rand

Dienstag, 8. Februar 2011

Das Wüten der Welt. Marten´t Hart

Adriaan erlebt sozusagen an einem Tag sein ganzes Leben. Wie ein Prolog sind die Begegnungen und Ereignisse an diesem Tag, deren Bedeutung sich erst Jahre später nach und nach zeigt. Es ist eine Geschichte aus der holländischen Nordseeprovinz, und es zeigt sich, dass ein großer Horizont eines flachen Landes noch längst nicht eine weite Sicht erzeugt, denn die Provinz ist ja ein geistiges Phänomen, kein geographisches.
Wenn einer, der tot sein sollte, dennoch lebt, so ist es wie ein Unrecht. Fortan bestimmt der Kampf um Rechtfertigung sein Leben, und ist darin vollendeter Ausdruck des protestantisch-lutherischen Lebensgefühlsdas eben nicht durch Werke, wie im Katholischen, sondern allein durch Glauben die Rechtfertigung sucht, für die es aber zu Lebzeiten keine Gewissheit geben kann. Wenn an seinem Lebensabend im Irrenhaus der religiöse Eiferer, an dessen Hartherzigkeit alle Familienmitglieder zerbrochen sind, immer noch auf Rechtfertigung hofft, so kann das doch wieder Respekt einflößen vor dieser durch Tatsachen unbeirrbaren Hoffnung, einer radikalen Glaubensvariante.
Wenn indes im Leben des heranwachsenden Adriaan Ereignisse ihren Lauf nehmen, wenn er völlig unberührt bleibt von altersgemäßen Erscheinungen, wenn er ein Sonderling wird, der sich um andere Sonderlinge müht, dann sieht man nach und nach einen großen Plan sich vollziehen, dann wird ein auf Prädestination gestütztes Glaubensverständnis sichtbar, eine Gottesbegegnung, für die nicht Gebet und Liturgie, wohl aber Deutesätze der heiligen Schrift maßgeblich sind, und eben das Menschenleben selbst - wer es zu lesen versteht.
Der Großvater ist der Mystiker, der aus Liebe und Distanz die Fäden sieht, an denen Gott zieht, und in großer Gelassenheit Glauben und Gottlosigkeit auf eine Stufe stellt.

Die eigentliche Hauptperson in Harts Romanen ist jedoch die Zeit selbst. Während der Großteil des Personals Unwissende sind, in engen Grenzen Lebende und sich damit begnügend, ist es die Zeit, die Bedeutung schafft. Das beobachtete Kriegsschiff des jungen Adriaan entspricht der späteren Weltreise in der Waschküche der Fregatte, die dennoch nicht aus der Provinz herausführt, sondern eher die ehemalige Seemacht Holland als provinziell vorführt.
"Das Wüten der ganzen Welt" war der Erstlingsroman Harts, in dem der Protagonist sein Leben lang einen Kriminalfall aufzulösen versucht, dessen Zeuge er als Junge geworden ist. Er will ein Geheimnis lösen, das über ihm liegt, über seiner Welt, ihrer Fremdheit und Unerbittlichkeit, und so tastet er sich mit unbeirrbarer Hartnäckigkeit einer Lösung und Klärung entgegen. Auch hier ist es die Zeit, die wie ein Mantel über der Welt liegt und sie erträglicher macht, in der blinden Hoffnung auf Aufklärung seines Lebens und dessen Verwicklungen. Und in beiden Büchern lüftet schließlich die Zeit den Mantel und gibt etwas preis, lässt etwas erkennen und zusammenwachsen. Das Glück liegt weniger in den Leistungen des Protagonisten, oder in seinen Entscheidungen - als Subjekt kommt er wenig zur Geltung. Eher kämpft er mit fremden, unverständlichen Mächten und bekommt geschenkt, was zuletzt zu seinem Leben gehört. In diesem Sinne ist der Protagonist wie Kafkas Herr K, Glavinic´Jonas oder Hotschnigs Kurt Weber. Was die Zeit ihm gewährt, muss erkannt und verstanden werden. Weit davon entfernt, Herr seines Lebens und seiner Entscheidungen zu sein, liegt sein Glück zuletzt darin, das zu bejahen, was die Zeit ihm in den Schoß legt, ungeschuldet. Der Sinn ersteht am Grauen entlang

