texte

Mittwoch, 19. Februar 2014

Licht in Sarajevo

Überall Neonlicht, weißblau, weißgrün, kalt, gespenstisch, wie eine harte Pranke auf den pastellfarbenen Barocksäulen im Stiegenhaus des Priesterseminars. Am Ende der langen und breiten Gänge jeweils eine gelb beleuchtete Christusfigur. Die Stiegen selbst, das fast unsichtbare Eisengeländer zwischen den Säulen, führen ins Halbdunkel hinunter und hinauf. Um sechs Uhr morgens sind wir angekommen hier, mit kleinen Augen von der Busfahrt.

Später sehen wir das Licht zwischen dunklen fernen Wolken Klarheit bringen über die Stadt, und die Hügel, zwischen denen sie liegt, so nah zusammengerückt, dass die Dorfhäuser und kleinen Moscheen der Gegenhänge zwischen die Häuserschluchten hineinrückten, und die Umrisse des österreichischen Kastells dicht über das altösterreichische Rathaus, das nun endlich, zwanzig Jahre nach dem Krieg, gänzlich fertig und grell wiederhergestellt ist. Eine der ersten Kriegshandlungen war gewesen, die Bibliothek abzufackeln, zuviel Bildung tut den Menschen nicht gut, auch Gavrilo Princip ist mit der Bildung nicht weitergekommen, und der Thronfolger, was hatte der hier zu suchen, am Ende hatte man ihn sterbend hier hereingebracht.

Im scharfen Nachmittagslicht eines Frühlingstages saßen wir auf der hölzernen Veranda eines Cafes und blickten auf die Baščaršija herunter und sahen mit zusammengekniffenen Augen die kurzen Schatten der Passanten die steile Pflasterstraße heraufklettern, bevor wir uns dann seitenlang aus Karahasans Büchern vorlasen. Als wir aber schließlich dem Dichter selbst gegenübersaßen, da war es eine unaufdringliche Zimmerbeleuchtung in einem nüchternen Raum des Franziskanerklosters, der vielleicht ein Seminarraum war, schließlich war eine katholische Fakultät untergebracht hier. Es war ein langes, entspanntes Gespräch mit vielen Fragen, und sichtlich beiderseitigem Interesse, über schriftgewordene sowie sich erst anbahnende Erfahrungen. Mit Gedanken zur Freude hatten wir begonnen: freuen kann man sich nicht mit sich allein, so hatte der Dichter eröffnet, Freude komme von anderen, und so bereits erklärt, warum er seine strenge gegenwärtige Klausur unseretwegen unterbrochen hatte, denn die Verlegerin hätte schon vor Wochen das fertige Manuskript verlangt. Über das Miteinander der Religionen in dieser Stadt haben wir lange geredet, Karahasan in der Christmette, wo er heuer elf andere Moslems wiedererkannt hätte, sowie Pater Milan Babič beim Opferfest in der Moschee, und überhaupt bezeichnete er Pater Milan als mehr katholisch als Kardinal Ratzinger, der im Vatikan unter lauter Katholiken lebte. Ich lebe vom Wort – ich bin Schriftsteller! – Diese klare Ansage hatte unsere Jugendlichen sehr beeindruckt, während draußen vor den Vorhängen der Tag unmerklich versank, und Valerian war von der Theorie der drei Bärte fasziniert.

Ein Nachtlicht war es, als wir den Platz vor der Regionalregierung querten, und von den Aufregungen der letzten Tage war noch etwas zu spüren. Anna hatte sich zu den zerborstenen Scheiben der Haltestelle hingestellt, als hätte sie sie selbst zerschlagen, und am Gehsteig wartete dar serbische Fernsehübertragungswagen noch immer auf konspirative Ereignisse. Später würden einige unserer Gesprächspartner gerade sie in Betracht ziehen, unbedarften Jugendlichen die Molotowcocktails in die Hand gedrückt zu haben, denn die Menschen in Sarajevo hätten keinerlei Hang zu Gewalt. Und selbst die Mütter und Väter zu Hause vor den Abendnachrichten stellten sich aufgrund dieser Bilder die ganze Stadt brennend vor und unsere Reisegruppe mittendrin.

Es gab aber auch Lichter in der Stadt, die waren so grau und unbestimmt, dass nicht einmal die Tageszeit oder Jahreszeit zu erkennen war, beispielsweise, als wir zum katholischen Jugendzentrum trabten über lange Gassen von der Straßenbahnstation, oder als wir ahnungslos in einen Film hineinplatzten auf der Baščaršija, wo wir uns über die Scharen von Tauben gewundert hatten und erst langsam erkannten, wie sie angefüttert wurden für einen atmosphärischen Bildhintergrund. Eine schwangere Frau musste eine halbe Stunde lang mit ernstvergrämten Gesicht zwischen zwei gleichmütig blickenden Kindern am Pflaster hocken und etwas in das zottelpelzverhangene Mikrophon sagen, während hinter ihr Tauben und Passanten über den Platz trabten. Diese Begegnung mündete in eine Einladung zum Sarajevoer Filmfestival im nächsten Sommer, in einem anderen Lichte.

Die Franziskanerkirche hingegen ist das ganze Jahr düster, trotz der vielen bunten Glasfenster, ich spreche aus langjähriger Erfahrung. Auch der Tunnel natürlich; auf diese Plätze hinter dem Flughafen, wo noch immer granatendurchsiebte Häuser stehen und die Frontlinien in Schrittweite nebeneinander herliefen, scheint kein richtiges Sonnenlicht durchdringen zu können. Auch das Video, das sie im Museum zeigen, als durch dieses Loch die ganze Stadt versorgt werden musste unter Granatenhagel, gab niemals freies Sonnenlicht des Tages, meistens Nachtaufnahmen oder Sequenzen im Morgengrauen, und sogar der Vorführraum war im Keller. Als wir den Pontamina-Chor treffen wollten bei der Probe im Bosnischen Kulturinstitut in der ehemaligen Synagoge, da war ein feuchtkalter Winterabend, aber als wir später anstelle der Probe, die wegen der Demonstrationen abgesagt war, mit Pater Markovič im Hotel Europa saßen, da war es Wiener Kaffeehauslicht und das entspannte Summen von westlich gekleideten plaudernden Gästen, das unser Gespräch umhüllte, sodass ein Fremder schwerlich geahnt hätte, dass bei uns vom Krieg geredet wurde, von den Erfahrungen dieses freundlichen älteren Mannes mit der Organisation von Hilfslieferungen und mit der Betreuung von traumatisierten Tätern, jawohl, auch Täter bräuchten Hilfe, und von seinen kommenden Einsätzen beim gegenwärtigen Syrienkrieg, als Franziskaner eben.

