Mittwoch, 15. April 2015

Planetentheologie

Anstatt die Galaxien zu durchstreifen wie seinerzeit in der fernen Zukunft Captain Kirk, gilt das Interesse der Planetentheologie dem, was recht konstruktivistisch Sonnensystem ge-nannt wird. Es scheint sich hier um noch begreifbare Dimensionen zu handeln, obwohl auch dies zu bezweifeln ist. Man spricht von einer Anzahl von Himmelskörpern, die um die Sonne rotieren. Aber schon Nennung und Anzahl der Körper bringen Schwierigkeiten; jüngst ist ein Planet im Kuipergürtel abhanden gekommen, und Planetoiden, Asteroiden, Kometen und Meteoriten fahren auf ausgedehnten Bahnen.

A Space Odyssey durchkreuzt den Raum auf weit radikalere Weise als Enterprise. Beginnen wir mit einem Blick auf eine sozusagen tote Zeit, in die der entscheidende Transfer zum Jupiter fällt. Die Mannschaft befindet sich im Winterschlaf und quert den Raum, in Kojen gesperrt, in Abwesenheit. Der Winterschlaf wiederholt die Weltraumkälte. Aber die Kälte ist zugleich die Hauptmetapher des Kubrick-Films. Sie bewirkt, dass die Menschenaffen enger zusammenrücken in der Morgendämmerung des Menschen. Das lapidare Gespräch zwischen Dr. Floyd und der Stewardess im Raumtransporter, der ebenso viele leere Sitzrei-hen aufweist wie unsere öffentlichen Verkehrsmittel, ist an Coolness und Gefühlskälte schwer zu überbieten. Die Kamera fängt diese Beiläufigkeit im Schwenk auf den Kugel-schreiber ein, der sich unbemerkt in der Schwerelosigkeit davonmacht, indem er, sich selbst überschlagend, aus dem Bild tändelt. Ebenso war die Affenkeule durch die Luft geschlin-gert, und diese Bewegung wird später noch einmal wiederkehren, in ganz anderer Bedeu-tung. Halten wir für diese kleine Szene fest: eine linear gedachte Entwicklungslinie des Menschen vom Tier zur coolen Intelligenz wird konterkariert durch die unbeachtete Krei-selbewegung des sich selbst überlassenen Himmelskörpers.

Der Winterschlaf steht nicht nur für die Gefühlskälte, die den ganzen Film durchzieht, son-dern auch für die Linearität, in die menschliche Expansion aus Effizienzgründen gezwängt wird, in verschiedenen Stufen der Abwesenheit. Dominant ist seine Ersatzform, HAL 9000, der Supercomputer, der das Kommando hat, aber mit einer Fehlprognose ins Schlingern kommt. Seine Abschaltung bringt die einzigen Gefühlsregungen des Films hervor. Aber zu-vor schickt er Frank Poole in den Raum. In sich überschlagenden Bewegungen, sich wie eine Raupe krümmend, stürzt er vom Raumschiff ins Leere und lässt Bowman als letzten Menschen allein zurück. Der blickt ihm nach und macht sich, nun etwas hektisch geworden, an den Überlebenskampf. Schließlich sieht man Bowman in der Raumkapsel auf die Plane-tenoberfläche zurasen, sieht ihn auf die Krümmung zuhalten, sich an die Krümmung her-anmachen und an sie angleichen, sieht Farben und Formen sich auflösen in den Augen des Piloten, hört ihn atmen und weiß ihn somit am Leben, sieht ihn in einem surreal eingerich-teten Zimmer ankommen, seinen verschiedenen Zeitformen entgegentreten und sich also aus Zeit und Raum verabschieden.

Das wirkliche Ereignis im Film aber ist das unvermittelte Erscheinen des Monolithen. Stumm steht er in der Wüstenlandschaft auf Erden oder am Mond, streng und stumm und gerade, oder in der Jupiter-Umlaufbahn. Wie eine Antenne, ein Signalempfänger, ein Relais einer unbekannten Intelligenz. Er markiert Knotenpunkte der Entwicklung, Schwingungs-knoten der Linie. Die Präsenz des Stummen haben schon die Affen vernommen, den coolen Wissenschaftlern gellt sie in den Ohren, die Reise aus der Zeit stimuliert er. Die Präsenz des Unbekannten interveniert in der Weltgeschichte (ein altes Thema Arthur Clarkes). Der Mo-nolith selbst ist unzugänglich. Seine Struktur lässt keine Schlüsse zu. Er ist reines Zeichen. Alain Badiou nennt Ereignis das, was etwas Neues ermöglicht. Genau diese Funktion hat das Erscheinen des Monolithen bei Kubrick.