Donnerstag, 2. Oktober 2008

Der Rand macht das Bild

So wie ein schönes Bild von einem besonderen Bilderrahmen eingefaßt wird, so sagt der Rand der Gesellschaft sehr viel aus über die Menschen „in der Mitte“, über ihr Zusammenleben und ihre Umgangsformen. Ein Volk, das Menschen verhungern ließe, würde zeigen, dass es unfähig ist, seine Bevölkerung zu ernähren – oder die Nahrung gerecht zu verteilen. Das ist gottlob bei uns nicht so.
Was aber ist mit einem Volk, das seine Ungeborenen tötet? Das Ausländer einlädt, statt des eigenen Nachwuchses bei ihm zu leben und zu arbeiten, und diese dann loswerden will? Ein Volk, das Behinderte gar nicht auf die Welt kommen lassen will, und wenn doch, dann mit Mauern umgeben. Das seine Kranken nicht sehen will, und seine Sterbenden in weiße Zimmer sperrt.
Nun, es gibt viele Menschen, die sich aufopfernd bemühen um Alte, Kranke oder Sterbende. Die öffentliche Diskussion hat das leider nur in Eurobeträge fassen können, was doch menschliche Hingabe ist. Und auch wenn die von den gewinnorientierten Massenmedien verkündete „öffentliche Meinung“ nur Spaß und eigenen Vorteil sinnvoll nennt, gibt es doch sehr viele Menschen, die wissen, dass Glück und Sinnerfüllung eine Frage der Liebe sind. Menschen, die einander pflegen. Die darauf achten, dass ein anderer leben kann. Menschen, die auf die Suche gehen nach Schwierigen. Die sich Zeit nehmen. Die für Lebenschancen der ihnen Anvertrauten kämpfen. Die also zum Rand gehen, um die Mitte zu stärken.

Und denkt an die, die sich abmühen, damit wir zu essen haben. Nicht in klimatisierten Büros, sondern am Traktor, bei jedem Wetter, jeden Tag. Die mit der Natur umgehen können mit ihren Händen, und den Boden pflegen, damit dort wachsen kann, was uns nährt. Keine Industriearbeiter, die Küken auf Förderbänder stopfen oder Ferkel in Zwinger sperren zu Tausenden. Sondern Bauern, Landwirte, die seit Jahrtausenden dem Leben der Natur und des Menschen dienen. Und seht, wo sie selber stehen in unserer modernen, synthetischen Gesellschaft. Sucht ihre Produkte in den Supermärkten. Und begeht ihre Felder.

Die Wächter über den Rand sind in der Bibel die Propheten. „Hört dieses Wort, die ihr die Schwachen verfolgt und die Armen im Land unterdrückt!“, mahnt Amos (8,4). Ihre „Schuld war, dass sie in Überfluß zu essen hatten und in sorgloser Ruhe dahinlebten, ohne den Elenden und Armen zu helfen“, erklärt Ezechiel den Zusammenbruch der Gesellschaft (16,49). „Das ist ein Fasten, wie ich es liebe“, richtet Jesaja den Selbstzufriedenen von Gott aus, die obdachlosen „Armen ins Haus aufzunehmen!“ (58,7). Denn eigentlich, so verweisen sie alle auf das Gesetz, „sollte es bei dir gar keine Armen geben!“ (Dtn 15, 4). Jesus nennt die Armen selig und sucht vor allem sie und die Sünder. Denn eine Gerechtigkeit, die Gott anerkennt, kann sich mit verkommenen Rändern nicht abfinden. Denn Gottes Bild vom Menschen ist randlos.