Und das letzte Licht, das wir von der Stadt sahen, war wieder dieses Balkan-Neonlicht der Busstation, wo zeitig in der Früh unser Bus abfuhr, der blaugestrichene und hellbraun verflieste geheizte Kassaraum und der umso kältere und düstere Perron, und als dann die nächsten Stunden der Bus durch die kurvigen verhangenen Landschaften ruckelte, da schien weder Zeit noch Raum zu vergehen, als würde in jeder Richtung unveränderlich Bosnien bleiben, wie es immer war.

Montag, 17. September 2012

Wie es kam, dass ich jetzt mit den Kalkbergen versöhnt bin

Es waren Zwänge, die mich zur Freiheit geführt haben. Die Wettervorhersage von der Kaltfront am nächsten Tag. Der Abbruch der Besteigung im letzten Jahr. Der neue Sicherungsgurt. Und die Schulkonferenz noch am frühen Nachmittag.

Erst um 16 Uhr erreichte ich das Bärental, und ich sah zu meiner Bestürzung, dass gerade über dem Hochstuhl die einzige dunkle Wolke Kärntens höhnisch auf mich herunterdrohte. Lass ich mich einschüchtern?

Ich finde, Wille ist wichtiger als Vernünftigkeit. Ich steige den Weg hinauf zum Einstieg des Klettersteigs, den Gipfel mit der Wolke stets im Blick. Bei Verschlechterung wäre ich auf den fast gleichhohen, aber bequem erreichbaren Gaisberg ausgewichen. Die Wolke sieht mich grimmig abwartend an und bewegt sich nicht.

Jederzeit zur Umkehr bereit, notfalls auch nass, steige ich schließlich – viele sind mit bergab entgegengekommen mit verwundertem Blick – still und allein im Hochtal über den Geröllhang auf den Felsen zu. Ich nehme zum ersten Mal die neuen Gurten aus dem Rucksack und lasse ihn unter einem Stein zurück. Die ersten senkrechten Anstiege über die Eisentritte: das Ein- und Ausklicken scheint Zeit zu kosten, obwohl ich meist nur einen Karabiner verwende. Mit Respekt blicke ich den Felsen hinauf und den größer werdenden Abgrund hinunter. Ich mache eine Rechnung, zu welchem Zeitpunkt ich umkehren müsste, um bei Tageslicht zurückzukommen.

Ich komme weiter als letztes Jahr. Statt der Wolke umfließt mich warmer Spätsommersonnenschein. Ich sehe den Gaisberg gegenüber bereits tiefer liegen, zum Gipfel habe ich jedoch keine Sicht. Ich gehe dennoch weiter. Zuletzt gibt es einige Schleifen über Schutt und Sand, was ich nicht mag und was ich den Kalkbergen vorhalte.

Am Gipfel, der bereits in Slowenien liegt, treffe ich ein junges Pärchen und sehe, dass sie nicht mehr absteigen werden, sondern in der nahen Hütte bleiben. Ich klopfe aufs Kreuz und trete sofort den Rückzug an, ungeschickt in Sand und Geröll. Es dämmert bald. Ich gehe über die kleinen Grate, Abgründe auf beiden Seiten, schneller und aufrechter als zuvor. Ich achte darauf, mich nicht zu versteigen und keine Zeit zu verlieren. Ich freue mich auf die Seile im unteren Bereich und nehme die ungesicherten Stellen kaltschnäuziger. Aber selbst in dieser Situation ist es ein Genuss, sich auf den glatten, warmen, rissigen Stein zu stützen und mit den Füssen Tritte und Vorsprünge zu suchen. Man kann zu diesem Weg Vertrauen haben. Ist nicht erst das ein Abgrund, wenn der Boden nicht mehr zu sehen ist?

Als die Drahtseile kommen, atme ich auf. Ich kann sie gerade noch sehen und klinke mich ein. Ich merke, dass es wieder um die knappe Zeit geht. Immer wieder passiert mir das. Jetzt, wo ich mit Sicherung gehe, ist die Zeit das Abenteuer. Und es stellt sich heraus, dass selbst im Sternenlicht - der Mond kommt erst später – die Vorsprünge noch zu sehen sind (oder zu ahnen). Die weißrote Markierung, die im Nachtlicht dann und wann neben mir auftaucht, ist ein Friedenszeichen. Schalom.

Ich höre Laute und Geräusche, denke an Menschen drüben im Wald – aber es sind immer Tiere, Kauze, brüllende Rinder. Bellende Rehböcke. Weiter oben hat es geklungen wie eine Windharfe. Ich denke daran, dass solche Musik der Geschöpfe auch in der Kirche klingen sollte.

Ich spüre es, wenn ich mich dem Geröllhang nähere, es beruhigt, obwohl der steilste, fast überhängende Leiteranstieg gerade dort ist. Dass es trotzdem auch im Finstern möglich ist, den Stein entlang hinunterzugleiten, liegt daran, dass der weißgraue Kalk sehr hell ist in der Nacht, und selbst die fernen Sterne darauf Schatten werfen.

Ich springe von der letzten Sprosse, hole meinen Rucksack und taste mich, ohne die Gurten abzulegen, über das Geröll hinüber zum Wald, irre manchmal, sehe doch wieder eine Markierung. Bald bin ich auf dem Waldweg und schreite mit geraden Schritten hinunter. In der Stadt machen die Laternen die Sterne unsichtbar – hier leuchten die Sterne und von unten der Kiesweg. Die dunklen Berge, die jetzt immer höher werden, umstehen mich wie Tanten, aber sie lachen nicht über mich,kein Ton, höchstens ein stumm erhobener Zeigefinger.

Manchmal, wenn die Baumwipfel zusammenstehen und ich durch Tunnel steige, dann zerfällt das Bild des Kieswegs in zwei getrennte Bilder für beide Augen, dann geht man, Lichtpunkte oben, Lichtpunkte unten, durch den Weltraum ohne Tiefe und Entfernung.

Einmal sehe ich vier Flugzeuge gleichzeitig auf Kreuzbahnen, als würden sie zusammenstoßen, und erst jetzt merke ich ihr Geräusch, von den Felswänden zurückgeworden. Ich habe Sorge, den Parkplatz im Wald zu versäumen, aber knapp vor mir taucht aus der Finsternis der Schranken auf, und dort, unter Bäumen, steht nunmehr als einziges mein silbergraues Auto

