? Dass die Mutter nunmehr die Existenz des behinderten Kindes rechtfertigen muß? Oder die Angehörigen des alten, kranken Menschen dessen Pflege zu Hause oder in der Anstalt? Oder, gestatten Sie diese Argumentation, der Arbeitslose seine erwerbsuntätige Existenz, wie auch die Hausfrau?

Besonders würde ich von einer Theorie der Überforderung Aufschluß erwarten über die Funktionalisierung des Menschen, deren Effizienzkriterien er sich willenlos (oder jedenfalls widerstandslos) zu unterwerfen scheint. Wie kann ein modernes Subjekt sich so bereitwillig den Zwängen der Fabrikation des öffentlichen und privaten Lebens unterwerfen, deren Werbemechanismen und Konsumzwänge so offensichtlich alle Lebensbereiche beherrschen und diese Herrschaft völlig ungeniert und unwidersprochen zu Markte tragen? Warum läßt sich der aufgeklärte Bürger so bereitwillig reduzieren, warum unterstützt er noch seine eigenen Parasiten, die aus ihm jede Eigenständigkeit saugen, um damit ein System zu nähren, den Markt und seinen Wettbewerb, auf dem er recht und schlecht überleben kann, dauernd vom Absturz bedroht? Mit Beifall belohnt wird, wer wieder Pfründe einer Gruppe bloßstellt, um sie gleichzumachen, obwohl wir lieber Überlegenheit durch Leistung und Rücksichtslosigkeit anerkennen als durch Geist – vorläufig wenigstens. Wenn, zumindest in Mitteleuropa, unaufhörlich der Gräueltaten der Nazizeit gemahnt wird, die die anderen begangen haben, so ist eigentlich der moralische Fortschritt im Menschenbild nur schwer zu erkennen, oder im Vergleich zum Imperialismus und zur Kolonialpolitik: nur die Mittel scheinen verändert, kaum die Sprache.

Es dürfte vielleicht nicht so schwer sein, eine solche Theorie überzeugend darzustellen, und ist bestimmt bereits geschehen. Aber die Mittel der Gegensteuerung scheinen doch recht bescheiden, Schule und Politik, gesellschaftsbildende Elemente, noch gerade mit der Effizientmachung des Menschen beschäftigt: und die Kirche? Man möge nicht von der Dringlichkeit der Aufgabe auf den Ernst der Arbeit schließen, auf Einhelligkeit in der Absicht und Einsatz aller Kräfte. Das wäre nämlich ein Effizienzargument.

