predigten
Visionen von Πατμος
Ein Gefängnis war das einmal, ein Verbannungsort, diese Insel – und heute noch ist sie nur mit dem Schiff erreichbar, dreimal pro Woche. Den man hier kaltstellen wollte, diesen Propheten, als das Christentum zwar schon verbreitet, aber nur eine kleine Minderheit im Römischen Reich war, das war ein Mann namens Johannes. Aber einen überzeugten, leidenschaftlichen Christen auf einer Insel kaltstellen? Gerade hier hatte er seine Visionen, vom himmlischen Thron, vom Kampf der großen Tiere, von den sieben Posaunen und den Zornesschalen, vom Ende er Welt. Er schrieb sie auf und schickte sie in Briefen an seine Gemeinden in Kleinasien, der heutigen Türkei. Wir lesen sie heute im letzten Buch des Neuen Testaments, der Apokalypse, und finden sie an die ganze Kirche gerichtet.
Ihr Christen in Völkendorf, erfahrt, wie wir hier leben, inmitten der Griechen, die selbst Urlaub machen, und der Fremden, die hergekommen sind, weil diese kleine Insel ein Geheimtip ist mit wenig Attraktionen und kleinen Hotels. Kaum jemand von ihnen interessiert sich für die 365 Kirchen, eher für das Johanneskloster, dessen mächtige Mauern die Insel überragen und einmal Seeräuber abwehren sollten, aber den steilen Weg hinauf, und bis in die überraschend kleine Kirche gelangen dann doch nicht viele, wozu auch, ist nicht jede dieser orthodoxen Kirchen irgendwie gleich? Lieber bleibt man unten in Σκαλα - Skala, dem malerischen Städtchen am Hafen, mit seinen Gassen, Cafes und Tavernen, und geht einkaufen, essen und trinken – wie zu Hause.
Wer den Thron Gottes zu sehen vermag, und ihm standzuhalten: das sind nicht die unbeschwert schwatzenden Scharen, die dahin treiben und dorthin – da mußt du schon selbst aufrecht stehen können, lieber Christ. Zu solchen, die tun, was alle tun, spricht keine Stimme, oder sie erreicht sie nicht, die gehen, wo alle gehen. Sich selbst für einzigartig halten, genügt da nicht, und dann nur ein Abziehbild sein. Wer in den Thronsaal geladen wird, wird sich als Christ bewährt haben. Das Maß der Christen, hört das aus Patmos, ist nicht Erfolg oder Anerkennung, sondern Liebe und Hingabe, wie wir von Christus sehen, bis zur Selbstaufgabe, so sagt der Seher von Patmos. Und wenn ihr belächelt und verspottet werdet. Ihr gehört nicht zu jenen Selbstvergessenen, ihr gehört zu Christus. Ihr gehört ihm, laßt euch das gesagt sein.
Ich weiß schon, dass ihr viel leistet in eurer kleinen Gemeinde im großen Stadtteil, und dass ihr euch einsetzt für die Kranken, für die Alten, für die Kinder und Jugendlichen, sie sucht und auf sie zugeht, sie ansprecht und ihnen das Evangelium verkündet. Und dass ihr auch abgewiesen werdet an den Türen, und Mißerfolg und Spott einsteckt, zumindest einige von euch. Aber es sind auch solche, die alles recht leicht nehmen, weder kalt noch heiß. Passt auf, dass ihr eure erste Liebe nicht vergeßt, als ihr gläubig wurdet und Christus erkanntet, und wie ihr damals staunen konntet über seine Größe und Macht, als er doch als einfacher Mensch auf Erden wandelte. Werdet endlich wach, ihr Dämmernden, ihr Stolpernden, wacht auf und erblickt, was wahrhaft vorgeht in der Welt und in eurer Stadt! Der Hass gegen euch Christen ist größer geworden, man will euch schaden, wo man kann, man macht euch klein und erniedrigt euch, die Gegner des Papstes sucht man, wenn er spricht, des Bischofs, wenn er entscheidet, die Fehler der Priester, die Schwächen der Kirche – um von den eigenen Schwächen abzulenken. Aber nicht euch hassen sie, sondern Gott, der ihnen seinen Sohn ausliefert.
Seid getrost. Sie werden Gott nicht besiegen, nicht töten oder abschaffen, nachdem sie ihn zu einem Wunsch nervenschwacher Menschen erklärt haben. Diese Kräfte, die in der öffentlichen Meinungsbildung am Werk sind, und die sich der Journalisten, Politiker und Prominenz bedienen, die aus Menschen Konsumenten machen, aus Wählern Stimmvolk, die sind schwach und arbeiten deshalb geheim und versteckt. Sie scheuen Vernunft und Erkenntnis, und vor Gott wird ihr Stolz zerfließen.
