predigten

Donnerstag, 21. Mai 2009

Vom Karussellfahren

Wenn du jeden Tag aufstehst, aus den Augenwinkeln die Familie registrierst, das Frühstück hinunterschlingst und zur Arbeit eilst. Und am Ende der Woche, wenn sich Sonne ankündigt, das Weite suchst, um in der Natur etwas davon wiederzubekommen, was du während der Woche verloren hast. Dann bist du ein Reiter auf dem Hutschpferd im Karussell. Drehst die selben Kreise Jahr für Jahr, unter dem Eindruck von Eigenbewegung.

Aber das Ganze ist mit Mängeln behaftet. Der Radius ist relativ klein. Das Personal ist limitiert, innerhalb von Grenzen wird es immer wieder ausgetauscht. Die Schaukelbewegungen sind lustvoll und erinnern an die Zeit vor der Geburt – aber mit den Jahren nimmt die Lust ab. Dann zählen die Errungenschaften, die zurückgelegten Kilometer und neugebauten Hutschpferdchen, im neuen, amerikanischen Stil. Und wer gut gelernt hat und gut in Bewegung ist, kann die Umdrehung noch etwas beschleunigen. Die zivilisierte Menschheit tut das Jahr für Jahr. Mehr Energieverbrauch, eine größere Gemüseauswahl aus Übersee, ein Winterurlaub am Meer.

Nun ist es unbestritten, dass auch Karussellfahrer erwachsen werden können. Dann ahnen sie eine größere und unbegreifliche Welt, wo andere Maßstäbe gelten. Eine Menschlichkeit, die auch für Fremde offen ist. Ein Interesse am Menschen jenseits seiner Verwertbarkeit. Begegnungen von der Art, wo auch Veränderung möglich ist. Ein Blick auf Menschen, der sie wachsen sieht. Eine Brise aus einem jenseitigen Land. –

Und dann kommt der Moment der Entscheidung. Springst du herunter vom Karussell und trappelst mit anfangs schwindligem Kopf ein paar Schritte an den Verkaufsbuden vorbei, aufs offene Land zu. Oder kehrst du wieder zurück auf dein Holzpferdchen und drehst dich noch ein bisschen schneller. Dann bist du endgültig in der Provinz angekommen. Die Provinzbewohner sind diejenigen, die es nicht anders wollen. Die die Kreisbewegung gewählt haben, nicht erlitten. Die absichtlich auf Pferdchen sitzen und dabei nicht gestört werden wollen. Und die lächelnden Zuschauer draußen verhöhnen. Die Provinz erduldet nichts außerhalb. Ein richtiger Bewohner der Menschenprovinz ist mit seinem Pferdchen verwachsen und nimmt es überallhin mit, und das Pferdchen wiehert und frisst Heu. Eine lustige Karussellwelt.

Aber derjenige, der vom Himmel gekommen ist, ist auf einem Esel geritten, keinem Schaukelpferd. Der Esel fügt sich ebenso wenig in die Kreisbewegung wie sein Reiter. Er hat die Drehbühnen durchquert, ohne schwindlig zu werden. Viele Reiter haben ihre Holzpferdchen verlassen und sind ihm gefolgt. An der gefährlichen Stufe sind einige gestolpert, manche auch gestürzt. Der Himmlische hat sie nicht zurückgelassen, sondern auf sie gewartet, bis der Schwindel sich gelegt hat und sie wieder auf die Beine kamen. Hinter der letzten Bude des Jahrmarkts haben sie zurückgeschaut und das Gefängnis erkannt. Ein Konzentrationslager ohne Wärter und Stacheldraht, mit lustigen und sentimentalen Liedern und Bratwurstduft. Mag sein, dass da der eine oder andere kopfschüttelnd nochmals zurückgegangen ist. Man erzählt aber auch vom Gefängniswärter, der sich zuerst an den Hals griff und dann den Himmlischen anschloss.

Die Welten außerhalb des Jahrmarkts waren unermesslich. Wer da ohne Vorausgeher bestehen will! Mancher verirrte sich und verlor den Himmlischen, und zurück fand er auch nicht mehr. Denn es war eine neue Bewegung. Nicht mehr Wiederholung, kein Kreisen mehr. Jetzt hatte das Gehen eine Richtung bekommen, eine Vorwärtsbewegung, die nicht mehr den Grenzen folgte, sondern sie durchquerte, auch die Todeslinie.

Geht hinaus in die ganze Welt, sagte der Himmlische zu ihnen, bevor er selbst die letzte der Grenzen übersieg, die Grenze der Sichtbarkeit und Verstehbarkeit. Und sprach vom Geist der Bewegung, der die Gehenden im Gang halten würde, damit sie Rat fänden bei den vielen Abzweigungen und ungelösten Fragen. Von der Geisteskraft, die den Schwindelnden und Taumelnden wieder erfasst. Von der Einsicht, die man von einem höheren Punkt auf die Landschaft hat, die man durchquert. Von der Zuversicht, und von der Hoffnung, die die Menschen erfasst hat, als sie eine Ahnung von der Freiheit jenseits des Karussells bekamen wie der Hund die Witterung in der Nase hat. Solcher Art ist der Geist, der sie in Bewegung hält seither, und schon lange stehen sie nicht mehr herum und starren dem Himmlischen nach, der sie gesandt hat:

Geht hinaus in die ganze Welt
und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!

Dienstag, 6. Januar 2009

Nicht-Wissen-Wollen

Ich habe behauptet, Nicht-Wissen-Wollen sei sündhaft. Selbstgenügsam sich in seinen eigenen Kreisen zu drehen und alles Neue und Fremde auszuschließen, sei die Geisteshaltung der Ängstlichkeit, die nur mit dem Immergleichen etwas anfangen kann. Denn als Adam und Eva wollen wir gar nichts wissen – wir wollen nur anders sein können: anders als gut. Denn im Paradies ist alles gut. Und die Alternative dazu ist die Provinz: das Nicht-Wissen-Wollen, kein Ort, sondern eine Verschließung.