Die entscheidende Realität ist die Leere. Zwischen den größeren und kleineren Körpern ist schwarze Leere, die von Zeit zu Zeit durchkreuzt wird. Sonnenwind und Strahlungen durchsickern in Spuren die enormen Räume, aber der trudelnde Frank wird nichts davon wahrnehmen. Er ist selbst zum Himmelskörper geworden und wird auf irgendeine Umlauf-bahn einschwenken. Die altrömische Gottheit Jupiter wurde als Himmelsvater verstanden und als Lichtbringer und Tag. Die Babylonier nannten ihn Gad. Blitze und Wettererschei-nungen führte man auf ihn zurück und denkt am Donners-tag daran. Man sollte sich also nicht von dem Himmelskörper ablenken lassen und mehr auf das Ätherische achten: „sub iove“ heißt einfach „unter freiem Himmel“, „im Freien“. Soll sich nun Frank als erlöst be-trachten? Immerhin steht iovial für Glück und Heiterkeit!

Erinnern wir uns noch einmal an die Szene auf dem Mond. Das Team der Wissenschafter nähert sich dem Monolithen. Diese ungewöhnliche Erscheinung hat sie neugierig gemacht, sie sind gekommen, um sich das anzusehen. Doch da irritiert sie ein Ton. Geräusche, Töne erklingen und schwellen an bis zur Unerträglichkeit, und sie flüchten. Als Mose vor der Dornbusch-Erscheinung stand, die er sich neugierig besehen wollte, hörte er eine Stimme und trat mit einer fremden Intelligenz in Kontakt. Fremd, weil er ihren Namen nicht wuss-te. Intelligent, weil planend, wirkend und kommunizierend. Das Feuer, das ohne Stoff brennt, das symmetrische Objekt ohne Ursache. Was das Zeichen ermöglicht, ist der Weg. Mose wird auf den Weg gebracht: er hat das ganze Volk auf den Weg zu bringen, von der Sklavenexistenz in die Gottesvolk-Existenz. Dr. Floyd bringt Bowman und Poole auf den Weg, den Rest der Mannschaft wissen wir in den Kojen. Auf dem von der unbekannten In-telligenz gewiesenen Weg tritt die sekundäre Intelligenz HAL 9000 auf und kommt dem Plan in die Quere durch eine Fehlfunktion und weil sie unterschätzt wird. Diese Querung teilt die Mannschaft, viele bleiben zurück, nur einer setzt die Reise fort. Der Monolith als Wegzeichen, die Steintafeln als Mensch und Gott verbindendes Weisungswort. Bowmans Austritt aus der Linearzeit kann als angezielter Erlösungszustand betrachtet werden – eventuell ist dieser Übergang auch für den abtrudelnden Poole vorstellbar. Das Ereignis hat den Menschen verändert, vorerst in exemplarischer Form. Die Odyssee als Exodus.

Die religiöse Sphäre ist hier die Langsamkeit, die Kälte und besonders die Leere. Das ist durchaus vergleichbar mit dem generationenlangen Wüstenweg und seinen hitzigen Irr-tümern. Übereinstimmend ist die exzentrische Ausgesetztheit: unvorstellbar weit von der Heimat sind unerwartete Prüfungen zu bestehen, eingebettet in ein absolut lebensfeindli-ches Milieu. Die Wüste galt als Ort böswilliger Dämonen und musste durchquert und be-standen werden. Die Leere des Alls gilt als Geheimnis des Universums, dessen Schweigen von Wissenschaftern, Esoterikern und Mystikern belagert wird, um ihm doch eine Botschaft zu entreißen. In dieses Schweigen kann der Mensch wortlos abstürzen oder einer fremden Intelligenz begegnen, auch wenn er immer nur sich selber sieht. Sein Geschick durchquert die Zeiten und hat einen langem Atem. Vielleicht ist er in Bowmans letzter Reise mitzuhö-ren

Samstag, 5. April 2014

Was ist um Werner Pircher?

D.U.D.A. bringt es wieder zu Tage, dass man ihn zu Unrecht beiseite gelassen hat die letzten Jahre. Auch wenn er uns Ö1 erträglicher macht nach wie vor. Aber wie kann man das aussagen, was so fasziniert an diesem Ausnahmekünstler, wenn man nicht solche Bilderbuchworte zur Verfügung hat wie Andre Heller, der ihn einen Hundling nennt. Oder wie Erwin Steinhauer solche praktischen Anwendungen nennen kann wie das Prahlen mit Pirchner-Zitaten bei den Studentinnen. Oder einen solchen Tiroler Ausweg zu Pirchner, um den sonst herrschenden Katholen oder Exnazis zu entgehen. Diese Freiheit, die der hatte, lässt uns Josef Hader nun durch einen Türspalt blicken, um E- und U-Musik, Ernst und Satire als Türpfosten passieren zu können. Das Persönlichste stammte von Tobias Moretti: Er war immer jemand, der alles aufgerissen hat. Und zwar auf eine so leichte Weise. Und: Er fehlt mir, sagte er noch.