Samstag, 26. Februar 2011

Zurück am Boden

Es ist ein nasser Boden, die Schneedecke hat ihn nach Monaten wieder frei gegeben, obwohl trotzdem viel zu früh, Mitte Februar so weiche, warme Luft heraufströmen haben auf die Berghänge, und sie in ein solches Licht getaucht von oben beobachten, wo sie nun schutzlos und angreifbar daliegen wie das ganze Jahr nicht, ohne Laub und ohne Schnee, nackt und erdig, topfig weich, bei jedem Schritt schmatzend aufstöhnend und zugleich sich noch weiter auszustrecken in der Länge und in der Höhe. Es ist ein Auf- und Niederfahren auf dieser Erde, das die Zeit außer Kraft setzt, nicht nur durch Vergessen, durch Vorüberziehen, sondern durch den veränderten Atem, der heiß und schnell geworden ist, durch den Puls, der zu jagen begonnen hat und dann doch wieder etwas nachgibt, und weil so der Gang der Zeit ausgesetzt hat, weil in dieser Innigkeit irrelevant geworden ist, was dort vorgehen möge und gültig wäre in den Tälern, und selbst die Gesichter der Bauern, die ich zum ersten Mal vor ihren steinernen und hölzernen Häusern sitzen sehe, den täglichen Aufgaben enthoben und mir mit versonnenen Blicken folgend, ohne zu begreifen, wen oder was sie da erblickten, und einzig die Hunde mir ein paar Schritt gefolgt waren und bald wieder abgelassen hatten, um wieder in die versunkene Stille dieser Erde zurückzusinken, die über den grauen Wiesen stand, hatten jeden Fortgang vergessen und sind entrückt worden an diesem Tag.
Es war eine Frau gegenwärtig hier, Ingrid, Freundin aus alten Tagen, sie war hier gewesen, als noch der Schnee gelegen war, auch damals schon locker und gehbar, oder am Wege von Traktorrädern griffig gemacht oder ganz verschwunden, und sie, die Geherin, die mir viele Wege und Berge erschlossen hat, zu jeder Jahreszeit, die stundenlang, auch tagelang in den Wäldern sein konnte, auch allein, und darin zu wohnen schien, sie, die von einem Seeufer an ein anderes gezogen war und die ich an der Donau kennengelernt hatte, sie ist mit einer großen Natürlichkeit und Eleganz mit mir diesen Weg hinaufgestiegen, Kehre um Kehre, während wir schon das zur Neige gehende Nachmittagslicht gewahrten, so gesammelt, das nichts anderes Platz hatte als unsere Worte und der Boden unter unseren Füßen und die Eisgebilde am Wegrand, und in diesem Gegenwärtigsein geschah es, dass wir auf etwas aus waren, ohne es ausdrücklich wahrzuhaben, Kehre um Kehre höher steigend, in unser Gespräch vertieft, ob die neuerten Entwicklungen in der Psychologie auch die menschlichen Beziehungen angemessen beschreiben konnten, oder immer noch den Menschen primär als Einzelnen im Blick habe, und weiter, ob nicht, nach eineinhalb Jahrhunderten Krankheitsforschung, von der man annehmen könnte, dass sie mehr der Definition und Ausbreitung der Krankheit gedient habe als der Gesundheit, wie Michel Foucault das neurotische Jahrhundert beschrieben hatte, nun endlich eine Psychologie der Gesundheit treten könne, die mehr zu bieten hätte als Wellness, und sie – wann war mir das zuletzt passiert – die Frage nicht sogleich abwies und zurückwies, sondern selbst mitfragte und dann dennoch viel entgegensetzte, aus ihrer Erfahrung sprach und aus Literaturkenntnis, nun, da hatte sie manchmal einem dieser Holzwege nachgeschaut , die an den Kehren weiterliefen und sich bald im Wald verloren, und hatte mir zögerliche Blicke zugeworfen.
Ich hatte diesen Waldweg einige Male beschritten letzten Herbst, und war nach der letzten Kehre auf einer abgeholzten Schneise am Hang gestanden, und ein paar Schritte steil hinauf oder hinunter gestiegen, ohne irgendein Anzeichen eines Ausweges zu finden, obwohl irgendwo im Bergwald ein Übergang sein solle zum gegenüberliegenden Berg, auf den sich ein ebensolcher Weg hinaufschlängelte und schließlich unvermittelt endete. Auf diesen verborgenen Ausweg waren wir zugestiegen, ohne uns sonderlich Rechenschaft zu geben über die Umstände, sondern hatten ganz mit dem genug, was uns entgegenkam, und sahen Wölkchen, die von unten zarte Pastellfarben anzunehmen begannen, während wir, nebeneinander herschreitend, auf etwas aus waren, Ingrid leichtfüßig, in Naturfarben gekleidet, mit einer unwahrscheinlichen Mütze auf dem Kopf, die sie auch nicht abgelegt hatte, als wir unten in meinem Zimmer gekocht und gegessen hatten, in dem alten Steinhaus, das zuweilen tief unter uns zwischen den Baumstämmen sichtbar wurde, und ich in meinem dünnen Anorak, immer wieder damit beschäftigt, die blanken Eisflächen zu umgehen, um nicht ins Schlittern zu kommen, und da war es geschehen, dass wir aufs Geratewohl doch einmal eines dieser Weglein hinunterstiegen, ich erinnere mich deutlich an das umgestürzte Bäumchen, zwischen dessen schneebedeckten Zweigen wir wie durch einen Vorhang hindurchschlüpfen mussten, um danach das Unbekannte auszuschreiten, manchmal zögerlich, zuweilen auch übermütig, als nämlich ein von Eisplatten gerahmtes munter glucksendes Bächlein zu überspringen war, und wir uns nach ein paar Wendungen schließlich einem Felsblock näherten, der zu umschreiten war und eine Entscheidung anzukündigen schien. Und als wir dann vor dem Ende standen, auf einem Holzplatz, vor gefällten Baumstämmen, da gab es erstmals Blicke, die etwas Bestimmtes wollten, die etwas erwarteten, ich erinnere mich deutlich an diese plötzlich sich auseinanderspannende Zeit, diese Dehnung, als wir schnaufend dastanden und die Blicke schweifen ließen, und umhertasteten, wohl mit einer bestimmten Witterung in der Nase. Und auf einmal waren wir die paar Schritte zu dem weiter oben hinter Baumstämmen und abgeholztem Dickicht verborgenen Ausläufer des gegenüber liegenden Weges geraten, über den wir, sogleich in großer Gewissheit bis zur Abzweigung, und dann weiter talwärts ausschritten, obwohl er sich immer wieder weit in den Gegenhang zu verlieren schien, was Ingrid, die Geherin, bisweilen anmerkte.
Die besondere Anmut dieser Freundin an jenem Tag, die mir den lang gesuchten Ausweg erschlossen hatte, dieser Geherin, die mitging und mitgehen ließ, war auch jetzt mit mir, als sich die Unebenheiten des Übergangs etwas gesenkt oder gehoben hatten und der nasse Boden nicht gleichgültig war gegen meine Schritte, und ich nicht gegen ihn.