Heute aber zeigt uns das Evangelium zwei Arten des Wissenwollens.
Zuerst Herodes. Mit großem Interesse fragt er nach Jesus. Alle Lehrer ruft er zusammen, alles Wissen seiner Zeit versammelt er in seinem Palast, um das AT nach Jesus zu befragen. Und warum ist er, der so großes Interesse an Jesus hatte, der für sein Volk Straßen und Brücken, für Gott einen großen Tempel und für sich einen großen Palast gebaut hat, dennoch nicht in unseren Heiligenkalender gekommen? – Weil sein Interesse aus der Angst genährt war. Er wollte Jesus nicht erkennen, sondern beseitigen, weil er ihm im Weg war. In den Worten des Evangeliums kann man seine Angst noch spüren, wie er erschrickt und nervös wird. Der historische Herodes hat drei seiner eigenen Söhne ermorden lassen. Das steht hinter seinem Interesse an Jesus: die Angst um sich selbst, die Angst, unterzugehen, wenn ein Größerer kommt. Die Angst, neben dem wahren Licht zu verblassen, trotz großartiger Bauwerke.
Damit ist Herodes ein Provinzbewohner, so wie die anderen, die sich selbst genug sind. Agnostiker, Nicht-Wissen-Wollende.

Und dann sind da die Sterndeuter. Weise aus dem Morgenland sind es, also internationale Wissenschaftler. Bei ihrer Erforschung des Himmels haben sie einen besonderen, unbekannten Stern entdeckt. Sie sind neugierig geworden und haben mit ihren Instrumenten die Daten dieses Himmelskörpers ausgewertet und seine Botschaft entschlüsselt. Deshalb sind sie dann nicht mit Fernrohren und Spektrographen zur Krippe gekommen, sondern mit Geschenken. Denn die Botschaft des Sterns war die Geburt Jesu, des Weltenkönigs. So haben also auch die Wissenschaftler nach Jesus gefragt, angeleitet durch das Studium der Natur. Aber sie haben die Zeichen in der Natur anders gedeutet, ohne die Existenzangst, die Herodes hatte und die ihm den Geist verdunkelte. Sie sind nicht bei der Erscheinung geblieben, ebenso wie Mose vor dem Dornbusch, sondern haben in ihrem Licht sehen und denken können. Sie brauchten keine Spekulationen über Paralleluniversen und dunkle Materie, sie dachten hell und fanden zur Sprache, und ihre Reise war die angemessene, wenn auch riskante Antwort auf das, was sie gesehen hatten. Auf diese Weise hat die Natur die weisen Forscher zu Jesus geführt, und sie haben ihn gefunden und angemessen begrüßt.

Ist Ihnen aufgefallen, dass die Forscher nicht allein waren? Der alternde König war mit seiner Angst alleine, da half der ganze Hofstaat nicht und keine seiner 10 Frauen. Die Weisen aber kamen zu dritt, im Team. Sie haben nicht durch ihre Entdeckung berühmt werden wollen auf Kosten anderer, sondern sie haben sich zusammengetan. Vielleicht war das ihre Weisheit, dass sie über ihre Entdeckung reden konnten miteinander. Gemeinsam forschen nach der geheimen Wahrheit, miteinander viel weiter vordringen auf unbegangenen Pfaden und unerkannten Möglichkeiten, als es den Individualisten und Herdentieren je einfiele.

Wirkliches Wissen, liebe Gläubige, lernt man in der Schule noch nicht. Aber man kann die Grammatik der Dinge lernen, um die Zeichen richtig zu deuten. Dann aber müsst ihr selber aufbrechen und auf die Reise gehen, um den wirklichen Jesus zu finden. Nehmt euch ein Beispiel an den vielen Kindern, die in diesen Tagen unterwegs waren zu euren Türen. Und wenn ihr dann selber am Weg seid, - bitte wundert euch nicht über die unerwarteten Schwierigkeiten und Hindernisse - hoffentlich habt ihr dann die richtigen Gaben mit, wenn ihr in seine Nähe kommt Denn deswegen pilgern wir: um ankommen zu lernen bei ihm jenseits der Provinz, um eintreten zu können in seine Gegenwart, um ihm gegenübertreten zu können als die, die wir geworden sind bis dahin, in Würde und Weisheit.

Sonntag, 28. Dezember 2008

Kinder, Schuld und System

Kinder sind nicht immer unschuldig.
Ich kenne da ein paar Kommandierer, die immer recht haben und alles können. (Denn auf was anderes lassen sie sich nicht ein.)
Und sie können ganz schön gemein sein zu anderen Kindern – Mobbying könnten sich Erwachsene von ihnen abgeschaut haben, wie vieles andere.

Aber am Zustand der Welt sind sie nicht schuld. Dass außerhalb der westlichen Welt die meisten Kinder arbeiten müssen, um zum Familieneinkommen beizutragen. Als Schuhputzer oder Angler, als Dosensammler oder Botenträger, sie knüpfen Teppiche, nähen Turnschuhe oder schuften auf Baumwollplantagen. Bei Fabriksbesitzern sind Kinder beliebt: sie sind leicht einzuschüchtern, sie protestieren nicht, sie organisieren sich nicht und können sich auch körperlich nicht wehren. Und weil sie keine Schule besuchen können, werden sie es später auch nicht besser machen. Kinder als Prostituierte oder Soldaten im Sold Erwachsener: So haben die Mächtigen auch die Zukunft im Griff, die sie den anderen stehlen.

Auch an den zerbrochenen Beziehungen sind sie nicht schuld. Bei der Erstbeichte weinte ein Mädchen, weil es sich schuldig fühlte am Streit der Eltern. Die Hälfte meiner Schulkinder hat keinen Vater zu Hause, aber eine für alles zuständige Mutter. Das Auseinandergehen ist für sie normal, wie eine Lösung. Sie lernen, mit dem Nachmittag zurecht zu kommen, wo sie alleine sind, sie vertreiben sich die Zeit, wärmen das Essen, machen Aufgaben, lernen und spielen am Computer. Aber partnerschaftlich leben lernen sie nicht. Die Statistik sagt, ihre späteren Partnerschaften werden wenig Chancen haben auf Stabilität. Ihre Schuld?

In der Schule wird etwas verlangt von den Kindern. Eigentlich lernen sie gerne, weil sie neugierig sind. Das könnten sich Erwachsene abschauen. Aber nicht immer gerade nach Stundenplan. Man ist auch neugierig auf den Nachmittag oder den neuen Mitschüler. Aber man darf nicht immer alles zeigen, was man möchte. In der Schule gelten andere Regeln. Anpassung. Leistung. Alles ist ein Wettkampf. Immer besser sein als andere. Niemals abschauen oder zusammenarbeiten. Statt dem abstrakten Geld gibt es abstrakte Noten. (Beim Ministrieren gibt es anstelle der Freude, an der Messe aktiv teilzunehmen mit einem wichtigen Dienst, GELD – so wird den Kindern die ursprüngliche Motivation ausgetrieben.) Ein Schüler ist so gut wie seine Noten. Was nicht benotet wird, zählt nicht. Z.B. Spontaneität. Kreativität. Zusammenarbeit. Wir Lehrer machen klar, worum es geht. Hoffentlich können alle ihre Wertentscheidungen begründen und rechtfertigen.