Es waren nicht nur begeisterte Fans, die bei D.U.D.A. zur Sprache kamen, sondern auch Skeptiker und Spießer: Das müssti lang hören, bissma gfallt. Na immerhin. Und auch etliche, die mehr über sich selbst aussagten als über ihn: Zwei solche Typen wie wir, Felix Mitterer. Und Christian Muthspiel bittet das Kamerateam auf das Hafelekar, 2556 Meter hoch, um dann drei Stunden für Pirchner Posaune zu spielen mit und gegen das Echo. Und natürlich kommt keiner aus, Pirchner nicht irgendwo einordnen zu wollen. Ein Achtundsechziger? Eigentlich bin ich eher kein 68er, ich bin ein Stückchen davor und ein Stückchen danach. Und von wem stammt noch schnell die Theorie von der umgekehrten Korrelation der Enge der Provinz und der Größe der Künstler? Wie auch immer: Man kommt nicht umhin, Pirchner selber sprechen zu lassen, um eine Ahnung zu bekommen, wer das ist – zumal die Sprache, und nicht nur die Musik, durchaus zu seinem ersten Ausdrucksmittel gehört.

Der Film „Der Untergang des Alpenlandes“ erinnert an die düstere Kulturkritik von Oswald Spengler (Der Untergang des Abendlandes) und noch mehr an Oswald Wieners Brachialästhetik (die verbesserung von mitteleuropa, roman), die fünf Jahre zuvor erschienen war. Da ist das Moment der Abkehr, so wie Gott seinem Propheten die Verwerfung des Landes ansagt. Aber diesem Propheten kann niemand böse sein, weil er einen unwiderstehlichen Witz hat. „ein halbes doppelalbum“ bricht ihm die Bahn. „Good News from the Ziller Valley“ sagt die Auferstehung des Tirolerlandes an, und „Die Bewässerung von Mitteleuropa“ soll es am Leben erhalten. „Brechreiz für großes Orchester“ und „Präludium und Fiasko für Blasorchester, Vibraphon und Gitarre“ sind Bürgerschrecke. Und die „Kleine Messe um C – für den lieben Gott“ oder „Mit FaGottes Hilfe“ sind religiöse Neustarts jenseits des Biederkatholischen. Und die beißende Selbstironie macht ihn selbst unbesiegbar, wenn er solche Grotesken produziert wie das „Streichquartett für Bläserrquintett“ oder „Noten für Pfoten“. Und der Witz liegt zumal im Titel wie in der Musik selbst. Haarsträubende Rhythmen, unvorstellbare Intervalle, aber geforderte allerhöchste Präzision – man sieht und hört das bei den Proben. Man erkennt die Volksmusik dahinter, die die Musik dem Mitteleuropäer erdet, nicht nur an der Instrumentierung, und man spürt den Jazz, der die Musik zum virtuosen präsentischen Ereignis macht. Und vielleicht lässt sich an dieser Stelle die resümierende Aussage wagen:

Werner Pirchner ist das Wort/Musik-Ereignis, das neue Möglichkeiten zeigt und schafft jenseits des Bekannten, Möglichkeiten für Kunst und Künstler, aber auch für Leben und Denken, und auch für Glauben und Hoffen. Werner Pirchner ist Prophet im wahrsten Sinne. Und wer nicht Musiker noch Dichter werden kann, der möge wenigstens Priester werden für das Neue, sage ich.

http://www.duda-derfilm.at/
http://www.duda-derfilm.at/wp-content/uploads/2014/02/duda_filmladen.pdf
http://www.wernerpirchner.com/
http://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Pirchner

Mittwoch, 19. Februar 2014

Licht in Sarajevo

Überall Neonlicht, weißblau, weißgrün, kalt, gespenstisch, wie eine harte Pranke auf den pastellfarbenen Barocksäulen im Stiegenhaus des Priesterseminars. Am Ende der langen und breiten Gänge jeweils eine gelb beleuchtete Christusfigur. Die Stiegen selbst, das fast unsichtbare Eisengeländer zwischen den Säulen, führen ins Halbdunkel hinunter und hinauf. Um sechs Uhr morgens sind wir angekommen hier, mit kleinen Augen von der Busfahrt.