Lasst euch gesagt sein: wenn ihr bei den Geretteten seid, die in den Thronsaal gerufen werden, dann seht ihr, wie viele ihr seid, nicht nur eine kleine Schar, wie es jetzt scheint, wenn ihr vereint sein werdet: ein ewiges Glück wird es sein, mit Gott auf seinem Thron, und eins mit sich und Ihm und Allem. Christen!
Seid gegrüßt und ermutigt aus Patmos.
weichensteller - 4. Sep, 00:03
Ist es Uebermut?
Nichts zu sehen, nichts sicher zu wissen, nur eine Vermutung,
und dann sich auf ein so unsicheres Element hinauszubegeben, und auf solche Weise.
Zwar ist er ja ein Fischer, und er wird Erfahrung haben mit diesem Element, wenngleich er aber kaum schwimmen kann.
Aber gerade in dieser Nacht plagen sich die Fischer mit Gegenwind und hohem Wellengang. Das Element hat seine eigene Dynamik. Man lernt, sich ihr bis zu einem gewissen Grad anzuvertrauen, und dann kann man mit ihm umgehen, soweit es das zulaesst.
Und wie kommt Petrus in dieser Nacht zu seiner (spaeten) Jesuserkenntnis?
Die Gestalt auf dem Wasser wurde ja fuer ein Gespenst gehalten, in grosser Angst schrien sie - und versuchten, es so zu beschwoeren. In dieser Nacht, im Kampf mit dem Element, im Anblick dieser unsicheren Gestalt, gab er sich zu erkennen. Und er war trotz der Umstaende erkennbar, weil es ja ein Wiedererkennen war.
Die Israeliten haben bereits in der Nacht des Schilfmeeres Gott erkannt im Walten dieses Elements, das zuweilen traegt und zuweilen verschlingt. Gottes rettende Hand, obgleich gar nicht zu sehen. Vom anderen Ufer aus. Als Gerettete. Als von Fremdherrschaft Befreite. Das war die Gestalt, die sie gesehen haben hinterher, je spaeter, desto besser. Vielleicht erst richtig in der Exilszeit. Die Gestalt des Retters und Befreiers, der sich ihrer annimmt, sie aber auch herausfordert. Im Exil begann man sogar, das Element (probeweise) mit der Wueste gleichzusetzen. Was ist mit dir, Wasser....., was ist mit euch, Berge..... (Ps 114).
Weiters haben die Fischer Jesus auf dem selben See bereits als der Elemente Herr erkannt. Die Eigenstaendigkeit der Elemente erwies umso deulicher seine eigene Eigenstaendigkeit gegenueber den Fischern und den Elementen, im gleichen Boot damals. Aber nun: Auf dem selben Element ruhend, mit dem sie ringen. - Insofern ihnen gegenueber, und es kommt zu einer Konfrontation.
Aber derselbe Grund traegt sie beide - insofern also eine Gleichsetzung.
Und das ist nun der Grund fuer die Zuversicht des Petrus. Er hat den verbindenden, tragenden Grund erblickt, der das Schiff traegt und sie selbst, und dem auch Jesus sich anvertraut. Im WAlten des Elements Gottes rettende Hand erkannt, in der unsicheren Gestalt wiedererkannt. Jesus in der rettenden Hand Gottes. Der Auferstehungsglaube bahnt sich hier an, auch der Juenger Nachfolgeangebote ueber den Tod hinaus. Der Elemente Herr, und in ihrem Walten erkennbar. Im Tragen und im Hindern. Als Boden und als Grab. Als tragender Grund, und als verschlingender.
Und nun wir selbst.
Ohne sich mit dem Element zu befassen, koennte man gerade nur an Deck bleiben. Von dort koennen zwar Ufer und Haefen anvisiert werden, auch Fischgruende lassen sich eingrenzen - aber das Element wird nur vorausgesetzt, es selbst wird nicht erfasst. Man kann sich darauf bewegen, ohne seiner gewahr zu werden, man geht seinen Tagesgeschaeften nach und kann es dabei zu Geschicklichkeit und Erfolg bringen, und dennoch blieben die Fischer Nichtschwimmer. Denn das Element erschliesst sich nur in der Gotteserkenntnis.