Sonntag, 3. Oktober 2010

Exodus

Ein kurzer Moment des Entsetzens im Gesicht, kurz den Blick gehoben, die Augen ins Leere gerichtet. Da hat er in den Abgrund geschaut. Gesehen, wie verloren er ist. Allein auf der Welt, ohne Chance.
Wo sind die Briefe jetzt, wie heißt der Anwalt, was stand darin, und schon fällt er wieder zurück in die Gleichgültigkeit und betrachtet seine Finger.
So sind die chinesischen Bauern, sagt die chinesische Dolmetscherin, sie haben nichts gelernt und keine Ahnung von der Zukunft. In der Schlägerei hat er sich Luft gemacht, dann ist er wieder versunken. Nun weiß er nicht, wo das war, als er den Zug verlassen musste und übers Feld gehen und den Kleinbus besteigen. In Wien ist er angekommen, das weiß er, und wann genau. Eineinhalb Jahre wartet er schon, aber was in den Briefen stand, weiß er nicht, obwohl er es ahnt. Negativ.

Die Kleinstadt, aus der die Dolmetscherin stammt, wird von zwei Millionen Chinesen bewohnt. Yan gibt sich keine Mühe. Er ist 25 und hat ein glattes, offenes Gesicht, in dem alles zu lesen ist, obwohl er nichts preisgibt. Er zappelt ungeduldig auf seinem Stuhl und dreht sich zur Tür. Zwischen den Asylwerbern aus aller Herren Ländern ist er unbeteiligt umhergegangen. Aber in kurzen Momenten zeigt sein Blick, dass er nichts in der Hand hat und keine Chance hat und das weiss.

Ihnen sagen, dass sie alle nicht erwünscht sind in Österreich und in Europa, ihre erstaunten, verständnislosen Blicke. Die Marokkaner und Sudanesen, Nigerianer und Palästinenser, Afghanen und Iraner, Georgier, Russen und Tschetschenen. Ein Sikkh aus Indien, und ein Tibeter aus dem indischen Exil. Fast alle wurden weggebracht. Nach Griechenland ins Elend. Nach Italien in die Arme der Mafia. Nach Ungarn oder Polen in die Hilflosigkeit. Keine Bleibe für keinen. Wenn man sie ausgebeutet hat, ausgequetscht auf den Plantagen, wo unsere billigen Zucchini wachsen, dann werden sie als Illegale zurückgeschickt in den Krieg. Sie glauben das nicht. Verständnislos schütteln sie den Kopf. Und wenn ich sie frage, ob sie vor den Behörden von ihrer Verfolgung erzählen konnten, von der Behandlung im Gefängnis, von den zurückgelassenen Frauen und Kindern, und sie den Kopf schütteln, da wird ihnen klar: keiner wollte das wissen. Es interessiert sie nur, auf welchem Weg sie kamen, denn dorthin müssen sie zurück. Und nun dämmert ihnen, was sie für uns sind.

Und dann wenden sie sich ab und sagen: trotzdem versuch ich es. Ich beginne noch einmal

Sonntag, 10. Juni 2007

Anfang einer Erzählung

Ich muss jemanden mitnehmen eine Weile, um etwas erzählen zu können. Man kann es nicht gerade heraus sagen. Fahren wir nach Ephesus, zu Heraklit, dem Anfänglichen. Denn zu Ephesus wird vieles zu sagen sein.


Den anderen Menschen aber entgeht, was sie im Wachen tun, genauso wie das, was sie im Schlaf vergessen. (Fragment2)
Die Leute verstehen die Dinge nicht, die ihnen begegnen, und wenn diese ihnen erklärt werden, begreifen sie sie nicht und beharren auf ihren privaten Einsichten. (Fragment 5)
Anwesend sind sie abwesend (Fragment 6)
Wenn das Unerwartete nicht erwartet wird, wird man es nicht entdecken, da es dann unaufspürbar ist und unzugänglich bleibt. (Fragment 28)


OB MAN ÜBERHAUPT NACH EPHESUS FAHREN KANN. Gut, es steht auf der Landkarte, alle Türken kennen es – kennen den Namen! – aber: was heißt hinfahren.
Ephesus ist eine Hafenstadt. Weit weit vom Meer.
Niemand wohnt in Ephesus. Morgens kommen die Aufseher und Souvenierverkäufer. Dann die Autobusse.
Und vorher waren die Ausgräber da. Mit ihren Karten und Büchern und Zelten. Aber die Türken, die sie angestellt haben, kratzen ihnen die Tontöpfe und Münzen aus der Erde und stecken jede zweite in die eigene Tasche. Mir hat einer byzantinische Münzen verkauft. Und dann machen sie einen hohen Zaun herum und verlangen 10 Lira Eintritt.
Ephesus ist eine Weltstadt zudem. Eine römische.
Und wir begreifen nicht einmal, wie all die Tempel benutzt wurden: Wen haben sie gemeint, als sie dort Opfer darbrachten? Und was erwarteten sie dafür.
Kybele, die alte Muttergottheit der Ackerböden.
Die Frucht ihres Schoßes nährte die Menschen.
Aber Artemis.
Die Jägerin der Nacht. Freundin der Hunde und Bären.
Zwillingsschwester des Apollon, Gott der Seher.
Der Bogen und die Mondsichel. Was soll diese Mädchenhafte mit den ephesischen Brüsten, die vielleicht umgehängte Stierhoden sind. Wie passt das zusammen.
Ihr baute man den Riesentempel – von dem hier nichts zu sehen ist.
Paulus hatte mit ihr zu kämpfen, er riskierte sein Leben.
Aber Christus, den er verkündete, wurde von einer Frau geboren – einer Frau, sagt er, und kennt nicht einmal ihren Namen. Und von dieser Frau wird gerade hier gesagt werden, dass sie Gottesmutter sei, und der es sagt, Cyrill von Alexandrien, bringt gleich die Bilder mit von Isis, die ihren Sohn in den Armen hält.
Gottesmutter, Vorwort von Christus, Mensch und Gott.
Eingang Gottes in die Welt.
Ob wir das begriffen haben. Nicht die Erde ist der Menschen Schoß, sondern Menschen Schoß die Ankunft Gottes. Es ist die Frage nach der Einheit: Mensch und Gott im Fleisch geeint: in Maria. Gott in der Welt: das geht uns nicht ein. Fleischwerden, Menschwerden: WIR sein Leib, wo wird das gelebt und geglaubt. War Cyrill zu mutig, mit dem Heidenwort im Kern des Christusglaubens?
IN EPHESUS: jeder geht an der Marienkirche vorbei, kein Schild, kein Hinweis – nur wer hingeführt wird. In der Seitenkapelle, lesend, denkend: da erschienen eine Wienerin und zwei Israeli und suchten mit uns: den einen Christus, Mensch und Gott.
Wir zehn in der Nachmittagssonne, zwischen Zikaden in den Sträuchern, auf Mauersteinen im Kreis.
Warum das enden musste, so suchen und fragen. Wir wären noch zur Wesensfrage gekommen. Aber wir beteten das Magnifikat jeden Abend, meine Seele , sprachen wir mit ihr, mit Maria, meine Seele preist die Größe des Herrn, und: der Mächtige hat Großes an mir getan, so sprachen wir mit ihr, und wollten beginnen, für das Große offen zu werden.
Anwesend in Ephesus