Später sehen wir das Licht zwischen dunklen fernen Wolken Klarheit bringen über die Stadt, und die Hügel, zwischen denen sie liegt, so nah zusammengerückt, dass die Dorfhäuser und kleinen Moscheen der Gegenhänge zwischen die Häuserschluchten hineinrückten, und die Umrisse des österreichischen Kastells dicht über das altösterreichische Rathaus, das nun endlich, zwanzig Jahre nach dem Krieg, gänzlich fertig und grell wiederhergestellt ist. Eine der ersten Kriegshandlungen war gewesen, die Bibliothek abzufackeln, zuviel Bildung tut den Menschen nicht gut, auch Gavrilo Princip ist mit der Bildung nicht weitergekommen, und der Thronfolger, was hatte der hier zu suchen, am Ende hatte man ihn sterbend hier hereingebracht.

Im scharfen Nachmittagslicht eines Frühlingstages saßen wir auf der hölzernen Veranda eines Cafes und blickten auf die Baščaršija herunter und sahen mit zusammengekniffenen Augen die kurzen Schatten der Passanten die steile Pflasterstraße heraufklettern, bevor wir uns dann seitenlang aus Karahasans Büchern vorlasen. Als wir aber schließlich dem Dichter selbst gegenübersaßen, da war es eine unaufdringliche Zimmerbeleuchtung in einem nüchternen Raum des Franziskanerklosters, der vielleicht ein Seminarraum war, schließlich war eine katholische Fakultät untergebracht hier. Es war ein langes, entspanntes Gespräch mit vielen Fragen, und sichtlich beiderseitigem Interesse, über schriftgewordene sowie sich erst anbahnende Erfahrungen. Mit Gedanken zur Freude hatten wir begonnen: freuen kann man sich nicht mit sich allein, so hatte der Dichter eröffnet, Freude komme von anderen, und so bereits erklärt, warum er seine strenge gegenwärtige Klausur unseretwegen unterbrochen hatte, denn die Verlegerin hätte schon vor Wochen das fertige Manuskript verlangt. Über das Miteinander der Religionen in dieser Stadt haben wir lange geredet, Karahasan in der Christmette, wo er heuer elf andere Moslems wiedererkannt hätte, sowie Pater Milan Babič beim Opferfest in der Moschee, und überhaupt bezeichnete er Pater Milan als mehr katholisch als Kardinal Ratzinger, der im Vatikan unter lauter Katholiken lebte. Ich lebe vom Wort – ich bin Schriftsteller! – Diese klare Ansage hatte unsere Jugendlichen sehr beeindruckt, während draußen vor den Vorhängen der Tag unmerklich versank, und Valerian war von der Theorie der drei Bärte fasziniert.

Ein Nachtlicht war es, als wir den Platz vor der Regionalregierung querten, und von den Aufregungen der letzten Tage war noch etwas zu spüren. Anna hatte sich zu den zerborstenen Scheiben der Haltestelle hingestellt, als hätte sie sie selbst zerschlagen, und am Gehsteig wartete dar serbische Fernsehübertragungswagen noch immer auf konspirative Ereignisse. Später würden einige unserer Gesprächspartner gerade sie in Betracht ziehen, unbedarften Jugendlichen die Molotowcocktails in die Hand gedrückt zu haben, denn die Menschen in Sarajevo hätten keinerlei Hang zu Gewalt. Und selbst die Mütter und Väter zu Hause vor den Abendnachrichten stellten sich aufgrund dieser Bilder die ganze Stadt brennend vor und unsere Reisegruppe mittendrin.

Es gab aber auch Lichter in der Stadt, die waren so grau und unbestimmt, dass nicht einmal die Tageszeit oder Jahreszeit zu erkennen war, beispielsweise, als wir zum katholischen Jugendzentrum trabten über lange Gassen von der Straßenbahnstation, oder als wir ahnungslos in einen Film hineinplatzten auf der Baščaršija, wo wir uns über die Scharen von Tauben gewundert hatten und erst langsam erkannten, wie sie angefüttert wurden für einen atmosphärischen Bildhintergrund. Eine schwangere Frau musste eine halbe Stunde lang mit ernstvergrämten Gesicht zwischen zwei gleichmütig blickenden Kindern am Pflaster hocken und etwas in das zottelpelzverhangene Mikrophon sagen, während hinter ihr Tauben und Passanten über den Platz trabten. Diese Begegnung mündete in eine Einladung zum Sarajevoer Filmfestival im nächsten Sommer, in einem anderen Lichte.