Und Kinder stören. Sie stören prinzipiell. Denn sie durchkreuzen stets die Machenschaften der Erwachsenen. Sie stören die Ehescheidungen, die Alleingänge Erwachsener, weil sie nachfragen und sich nicht begnügen. Sie stören, indem sie die Ungeduld der Eltern spiegeln, oder ihre fehlende Ordnung. An ihnen fühlen Eltern sich schuldig, weil ihnen ihre Grenzen gezeigt werden. Sie stören durch ihre Fragen, durch ihren Bewegungsdrang und durch ihre Unangepasstheit – vorerst. Kinder werden gesellschaftlich ebenso störend empfunden wie Ausländer, Behinderte und alte Menschen. Sie sind der eigenen Ausbreitung und ungestörten Verwirklichung im Weg. Dafür ist Herodes Zeuge. Deshalb kommen Kinder kaum mehr vor. Die Mittel, ihre Entstehung zu unterdrücken, werden immer feiner. Auch die Umgebung ist immer weniger für sie bereit, Berufsleben, Partnerschaften und Familien, Häuser und Freizeitpläne. Seit 1975 wurden wahrscheinlich an die 2 Millionen Menschen nicht geboren. Darunter vielleicht Nobelpreisträger, Wissenschaftler, Politiker, Komponisten, Ärzte und Erzieher. Und viele Priester für die Gemeinden. Und seit den Möglichkeiten der Diagnose werden kaum mehr behinderte Menschen geboren. Wäre für die Eltern unzumutbar. Damit die Gesellschaft immer normaler wird. Immer mehr so wie wir selbst. Bequem, selbstzufrieden und angepasst. Normal und deutschsprachig.

Das hat System. Störungen werden beseitigt, Normalität wird hergestellt. Alles nach Plan, bewusst oder nicht, aber weitreichend. Systeme schaffen Komfort, aber keine Vitalität. Autobahnen werden auf Kosten von Vitalität gebaut und benutzt: schauen Sie nur die Pannenstreifen an, welche Kreaturen da haufenweise dem System zum Opfer fallen. Und beobachten Sie die Kinder im Fond, nach längerer Fahrt. Beschweren Sie sich nicht über die LKWs, Sie kaufen ja auch die spanischen Tomaten im Winter. Wenn Sie italienische Schuhe bevorzugen, dann sperren die heimischen Fabriken eben, so ist das System. Für all das können Kinder nichts. Wer ist es denn, der die Naschereien in der Warteschlange vor der Kassa in Augenhöhe platziert? Und so kann wenigstens diesmal einer Störung abgeholfen werden mit ein paar Euro.

10 x war Herodes verheiratet, wenigstens 15 Kinder, davon ließ er die drei ältesten Söhne hinrichten, weil sie seiner Herrschaft gefährlich wurden. In den römischen Machtspielen setzte er statt auf seinen Förderer Antonius auf den späteren Sieger Oktavian, den späteren Augustus. Ohne selbst Jude zu sein, hat er den Tempel prächtig wieder aufgebaut, nebst seinem eigenen Palast, baute Straßen und Wasserleitungen, und vermehrte so den Wohlstand der Bevölkerung. Mehrmals ließ er Steuern nach, war 2 x beim Kaiser in Rom, und 1 x mit seinen später ermordeten Söhnen in Aquiläa, wo Augustus sie miteinander versöhnte.

Aber die Weisheit schützt Kinder vor dem System. Die Sterndeuter verschwiegen den Christus, den sie gefunden hatten – die Verkündigung oblag den Hirten und Propheten. Das Kind in der Krippe erkennt nur, wer glaubt – und Systeme glauben nicht.

Sonntag, 14. Dezember 2008

Die Provinz des Menschen

Zuerst haben sie wissen wollen. Die Erkenntnis von Gut und Böse. Dieses Wissenwollen sucht die Alternative. Was es noch gibt, außer gut sein. Denn in dieser Welt war alles gut. Auch der Mensch. Die ganze Fülle lag ihm zu Füßen, buchstäblich. Gold und Karneolsteine im Boden, Bäume mit köstlichen, verlockenden Früchten, alle Arten Tiere und Pflanzen. Aber das war nicht genug, der Mensch wollte wissen, was es noch gibt.

- Und damit hat der Mensch die Provinz erschaffen. Das ist die Alternative zum Paradies. In der Provinz geht der Mensch gesenkten Hauptes hinter die Bäume, wenn Gott zu nahe kommt. Ansonsten hat er sich einigermaßen eingerichtet. Zwar muss er alle paar Jahre das Klo neu verfließen oder die Einfahrt betonieren. Draußen ist kein Türschild, und seine Nummer steht in keinem Verzeichnis. An den Feiertagen versammelt er seine Kinder, die ansonsten eigene Wege gehen. Das ist überhaupt die Provinz: dass alle ihre eigenen Wege gehen, und dennoch nicht alleine, sondern zu hunderttausend. In der Provinz gibt man sich’s, möglichst regelmäßig, Eishokeysaison, Faschingssaison, Fleischweihsaison, Kirchtagssaison, Gräbersaison. Seit die Alternative erfunden wurde, will der Mensch nichts mehr wissen. Die Katastrohen in der Geschichte sind ihm gleichgültig. Was seine Väter gemacht haben. Wie die Wirtschaft sich den Menschen organisiert, interessiert ihn nicht. Eilfertig läuft er ihr entgegen, mit dem Einkaufssackerl. Das Fremde in seiner Mitte will er ausmerzen, ohne es zu kennen. Eines Tages wird ihm das auch mit dem eigenen Herzen gelungen sein, er arbeitet daran. Wenn er die Natur teert und betoniert, will er nicht wissen, was darunter und daneben ist. Solange die Berggipfel darüber hinausragen. Selbständiges Wachsen und Sprießen beunruhigt ihn eher. Darum schickt er seine Talente meist in die Stadt, dort gefällt es ihnen, und sie bleiben.