Aber es traegt. Es oeffnet Wege, fuehrt Suchende und Fragende, und auch Jesus betritt es. Und es nimmt auf: Beginnt, Petrus aufzunehmen, als er zweifelt, nimmt die Toten auf, auch den Gekreuzigten - und gibt sie wieder frei:
Das Element, das die Fischer traegt zu Jesus, der Boden, auf dem wir wandeln in all unseren Nichtigkeiten, da wir uns immerfort im Boot festzumachen suchen, und dort Gelaender und Gebinde errichten noch und noch, und mit ihnen allesamt schwanken unentwegt, der Grund, der Gott selbst uns ist, und dem ganzen Universum, jeglichem Geschoepf, damit es darauf erscheine und wieder darin aufgenommen werde.
Aber wenn er sagt: Komm, dann solltest du ihn wiedererkennen, nicht Gespenster, und dann geh, du wirst nicht versinken.
(Auf hoher See geschrieben)
weichensteller - 16. Aug, 19:30
In einem Jahrhundert, wo die europäische Menschheit die Größe und Pracht der Erde entdeckt hatte – und zugleich unermeßliches Elend in der neuen Welt auslöste; in einem Jahrhundert, wo die Bewegungen der Gestirne auf einmal zugänglich wurde mit neuen Instrumenten, in einem solchen, wo das Denken und Vorstellen des Menschen nun selbst zur Grundlage jeglicher Gewißheit werden sollte, und in demselben Jahrhundert, wo nicht mehr nur zwischen Kaiser und Papst, sondern noch viel tiefer in der Kirche selbst ein Spalt aufzureißen begann, von dem sie sich bis heute noch nicht erholt hat: gerade in dieser vielleicht noch mehr als heute bewegten Zeit ungeahnter Aufbrüche lebte eine Frau in einer Zelle und stellte sich ihrem eigenen Inneren, wie es bis dahin noch niemand gewagt hat.
Eine Burg nennt Teresa die Seele, die mächtig und schön auf dem Berg steht, aus vielen Gemächern, die alle um eine (noch verborgene) Mitte herum gelagert sind, als Raum, der bewohnt, belebt sein will, nach einer noch geheimnisvollen Ordnung, die man von außen nicht versteht. In der Mitte wird der König wohnen, und von seiner Macht bekommt die ganze Burg ihre Schönheit und Bedeutung. Die Seelenburg sei eine Wohnung wie das Paradies, wo Mensch und Gott ungezwungen miteinander wohnen, neben allem, was zum Glück nötig ist, im Überfluß.
Verzagte nennt Teresa solche, die nur von außen auf die Burg schauen wollen, oder Feiglinge, wenn sie keine Neugier und Lust haben, hineinzugehen und ihre Schätze suchen; sich mit den hohen Mauern begnügen wäre soviel wie in einem toten Körper leben oder in einer anderen Äußerlichkeit, wie sie sich dem bloßen Augenschein darbietet. Wem genügt es, wenn er von dem Glück nur ahnt, wie drinnen große Dinge vorgehen zwischen Gott und Mensch, draußen im Burggraben zu hausen zwischen Ungeziefer, oder unter der Brücke? Der Eingang aber, sagt Teresa, ist das Gebet. Und nicht nur ein dahergesagtes, denn ohne Aufmerksamkeit und Achtung, mit wem man redet und worum man bittet, sei kein Gebet.
Ohne Andacht einzutreten wäre, als würde ein Mensch viel Schmutz und Ungeziefer hereinbringen, und wäre dann immerfort von seinen Geschäften gefesselt, in denen seine Gedanken wieder untergehen, ohne die Schönheit der Burg überhaupt zu bemerken. Davon solle man sich frei machen, indem man an das Innere denkt, an die Mitte, in der Gott selbst wohnt wie der König, und uns erwartet mit seinem unermeßlichen Reichtum. Erst der Blick auf dieses Hohe zeige die eigene Niedrigkeit, mit der man sich begnügt habe, die Begegnung mit diesem Großen erst erhebe den Menschen aus seiner Ängstlichkeit, immer darauf zu lauern, was andere über ihn sagten. Von dieser äußeren ersten Wohnung heißt es, es sei die gefährlichste: die meisten Ausreden gäbe es hier, 1000 Vorwände, sich doch mit dem Gewöhnlichen und Geringen abzufinden, - und zwar, weil alle Gedanken und Sorgen mit hereingekommen seien, um Besitz und Ansehen, Leistung und Erfolg, und uns noch immer in Besitz haben. Von Helligkeit und Glanz des Schlosses sei hier noch kaum etwas zu bemerken, und der Eintretende wäre noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um von dem Licht etwas zu sehen, das von Gottes Wohnung in der Mitte ausstrahlt.