Die Franziskanerkirche hingegen ist das ganze Jahr düster, trotz der vielen bunten Glasfenster, ich spreche aus langjähriger Erfahrung. Auch der Tunnel natürlich; auf diese Plätze hinter dem Flughafen, wo noch immer granatendurchsiebte Häuser stehen und die Frontlinien in Schrittweite nebeneinander herliefen, scheint kein richtiges Sonnenlicht durchdringen zu können. Auch das Video, das sie im Museum zeigen, als durch dieses Loch die ganze Stadt versorgt werden musste unter Granatenhagel, gab niemals freies Sonnenlicht des Tages, meistens Nachtaufnahmen oder Sequenzen im Morgengrauen, und sogar der Vorführraum war im Keller. Als wir den Pontamina-Chor treffen wollten bei der Probe im Bosnischen Kulturinstitut in der ehemaligen Synagoge, da war ein feuchtkalter Winterabend, aber als wir später anstelle der Probe, die wegen der Demonstrationen abgesagt war, mit Pater Markovič im Hotel Europa saßen, da war es Wiener Kaffeehauslicht und das entspannte Summen von westlich gekleideten plaudernden Gästen, das unser Gespräch umhüllte, sodass ein Fremder schwerlich geahnt hätte, dass bei uns vom Krieg geredet wurde, von den Erfahrungen dieses freundlichen älteren Mannes mit der Organisation von Hilfslieferungen und mit der Betreuung von traumatisierten Tätern, jawohl, auch Täter bräuchten Hilfe, und von seinen kommenden Einsätzen beim gegenwärtigen Syrienkrieg, als Franziskaner eben.

Und das letzte Licht, das wir von der Stadt sahen, war wieder dieses Balkan-Neonlicht der Busstation, wo zeitig in der Früh unser Bus abfuhr, der blaugestrichene und hellbraun verflieste geheizte Kassaraum und der umso kältere und düstere Perron, und als dann die nächsten Stunden der Bus durch die kurvigen verhangenen Landschaften ruckelte, da schien weder Zeit noch Raum zu vergehen, als würde in jeder Richtung unveränderlich Bosnien bleiben, wie es immer war.

Sonntag, 1. Dezember 2013

Bostjans Flug

Endlich wieder richtige Literatur. Nicht nur erzählte Geschichten. Nicht nur, dass man dann darüber redet, was da alles vorgefallen ist und wer so jemand kennt und wer schon dort gewesen ist undsoweiter.
Sondern diese richtige Literatur beginnt so, dass man mit diesem Bostjan über Wiesenhänge schreitet und noch längst keine Vorstellung davon hat, wer das sein mag, dass man mit ihm in der Kirche sitzt und zu dem Mädchen hinüberschielt und noch nicht ahnt, was von den beiden zu halten ist und ob es sich überhaupt um Realität oder bloß um jugendliche Träumerei handelt, und weiß es selbst dann noch nicht, als man mit diesen beiden das leere Elternhaus umschritten hat, und weiß noch nicht einmal, was dabei überhaupt gesprochen wurde oder ob es im selben Schweigen stattfand wie das des am Kreuz thronenden Schweigers, und weiß gerade nur soviel, dass er trotz des Ungesagten diese Lina so fasziniert haben muss wie den Leser, der ihm nun bereits einen guten Teil des Buches gefolgt ist und es kaum weglegen kann, um Luft zu schnappen.

Und diese Literatur soll durchaus große Literatur genannt werden, weil sie eine Sprache hat, die in die Köpfe geht; weil die Literatur eigentlich im Kopf des Lesers stattfindet, in dem sich bereits Geschichten von vertrackten Kriegen und himmelsschreienden Ungerechtigkeiten, von menschlichen Abgründen und Aufbäumen dagegen, vom Zurückschlagen der Natur gegen den Menschen abzeichnen, von denen indes bisher nichts als mögliche Wegmarken vorliegen. Mit anderen Worten: Diese Literatur hat wie jede richtige Literatur Geist, und weckt Geist, und korrespondiert mit Geist. Man könnte es auch so sagen: Diese Literatur ist ein Gedicht. Kein verschlüsseltes Rätselgedicht, sondern ein Gedicht, dessen Worte Wege weisen, die dann der Leser geht, gehen kann, auch alleine, mitunter alleine, während das Gedicht bereits irgendwo abgebogen ist, und möglicherweise gelangt der Leser so einmal auf eine Lichtung, wo das Gedicht dann bereits auf ihn gewartet hat.