In der Zeit nach Weihnachten finden wir uns wieder als Beschenkte. Auch wenn man nicht wissen will, welches zwölfjährige Mädchen in Thailand den Pullover genäht hat, für einen Euro für einen Zehnstundentag. Und täglich nicht wissen will, wie die afrikanischen Flüchtlinge in ihren Baracken leben in den spanischen Glashäusern, wo sie unser Wintergemüse ziehen auf Steinwolle. Und weiters wissen wir nicht, wie lange wir unsere Jobs behalten werden (außer mir selbst, ich habe eine krisensichere Branche gewählt). Und welche globale Krise nach der Welterwärmungskrise und der Finanzkrise die nächste sein wird. Vielleicht ist es die Freiheitskrise. Wo wir mit unseren stetig angewachsenen Alternativen nichts mehr anfangen können, so wie mit 100 Fernsehprogrammen. Vielleicht werden wir eines Tages gar nicht mehr anders können wollen. Sondern geradeheraus das Richtige tun, das, was uns selbst zutiefst entspricht. Und ohne es zurückzunehmen, ein eindeutiges Ja sagen. Und, anstatt sich fortwährend selbst aufs Spiel zu setzen und sich immer wieder zu verlieren, dann endlich wieder wissen wollen, nämlich: Wie soll das geschehen.

Wie soll solcher Wandel stattfinden? Bestimmt ist das nicht erlernbar, durch kein Schulsystem. Oder erstrebbar wie eine Karrierestufe. Es lässt sich nicht ausrechnen wie eine Wirtschaftsprognose, nicht erkämpfen wie ein Wahlsieg. Solche Überwindung der Provinz gibt es wie jede Bekehrung nur aus Gnade. Ein Geschenk, das unerwartet plötzlich da ist. Öffnen und verwenden musst du es selbst.

Donnerstag, 4. September 2008

An die Gemeinde von ....

Visionen von Πατμος



Ein Gefängnis war das einmal, ein Verbannungsort, diese Insel – und heute noch ist sie nur mit dem Schiff erreichbar, dreimal pro Woche. Den man hier kaltstellen wollte, diesen Propheten, als das Christentum zwar schon verbreitet, aber nur eine kleine Minderheit im Römischen Reich war, das war ein Mann namens Johannes. Aber einen überzeugten, leidenschaftlichen Christen auf einer Insel kaltstellen? Gerade hier hatte er seine Visionen, vom himmlischen Thron, vom Kampf der großen Tiere, von den sieben Posaunen und den Zornesschalen, vom Ende er Welt. Er schrieb sie auf und schickte sie in Briefen an seine Gemeinden in Kleinasien, der heutigen Türkei. Wir lesen sie heute im letzten Buch des Neuen Testaments, der Apokalypse, und finden sie an die ganze Kirche gerichtet.

Ihr Christen in Völkendorf, erfahrt, wie wir hier leben, inmitten der Griechen, die selbst Urlaub machen, und der Fremden, die hergekommen sind, weil diese kleine Insel ein Geheimtip ist mit wenig Attraktionen und kleinen Hotels. Kaum jemand von ihnen interessiert sich für die 365 Kirchen, eher für das Johanneskloster, dessen mächtige Mauern die Insel überragen und einmal Seeräuber abwehren sollten, aber den steilen Weg hinauf, und bis in die überraschend kleine Kirche gelangen dann doch nicht viele, wozu auch, ist nicht jede dieser orthodoxen Kirchen irgendwie gleich? Lieber bleibt man unten in Σκαλα - Skala, dem malerischen Städtchen am Hafen, mit seinen Gassen, Cafes und Tavernen, und geht einkaufen, essen und trinken – wie zu Hause.

Wer den Thron Gottes zu sehen vermag, und ihm standzuhalten: das sind nicht die unbeschwert schwatzenden Scharen, die dahin treiben und dorthin – da mußt du schon selbst aufrecht stehen können, lieber Christ. Zu solchen, die tun, was alle tun, spricht keine Stimme, oder sie erreicht sie nicht, die gehen, wo alle gehen. Sich selbst für einzigartig halten, genügt da nicht, und dann nur ein Abziehbild sein. Wer in den Thronsaal geladen wird, wird sich als Christ bewährt haben. Das Maß der Christen, hört das aus Patmos, ist nicht Erfolg oder Anerkennung, sondern Liebe und Hingabe, wie wir von Christus sehen, bis zur Selbstaufgabe, so sagt der Seher von Patmos. Und wenn ihr belächelt und verspottet werdet. Ihr gehört nicht zu jenen Selbstvergessenen, ihr gehört zu Christus. Ihr gehört ihm, laßt euch das gesagt sein.

Ich weiß schon, dass ihr viel leistet in eurer kleinen Gemeinde im großen Stadtteil, und dass ihr euch einsetzt für die Kranken, für die Alten, für die Kinder und Jugendlichen, sie sucht und auf sie zugeht, sie ansprecht und ihnen das Evangelium verkündet. Und dass ihr auch abgewiesen werdet an den Türen, und Mißerfolg und Spott einsteckt, zumindest einige von euch. Aber es sind auch solche, die alles recht leicht nehmen, weder kalt noch heiß. Passt auf, dass ihr eure erste Liebe nicht vergeßt, als ihr gläubig wurdet und Christus erkanntet, und wie ihr damals staunen konntet über seine Größe und Macht, als er doch als einfacher Mensch auf Erden wandelte. Werdet endlich wach, ihr Dämmernden, ihr Stolpernden, wacht auf und erblickt, was wahrhaft vorgeht in der Welt und in eurer Stadt! Der Hass gegen euch Christen ist größer geworden, man will euch schaden, wo man kann, man macht euch klein und erniedrigt euch, die Gegner des Papstes sucht man, wenn er spricht, des Bischofs, wenn er entscheidet, die Fehler der Priester, die Schwächen der Kirche – um von den eigenen Schwächen abzulenken. Aber nicht euch hassen sie, sondern Gott, der ihnen seinen Sohn ausliefert.

Seid getrost. Sie werden Gott nicht besiegen, nicht töten oder abschaffen, nachdem sie ihn zu einem Wunsch nervenschwacher Menschen erklärt haben. Diese Kräfte, die in der öffentlichen Meinungsbildung am Werk sind, und die sich der Journalisten, Politiker und Prominenz bedienen, die aus Menschen Konsumenten machen, aus Wählern Stimmvolk, die sind schwach und arbeiten deshalb geheim und versteckt. Sie scheuen Vernunft und Erkenntnis, und vor Gott wird ihr Stolz zerfließen.

Lasst euch gesagt sein: wenn ihr bei den Geretteten seid, die in den Thronsaal gerufen werden, dann seht ihr, wie viele ihr seid, nicht nur eine kleine Schar, wie es jetzt scheint, wenn ihr vereint sein werdet: ein ewiges Glück wird es sein, mit Gott auf seinem Thron, und eins mit sich und Ihm und Allem. Christen!