Dienstag, 11. September 2007

Die Auflösung des Papstes

Gut, wir haben gesehen, dass er wirklich da war, im Fernsehen oder an Verkehrstaus, obwohl die ja auch andere Ursachen gehabt haben können, wir haben gehört, er hätte etwas zur Abtreibung gesagt, die Fristenlösung sei keine Lösung und kein Recht, immerhin eines der bestgehüteten Tabus unserer Zeit, sogar Aufzeichnungen dazu sind untersagt, in das im Beamtenstaat Österreich, keine Statistiken, nur Schätzungen, sogar Ärzte fürchten um ihre Stellung, wenn sie sich dazu äußern öffentlich würden, ein öffentliches Tabu sozusagen, und die Kirche rüttelt daran und bekommt dafür Schläge, nun sage einer, die Kirche hätte sich nicht gewandelt, und gerade der Papst, höchster Würdenträger, sticht in dieses Wespennest, um das wir alle große Bögen machen, auch über die Protestanten hat er schon einmal etwas gesagt, in der selben Rede, in der es auch um den Islam ging, das hat die Öffentlichkeit alles registriert, sie hat sich augenblicklich echauffiert und im selben Moment ihrer Entrüstung gebrüstet, sich zurückgelehnt und den Kopf geschüttelt weltweit, und dann Steine geworfen und Kirchen angezündet und einige Geistliche ermordet, was sie ja seit Jahrhunderten tut, aber das weiß die Öffentlichkeit nicht, denn die Öffentlichkeit hat kein Gedächtnis, sie entwickelt sich auch nicht, es sind Rituale, gleichbleibende unwillkürliche Gesten, Reflexe, könnte man sagen, das Schnauben und Zähnefletschen verläuft in den Nervenbahnen der Welt, die sofort gereizt sind, wenn einer von Wahrheit spricht so wie meine Katze, wenn man ihr das Futter wegnimmt, denn das kann nicht stehenbleiben, so groß darf man den Menschen nicht machen, dass er sogar wahrheitsfähig sei, nein, der Mensch ist nur als Reflex zulässig, solange er in die Einkaufszentren rennt und dadurch die Wirtschaft belebt und Arbeitsplätze schafft, man sagt ihm das durch die Blume, und er reagiert, er rennt, man kann die Uhr stellen nach ihm, und Reflexe fragen nicht, niemand will wissen, was er da zusammenkauft, woher das kommt und wer das macht, und was dann daraus wird,/
und so fällt auch niemandem auf, dass uns die Menschen ausgehen, zwar wettert man gegen den Import von Menschen, damit sie nicht ganz ausgehen, aber Importe sind schlecht für die Bilanz, also ohne Menschen, und da braucht auch der Papst nicht dreinreden, sonst drehen wir ihn durch die Maschine, damit er so weich wird wie die Sonntagsreden vom christlichen Sonntag oder den christlichen Wurzeln Europas, ein Salbadern, das schon zu viele im Mund gehabt haben, oder den Schutz des Lebens oder die Heiligkeit der Schöpfung, das haben wir schon herabgestuft zu bunten Vorgärten und naturbelassenen Flußufern, allenfalls einmal eine Bergwanderung für die Naturverbundenheit, es soll halt dem Verkehr und der Entwicklung nicht im Weg sein, wer wollte die Entwicklung behindern, jetzt, wo wir schon so weit sind mit der Abschaffung des Menschen,/
und dann kommt der Papst, und wir hören, dass nur drei Gegendemonstrationen angemeldet sind, nur drei bisher, sagt der Nachrichtensprecher, nur drei angemeldet, als wäre das zuwenig, vielleicht sollten wir uns schuldig fühlen und zur Tat schreiten, oder als wären die übrigen Gegendemonstrationen illegal, weil nicht angemeldet bisher, was aber weniger schlimm wäre, denn es ist eine tolerante liberale Öffentlichkeit,/
und dann sehen wir in der ersten Zeile, wer aller auch dort war in Mariazell, etwa der bekennende agnostische Bundespräsident oder die islamischen Jugendlichen, und allen hat es gefallen, trotz Regen, Show oder Seelenmassage, besser als letztes Mal, gut, man kann auch gegen diesen Prunk sein, sagen meine Gäste, wozu soviel Spektakel um den alten Mann, während andererseits das Spektakel im neuen Fußballstadion am Vortag hierzulande beinahe mehr Gehör fand, vom Spiel selbst wollen wir schweigen, wenn nur wenigstens das Stadion voll war,/
und abends diskutieren dann die würdigen Herrn und Damen darüber, was das alles gebracht hat, welche nachhaltigen Wirkungen zu erwarten sind, und so sind bestimmt wichtige Impulse ausgegangen von Mariazell, wofür uns die Pastoralämter ja auch ein Jahr lang mit Papieren und Anregungen versorgt haben, aber es wird wieder keinen Fortschritt gegeben haben in den wirklich wichtigen Fragen der heutigen Kirche, die die Menschen bewegen, und das sind der Zölibat und die Frau in der Kirche, versichert uns die Herrn und Damen, denn an diesen Fragen kranke die katholische Kirche, sagt man uns seit 20 Jahren, viele haben das unterschrieben, aber die Kirche ist ja leider noch keine Demokratie, wie auch der menschliche Leib, dessen Gesundheit und Wohlergehen nicht mehrheitlich festgelegt wird,/