Solche Wegmarken sind von der Art wie Bostjans gedachter Griff mit der Hand in das Räderwerk der Zeit, um sie anzuhalten, und schließlich die wirkliche Verlangsamung mit Lisa, während der Leser auf Vergangenheitsreisen geschickt wird zu einem früher bewohnten Haus und einer sterbenden Kuh, um schließlich den Leser erst dann wieder zuzulassen, wenn Lina bereits wieder verabschiedet wird, ohne dass er auch nur von einem der beiden ein Wort gehört oder eine Geste gesehen hätte. Oder wie der hölzerne Schweiger am Kreuz, der nach bestimmten Ereignissen den Kopf gewendet habe, wie um etwas nicht mehr ansehen zu müssen oder sich von etwas abgewendet habe, das jedenfalls, und hier gibt sich das Gedicht unmissverständlich eindeutig, keinesfalls gutgeheißen werden konnte. Zwischen dem Schweiger und Bostjan gibt es eine Identität und ein Einverständnis, das dem Leser sofort einleuchtet, ohne dass er noch eine Ahnung hätte, oder vielleicht an dieser Stelle höchstens eine Ahnung, was hier nun eigentlich verschwiegen wurde.

Freitag, 30. August 2013

DIE INSEL. FILM VON PAVEL LUNGIN

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Vater Anatoly.
Ein Idiot oder ein Kautz.
Da kommen alte Leute, um Rat und Heilung zu suchen, werden auf die Insel gerudert, und fragen nach dem Heiligen, und er sagt: er schläft noch, hustet und schaufelt weiter Steine auf seine Schiebetruhe, die er über den Holzsteg schiebt.
Oder er verspricht, dem Heiligen das Anliegen vorzutragen, lässt die Leute stehen und führt ein lautes Selbstgespräch in der verrussten Klause.
Der hustende Kautz, der aussichtslose Gebrechen heilt durch Gebet und Glauben, ist ein feiger Mörder. Als die Deutschen ihn, damals im Krieg noch Soldat, zwangen, seinen Hauptmann und Kapitän auszuliefern, da tat er es, winselnd und bettelnd, und den erzwungenen Mord führte er aus.
Nächtens sieht man den Verzweifelten nun Gott um Vergebung bitten und um Seelenfrieden, auf Knien im Tundragras oder zwischen dunklen Buckelsteinen bäuchlings kauernd, Klagepsalmen rezitierend.
Die Klostergemeinschaft plagt sich mit ihm, der hustend ihre Gottesdienste stört und sich an keine Regeln hält. Als des Abts Zimmer brannte, nahm er diesen in seiner Klause auf und gab ihm einen Platz am Kohlenhaufen, neben ihm. Die feine Matratze und die weichen Stiefel, die jener rühmte, warf er dann ins Feuer und vertrieb die eingeschleppten bösen Geister durch Ofenqualm, der beinah auch den Abt zum Ersticken brachte.
Wurde er, in dessen tiefer Fraglichkeit Gott seine Wunder vollbrachte, noch gerechtfertigt?
Jedenfalls kletterte er zuletzt in seinen eigenen Sarg und erteilte von dort noch letzte Ratschläge und Anweisungen

http://www.youtube.com/watch?v=S2OrqN2JCgQ

Donnerstag, 11. April 2013

PARADIES: Hoffnung

Der dritte Teil der verschränkten Trilogie zeigt, was die Tochter macht, während die Mutter ihr Glück in Kenia sucht und die Tante mit der Marienstatue von Wohnung zu Wohnung zieht. Sie kommt in ein Diätcamp und soll dort mit Disziplin und Gymnastik ihre Fettleibigkeit in den Griff bekommen. Schließlich lassen sich alle drei auf Abenteuer ein, und Melanie wird darin genauso herausgefordert wie die anderen beiden Frauen. Ein ästhetisches Spiel sind die Prozessionen, die Choreographien der ausgesetzten Kinder. Stumm stapfen sie im Gänsemarsch durch Turnsaal und Waldlandschaft. Stumm auch die Erwachsenen, abgesehen von den Drill-Kommandos. Ihre menschliche Kälte lässt die Bilder gefrieren, kein freundliches Wort, kein Mitgefühl, kein Beziehungsangebot. Das ist das eigentliche Unglück, und das sonderbar inkonsequente Verhalten des Arztes (es müsste gesagt werden: das sträflich unprofessionelle Verhalten!) ist davon nur der Teil, der für Melanie bedeutsam wird: weil sie sich in ihn verliebt.