Seid gegrüßt und ermutigt aus Patmos.

Samstag, 16. August 2008

Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme!

Ist es Uebermut?

Nichts zu sehen, nichts sicher zu wissen, nur eine Vermutung,
und dann sich auf ein so unsicheres Element hinauszubegeben, und auf solche Weise.
Zwar ist er ja ein Fischer, und er wird Erfahrung haben mit diesem Element, wenngleich er aber kaum schwimmen kann.
Aber gerade in dieser Nacht plagen sich die Fischer mit Gegenwind und hohem Wellengang. Das Element hat seine eigene Dynamik. Man lernt, sich ihr bis zu einem gewissen Grad anzuvertrauen, und dann kann man mit ihm umgehen, soweit es das zulaesst.

Und wie kommt Petrus in dieser Nacht zu seiner (spaeten) Jesuserkenntnis?
Die Gestalt auf dem Wasser wurde ja fuer ein Gespenst gehalten, in grosser Angst schrien sie - und versuchten, es so zu beschwoeren. In dieser Nacht, im Kampf mit dem Element, im Anblick dieser unsicheren Gestalt, gab er sich zu erkennen. Und er war trotz der Umstaende erkennbar, weil es ja ein Wiedererkennen war.
Die Israeliten haben bereits in der Nacht des Schilfmeeres Gott erkannt im Walten dieses Elements, das zuweilen traegt und zuweilen verschlingt. Gottes rettende Hand, obgleich gar nicht zu sehen. Vom anderen Ufer aus. Als Gerettete. Als von Fremdherrschaft Befreite. Das war die Gestalt, die sie gesehen haben hinterher, je spaeter, desto besser. Vielleicht erst richtig in der Exilszeit. Die Gestalt des Retters und Befreiers, der sich ihrer annimmt, sie aber auch herausfordert. Im Exil begann man sogar, das Element (probeweise) mit der Wueste gleichzusetzen. Was ist mit dir, Wasser....., was ist mit euch, Berge..... (Ps 114).

Weiters haben die Fischer Jesus auf dem selben See bereits als der Elemente Herr erkannt. Die Eigenstaendigkeit der Elemente erwies umso deulicher seine eigene Eigenstaendigkeit gegenueber den Fischern und den Elementen, im gleichen Boot damals. Aber nun: Auf dem selben Element ruhend, mit dem sie ringen. - Insofern ihnen gegenueber, und es kommt zu einer Konfrontation.
Aber derselbe Grund traegt sie beide - insofern also eine Gleichsetzung.

Und das ist nun der Grund fuer die Zuversicht des Petrus. Er hat den verbindenden, tragenden Grund erblickt, der das Schiff traegt und sie selbst, und dem auch Jesus sich anvertraut. Im WAlten des Elements Gottes rettende Hand erkannt, in der unsicheren Gestalt wiedererkannt. Jesus in der rettenden Hand Gottes. Der Auferstehungsglaube bahnt sich hier an, auch der Juenger Nachfolgeangebote ueber den Tod hinaus. Der Elemente Herr, und in ihrem Walten erkennbar. Im Tragen und im Hindern. Als Boden und als Grab. Als tragender Grund, und als verschlingender.

Und nun wir selbst.
Ohne sich mit dem Element zu befassen, koennte man gerade nur an Deck bleiben. Von dort koennen zwar Ufer und Haefen anvisiert werden, auch Fischgruende lassen sich eingrenzen - aber das Element wird nur vorausgesetzt, es selbst wird nicht erfasst. Man kann sich darauf bewegen, ohne seiner gewahr zu werden, man geht seinen Tagesgeschaeften nach und kann es dabei zu Geschicklichkeit und Erfolg bringen, und dennoch blieben die Fischer Nichtschwimmer. Denn das Element erschliesst sich nur in der Gotteserkenntnis.

Aber es traegt. Es oeffnet Wege, fuehrt Suchende und Fragende, und auch Jesus betritt es. Und es nimmt auf: Beginnt, Petrus aufzunehmen, als er zweifelt, nimmt die Toten auf, auch den Gekreuzigten - und gibt sie wieder frei:
Das Element, das die Fischer traegt zu Jesus, der Boden, auf dem wir wandeln in all unseren Nichtigkeiten, da wir uns immerfort im Boot festzumachen suchen, und dort Gelaender und Gebinde errichten noch und noch, und mit ihnen allesamt schwanken unentwegt, der Grund, der Gott selbst uns ist, und dem ganzen Universum, jeglichem Geschoepf, damit es darauf erscheine und wieder darin aufgenommen werde.

Aber wenn er sagt: Komm, dann solltest du ihn wiedererkennen, nicht Gespenster, und dann geh, du wirst nicht versinken.



(Auf hoher See geschrieben)

Donnerstag, 17. Januar 2008

Sauber oder rein. Nachrichten von der Schwelle

In einem Jahrhundert, wo die europäische Menschheit die Größe und Pracht der Erde entdeckt hatte – und zugleich unermeßliches Elend in der neuen Welt auslöste; in einem Jahrhundert, wo die Bewegungen der Gestirne auf einmal zugänglich wurde mit neuen Instrumenten, in einem solchen, wo das Denken und Vorstellen des Menschen nun selbst zur Grundlage jeglicher Gewißheit werden sollte, und in demselben Jahrhundert, wo nicht mehr nur zwischen Kaiser und Papst, sondern noch viel tiefer in der Kirche selbst ein Spalt aufzureißen begann, von dem sie sich bis heute noch nicht erholt hat: gerade in dieser vielleicht noch mehr als heute bewegten Zeit ungeahnter Aufbrüche lebte eine Frau in einer Zelle und stellte sich ihrem eigenen Inneren, wie es bis dahin noch niemand gewagt hat.
Eine Burg nennt Teresa die Seele, die mächtig und schön auf dem Berg steht, aus vielen Gemächern, die alle um eine (noch verborgene) Mitte herum gelagert sind, als Raum, der bewohnt, belebt sein will, nach einer noch geheimnisvollen Ordnung, die man von außen nicht versteht. In der Mitte wird der König wohnen, und von seiner Macht bekommt die ganze Burg ihre Schönheit und Bedeutung. Die Seelenburg sei eine Wohnung wie das Paradies, wo Mensch und Gott ungezwungen miteinander wohnen, neben allem, was zum Glück nötig ist, im Überfluß.