Da wir wohlhabenden bürgerlichen Menschen uns vorwiegend mit uns selbst und unseren Bedürfnissen beschäftigen, sollen wir öfter auf die hingewiesen werden, die am Rand sind, fast schon unsichtbar und von Institutionen zugedeckt. Jemand wird sich schon kümmern, und die Allgemeinheit zahlt ohnehin. Gott aber schickt nicht Geld, sondern Menschen. Menschen, die lieben können. Und Gott bereitet Familien und Gemeinden, damit dort Menschen lieben lernen. Lernorte der Wahrnehmung, der Aufmerksamkeit. Des Hinschauens und Hingehens.

Als in den Pyrenäen die Mutter Gottes einem Menschen erschien, da war es nicht ein Bürgermeister oder Bischof, kein Firmenchef oder Chefredakteur, sondern ein vierzehnjähriges, asthmakrankes armes Mädchen. Durch sie, Bernadette Soubirous, sprach Maria zur ganzen Kirche und fegte sie rein wie mit einem Besen. Und Papst Benedikt ist ihr dorthin an den Rand gefolgt, zu den Kranken und Hoffenden, und hat sich dadurch selbst zum Rand rechnen lassen, was uns die Medien täglich vorzeigen: Ihr Christen, merkwürdige Sondererscheinung! Neidisch kommentiert die Nachrichtensprecherin im ZIB 1 am Sonntag: „Es kamen mehr Menschen als befürchtet....“! Sarkastisch titeln die Zeitungen mit „Papst im Land der Skeptiker“, um die eigene Skepsis hochzuhalten. So, liebe Christen, stellt man uns an den Rand. Im eigenen Land. Vor den Moslems, die unsere Skepsis und Dekadenz verachten. Vor den Ungläubigen und Zweiflern. Und vor den Suchenden, damit sie aufhören, weiter zu fragen. Kämpft dagegen, laßt euch nicht mundtot machen, aber verzagt nicht deswegen: Besser, am Rand zu sein, in guter Gesellschaft, als in der Mitte und leer.

Die am Rand sind

Vor Zeiten hat man sich die Welt wie eine Insel vorgestellt, von Wasser umringt, und der Himmel auf Berge am Rand gestützt. Klar umgrenzt von der Seite, von oben und von unten. Heute reden wir vom grenzenlosen Universum ohne Oben und Unten.

Aber das Denken hat sich nicht geändert, der Mensch ist gleichgeblieben. Als die Schiffe nicht jenseits des Atlantik hinunterfielen, hat man eben die Menschen herabgesetzt, die man in den neuen Ländern gefunden hat, und da hat die ganze Gesellschaft noch viel tiefer zu fallen begonnen, als von den Schiffen je befürchtet.

Die Ränder sind seither keineswegs verschwunden, sondern noch viel enger zusammengerückt. Die Berge, die an den Grenzen der Welt einst den Himmel getragen haben, verbarrikadieren nun unsere Heimat, die wir uns im Gelobten Land geschaffen haben, und sie tragen keinen Himmel, nur unseren Reichtum. Aber die Schutzzäune umgeben auch unsere Häuserblocks, sie sind quer durch Familien und Paare gespannt, und sogar die Herzen sind gepanzert, man sieht das am harten, unbeweglichen Gesicht.

Am Rand draußen haben wir im 16. Jahrhundert die Indianer gefunden, heute sind es Tschetschenen, unproduktive Senioren, unberechenbare Kinder oder unangepaßte Gläubige. Eigentlich fast alle. Nur in der Mitte, da ist das Wichtigste. Was da ist, das sollte im Laufe des Kritischen Oktober 2008 allmählich klarwerden. Wenn wir die Ränder unserer Gesellschaft beleuchten.

Ich wollte sicher sein, dass ich nicht vergeblich laufe oder gelaufen bin

Gal 2, 2

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