Über diese Schwelle zu kommen, brauche eine gewisse Hartnäckigkeit, mahnt Teresa ihre Mitschwestern, ein ehrliches Glaubensleben, das selbstkritisch die Ausreden durchschaut, ein ringendes Gebet, eine liebende Aufmerksamkeit für die anderen und ein starkes Vertrauen in Christus, der uns in unsere eigene Mitte führt. Regelmäßige Eucharistiefeier, gemeinsames Gebet, und Meditieren der heiligen Schrift wären Hilfen, um an der Schwelle zu bestehen, weil durch diese Hilfen Christus uns schon von der Mitte kündete und uns auf die Spur brächte, damit wir uns nicht mehr vertreiben ließen aus seiner Nähe.
Über die Schwelle zu kommen und einzutreten
ruft Teresa in unser neues Aufbruchjahrhundert hinein
uns Ängstlichen, Kleinen, Genügsamen der Seele
dass wir aufmerken und hungrig werden und unruhig
weichensteller - 17. Jan, 23:57
Von Tür zu Tür sind wir gegangen und haben angeklopft und angeläutet. Nicht für Geld, nicht wegen Geld, wir haben nichts gebraucht, keinen Dienst, und schon gar kein Quartier. Nur, um uns vorzustellen: Wir kommen von der Pfarre Hlst. Dreifaltigkeit, dort ist unsere Kirche, hier ist der Pfarrbrief, danke, Tür zu, 100 Mal, im Frühjahr und im Herbst. Im Stiegenhaus begrüßen dich Bekannte fröhlich, an der Tür lassen sie dich stehen, ohne zu öffnen. Wie ist das mit dem Öffnen.
In Villach wirst du deswegen so selten eingeladen, weil sie nur eine perfekte Wohnung herzeigen wollen und ein üppiges Essen anbieten, wenn schon denn schon. Der Alltagskram ist nicht zumutbar, wenn das Geschirr in der Abwasch steht, die Kindersachen am Boden liegen und das Katzenklo nicht sauber. Der Mann wird später kommen, ein Anruf steht noch aus, die Kinder haben endlich etwas zu spielen gefunden und sind vor wenigen Minuten im Kinderzimmer verschwunden. Man braucht den knappen Rest seiner Aufmerksamkeit für die Planung des morgigen Tages, die Post, das Einkaufen, das Auto, und was man noch alles vorhatte für heute. Und dann läutet es an der Tür. Was soll das schon wieder. Was denn jetzt noch.
Menschen sind nicht bereit für Begegnung. Mit und ohne Advent führen wir keine offenen Leben. Niemand braucht kommen, den wir nicht eingeladen haben, darum schreiben wir keine Namen und Hausnummern an unsere Häuser und stellen keine Parkplätze für Fremde bereit. Und von denen, die ihre Hungerländer fliehen in Afrika, suchen wir uns die Bestgebildeten heraus, und Tschetschenienflüchtlinge dürfen nur bleiben, wenn sie Morddrohungen nachweisen können oder Folterspuren. Und wenn sie dann da sind, sollen sie schnell Deutsch lernen, unsere Straßen bauen, unsere Büros putzen oder die Autos reparieren, ohne unseren eigenen Kindern die Arbeitsplätze wegzunehmen; und im übrigen sollen sie unsichtbar sein. Das ist unsere Offenheit.
Auf diese Art ist unser ganzes Land zu einer Privatwelt geworden, die von den Lieblingsgerichten der Minister, den Profilierungsneurosen der Kanzler und den Stimmungslagen der Regierungen unterhalten werden. Die Quizmaster sind unsere moralischen Autoritäten, und in der Zeitung steht täglich, worüber man sich aufregt hierzulande, oder worauf man stolz ist, bei winterlichen Sportereignissen. Wie eine Familie, so einfach dieses Land. Wie eine unaufgeräumte Familie, wenn er anklopft, um einzutreten, angekündigt, wenn er um Quartier fragt. Freundlich hört man sich an, was er zu sagen hat, 2 Minuten, danke, auf Wiedersehen. Wenn wir an der Türe stehen.
Wenn wir aber selber zu den Suchenden gehören? Nicht nach Wohnungen, natürlich, wir sind alle untergekommen irgendwie, entweder vorläufig, oder in einer festen Bleibe, und gut geheizt natürlich. Nein, suchend nach etwas anderem: irgendwo erwartet werden. Nicht nur, um jemandem die Zeit zu vertreiben mit Geplauder. Nicht nur, um selbst irgendwie die Stunden zu verbringen zwischen dem Bettgang der Kinder und dem eigenen, und die Wochenenden, wenn alles schon aufgeräumt ist und eingekauft, wenn luftgeschnappt und schigelaufen ist zur Genüge: irgendwo erwartet, bei irgendwem. Jemand, der mich kennt, und dem es um mich geht, um mich selbst, nicht nur um lustige Unterhaltung oder eine Reparatur im Haus, nichteinmal um einen Rat. Um meiner selbst willen erwartet. Für ein Gespräch. Einen Austausch. Was zu sagen ist, und zu fragen.