Der Gott ist Tag-Nacht, Winter-Sommer, Krieg-Frieden, Sättigung-Hunger – alle Gegensätze, das ist die Bedeutung - ; er wandelt sich, genau wie Feuer (45)
Alles ist austauschbar gegen Feuer und Feuer gegen alles, wie Waren gegen Gold und Gold gegen Waren. (63)

Wir sieben in unserem Auto Tag für Tag, mit dem Vorderreifen, der immer Luft verliert, wir tasten uns nach Didyma, umrunden mehrmals den riesigen Tempel, Apollon, der Gott der Seher, sein Orakel: wir Propheten, wir im Ruf Stehenden, wir auf die Reise Geschickten. Vielleicht waren wir uns über den Auftrag nicht ganz klar, hatten zu ringen diese zehn Tage, auch um uns. An sich halten, sich nicht verlieren, in tausend Eindrücken, zehntausend Zusammenhängen, all die Fächer der Geschichte, denn wir waren zugleich in der Bronzezeit unterwegs, in der griechischen Antike, der Römerzeit, der byzantinischen Zeit, der osmanischen Zeit, im zwanzigsten Jahrhundert, aber jeder Tag zwischen Morgenlob und Abendgebet, Benediktus und Magnifikat, somit also im Gespräch, und bei soviel Unabwägbarem war das noch das Sicherste, diese Worte, in aller Offenheit. Verlier dich nicht, wenn du hören sollst

In dieselben Flüsse steigen wir und steigen wir nicht, wir sind und wir sind nicht. (95)
Das ewige Leben ist ein Kind, spielend wie ein Kind, die Brettsteine setzend; die Herrschaft gehört einem Kind. (124)
Die Ordnung des aufs Geratewohl Zerronnenen ist laut Heraklit die schönste. (125)



HIER IN KARAKÖY, am Hafen, mit dem Blick auf den dichten Schiffverkehr am Goldenen Horn und am Bosporus, könnte vielleicht das Wesentliche gefunden werden. Denn man kann dem Restaurantbesitzer zusehen, wie er die Passanten anspricht, und muss ihn nicht als lästig und aufdringlich abwimmeln. So wird man ein Teil davon. Wenn dann z.B. ein griechischer Pope im schwarzen Kaftan erscheint und eine kleine Gruppe von Männern begrüßt, die ihm alle die Hand küssen, und er sich nach kurzer Unterredung grußlos umwendet und weggeht, dann könnte man die Blicke der Gäste im Restaurant verstehen, vor allem aber den Wirt, der plötzlich dabeigestanden ist und jetzt auf die Zurückgelassenen munter einredet.
Oder wenn da ein Mädchen vorbeikommt mit einer Papiertüte unterm Arm, aus der ein winziges schwarzes Katzenköpfchen hervorlugt, und, als ich hinsehe, lautlos klagend dass Mäulchen öffnet – dann kann man dem Mädchen zuzwinkern, und es lächelt zurück.

Was das alles mit dem Wesentlichen zu tun hat?
Dass ich keine drei Mahlzeiten brauche am Tag.
Dass ich um 6 Uhr aufwachen kann, gleich wie lang der Abend war.
Dass ich unbehelligt bleibe von den Hinterfragungen durch die Reiseteilnehmer.
Dass ich es manchmal schaffe, drei eigenständige Gedanken zu denken am Tag. Und wenn nicht, dass ich jeden Tag eine oder zwei große Geschichten anreiße und darauf rechne, dass ich sie zu Ende führen kann einmal, oder am Ende verknüpfen. Und dass am Ende eine Einsicht steht.
Aha, so ist das.
So staunt doch darüber, dass dieses Große sich euch mitteilt.
Warum denn die Menschen soviel Angst haben vor Großem.
Lieber streiten sie sich um Sitzplätze, als Heraklit von Ephesus zuzuhören. Wahrscheinlich war der auch zu unleidlich.
Wie können euch die großen Schiffe Größe lehren, die draußen am Bosporus stumm vorbeigleiten, wenn ihr vor lauter Geschwätzigkeit nicht hinseht.
Oder wie die Tempel dieser Stadt, wenn ihr nach der Sperrstunde kommt.
Oder wie sogar mein Freund Mete, der euch durch Galata führt und euch das Erbe der Geschichte erklärt, für das er lebt und kämpft als einzelner gegen die Millionenstadt, wenn ihr auf die Uhr seht.

Und wisset: soeben, als ich das schrieb, hat der ganze Kai zu schwanken begonnen, als des angekommenen Schiffes mächtige Wellen das vertäute Peer hoben und senkten. Das nehme ich als Bestätigung, dass es wahr ist:
Wir sind bei der GEBURT DES CHRISTENTUMS dabei gewesen und haben mit der Mutter gesprochen.

Franz und der Sultan

Drama in 7 Aufzügen


Bühne: Am Boden ist eine große Spirale, oder wenn möglich so wie ein Mühle-Spielbrett. Die erste Szene beginnt nahe der Mitte, jede spätere Szene ist weiter außen, sodass die Darsteller sich kreisförmig immer weiter von der Mitte wegbewegen. Die einzelnen Schauplätze sind dabei einander gegenüberliegend. Zwischen den Szenen überqueren alle Darsteller, auch mehrere Musikanten, vielleicht sogar das Publikum, die Bühne wie Passanten, ohne sich um Bauten oder Markierungen zu kümmern. Damit wird die Bodenmarkierung zu einer Art Geheimplan, den nur einige erkennen und befolgen, andere aber geflissentlich übersehen.


1

Franz
Bruder Bernhard
Bruder Ägidius
Bruder Philippus


Alle sitzen um einen Tisch. Die Gewänder sind kostbar und flott. Am Tisch stehen die Reste eines üppigen Mahles, Becher und Weinkannen. Die Musiker stehen neben dem Tisch.

Franz: Komm, trink mit mir!
Bernhard: Ich hab schon genug!
Franz: Es ist nie genug! Wie wollen wir sonst die schöne Musik beantworten und die laue Mondnacht, Freunde?
Bernhard: Also gut, du hast recht. Schenk ein.
Franz: Kannst du uns nicht ein wenig tanzen?

Einer tanzt zur Musik.

Ägidius: Franz, was wird der morgige Krieg bringen?
Franz: Ehre, mein Freund, Sieg und Ehre, was sonst! --- Denkt nicht an morgen, Freunde. Heute muß die Nacht genossen werden.
Ägidius: Franz, was macht dich so sicher?
Franz: Hast du Angst, mein Freund? Ängstliche sollen nicht in den Krieg ziehen.
Ägidius: Was macht dich so sicher, dass wir siegen gegen Perugia, die reiche und große Stadt?
Franz: Meine Kleider, Freund, mein heutiges Festkleid. Und der köstliche Wein. Zum Wohl!
Ägidius: Franz, das reicht nicht.
Franz: Doch, es reicht.