In Seidls Werk wird dem Betrachter viel zugemutet. Er/Sie muss Menschen, Gespräche und Situationen ertragen können. Sich an Afrikanern sexuell bedienende Europäerinnen. Sich in wildfremde Hausfluren wagende Glaubenskämpferin. Und nun ein Kinderarzt, der eine Dreizehnjährige neugierig macht auf sich, sie mit Tastspielen verwirrt, und erst dann und spät, wenn sie um ihn wirbt, Position bezieht. Durch Ablehnung. Beklemmend seine stumme Verfolgung des Mädchens durch den Wald – die Umarmung weder leidenschaftlich noch väterlich, eher hilflos und jedenfalls stumm. Da sind sie sich ebenbürtig. Beklemmend ebenso die stumme Annäherung des Burschen an die Betrunkene in der Diskothek, sein beharrliches Hantieren am Leib der Bewusstlosen. Das war es doch gerade, wovor sie entrinnen wollte! In den Gesprächen mit den Mädchen, im Werben um den Arzt! Das Unerträgliche bei Seidl ist die Sprachlosigkeit. Die Unfähigkeit zu verstehen. Auch sich selbst. Die daraus resultierende Unbarmherzigkeit. Sehnlichst wünscht sich der Zuschauer ein Einlenken, ein Beidrehen, Mitleid und Mitgefühl. Das können im Film nur die Kinder einander geben, auf ihre Art. Leidensgenossen. Was weiterhin fehlt, ist Väterlichkeit, Mütterlichkeit, Partnerschaftlichkeit.

Was es aber gibt: Ertragen. Das ist etwas Pastorales in diesen Filmen. Solche Menschen aushalten. Solche Situationen. Dennoch bleibt die Frage nach dem Paradiesischen. Es kommt überall nur im Modus der Erwartung vor, nie in der Realität. Selbst die winzigsten Anzeichen werden unverzüglich als trügerisch entlarvt. Aber hinter solchen Anzeichen sind die Menschen her. Doch Liebe, Glauben und Hoffnung sind nie ohne Ambivalenz. Im Korintherbrief klingt es, als wären diese menschlichen Erfahrungen sichere und eindeutige Zeichen des Himmels auf Erden. Aber sie sind es nicht. Hier ist alles unvollkommen. Alles. Das Paradies ist das Durchhalten.

Samstag, 26. Januar 2013

PARADIES: Glaube

Zweifellos sind es verlorene Paradiese, und Seidl präsentiert versuchte Rückwege der Vertriebenen. Auf das Flüchtlingsdrama Adams und Evas folgt nun das Rückkehrdrama Anna Marias. Dabei ist ihre Lebensgemeinschaft mit Jesus und Maria von Anfang an keine unbeschwerte Idylle. Anna Maria kämpft sich mutig durch finstere Wiener Stiegenhäuser und schleppt die hölzerne Maria durch religionsferne Milieus, um an fremden Türen Einlass zu finden für gemeinsames Beten. Es gehört zu den berührendsten Szenen, wie die Migrantenfamilie um die Marienstatue kniet und mit Anna die Hände faltet und ihre Worte wiederholt. Die lange Strecke der Rückkehr Annas ins Paradies formuliert die illustre Gebetsgemeinschaft in der Bitte, dass Österreich wieder katholisch werden möge.

Doch die Hürden auf diesem Weg sind zahlreich. Wie ein böses Omen stolpert Anna in eine Swinger-Session in der vorstädtischen Parkanlage (ihre Schwester Teresa aus „Paradies Liebe“ hätte also gar nicht bis nach Afrika fahren müssen!) – und wie sie unschlüssig dasteht und zögert, ob sie einschreiten soll, öffnet sie das ganze Gelände ihrer inneren Anstrengung, das der eigentliche Schauplatz dieses Films ist. Einerseits führt ihre Mission zur Bekehrung Österreichs immer wieder in prekäre Situationen in engen Wohnungen, in Misstrauen und Gewaltbereitschaft. Doch das wahre Prekariat der Röntgenassistentin öffnet sich, als der muslimische Ehemann, der sie verlassen hatte, nun wieder zurückkehrt und seine alten Rechte zurückverlangt. Moderat und geduldig begnügt er sich zunächst mit einem Sofaplatz und mit Hilfeleistungen für den Querschnittgelähmten. Aber als er erkennt, dass Anna nicht mehr frei ist, steigern sich gegenseitige Bosheiten und machen das Zusammenleben unerträglich. Dramatischer Höhepunkt dieser Konfrontationslinie ist, wenn der Rollstuhlfahrer wutschnaubend hereinplatzt in die beschauliche Gebetsszene im Keller – und, nach verständnis- und ratlosen Blicken beiderseits, brummend wieder abzieht. Es gibt keine Konfrontation der Religionen.