Wenn wir nun aber selbst solcherart unterwegs wären. Immer noch. Seit Jahren. Und immer weiter gezogen sind, immer wieder aufgebrochen. Und, geben Sie es zu, unterwegs schon öfter das Bedürfnis vergessen haben, seit Jahren schon vergessen: ankommen wollen, erwartet werden, schon seit Kindertagen vergessen, als wäre es jemals beantwortet worden. Und, obwohl das, was man hat, nie genügt, nie wirklich ernst gefragt, nicht weiter gefragt, sondern einfach genommen, was da war, noch mehr vom Gleichen, und damit alles vollgeräumt inzwischen, alles das Gleiche. Wann endlich die wirklich wichtigen Fragen stellen.
Und wenn wir schon keine guten Wirte sind, mit offenen Häusern und Türen, und auch keine guten Reisenden, keine Pilger, die ihre Ziele kennen und hartnäckig auf der Spur bleiben: dann doch wenigstens Hirten: Hirten, diese freiesten aller Freien, auf freiem Feld, in jede Richtung der Horizont offen, einen Tag in diese Richtung, dann wieder dorthin, wo eben Gras wächst, und das ist ja überall, fast überall. Gebunden sind sie nur an die, die mit ihnen ziehen: eine Bindung für unterwegs, mit ein paar schnell zugerufenen Worten erneuert, ein schnelles Einverständnis ohne große Worte. Aber das sind Menschen, die mit sich selbst auskommen. Sie können stundenlang dasitzen ohne eine Beschäftigung. Sie sind in sich selbst daheim, daher ist es nicht so wichtig, wo sich die Herde gerade befindet, und ob man am freien Feld schläft oder in einem Bett, und in welchem.
Von allen sind die Hirten diejenigen, die am meisten in der Gegenwart sind. Ihr ganzes Sein haben sie gesammelt bei sich, da kann jeder kommen, sogar ein Engelsheer, und da kann man jederzeit aufbrechen, und sei es zu einem Stall in der Nähe. Die Suchenden dagegen sind von ihren Fragen umgetrieben, von etwas, das noch vor ihnen liegt und dem sie nachgehen, ohne es zu erreichen. Und die Wirte haben volle Häuser und viel zu verlieren, sie müssen beisammen halten, was sich eingefunden hat bisher, sie machen Türen zu und Grenzen dicht. Nur die Hirten: keine großen Redner, aber Menschen der Tat. Ihnen, den Gewärtigen, hat sich der Himmel geöffnet, und da haben sie den erkannt, der in sein Eigentum gekehrt ist. Bei sich zu Hause, in einem Kinderleben.
Öffnet den Kindern, wenn sie kommen. Es sind Boten, teilt mit ihnen.
weichensteller - 24. Dez, 18:43
Am liebsten hören die Angehörigen, was der/die liebe Verstorbene getan hat im Leben, Verdienste für die Allgemeinheit, meistens aber für eben diese Angehörigen. Ein ganzes Leben für die Familie, immer für uns Kinder da, schwere Zeiten, mit wenig eine Existenz gegründet. Sehr oft muß ich erst nachfragen nach dem Beruf, nach dem früh verstorbenen Gatten. Manchmal ist es den Angehörigen zuwenig, was ich dann über die Vergangenheit sage von den Einzelheiten, die sie mir vorgelegt haben, und zuviel von der Ewigkeit.
Bischof Kapellari hat mich, als ich in Kärnten auftauchte, gewarnt vor dem ausgeprägten Totenkult hier. Es sind stets mehr Menschen am Friedhof als in der Kirche, besonders in den Dörfern. Der bedeutende und einzige Kärntner Schriftsteller, der in seiner Heimat geblieben ist, Josef Winkler, schreibt unentwegt vom Tod.
Der Friedhof ist konfessionsverbindend und generationsverbindend. Am Sarg tritt die verzweigte Familie zusammen. Die Nähe zum Verstorbenen wird am Grab gesucht, nicht in der Eucharistiefeier. Die Nennung des Namens scheint wichtiger als das Gebet. Die Vorstellung, der Tote würde in der Erinnerung leben (vielleicht nur in ihr), kann mit einem Jenseits und erst recht mit der Ewigkeit wenig anfangen.