Philippus: Na, ihr beiden, warum so ernst? Habt ihr den Himmel gesehen?
Bernhard: Ist das der Mars dort?
Philippus: Ja, das ist der Mars. Genau gegenüber der Venus. Entweder Krieg oder Liebe.
Franz: Morgen jedenfalls Krieg. Und dann werden wir weitersehen. Tanz doch noch einmal!

2


Franz
Vater
Mutter
Bischof


Ein Verlies. Franz allein, nachdenkend.

Franz: Wie soll ich ihnen das erklären. Ich mußte das tun. Wenn sie diese Kirche gesehen hätten. So gesehen wie ich. Völlig verfallen, und zwischen den Trümmern der Pfarrer, der versucht, eine Messe zu feiern. Mit den wenigen, armen Leuten. Das war nicht auszuhalten. Das müßt ihr doch verstehen, Vater, Mutter, versteht doch!
Mutter tritt auf Ja, Franz, da bist du ja!!
Franz Mutter!
Mutter Franz, was ist denn geschehen? Ist es wahr?
Franz Ja Mutter. Es stimmt, ich habe alle Stoffballen verkauft.
Mutter Warum denn das? Was ist in dich gefahren, Franz, wie konntest du das machen? Dein Vater hat sich zu Tode aufgeregt.
Franz Ich weiß, Mutter, ich weiß ja. Das wird er nicht verstehen.
Mutter Ich versteh es auch nicht. Erklärs mir, Franz
Franz Mutter, diese alte Kirche muß wieder aufgebaut werden!
Mutter Das soll der Bischof machen
Franz Der Bischof kommt dort nicht hin
Mutter Aber warum du?
Franz Christus hat mich dort angeschaut, Mutter
Mutter Franz, was sagst du da. Unser Herr wird doch nicht in einer Kirchenruine wohnen
Franz Denkst du das? Und wenn der Priester dort Messe feiert? Ist der Herr dann nicht da, wenn sich die paar Alten dort versammeln in seinem Namen, und der Herr sich schenkt in Leib und Blut?
Mutter Na ich weiß nicht
Franz Du willst nicht glauben, dass sich unser Herr so klein macht?
Mutter Du meinst, er tut das?
Franz Aber ob es würdig ist. Ob wir seiner wert sind, wenn wir die Kirche verfallen lassen
Mutter Na gut, du hast ja recht. Lass uns zum Bischof gehen. Und gib deinem Vater das Geld wieder zurück
Franz Nein. Das tu ich nicht. Es gehört Gott
Mutter Was sagst du da

Vater tritt auf mit Getöse Wo ist der Dieb! Wo ist der Dieb!
Franz Hier bin ich
Vater Wo ist das Geld! Auf der Stelle das Geld
Franz Nein
Vater Was fällt dir ein! Bist du von Sinnen?
Franz Es gehört dir gar nicht, Vater. Es gehört den Armen. Sie hat Gott erwählt, nicht uns Geschäftemacher
Vater Du bist verrückt geworden. Mein Sohn ist verrückt geworden. Nimmt mein Geld und verschenkt es. Ich werde dich einsperren. Bei Brot und Wasser. Und dann, dann wirst du arbeiten. Ich hab dich viel zu sehr verwöhnt. Hättest schon früher arbeiten sollen. Damit du weißt, was das Geld wert ist. Wer sich nicht anstrengt, weiß das nicht. Du wirst mir arbeiten, Sohn, bis du das Geld wieder verdient hast. Und wenn es zwanzig Jahre sind.
Mutter Vater, denk doch, Vater, es ist dein Sohn!
Franz Nichts werd ich tun. Sperr mich ruhig ein. Keine Hand rühr ich für Geld. Was soll das wert sein, Stoffe kaufen, wieder verkaufen an reiche Leute. Das hier. Das zählt. Diese Kirche wieder aufbauen. Eine Schande, dort den Herrn feiern zu müssen, während es hereinregnet. Das gehört repariert
Vater Da, du hörst es. Er ist von Sinnen. Mutter, wen hast du da großgezogen. Das kann nicht mein Sohn sein
Mutter Vater, was sagst du da!
Franz Ganz recht, ich kann nicht dein Sohn sein. Von einem Tuchhändler, der nur an Geld denkt, während Menschen vor seiner Tür verhungern und der Herr in einer Ruine wohnen muß
Vater Hörst du, was er sagt! Ich nehm ihm das Tuch weg, das er am Leib trägt, auf einmal verachtet er’s, bisher hat er geprahlt damit vor seinen Leuten, war der vornehme Mann, immer im Mittelpunkt, immer mit flotten Sprüchen, solange ich ihm das Geld gegeben habe. Aber damit ist jetzt Schluß. Er weiß es nicht zu schätzen. Er verdient es nicht. Mutter, dieser kann nicht mein Sohn sein
Mutter Herr Bischof, oh Herr Bischof, bringen Sie den Franz zur Vernunft, er versündigt sich an uns!
Bischof tritt auf Nun, habt ihr ihn endlich gefunden? Ist er wohlauf?
Mutter Exzellenz, unser Sohn ist von Sinnen
Bischof Aber Franz, was fehlt dir denn?
Franz Exzellenz, mein Vater mißachtet den Herrn, er lästert Gott
Vater Hör dir das an
Bischof Franz, hast du ihm das Geld zurückgegeben?
Franz Exzellenz, damit wird die Kirche aufgebaut
Bischof Aber Franz, was sagst du da. Du gehörst zu deinem Vater. Mach Frieden mit ihm.
Vater Er denkt nicht daran. Hat noch nie gearbeitet. Der Nichtsnutz. Geht prahlen mit meinem Geld. Sich wichtig machen
Franz Dieser kann nicht mein Vater sein, ich sehe das jetzt. Nur einen Vater gibt es, den im Himmel.
Vater Er versündigt sich. Sperr ihn ein, schlagt ihn.
Franz Mann, da hast du dein Geld. Da ist dein Gewand. Da, nichts will ich von dir haben.
Zieht sich aus, wirft dem Vater alles vor die Fuße


3


Franz
Gepetto





Gepetto liegt auf einem ausgebreiteten Zeitungspapier, diverse Utensilien in Plastiksäcken in der Nähe.
Franz tritt auf