Verzagte nennt Teresa solche, die nur von außen auf die Burg schauen wollen, oder Feiglinge, wenn sie keine Neugier und Lust haben, hineinzugehen und ihre Schätze suchen; sich mit den hohen Mauern begnügen wäre soviel wie in einem toten Körper leben oder in einer anderen Äußerlichkeit, wie sie sich dem bloßen Augenschein darbietet. Wem genügt es, wenn er von dem Glück nur ahnt, wie drinnen große Dinge vorgehen zwischen Gott und Mensch, draußen im Burggraben zu hausen zwischen Ungeziefer, oder unter der Brücke? Der Eingang aber, sagt Teresa, ist das Gebet. Und nicht nur ein dahergesagtes, denn ohne Aufmerksamkeit und Achtung, mit wem man redet und worum man bittet, sei kein Gebet.

Ohne Andacht einzutreten wäre, als würde ein Mensch viel Schmutz und Ungeziefer hereinbringen, und wäre dann immerfort von seinen Geschäften gefesselt, in denen seine Gedanken wieder untergehen, ohne die Schönheit der Burg überhaupt zu bemerken. Davon solle man sich frei machen, indem man an das Innere denkt, an die Mitte, in der Gott selbst wohnt wie der König, und uns erwartet mit seinem unermeßlichen Reichtum. Erst der Blick auf dieses Hohe zeige die eigene Niedrigkeit, mit der man sich begnügt habe, die Begegnung mit diesem Großen erst erhebe den Menschen aus seiner Ängstlichkeit, immer darauf zu lauern, was andere über ihn sagten. Von dieser äußeren ersten Wohnung heißt es, es sei die gefährlichste: die meisten Ausreden gäbe es hier, 1000 Vorwände, sich doch mit dem Gewöhnlichen und Geringen abzufinden, - und zwar, weil alle Gedanken und Sorgen mit hereingekommen seien, um Besitz und Ansehen, Leistung und Erfolg, und uns noch immer in Besitz haben. Von Helligkeit und Glanz des Schlosses sei hier noch kaum etwas zu bemerken, und der Eintretende wäre noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um von dem Licht etwas zu sehen, das von Gottes Wohnung in der Mitte ausstrahlt.

Über diese Schwelle zu kommen, brauche eine gewisse Hartnäckigkeit, mahnt Teresa ihre Mitschwestern, ein ehrliches Glaubensleben, das selbstkritisch die Ausreden durchschaut, ein ringendes Gebet, eine liebende Aufmerksamkeit für die anderen und ein starkes Vertrauen in Christus, der uns in unsere eigene Mitte führt. Regelmäßige Eucharistiefeier, gemeinsames Gebet, und Meditieren der heiligen Schrift wären Hilfen, um an der Schwelle zu bestehen, weil durch diese Hilfen Christus uns schon von der Mitte kündete und uns auf die Spur brächte, damit wir uns nicht mehr vertreiben ließen aus seiner Nähe.

Über die Schwelle zu kommen und einzutreten
ruft Teresa in unser neues Aufbruchjahrhundert hinein
uns Ängstlichen, Kleinen, Genügsamen der Seele
dass wir aufmerken und hungrig werden und unruhig

Montag, 24. Dezember 2007

Familien, Wirte und Hirten

Von Tür zu Tür sind wir gegangen und haben angeklopft und angeläutet. Nicht für Geld, nicht wegen Geld, wir haben nichts gebraucht, keinen Dienst, und schon gar kein Quartier. Nur, um uns vorzustellen: Wir kommen von der Pfarre Hlst. Dreifaltigkeit, dort ist unsere Kirche, hier ist der Pfarrbrief, danke, Tür zu, 100 Mal, im Frühjahr und im Herbst. Im Stiegenhaus begrüßen dich Bekannte fröhlich, an der Tür lassen sie dich stehen, ohne zu öffnen. Wie ist das mit dem Öffnen.

In Villach wirst du deswegen so selten eingeladen, weil sie nur eine perfekte Wohnung herzeigen wollen und ein üppiges Essen anbieten, wenn schon denn schon. Der Alltagskram ist nicht zumutbar, wenn das Geschirr in der Abwasch steht, die Kindersachen am Boden liegen und das Katzenklo nicht sauber. Der Mann wird später kommen, ein Anruf steht noch aus, die Kinder haben endlich etwas zu spielen gefunden und sind vor wenigen Minuten im Kinderzimmer verschwunden. Man braucht den knappen Rest seiner Aufmerksamkeit für die Planung des morgigen Tages, die Post, das Einkaufen, das Auto, und was man noch alles vorhatte für heute. Und dann läutet es an der Tür. Was soll das schon wieder. Was denn jetzt noch.

Menschen sind nicht bereit für Begegnung. Mit und ohne Advent führen wir keine offenen Leben. Niemand braucht kommen, den wir nicht eingeladen haben, darum schreiben wir keine Namen und Hausnummern an unsere Häuser und stellen keine Parkplätze für Fremde bereit. Und von denen, die ihre Hungerländer fliehen in Afrika, suchen wir uns die Bestgebildeten heraus, und Tschetschenienflüchtlinge dürfen nur bleiben, wenn sie Morddrohungen nachweisen können oder Folterspuren. Und wenn sie dann da sind, sollen sie schnell Deutsch lernen, unsere Straßen bauen, unsere Büros putzen oder die Autos reparieren, ohne unseren eigenen Kindern die Arbeitsplätze wegzunehmen; und im übrigen sollen sie unsichtbar sein. Das ist unsere Offenheit.

Auf diese Art ist unser ganzes Land zu einer Privatwelt geworden, die von den Lieblingsgerichten der Minister, den Profilierungsneurosen der Kanzler und den Stimmungslagen der Regierungen unterhalten werden. Die Quizmaster sind unsere moralischen Autoritäten, und in der Zeitung steht täglich, worüber man sich aufregt hierzulande, oder worauf man stolz ist, bei winterlichen Sportereignissen. Wie eine Familie, so einfach dieses Land. Wie eine unaufgeräumte Familie, wenn er anklopft, um einzutreten, angekündigt, wenn er um Quartier fragt. Freundlich hört man sich an, was er zu sagen hat, 2 Minuten, danke, auf Wiedersehen. Wenn wir an der Türe stehen.