Der Blick geht zurück, nicht voraus, nach unten, nicht noch oben. Den meisten Menschen würde, dass in der Ewigkeit keine Ehe existiert, weil alle Menschen in Liebe miteinander und mit Gott verbunden sind, blasphemisch erscheinen. Andererseits gibt es aber keine volkstümliche Vorstellung von der leiblichen Auferstehung.
Dabei ist der Tod das einzig sichere und endgültige, das in unserer sich unaufhörlich verändernden Welt existiert. Wir modernen, wissenschaftlich empfindenden Menschen vermessen die Welt bis zu den Atomkernen und meinen, das Geheimnis des Lebens mit den Genen in die Hand nehmen zu können. Wir fahnden nach den Jungbrunnen und wähnen sie in Sport und gesunder Ernährung, in Genuss und Gesellschaft, in Planung und Innovation gefunden zu haben. Aber wir verschieben nur Fristen und dünnen das scheinbar Gewonnene weiter aus.
Es ist der Gegensatz, den wir scheuen. Um ihn zu umgehen, bauen wir Brücken: die Sterbeerlebnisse Reanimierter, die Unendlichkeit des Universums, die sogar mein Schuldirektor mit der Ewigkeit in eins setzt, und er ist Physiker und Mathematiker.
Der fundamentale Unterschied zwischen den schnellen und unbedeutenden Ereignissen unserer Tage und der wesenhaften Stille, die uns erwartet, zwischen der atemlosen Vergänglichkeit und dem Eigentlichen, das wir sein werden, und ganz besonders der Unterschied zwischen unserer Selbstbezogenheit, in der wir das Glück suchen, und der Bezogenheit auf Gott, in der die wirkliche Fülle ist. Und spätestens hier sieht man: Ein Leben, das um die Ewigkeit weiß, verläuft anders und hat eine andere Tiefe als eines, das in der Endlichkeit aufgehen will. Hat man nicht bemerkt, dass jene den Menschen klein machen, die die Ewigkeit negieren, aber im Angesicht des Todes seine Würde sichtbar wird?
Der Oktober wird uns zeigen, wie viele Unterschiede es da im Leben gibt: gegenüber Sterbenden, die aus dem täglichen Leben in Anstalten ausgezogen sind, gegenüber Ungeborenen, die zu einer Krankheit erklärt werden oder gegenüber Leid, das für sinnlos gehalten wird. Und dieser Oktober wird insofern ein kritischer sein, weil im Umgang mit dem Tod ja wir Lebende offenbar werden. Vor dem Schweigen des Todes wird unser Leben umso beredter.
weichensteller - 24. Sep, 14:58
in Istanbul. Ich hatte 24 Stunden Aufenthalt vor meiner Weiterreise nach Israel. Ich hatte den Galataturm gefunden, und nun saß ich auf einer Bank in dem kleinen Park unter dem Turm, genau an der Stelle, an der uns Propheten mein Freund Mete letzten Sommer das frühere Stadttor von Galata gezeigt hat. Ich saß auf dieser Steinbank, genoß den Vormittag und schrieb etwas in mein Notizbuch, oder vielleicht zeichnete ich die Häuser gegenüber der Bank oder den Obstverkäufer, wie er mit Gewichten auf seiner Waage Melonen oder Pfirsiche abwog.
Da blieb ein junger Mann stehen, sprach mich an und setzte sich bald zu mir. Ihm war meine Ruhe aufgefallen und mein Interesse an der Gasse. Wir stellten uns vor, plauderten ein bißchen, und nach spätestens 5 Minuten fragte er mich nach Gott. Ob ich an ihn glaube. Denn er hatte noch kaum Christen kennengelernt, die an ihren Gott glaubten. Er war sichtlich erfreut über meine Antwort, und er stellte die zweite Frage: An wie viele Götter glaubst du? Und wer ist Jesus?
Er versicherte mir, wie sehr er Isa schätze und verehre, ein großer, vielleicht der größte Prophet vor Mohammed. Aber dass er Gott sei? Dann hätten wir zwei Götter.
Ich weiß nicht mehr, wie lange wir über die Trinität gesprochen haben an diesem Vormittag, aber bis zum Abend hatte Mehmet mir den großen Basar gezeigt, die Suleimanja-Moschee, wir waren essen gewesen in einem schattigen Nebengäßchen und hatten uns in einem Hamam ausgeruht, mit türkischer Massage und Apfeltee, wie es sich gehört. Meine erste Begegnung mit der Millionenstadt hatte mich vor die Dreifaltigkeit geführt, vor das Eigentlichste meines christlichen Glaubens, und hatte mir selber die Brisanz dieses Glaubens vor Augen geführt.