Franz Ich glaube, sie werden das nie verstehen.
Gepetto stutzt Verstehst du es denn?
Franz lacht Gute Frage, gnädiger Herr. Nein, wahrscheinlich versteh ich es selbst nicht. --- Was sagst du da überhaupt? Kennst du mich denn?
Gepetto Kennen ist übertrieben. Aber wenn so ein vornehmer Herr daher kommt
Franz Vornehm? Gerade hab ich meine Kleider hergegeben
Gepetto Das Tuch, in das du dich hüllst, so was tragen hier die Aussteiger
Franz Gibt es viele solche?
Gepetto Immer wieder. Streiten mit dem Vater, tauchen unter ein paar Tage, und organisieren sich dann einen Job, um unabhängig zu sein.
Franz Ich suche keinen Job
Gepetto Wie wärs mit Reisen? Du solltest andere Länder sehen, andere Menschen, damit du loskommst von deiner spießigen Familie
Franz Daran hab ich noch nicht gedacht
Gepetto Also doch
Franz Aber darum geht es nicht. Ich brauche keine Existenz gründen. Ich will etwas anderes
Gepetto Soweit hast du noch nicht gedacht. Aber es wird einmal nötig sein. Du kannst ja nicht immer von der Hand in den Mund leben. Du wirst heiraten und eine Familie gründen wie alle, viele Bambinis, und die wollen täglich was zu essen haben.
Franz Nein, so denke ich nicht
Gepetto Jetzt noch nicht
Franz Nein, das interessiert mich nicht. Es muß etwas anderes geben
Gepetto Das sagen viele
Franz So will ich es versuchen
Gepetto Dann wirst du so enden wie ich
Franz Warum nennst du das ein Ende
Gepetto Wer so lebt wie ich, hat nichts mehr zu erwarten
Franz Wer sagt das? Du hast ja alles zu erwarten. Denn du hast nichts. Also hast du alles zu erwarten!
Gepetto Du machst dich über mich lustig. Ja, darauf kann ich warten, ob heute oder morgen einer kommt und mir zu essen gibt.
Franz Weißt du, was du da tust?
Gepetto Ja, betteln. Was ist das schon. Und frieren, husten, hungern. Und das Jucken auf der Haut aushalten.
Franz Dann weißt du also, dass Gott es ist, der dich nährt?
Gepetto Ist vielleicht der schuld daran, dass ich kein Dach über dem Kopf habe und keine tägliche warme Mahlzeit?
Franz Nein, er ist es, der dir täglich einen schickt, der dir zu essen gibt
Gepetto Täglich nicht einmal
Franz Ich lerne viel von dir
Gepetto Du machst dich lustig
Franz Hast du noch Platz hier?
Gepetto Du meinst in meinem Appartement?
Franz Lass mich hier bleiben, ich will von dir lernen, mich von Gott nähren zu lassen
Gepetto Da wirst du aber einige Kilo verlieren
Franz Insgeheim hab ich immer gewußt, dass Gott für einen sorgt
Gepetto Einen besser, einen schlechter
Franz Lass dich umarmen, Freund, dass du mir Gottes Vorsehung zeigst umarmt ihn
Gepetto Jetzt weiß ich, wozu ich so lang studiert hab diese Armut
Franz legt sich neben ihn auf die Zeitung







4


Franz
Bruder Bernhard
Bruder Ägidius
Bruder Philippus


In einer Scheune zusammen gekauert, in arme Gewänder gekleidet, die Gefährten mit Franz.


Bernhard: Franz, hast du gemerkt, wie dieser reiche Mann nicht an uns vorüber gehen konnte?
Phillippus: Er konnte wohl unseren armseligen Anblick nicht ertragen.
Ägidius: Brüder, merkt ihr nicht, wie wir alle von Gott geführt werden? Was soll uns schon geschehen?
Phillippus: Na ob das so einfach ist?
Franz: Gewiß führt Gott uns. Er hat uns ja schon aus diesem nichtsnutzigen Leben herausgeholt und unter die Armen versetzt, wo wir nun ALLES von ihm zu erwarten haben. Aber Brüder, denkt nicht, dass es immer so gut ausgehen wird wie heute.
Ägidius: Wenn Gott uns hierher führt, dann sorgt er auch für uns. Schließlich haben wir für ihn alles verlassen und sind ihm gefolgt.
Franz: Bruder, höre: Dass wir nun in Armut leben, ganz von der Vorsehung – das ist doch nicht unser Verdienst! Wir sollen Buße tun für unser früheres Leben, hörst du!
Ägidius: Meinst du, drei Kirchen wieder aufbauen reicht noch nicht?
Franz: Gott schenkt Versöhnung.
Bernhard: Aber Franz, wird das immer so sein? Dass uns jemand zu essen gibt und ein Dach? Man kann sich doch nicht darauf verlassen. Und es gibt doch so viele Arme. Brauchen die nicht noch dringender Hilfe als wir?
Phillippus: Der Bischof hat uns ein Haus angeboten, damit wir eine Bleibe haben. Wir könnten am Feld arbeiten, uns selbst versorgen und dann den Armen in Assisi noch viel besser helfen.
Franz: Siehst du, das ist die Versuchung zur Bequemlichkeit. Das ist immer praktischer. Aber da machst DU deinen Plan mit Gott. Ich aber will auf Gottes Plan mit mir achten.


5


Franz
Bischof
Papst


In den vornehmen Hallen der päpstlichen Kurie.


Bischof: Lieber Franz, welche Überraschung, dass du nach Rom kommst. Das hätte ich nicht erwartet, da du doch das einfache Leben viel mehr schätzt.
Franz: Herr Bischof, danke für die Begrüßung, ich habe einen Auftrag. Ich will den Papst sprechen.
Bischof erschrickt: Was du nicht sagst. Brauchst du Geld? Habt ihr gestritten?
Franz: Ich bitte eure Exzellenz um eine Audienz bei Seiner Heiligkeit.


Papst auf dem Thronstuhl: Du bist dieser Franziskus, der freiwillig mit den Armen lebt und Gefährten um sich sammelt?
Franz: Eure Heiligkeit, danke, dass ihr mich empfangt.
Papst: Ich habe gehört, dass du alte, verfallene Kirchen wieder aufbaust. Wie denkst du über die Kirche in der heutigen Zeit?
Franz: Dass sie nicht genug auf Gott vertraut.
Papst: Meinst du die Kirchenleitung?
Franz: Die meisten Christen. Setzen sich selber an Gottes Stelle. Tun den eigenen Willen, fragen nicht nach Gott.
Papst: Das ist wahr. Ich habe gehört, du und deine Gefährten, ihr zieht durchs Land wie Bettler. Das könnte dem Ansehen der Kirche schaden.
Franz: Wenn das Vertrauen auf Gottes Vorsehung dem Ansehen der Kirche schadet, dann verliert sie nicht viel.
Papst: Vielleicht möchtest du eine eigene Kirche gründen?
Franz: Es gibt nur eine Kirche, und kann nur eine geben. Denn Christus ist doch für alle gestorben, die an ihn glauben.
Papst: Und weißt du, wer erlöst ist? Fühlt ihr euch als die Auserwählten?
Franz: Nur Gott weiß es. Aber unser Herr Jesus Christus ist zu den Armen und den Sündern gegangen. Über ihre Umkehr freut sich der Himmel.
Papst: Gewiß, gewiß.
Franz: Wir haben Buße zu tun, Eure Heiligkeit, und folgen in Armut Christus nach, wie er geboten hat. Und er führt uns durch die heilige Kirche, durch Menschen und durch seine Vorsehung. Das ist uns klar geworden.
Papst: Nun, dagegen läßt sich nichts einwenden. Was soll man gegen das Evangelium einwenden.
Franz: Ich bitte Eure Heiligkeit, unsere Gemeinschaft zu bestätigen.
Papst: Was soll man gegen das Evangelium einwenden




6


Franz
Phillippus
General


Im Lager vor den Toren einer orientalischen Stadt

Phillippus: Sind wir nun so weit gegangen, um zuletzt wieder Krieg zu führen? Wenn auch nicht mehr gegen die Nachbarstadt, sondern diesmal gegen die Ungläubigen?
Franz: Das sei uns fern, Bruder. Krieg kann niemals richtig sein.
Phillippus: Aber wir sind hier im Hauptquartier der christlichen Kreuzfahrer!
Franz: Ich will den General sprechen.