und so ist zwar das Krankmachen gelungen in diesen Jahrzehnten, diese beste der Wiener Eigenarten, die ich hier in der Provinz beinahe vermisse, hier wächst alles wie Kraut und Rüben, unreflektiert und aufs Geradewohl, da hält man sich nicht mit ideologischen Grabenkämpfen auf, gut ist, was uns nützt, uns, die es uns richten können, das ist einfach und natürlich und ideologiefrei und reflexionsfrei, während in Wien alles argwöhnisch beobachtet wird und dann, im kritischen Moment, abgeschossen, das ist innerhalb der Kirche so und gegenüber der Kirche, noch und noch habe ich das erfahren in meiner Ausbildungsstätte und in den Ausbildungspfarren, Gott hab sie selig, aber auch in der Politik, in der Kunst, oder etwa an der Universität, was wurde ich da gelobt für meine Eigenständigkeit, solange ich nur vor mich hin arbeitete, aber als referierender Fachmann, das wäre eine Konkurrenz, und so streicht man mich von der Liste, die Angst um die eigene Position scheut keine Peinlichkeit,/
und so befinden wir uns am Abend der Tage mit dem Papst wieder in den Zölibatsritualen, aus denen, wie uns würdige und besorgte Damen und Herrn versichern, das kirchliche Leben besteht und die zeitgemäße Hoffnung der Kirche, und so werde ich mir wieder bewußt, dass keine der Pfarren, in denen ich bisher gearbeitet habe, genügend zeitgemäß war, denn da ging es immer um Fragen wie der nach Gott oder, wie man Menschen heranführt an ein kirchliches Leben, oder wie man an Gott glauben kann, die auch der Papst stellt, oder um Fragen des Gebets oder des Zusammenlebens zwischen Eltern und Kindern, Männern und Frauen, und wir Priester, die an diesen Fragen teilhaben, werden von diesen abendlichen Herrn und Damen für inkompetent erklärt, weil die Teilhabe an der Entwicklung der Schulkinder, der Kommunionkinder und Firmkandidaten nicht zählt, oder das Mitleben mit jungen oder älteren Ehepaaren, sondern anerkannt wird nur, wer selbst von der Scheidung bedroht ist, aber alle diese Abwertungen wiederholen sich ja seit Jahrzehnten, die Teilnehmer an den Analysen bleiben, man braucht nur den Namen zu hören und kennt den Diskussionsverlauf, oder überhaupt nur die Anfangsbuchstaben, oder eigentlich genügt schon die Sendezeit, um 18.00 Uhr sprechen, und 22.00 Uhr diskutieren, es ist erstaunlich, wie fortschrittlich und liberal die Herrn und Damen Kritiker sind, von denen ich manche seit Jahrzehnten kenne, graue Mäuse und völlig unscheinbar und bieder, die nichts davon ahnen, dass Nietzsche den Sklavenaufstand der Moral angekündigt hat in der Herrschaft der Unscheinbaren, denen die Kirche Raum und Boden gegeben hat, zu Wort zu kommen, oder davon, wie Kierkegaard über die Pfaffen schimpft, die mit selbstherrlichen und populistischen Reden das Christentum abschaffen, sondern sich im Gegenteil ehrliche Sorgen machen um die Kirche unserer Tage, und ich gehe wieder in mich und hinterfrage meine Unzeitgemäßheit, weil ich keine großén Zölibatsprobleme habe, sondern anstelle von Sorgen um Frau und Kind Sorgen habe um das Glaubenswachstum meiner Gemeinde, aber die würdigen Herrn und Damen sind geduldig, sie werdens schon noch einige Male wiederholen, bis mir endlich der Knopf aufgeht und ich den Fehler bemerke, an dem die ganze Kirche leidet weltweit, und sehen Sie, auf diese Weise ist der Papst verschwunden, dessen Unfehlbarkeit genau reguliert ist und nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen beansprucht wird, zwei Mal ist das eingetreten in der Geschichte, während sich die Herrn und Damen allabendlich unfehlbar im Dialog befinden und die Wahrheit verkünden, der nicht widersprochen wird, und zwar aus Sorge, während sie recht gut leben im Pelz der Kirche, gut ernährt von ihren Säften, und dafür da und dort ein Jucken verursachen, so daß wir uns kratzen werden am Abend dieses Tages, an dem Tausende von uns gepredigt haben zu Tausenden über die Entschiedenheit der Nachfolge Jesu, der nicht Massen sucht, sondern Glauben und Vertrauen, und solche lieber wegschickt, die ihr Kreuz nicht tragen können, anstatt sie alle zu locken und zu ködern mit verbilligten Eintrittskarten, die Sorge Jesu scheint geradezu den Überredeten zu gelten, und nicht den Überzeugten, denn was wäre ein Fundament ohne Turm, während wir den Leuten die Baugründe nachwerfen, irgendetwas wird dort schon entstehen, und in diesem Rübenacker wohne ich und fahre zickzack zwischen meinen Pfarren,/
wie Ikonen aufgerichtet, gut sichtbar aufgestellt im Abendprogramm und beleuchtet, diese Zunftmeister der modernen liberal-kritischen Kirche, und haben in den Jahrzehnten ihrer Herrschaft eine Zunft hinter sich gesammelt, die mit Inbrunst ihre Parolen wiederholt und unmerklich eine Umwertung vollbracht hat, die Nietzsche noch nicht gekannt hat, nämlich was Kritik ist, und was als kritisch gilt, und während die Theaterkritiker noch immer im Dialog sind, dessen Ergebnis von Jahr zu Jahr das gleiche ist und leider noch immer den Dialog vermissen, kann nicht ganz ausgeschlossen werden, dass es ein anonym verfaßtes Stück ist, dessen Darsteller sie eben sind, während der Kritiker still zuhause angelangt ist mit einem stillen Lächeln, das bedeutend mehr zu sagen vermag als viele Worte

Ich wollte sicher sein, dass ich nicht vergeblich laufe oder gelaufen bin

Gal 2, 2

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