2. Unser christliches Abendland hat das Systemdenken hervorgebracht in einer Zeit, die wir Aufklärung nennen. Seither wurde die Erde mit Nationalstaaten überzogen, in politische Systeme aufgeteilt, von unserem Wirtschaftssystem erschlossen und von Waffensystemen gesichert. Systeme versuchen, eine Einheit herzustellen, wo Dinge verschieden sind. Wenn z.B. in einem Land Menschen verschiedener Sprache leben, schon seit Jahrhunderten, so versucht der Nationalstaat, durch die Landessprache eine Einheitlichkeit zu erzeugen, welche die Verschiedenheit übersteigt und zuletzt aufhebt. Der freie Markt verlangt, dass alle Firmen ihre Waren zum Kauf anbieten können, ohne Einschränkungen. Die großen Firmen schlucken die kleineren und bieten alsbald unter verschiedenen Namen immer gleiche Produkte an. Unser Kritischer Konsument-Plakat der Ökogruppe hat z.B. im Mai gezeigt, wie 99,1 % von dem Fleisch, das in Österreich gekauft und gegessen wird, aus Massentierhaltung stammt, von Tieren, die nie die Sonne gesehen haben.
Die Bibel spricht dagegen von einer ganz anderen Art von Einheit: Ich und der Vater sind eins. Aber verschieden. So verschieden, dass der Vater den Sohn dahingibt, in den Tod gibt, in die äußerste Gottesferne, dorthin, wo jede Freiheit endet. Auch die Gottes. So riesig ist die Spanne Gottes, vom Inbegriff des Lebens und Seins bis zum Tod und dem Nichts. Gottes Liebe ist das Herschenken, das Hergeben. Der Abschied, der dennoch niemals aus der Nähe führt. Denn die Getrennten sind im Gebet vereint. Oder anders gesagt: Das Gebet ist eine Art, wie die Getrennten eins sind. Ebenso die Hoffnung, das Vertrauen, die Taten der Liebe. Die Verschiedenheit, sogar die Trennung, ist also Voraussetzung der Liebe. Und die Liebe ist der Geist.
3. Wie kann eine Gemeinde wachsen, die der Dreifaltigkeit geweiht ist. Sie wird wohl Verschiedenheit schätzen, die Verschiedenheit der Dienste, der Priester und der Laien, der Frauen und der Männer, der Jungen und der Alten. Und die einen werden sich an den anderen freuen, dass sie so sind, wie sie sind. Dass nicht alle so sein müssen wie wir. Aber nicht in Gleichgültigkeit: mach, was du willst, mir egal. Sondern in Sorge: werden das richtige Wege sein, richtige Antworten. Werden wir nichts Wichtiges übersehen. Die Gemeinde der Dreifaltigkeit wird riesige Energien freisetzen, wenn ihre Einheit noch größer ist als die Verschiedenheit. Wenn sich sogar ganz Fromme einigen können mit den Ungläubigen, und wenn Liebende einen Weg finden mit den Gleichgültigen zusammen.
Aber das, ihr Gläubigen, braucht die Geistesgaben, nur der Geist gibt solche Einheit. Seht nur die Schwäche unserer geteilten Kirche an, all die Eifersüchteleien und Vorbehalte. Bittet um den Geist, ihr Gefirmten und Nochnichtgefirmten, dass er uns zusammenführe. Alle.
weichensteller - 10. Jun, 15:52
dass ein Ende ist, und wir wissen nicht wann –
wozu gehst du dann in die Schule, wozu arbeitest du jeden Tag, wofür.
Die Zeit vergeht, du bringst Geld nach Hause, baust ein Haus, kaufst Sachen.
Wozu.
Manches Ende ist bereits gekommen, z.B. der Familien, die Familien sind am Ende, eure Kinder erzählen es mir, keine Zeit für sie, allein zu Hause – die Kinder, die noch geboren wurden.
Wenn das stimmt, dass das Ende nah ist.
Aber es stimmt nicht. Wir feiern jährlich Zuwachs, die Kurse steigen, die Rendite, das Wirtschaftswachstum. Unsere Stadt wird größer, haben wir gehört, Menschen siedeln sich an, Betriebe am Stadtrand, aus Grünflächen wird Bauland. Straßen werden gebaut, die KFZ-Neuzulassungen nehmen zu jedes Jahr um ein paar Prozent, ebenso die Kilometerleistungen, und natürlich der Ölverbrauch. Die Gehälter steigen, natürlich zu langsam, die Urlaubsziele sind immer entfernter, auch die Ansprüche steigen natürlich. Wir sehen das ja an unseren eigenen Gästen. Unverständlicherweise steigt auch der CO2-Ausstoss, obwohl wir ihn senken wollten bis 2011, was soll man machen.
