Hier soll ein Zug kommen.
Er soll mich zum Chilkoot Trail bringen.
Diese Route, auf der die Goldsucher von Alaska übers Gebirge kamen.
Eine bunte Gesellschaft findet zusammen, der Bahnhof von Carcross wird zum lebendigen Ortszentrum, schwatzende Leute, die Eis schlecken, Pianomusik kommt aus dem Saloon, die Musikstücke aneinandergereiht ohne Pause, Country, Boogie, Traditionals. Der Pianist hat lange, graue Haare, sein Gesicht, über die Tasten gebeugt, kann ich nicht sehen, zuweilen singt er, die Stimme, die, verstärkt, über den ganzen Platz klingt, ähnelt der von Cat Stevens. Ich erstehe einen schicken Pullover, in Erwartung des Kommenden.
Es ist eine Wildweststadt mit Holzhäusern und sandigen Straßen. Ich sehe zwei Kirchen und einige Totempfähle. Eine Straßenkreuzung, ein Flussufer, ein Ufer zum langen Bennet-Lake, der wie ein Fjord zwischen steilen Ufern liegt. Der Zug wird mich zum anderen Ende bringen, entlang der Felsküste. Einige werden in Bennet aussteigen, mit großen Rucksäcken, um einige Tage den Chilkoot-Trail entlang zu gehen. Es gibt dort einige hölzerne Camps, wo man das Zelt aufstellen kann und die Nahrungsmittel in Boxen vor den Tieren sicher sind. Wir kennen uns schon vom Bus. Eine Familie mit zwei Teenagermädchen aus dem französischen Kanada, mehrere Mutter-und-Sohn-Paare, Pärchen. Der junge Mann, der mir begeistert von antiken Tempeln in Pakistan erzählt und Fotos gezeigt hat, der seinen Großvater begleitet - "Grüß Gott, ich war in München", sagt er mir lachend, auf seinen Stock gestützt - und der, in Bennet angekommen, sogleich zur Holzkirche eilt und schon wieder am Bahnhof zurück ist, wenn ich erst mit dem Fotografieren fertig bin, erzählt mir strahlend, es sei eine presbyterianische Kirche, seine eigene Konfession. Das Grüppchen ist schon fort, als ich mich auf den Weg mache. Doch ich werde sie alle überholen, wenn ich erst in Fahrt komme mit meinem leichten Rücksack, knapp gepackt diesmal. (Um diesen Weg zu begehen, braucht man eine Genehmigung und muss Instruktionen hören von einem freundlichen Beamten der Gebietsverwaltung; das grüne Kärtchen pendelt von meinem Rucksack.)
Ein lichter Wald.
Flache Granitrücken, dichte Moosrasen und helle Flächen von Strauchflechten.
Zwischen Steinblöcken durch, zuweilen darüber hinweg.
Hinter Lichtungen der Blick auf Berge mit Schneespitzen.
Manch stiller Waldteich, Moore mit braunem Wasser.
Ich muss in dieser Landschaft geboren worden sein,
in dieses oder ein früheres Leben.
Es ist wie ein Heimkommen.
Im Moos liegend, höre ich Vogelstimmen zum ersten Mal.
Nachtvögel.
Es ist um Mitternacht nicht finster.

weichensteller - 10. Aug, 21:03