Der religiöse Lebensstil Annas, in dem sie noch nicht lang beheimatet ist, ähnelt dem der Legio Mariä. Es ist eine Sonderwelt, noch exotischer und seltener als die ihrer Schwester Teresa, die zum Sextourismus nach Kenia fährt. Beispiele von Selbstgeißelung kennen wir zwei katholische Pfarrer, die den Film gesehen haben, nur aus mittelalterlichen Lehrbüchern, nicht aus der Praxis. Die wenigen Partner Annas kommen zu Kellerliturgien, aber eine Hilfe im Prekariat sind sie nicht. Anna ist allein auf Gott angewiesen, im Bett und in fremden Küchen. Arglos und naiv liefert sie sich weiter aus und schreitet durch strömenden Regen mit Maria in der Tasche. Die zweite tapfere Figur in Seidls Trilogie, eine rechte Verkörperung des Kärntner Diözesanleitbilds „Mit Jesus den Menschen nahe sein“ – wenn es Nähe denn gibt.

Donnerstag, 20. Dezember 2012

PARADIES: Liebe

Obwohl ein Film über eine Fernreise – so spielen doch nicht äußere Räume und Orte die Hauptrolle, sondern steile, zerklüftete Seelenlandschaften. Ein gesuchtes Paradies? Falls eines gefunden wird, dann bereits als verlorenes. Die leuchtenden Augen der gerade in Afrika Angekommenen, als ihre wissende Mitreisende von den schwarzen Männern schwärmt: in Teresa erwacht die Sehnsucht, endlich einmal ganz und gar gewollt und behütet zu sein, so wie das in den weit aufgerissenen Augen der im Wiener Autodrom schwindlig gedrehten Behinderten zu lesen war, aber auch dort eher angstvolle Erwartungslust denn wirkliche Erfahrung. Zwischen Einbildung und Wirklichkeit schwankt stets Teresa, jongliert sie geschickt bereits, als sie ihrer Tochter entgegentritt und mit ihr zu kommunizieren versucht. Ihr süßlicher Singsang, in den sie schließlich ihren Ärger über deren Nichtkooperation verpackt, auch bei ihren Telefonanrufen, zeigt diesen Tanz um die nicht eingestandene Ablehnung. Er sublimiert Aggression in bewundernswerter und zugleich beängstigender Weise.

Anders als die Behinderten, die Teresa betreut und die von undurchschauten Ereignissen hin- und hergerissen werden, nimmt Teresa ihr Schicksal selbst in die Hand. Sie bringt die Tochter bei der Schwester unter und fährt nach Kenia, um sich verwöhnen zu lassen. Anfangs noch sehr unsicher, dirigiert sie schließlich die Afrikaner, bekommt das Gewünschte und bekommt es doch nicht. Ihre Belehrungen und Kommandos im Bett gehören zum Unerträglichsten in diesem Film, doch wenn sie dann im Strudel der ausgelösten Entwicklungen zu ertrinken droht und tapfer den Kopf oben behält, während sie sich vorgebeugt über den Sandstrand schleppt, gebührt ihr wieder Mitgefühl. In Wien wie in Kenia versucht sie die Lage zu beherrschen, indem sie die anderen infantilisiert – und die Opfer rächen sich auf der gleichen Ebene. Das Monströse der Leiber von Mutter und Tochter, das Monströse der Ereignisse in Dorfhäuschen und Hotelzimmern – es ist das, was der menschlichen Willkür entwächst. Der Kolonialismus ist dieses Monströse ebenso wie die Geschlechterverhältnisse oder die Zerstörung von Lebensräumen. Teresas paradiesische Freiheit ist ein atemberaubender Hochseilakt, ohne dass sie die durchtanzten Abgründe erblickt – oder höchstens deren Finsternis ahnt -, ist ein gnadenloses Ausreizen des Möglichen, ist ein verzweifelter Versuch, das Unbeherrschbare zu beherrschen, und damit faschistische Keimzelle. Seidl steht so in der literarischen Tradition von Arthur Schnitzler und Ödön von Horwath, Elias Canetti und Thomas Bernhard, ist damit österreichischer Literat ersten Ranges.

Der Titel stammt nicht, wie die Kommentatoren fälschlich annehmen, von Horwaths Drama, sondern aus dem ersten Korintherbrief des Apostels Paulus. Glaube, Hoffnung und Liebe werden dort als vorläufige Gottesoffenbarung genannt, als Blick durch einen Spiegel. Infantil nennt der Apostel das – aber entwicklungsfähig.

Ich wollte sicher sein, dass ich nicht vergeblich laufe oder gelaufen bin

Gal 2, 2

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