Doch wenn ein Ende ist?
Gut, wir verhandeln über die Frist. Die Lebenserwartung hat schon deutlich zugenommen. Wir fristen Jahrzehnte unseres Lebens, die wir dann vor dem Fernseher verbringen in leeren Häusern, und werden wöchentlich von den Kindern besucht oder den Enkeln – wenn es gut gelaufen ist. Früher hat man gesagt, die Erde könnte 6 Milliarden Menschen ernähren – damals waren es erst vier, ich erinnere mich deutlich. Heute berechnet man ihr leicht das Doppelte. Gute Händler sind wir alle.
Aber warum dann so nervös?
Unsere Stadt rühmt sich ihrer Mobilität, 2, 3 Jahre in dieser Übergangswohnung, bis wir uns eine bessere leisten können, ohne Nachbarn, einen Job zum Einstieg, man muss ja Erfahrung sammeln, bis zur Pension kann ohnehin keiner bleiben. Ja, ich werde kommen am Samstag, wenn bis dahin nicht noch etwas anderes passiert, natürlich, mach ich doch gern, ich ruf dich an. Passagiere sind wir unseres Lebens, es gleitet vorbei, was, schon wieder eine Woche - ein Jahr? Und was ist gewesen? Hoffentlich habt ihr genug Bilder gemacht von der Zeit, die es nicht mehr gibt – so wie die Maikäfer meiner Kindheit, säckeweise. Oder die tristen Herbste mit Nieselregen und Nebel, bitterkalt bereits, die Stürme, die die Blätter durch die Gassen fegen. Ich weiß jetzt, warum alle soviel Fotos machen, jeden Augenblick. Immer sind es Dinge, die es bald nicht mehr gibt.
Wir gehen auf das Nichts zu.
Den Boden haben wir schon verlassen, wohnen bereits im Auto, essen unterwegs. Auch die Menschen lassen wir zurück, einen nach dem anderen, es hat keinen Sinn mehr gehabt, wir haben uns nicht mehr verstanden.
Ich habe letzten Sommer ein ermordetes Volk besucht im Kaukasus, und war an den Orten seiner Hinrichtung. Damals, im 1. Weltkrieg, war Österreich mit seinen Verfolgern verbündet und hat nichts getan, so wie alle anderen. Die ganze Welt hat zugeschaut, alle wussten es, 1,8 Millionen Armenier, Männer, Frauen, Kinder, Greise. Heute streiten wir um die Aufnahme ihrer damaligen Gegner in die EU. Vor 15 Jahren wurden in Yugoslawien, das am Ende war, Völker ermordet, und wieder haben wir zugesehen. Heute sehen wir im Sudan zu. So haben wir die Zeit genützt. Das haben wir getan. Wir haben sie zurückgelassen, die Geschichte muß weitergehen.
Auch der Glaube geht zu Ende, oder hast du schon einmal eine wachsende Gemeinde gesehen, wo junge und alte Menschen in Christus neue Hoffnung schöpfen, sodass sie umkehren können aus einem falschen Leben, dann müsste ja die Welt sich ändern. Ein Arbeitsjahr/Schuljahr geht zu Ende, hoffentlich haben alle diese Zeit genützt, getan, was sie konnten, und gelernt, was zu lernen war, denn dasselbe kommt nicht mehr. Immer wieder bleiben Menschen zu Hause, obwohl sie eingeladen waren oder gebraucht wurden. Und was es noch zu tun gibt. In jedem eurer Leben und in dieser Gemeinde. Es ist eure Gemeinde, nicht meine, ich bin nur auf Zeit hier.
Und vielleicht geschieht das noch, dass dieses Nichts, auf das wir zugehn, ein Gesicht bekommt. Ein Antlitz, das man einmal aushalten kann. Vielleicht geschieht einmal Vertrauen, dass es eine Führung gibt, und dass man nicht allein bestehen muss. Es könnte einer sein, der mit ihm in Kontakt ist, auf vertrautem Fuß von Du zu Du, ohne je gesehn zu haben, könnte sein. Es könnte, wer so lebt, die Frist nicht fürchten, sondern andre Wege gehen als jene, und müsste nicht nervös sein ob des Endes. Das wäre ein Prophet, und Ruhe könnte sein. Vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels., und die Verständigen werden strahlen, wie der Himmel strahlt. An jenem Tag, zu jener Zeit
weichensteller - 10. Jun, 15:44