General: Seid willkommen, Botschafter der Heimat! Hat der Papst euch hergesandt in das Land der Ungläubigen?
Franz: Wir gehen, wohin Gott uns führt. Schon lange sehnte ich mich nach der Heimat unseres Herrn Jesus Christus.
General: So kommt ihr als Pilger, nicht als Krieger.
Franz: Ganz recht, aber sagt ihr das nicht auch von euch selbst?
General: Wie kann man fromm sein, wenn man Krieg führen muß?
Franz: Du sprichst mir aus der Seele, General.
Warum hast du dieses gewählt?
General: Mich sendet die Kirche. Du weißt, der Papst befiehlt den Kampf gegen die Ungläubigen und die Befreiung der heiliges Stätten in Jerusalem.
Franz: Aber hier ist nicht Jerusalem. Du bekämpfst den Sultan in dessen Heimat.
General: Er verleugnet unseren Herrn.
Franz: Weißt du das sicher?
General: Sie schimpfen uns Holzanbeter.
Franz: Ich werde ihn fragen
General: Bist du verrrückt?



7


Franz
Phillippus
Wachen
Sultan


Im Lager des Sultan. Die Brüder werden von Wachen vor den Sultan geführt.

Wachsoldat: Diese Spione wollten unser Lager überfallen!
Sultan: Zu zweit?
Wache: Sie wollten uns belauschen!
Sultan: Wie habt ihr sie gefunden?
Wache: Sie kamen direkt auf uns zu!
Sultan: Das sind keine Spione. Lass sie los.
(zu den Brüdern) Wer seid ihr?
Franz: Wir sind Pilger aus Italien.
Sultan: Aber hier ist ein Heerlager, kein Heiligtum.
Franz: Ich will dich sprechen, Sultan.
Sultan: Hast du keine Angst? Deine Leute kämpfen gegen uns.
Franz: Ich habe gehört, ihr betet auch zu Gott. Warum soll ich mich fürchten?
Sultan: Das stimmt, wir beten fünf Mal am Tag.
Franz: Auch die Soldaten?
Sultan: Alle. Der Ausrufer zeigt uns, wann Zeit ist.
Franz: Was wißt ihr von Gott?
Sultan: Dass er zu den Menschen spricht. Durch die Propheten, die auch ihr verehrt, und durch den letzten Propheten, den allein wir verehren, gepriesen sei er. Und dass er unser Gebet erhört. – Und was wißt ihr von ihm?
Franz: Dass er Mensch geworden ist in Jesus. Dass er als Mensch gelebt hat, dass er gestorben ist am Kreuz aus Liebe zu uns. Und dass er auferstanden ist, um Sünde und Tod zu vernichten.
Sultan: Der Schöpfergott und der Menschengott. Das sind doch zwei Götter!
Franz: Es ist derselbe, Sultan.
Sultan: Wie auch immer, beide beten wir.
Franz: Glaubt ihr auch, dass Gott jeden Menschen führt nach seinem Plan?
Sultan: Inschallah, er tut es.
Franz: Aus Liebe?
Sultan: So ist es. Sag mir, bist du ein Sufi? Ein Heiliger der Wüste?
Franz: Ich bin einer, den Gott so arm gemacht hat, dass er auf ihn hören gelernt hat.
Sultan: Vermisst du das bequeme Leben?
Franz: Gottes Nähe allein ist Reichtum für den Menschen.
Sultan: Wirst du mit den Soldaten kämpfen?
Franz: Ein Kämpfer bin ich schon, für die Liebe zu Gott und den Menschen. Die wird von großen Versuchungen bedrängt.
Sultan: Und die dort mit den Schwertern? Wovon werden die versucht?
Franz: Sie glauben, dass die Kirche groß sein muß. Mächtig und sicher.
Sultan: Ist deine Kirche von uns, die ihr Ungläubige nennt, gefährdet?
Franz: Die Pilgerstätten. Jerusalem, das heilige Land.
Sultan: Wenn es euch nur darum geht
Franz: Es geht um den ganzen Glauben. Dass Gott seine Gläubigen führt und ihnen den rechten Weg zeigt.
Sultan: Führt er euch?
Franz: Ich bete. ---

Sultan zu den Wachen: Gebt ihnen zu essen! Bringt ihnen schöne Gewänder und Geschenke! (Die Brüder nehmen nichts an)
Franz zu Phillippus: Fünf Mal täglich beten sie, hast du gehört! Das sollten wir auch tun!

Sultan bei sich: Wenn ich bei uns solchen Glauben fände
Franz bei sich: So nah ist Gott uns in seinem Sohn, dem wir nachfolgen – und doch ist er uns noch fremd! Wieviel müssen wir noch lernen über ihn! Besonders die Liebe, Bruder, besonders die Liebe

Ich wollte sicher sein, dass ich nicht vergeblich laufe oder gelaufen bin

Gal 2, 2

Hallo Besucher!

Hinterlass doch deine Meinung zu dem, was ich hier preisgebe!

Aktuelle Beiträge

Planetentheologie
Anstatt die Galaxien zu durchstreifen wie seinerzeit...
weichensteller - 15. Apr, 21:16
Was ist um Werner Pircher?
D.U.D.A. bringt es wieder zu Tage, dass man ihn zu...
weichensteller - 5. Apr, 12:08
Licht in Sarajevo
Überall Neonlicht, weißblau, weißgrün,...
weichensteller - 19. Feb, 14:35
Bostjans Flug
Endlich wieder richtige Literatur. Nicht nur erzählte...
weichensteller - 1. Dez, 20:56
DIE INSEL. FILM VON PAVEL...
Vater Anatoly. Ein Idiot oder ein Kautz. Da kommen...
weichensteller - 30. Aug, 22:31

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Status

Online seit 3786 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 15. Apr, 21:16

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this topic

twoday.net AGB

wer kommt

Free counter and web stats

bibel
des menschen überdrüssig
essays
fragen über fragen
gedicht
kino
musik
predigten
presse
rand
texte
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren