Anfang einer Erzählung

Ich muss jemanden mitnehmen eine Weile, um etwas erzählen zu können. Man kann es nicht gerade heraus sagen. Fahren wir nach Ephesus, zu Heraklit, dem Anfänglichen. Denn zu Ephesus wird vieles zu sagen sein.


Den anderen Menschen aber entgeht, was sie im Wachen tun, genauso wie das, was sie im Schlaf vergessen. (Fragment2)
Die Leute verstehen die Dinge nicht, die ihnen begegnen, und wenn diese ihnen erklärt werden, begreifen sie sie nicht und beharren auf ihren privaten Einsichten. (Fragment 5)
Anwesend sind sie abwesend (Fragment 6)
Wenn das Unerwartete nicht erwartet wird, wird man es nicht entdecken, da es dann unaufspürbar ist und unzugänglich bleibt. (Fragment 28)


OB MAN ÜBERHAUPT NACH EPHESUS FAHREN KANN. Gut, es steht auf der Landkarte, alle Türken kennen es – kennen den Namen! – aber: was heißt hinfahren.
Ephesus ist eine Hafenstadt. Weit weit vom Meer.
Niemand wohnt in Ephesus. Morgens kommen die Aufseher und Souvenierverkäufer. Dann die Autobusse.
Und vorher waren die Ausgräber da. Mit ihren Karten und Büchern und Zelten. Aber die Türken, die sie angestellt haben, kratzen ihnen die Tontöpfe und Münzen aus der Erde und stecken jede zweite in die eigene Tasche. Mir hat einer byzantinische Münzen verkauft. Und dann machen sie einen hohen Zaun herum und verlangen 10 Lira Eintritt.
Ephesus ist eine Weltstadt zudem. Eine römische.
Und wir begreifen nicht einmal, wie all die Tempel benutzt wurden: Wen haben sie gemeint, als sie dort Opfer darbrachten? Und was erwarteten sie dafür.
Kybele, die alte Muttergottheit der Ackerböden.
Die Frucht ihres Schoßes nährte die Menschen.
Aber Artemis.
Die Jägerin der Nacht. Freundin der Hunde und Bären.
Zwillingsschwester des Apollon, Gott der Seher.
Der Bogen und die Mondsichel. Was soll diese Mädchenhafte mit den ephesischen Brüsten, die vielleicht umgehängte Stierhoden sind. Wie passt das zusammen.
Ihr baute man den Riesentempel – von dem hier nichts zu sehen ist.
Paulus hatte mit ihr zu kämpfen, er riskierte sein Leben.
Aber Christus, den er verkündete, wurde von einer Frau geboren – einer Frau, sagt er, und kennt nicht einmal ihren Namen. Und von dieser Frau wird gerade hier gesagt werden, dass sie Gottesmutter sei, und der es sagt, Cyrill von Alexandrien, bringt gleich die Bilder mit von Isis, die ihren Sohn in den Armen hält.
Gottesmutter, Vorwort von Christus, Mensch und Gott.
Eingang Gottes in die Welt.
Ob wir das begriffen haben. Nicht die Erde ist der Menschen Schoß, sondern Menschen Schoß die Ankunft Gottes. Es ist die Frage nach der Einheit: Mensch und Gott im Fleisch geeint: in Maria. Gott in der Welt: das geht uns nicht ein. Fleischwerden, Menschwerden: WIR sein Leib, wo wird das gelebt und geglaubt. War Cyrill zu mutig, mit dem Heidenwort im Kern des Christusglaubens?
IN EPHESUS: jeder geht an der Marienkirche vorbei, kein Schild, kein Hinweis – nur wer hingeführt wird. In der Seitenkapelle, lesend, denkend: da erschienen eine Wienerin und zwei Israeli und suchten mit uns: den einen Christus, Mensch und Gott.
Wir zehn in der Nachmittagssonne, zwischen Zikaden in den Sträuchern, auf Mauersteinen im Kreis.
Warum das enden musste, so suchen und fragen. Wir wären noch zur Wesensfrage gekommen. Aber wir beteten das Magnifikat jeden Abend, meine Seele , sprachen wir mit ihr, mit Maria, meine Seele preist die Größe des Herrn, und: der Mächtige hat Großes an mir getan, so sprachen wir mit ihr, und wollten beginnen, für das Große offen zu werden.
Anwesend in Ephesus


Der Gott ist Tag-Nacht, Winter-Sommer, Krieg-Frieden, Sättigung-Hunger – alle Gegensätze, das ist die Bedeutung - ; er wandelt sich, genau wie Feuer (45)
Alles ist austauschbar gegen Feuer und Feuer gegen alles, wie Waren gegen Gold und Gold gegen Waren. (63)

Wir sieben in unserem Auto Tag für Tag, mit dem Vorderreifen, der immer Luft verliert, wir tasten uns nach Didyma, umrunden mehrmals den riesigen Tempel, Apollon, der Gott der Seher, sein Orakel: wir Propheten, wir im Ruf Stehenden, wir auf die Reise Geschickten. Vielleicht waren wir uns über den Auftrag nicht ganz klar, hatten zu ringen diese zehn Tage, auch um uns. An sich halten, sich nicht verlieren, in tausend Eindrücken, zehntausend Zusammenhängen, all die Fächer der Geschichte, denn wir waren zugleich in der Bronzezeit unterwegs, in der griechischen Antike, der Römerzeit, der byzantinischen Zeit, der osmanischen Zeit, im zwanzigsten Jahrhundert, aber jeder Tag zwischen Morgenlob und Abendgebet, Benediktus und Magnifikat, somit also im Gespräch, und bei soviel Unabwägbarem war das noch das Sicherste, diese Worte, in aller Offenheit. Verlier dich nicht, wenn du hören sollst

In dieselben Flüsse steigen wir und steigen wir nicht, wir sind und wir sind nicht. (95)
Das ewige Leben ist ein Kind, spielend wie ein Kind, die Brettsteine setzend; die Herrschaft gehört einem Kind. (124)
Die Ordnung des aufs Geratewohl Zerronnenen ist laut Heraklit die schönste. (125)



HIER IN KARAKÖY, am Hafen, mit dem Blick auf den dichten Schiffverkehr am Goldenen Horn und am Bosporus, könnte vielleicht das Wesentliche gefunden werden. Denn man kann dem Restaurantbesitzer zusehen, wie er die Passanten anspricht, und muss ihn nicht als lästig und aufdringlich abwimmeln. So wird man ein Teil davon. Wenn dann z.B. ein griechischer Pope im schwarzen Kaftan erscheint und eine kleine Gruppe von Männern begrüßt, die ihm alle die Hand küssen, und er sich nach kurzer Unterredung grußlos umwendet und weggeht, dann könnte man die Blicke der Gäste im Restaurant verstehen, vor allem aber den Wirt, der plötzlich dabeigestanden ist und jetzt auf die Zurückgelassenen munter einredet.
Oder wenn da ein Mädchen vorbeikommt mit einer Papiertüte unterm Arm, aus der ein winziges schwarzes Katzenköpfchen hervorlugt, und, als ich hinsehe, lautlos klagend dass Mäulchen öffnet – dann kann man dem Mädchen zuzwinkern, und es lächelt zurück.

Was das alles mit dem Wesentlichen zu tun hat?
Dass ich keine drei Mahlzeiten brauche am Tag.
Dass ich um 6 Uhr aufwachen kann, gleich wie lang der Abend war.
Dass ich unbehelligt bleibe von den Hinterfragungen durch die Reiseteilnehmer.
Dass ich es manchmal schaffe, drei eigenständige Gedanken zu denken am Tag. Und wenn nicht, dass ich jeden Tag eine oder zwei große Geschichten anreiße und darauf rechne, dass ich sie zu Ende führen kann einmal, oder am Ende verknüpfen. Und dass am Ende eine Einsicht steht.
Aha, so ist das.
So staunt doch darüber, dass dieses Große sich euch mitteilt.
Warum denn die Menschen soviel Angst haben vor Großem.
Lieber streiten sie sich um Sitzplätze, als Heraklit von Ephesus zuzuhören. Wahrscheinlich war der auch zu unleidlich.
Wie können euch die großen Schiffe Größe lehren, die draußen am Bosporus stumm vorbeigleiten, wenn ihr vor lauter Geschwätzigkeit nicht hinseht.
Oder wie die Tempel dieser Stadt, wenn ihr nach der Sperrstunde kommt.
Oder wie sogar mein Freund Mete, der euch durch Galata führt und euch das Erbe der Geschichte erklärt, für das er lebt und kämpft als einzelner gegen die Millionenstadt, wenn ihr auf die Uhr seht.

Und wisset: soeben, als ich das schrieb, hat der ganze Kai zu schwanken begonnen, als des angekommenen Schiffes mächtige Wellen das vertäute Peer hoben und senkten. Das nehme ich als Bestätigung, dass es wahr ist:
Wir sind bei der GEBURT DES CHRISTENTUMS dabei gewesen und haben mit der Mutter gesprochen.

Ich wollte sicher sein, dass ich nicht vergeblich laufe oder gelaufen bin

Gal 2, 2

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