Wenn wir aber selber zu den Suchenden gehören? Nicht nach Wohnungen, natürlich, wir sind alle untergekommen irgendwie, entweder vorläufig, oder in einer festen Bleibe, und gut geheizt natürlich. Nein, suchend nach etwas anderem: irgendwo erwartet werden. Nicht nur, um jemandem die Zeit zu vertreiben mit Geplauder. Nicht nur, um selbst irgendwie die Stunden zu verbringen zwischen dem Bettgang der Kinder und dem eigenen, und die Wochenenden, wenn alles schon aufgeräumt ist und eingekauft, wenn luftgeschnappt und schigelaufen ist zur Genüge: irgendwo erwartet, bei irgendwem. Jemand, der mich kennt, und dem es um mich geht, um mich selbst, nicht nur um lustige Unterhaltung oder eine Reparatur im Haus, nichteinmal um einen Rat. Um meiner selbst willen erwartet. Für ein Gespräch. Einen Austausch. Was zu sagen ist, und zu fragen.
Wenn wir nun aber selbst solcherart unterwegs wären. Immer noch. Seit Jahren. Und immer weiter gezogen sind, immer wieder aufgebrochen. Und, geben Sie es zu, unterwegs schon öfter das Bedürfnis vergessen haben, seit Jahren schon vergessen: ankommen wollen, erwartet werden, schon seit Kindertagen vergessen, als wäre es jemals beantwortet worden. Und, obwohl das, was man hat, nie genügt, nie wirklich ernst gefragt, nicht weiter gefragt, sondern einfach genommen, was da war, noch mehr vom Gleichen, und damit alles vollgeräumt inzwischen, alles das Gleiche. Wann endlich die wirklich wichtigen Fragen stellen.

Und wenn wir schon keine guten Wirte sind, mit offenen Häusern und Türen, und auch keine guten Reisenden, keine Pilger, die ihre Ziele kennen und hartnäckig auf der Spur bleiben: dann doch wenigstens Hirten: Hirten, diese freiesten aller Freien, auf freiem Feld, in jede Richtung der Horizont offen, einen Tag in diese Richtung, dann wieder dorthin, wo eben Gras wächst, und das ist ja überall, fast überall. Gebunden sind sie nur an die, die mit ihnen ziehen: eine Bindung für unterwegs, mit ein paar schnell zugerufenen Worten erneuert, ein schnelles Einverständnis ohne große Worte. Aber das sind Menschen, die mit sich selbst auskommen. Sie können stundenlang dasitzen ohne eine Beschäftigung. Sie sind in sich selbst daheim, daher ist es nicht so wichtig, wo sich die Herde gerade befindet, und ob man am freien Feld schläft oder in einem Bett, und in welchem.

Von allen sind die Hirten diejenigen, die am meisten in der Gegenwart sind. Ihr ganzes Sein haben sie gesammelt bei sich, da kann jeder kommen, sogar ein Engelsheer, und da kann man jederzeit aufbrechen, und sei es zu einem Stall in der Nähe. Die Suchenden dagegen sind von ihren Fragen umgetrieben, von etwas, das noch vor ihnen liegt und dem sie nachgehen, ohne es zu erreichen. Und die Wirte haben volle Häuser und viel zu verlieren, sie müssen beisammen halten, was sich eingefunden hat bisher, sie machen Türen zu und Grenzen dicht. Nur die Hirten: keine großen Redner, aber Menschen der Tat. Ihnen, den Gewärtigen, hat sich der Himmel geöffnet, und da haben sie den erkannt, der in sein Eigentum gekehrt ist. Bei sich zu Hause, in einem Kinderleben.

Öffnet den Kindern, wenn sie kommen. Es sind Boten, teilt mit ihnen.

Montag, 24. September 2007

Kärnten und das Ende

Am liebsten hören die Angehörigen, was der/die liebe Verstorbene getan hat im Leben, Verdienste für die Allgemeinheit, meistens aber für eben diese Angehörigen. Ein ganzes Leben für die Familie, immer für uns Kinder da, schwere Zeiten, mit wenig eine Existenz gegründet. Sehr oft muß ich erst nachfragen nach dem Beruf, nach dem früh verstorbenen Gatten. Manchmal ist es den Angehörigen zuwenig, was ich dann über die Vergangenheit sage von den Einzelheiten, die sie mir vorgelegt haben, und zuviel von der Ewigkeit.
Bischof Kapellari hat mich, als ich in Kärnten auftauchte, gewarnt vor dem ausgeprägten Totenkult hier. Es sind stets mehr Menschen am Friedhof als in der Kirche, besonders in den Dörfern. Der bedeutende und einzige Kärntner Schriftsteller, der in seiner Heimat geblieben ist, Josef Winkler, schreibt unentwegt vom Tod.
Der Friedhof ist konfessionsverbindend und generationsverbindend. Am Sarg tritt die verzweigte Familie zusammen. Die Nähe zum Verstorbenen wird am Grab gesucht, nicht in der Eucharistiefeier. Die Nennung des Namens scheint wichtiger als das Gebet. Die Vorstellung, der Tote würde in der Erinnerung leben (vielleicht nur in ihr), kann mit einem Jenseits und erst recht mit der Ewigkeit wenig anfangen.
Der Blick geht zurück, nicht voraus, nach unten, nicht noch oben. Den meisten Menschen würde, dass in der Ewigkeit keine Ehe existiert, weil alle Menschen in Liebe miteinander und mit Gott verbunden sind, blasphemisch erscheinen. Andererseits gibt es aber keine volkstümliche Vorstellung von der leiblichen Auferstehung.
Dabei ist der Tod das einzig sichere und endgültige, das in unserer sich unaufhörlich verändernden Welt existiert. Wir modernen, wissenschaftlich empfindenden Menschen vermessen die Welt bis zu den Atomkernen und meinen, das Geheimnis des Lebens mit den Genen in die Hand nehmen zu können. Wir fahnden nach den Jungbrunnen und wähnen sie in Sport und gesunder Ernährung, in Genuss und Gesellschaft, in Planung und Innovation gefunden zu haben. Aber wir verschieben nur Fristen und dünnen das scheinbar Gewonnene weiter aus.
Es ist der Gegensatz, den wir scheuen. Um ihn zu umgehen, bauen wir Brücken: die Sterbeerlebnisse Reanimierter, die Unendlichkeit des Universums, die sogar mein Schuldirektor mit der Ewigkeit in eins setzt, und er ist Physiker und Mathematiker.
Der fundamentale Unterschied zwischen den schnellen und unbedeutenden Ereignissen unserer Tage und der wesenhaften Stille, die uns erwartet, zwischen der atemlosen Vergänglichkeit und dem Eigentlichen, das wir sein werden, und ganz besonders der Unterschied zwischen unserer Selbstbezogenheit, in der wir das Glück suchen, und der Bezogenheit auf Gott, in der die wirkliche Fülle ist. Und spätestens hier sieht man: Ein Leben, das um die Ewigkeit weiß, verläuft anders und hat eine andere Tiefe als eines, das in der Endlichkeit aufgehen will. Hat man nicht bemerkt, dass jene den Menschen klein machen, die die Ewigkeit negieren, aber im Angesicht des Todes seine Würde sichtbar wird?
Der Oktober wird uns zeigen, wie viele Unterschiede es da im Leben gibt: gegenüber Sterbenden, die aus dem täglichen Leben in Anstalten ausgezogen sind, gegenüber Ungeborenen, die zu einer Krankheit erklärt werden oder gegenüber Leid, das für sinnlos gehalten wird. Und dieser Oktober wird insofern ein kritischer sein, weil im Umgang mit dem Tod ja wir Lebende offenbar werden. Vor dem Schweigen des Todes wird unser Leben umso beredter.

Sonntag, 10. Juni 2007

Vor 11 Jahren war ich zum ersten Mal

in Istanbul. Ich hatte 24 Stunden Aufenthalt vor meiner Weiterreise nach Israel. Ich hatte den Galataturm gefunden, und nun saß ich auf einer Bank in dem kleinen Park unter dem Turm, genau an der Stelle, an der uns Propheten mein Freund Mete letzten Sommer das frühere Stadttor von Galata gezeigt hat. Ich saß auf dieser Steinbank, genoß den Vormittag und schrieb etwas in mein Notizbuch, oder vielleicht zeichnete ich die Häuser gegenüber der Bank oder den Obstverkäufer, wie er mit Gewichten auf seiner Waage Melonen oder Pfirsiche abwog.
Da blieb ein junger Mann stehen, sprach mich an und setzte sich bald zu mir. Ihm war meine Ruhe aufgefallen und mein Interesse an der Gasse. Wir stellten uns vor, plauderten ein bißchen, und nach spätestens 5 Minuten fragte er mich nach Gott. Ob ich an ihn glaube. Denn er hatte noch kaum Christen kennengelernt, die an ihren Gott glaubten. Er war sichtlich erfreut über meine Antwort, und er stellte die zweite Frage: An wie viele Götter glaubst du? Und wer ist Jesus?
Er versicherte mir, wie sehr er Isa schätze und verehre, ein großer, vielleicht der größte Prophet vor Mohammed. Aber dass er Gott sei? Dann hätten wir zwei Götter.
Ich weiß nicht mehr, wie lange wir über die Trinität gesprochen haben an diesem Vormittag, aber bis zum Abend hatte Mehmet mir den großen Basar gezeigt, die Suleimanja-Moschee, wir waren essen gewesen in einem schattigen Nebengäßchen und hatten uns in einem Hamam ausgeruht, mit türkischer Massage und Apfeltee, wie es sich gehört. Meine erste Begegnung mit der Millionenstadt hatte mich vor die Dreifaltigkeit geführt, vor das Eigentlichste meines christlichen Glaubens, und hatte mir selber die Brisanz dieses Glaubens vor Augen geführt.

2. Unser christliches Abendland hat das Systemdenken hervorgebracht in einer Zeit, die wir Aufklärung nennen. Seither wurde die Erde mit Nationalstaaten überzogen, in politische Systeme aufgeteilt, von unserem Wirtschaftssystem erschlossen und von Waffensystemen gesichert. Systeme versuchen, eine Einheit herzustellen, wo Dinge verschieden sind. Wenn z.B. in einem Land Menschen verschiedener Sprache leben, schon seit Jahrhunderten, so versucht der Nationalstaat, durch die Landessprache eine Einheitlichkeit zu erzeugen, welche die Verschiedenheit übersteigt und zuletzt aufhebt. Der freie Markt verlangt, dass alle Firmen ihre Waren zum Kauf anbieten können, ohne Einschränkungen. Die großen Firmen schlucken die kleineren und bieten alsbald unter verschiedenen Namen immer gleiche Produkte an. Unser Kritischer Konsument-Plakat der Ökogruppe hat z.B. im Mai gezeigt, wie 99,1 % von dem Fleisch, das in Österreich gekauft und gegessen wird, aus Massentierhaltung stammt, von Tieren, die nie die Sonne gesehen haben.
Die Bibel spricht dagegen von einer ganz anderen Art von Einheit: Ich und der Vater sind eins. Aber verschieden. So verschieden, dass der Vater den Sohn dahingibt, in den Tod gibt, in die äußerste Gottesferne, dorthin, wo jede Freiheit endet. Auch die Gottes. So riesig ist die Spanne Gottes, vom Inbegriff des Lebens und Seins bis zum Tod und dem Nichts. Gottes Liebe ist das Herschenken, das Hergeben. Der Abschied, der dennoch niemals aus der Nähe führt. Denn die Getrennten sind im Gebet vereint. Oder anders gesagt: Das Gebet ist eine Art, wie die Getrennten eins sind. Ebenso die Hoffnung, das Vertrauen, die Taten der Liebe. Die Verschiedenheit, sogar die Trennung, ist also Voraussetzung der Liebe. Und die Liebe ist der Geist.

3. Wie kann eine Gemeinde wachsen, die der Dreifaltigkeit geweiht ist. Sie wird wohl Verschiedenheit schätzen, die Verschiedenheit der Dienste, der Priester und der Laien, der Frauen und der Männer, der Jungen und der Alten. Und die einen werden sich an den anderen freuen, dass sie so sind, wie sie sind. Dass nicht alle so sein müssen wie wir. Aber nicht in Gleichgültigkeit: mach, was du willst, mir egal. Sondern in Sorge: werden das richtige Wege sein, richtige Antworten. Werden wir nichts Wichtiges übersehen. Die Gemeinde der Dreifaltigkeit wird riesige Energien freisetzen, wenn ihre Einheit noch größer ist als die Verschiedenheit. Wenn sich sogar ganz Fromme einigen können mit den Ungläubigen, und wenn Liebende einen Weg finden mit den Gleichgültigen zusammen.
Aber das, ihr Gläubigen, braucht die Geistesgaben, nur der Geist gibt solche Einheit. Seht nur die Schwäche unserer geteilten Kirche an, all die Eifersüchteleien und Vorbehalte. Bittet um den Geist, ihr Gefirmten und Nochnichtgefirmten, dass er uns zusammenführe. Alle.

Ich wollte sicher sein, dass ich nicht vergeblich laufe oder gelaufen bin

Gal 2, 2

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