Samstag, 14. Januar 2012

Faust und das metaphysische Mißverständnis

Es ist Unverstand, wenn behauptet wird, diese brillante Faust-Verfilmung sei nicht metaphysisch, weil sie das Irdische so betone. Als wäre Metaphysik die Behauptung einer nichtirdischen Welt. Stattdessen ist Metaphysik die Frage! Und der Film beginnt bereits mit der Frage: Wo ist die Seele? Im Kopf, im Bauch, in den Füßen? Schließlich: Gibt es überhaupt eine Seele?
Christina Nord schreibt im Standart, der Regisseur wolle von den großen Fragen von Gut und Böse, Gott und Teufel nichts wissen, sondern interessiere sich nur für komische Gesten. Ich würde sagen: Christina Nord interessiert sich für nichts anderes, oder man kann im Standart nichts anderes schreiben. Christoph Huber schreibt in der Presse immerhin von der Beschwörung des Irdischen, aber auch er sieht im Film eine Abwendung vom Metaphysischen.
Dazu nun eine Klärung: Metaphysik ist primär ein Fragen und Suchen. Natürlich geht sie vom Konkreten aus, aber die Frage- und Suchbewegung geht ins Prinzipielle, Grundsätzliche, Allgemeine. Letztlich in die Frage nach dem Sein. Und der Film handelt von Anfang an beinahe von nichts anderem. Zuerst der Blick vom Himmel auf die Erde, der der folgenden Geschichte Rahmen und Horizont gibt. Ganz am Ende erst wird der offene Himmel wieder sichtbar, als Faust durch das unirdische Jenseitsland stapft, und nunmehr die Frage mit der eigenen Person verkörpert: Hat er den Satan besiegt? Lebt er? Versteht er? (Die genannten Interpreten haben den Rahmen nicht beachtet!) Die Frage nach der Seele wird anfangs, im Wühlen im Leichnam, gestellt und zugleich ironisiert, dann vorläufig beantwortet mit Ja und Nein, durch die Vorstellung des reinen Materialismus, durch die Begegnung mit dem jenseitigen Wucherer, durch den Verkauf der eigenen Seele, durch die Frage nach Gretchens Seele. Die Frage nach Gott wird von Faust zuweilen abschlägig beantwortet. Aber was ist sein Wüten anderes als ein Aufbegehren gegen Gott? Und mehr noch bei Wucherer, der eigens eine Kirche sucht, um die Notdurft zu verrichten! Gebe es Gott nicht, gegen wen rebellierten dann die beiden, mit dem Einsatz all ihrer Kräfte?
Andererseits handelt der Film weniger vom fragenden und suchenden Doktor Faust, unterwegs nach den Grundprinzipien, die die Welt zusammenhalten. Sondern von einem, der diese offenen Fragen nicht mehr aushält, und sich Schritt um Schritt von ihnen abwendet – und seinem ganz irdischen egoistischen Begehren nach Gretchen zuwendet. „Die Wissenschaft besagt, dass der Tod existiert“, doziert er ihr altklug, und hat sich längst als unwissend entblößt. Der Gehilfe Wagner bleibt bei der Wissenschaft und bringt den Homunculus hervor. Wucherer selbst distanziert sich von Fausts Begehren. Aber Faust vergräbt sich. Das ergibt die Ästhetik des Films, der immer tiefer in die Enge führt, in Gänge und Gassen, Gedränge und Finsternis. Satan, das ist der Ankläger und Versucher, der Widersacher. Dämonenhaft herrscht die skurrile Figur des Wucherer in den stinkenden Gassen. Entsetzen befällt den Betrachter, man will weg, heraus aus der Enge, und sieht stattdessen Faust in immer schlimmeren Verrenkungen mit diesem verstrickt, und als endlich ein Lauf durch die Gassen ein Abrücken, eine Flucht sein könnte, da ist es längst zu spät. Was für Faust der Höhepunkt sein sollte, seine Nacht mit Gretchen, das wird doch nichts anderes als ein Hantieren mit einem Körper ohne Leben, also wieder mit einem Leichnam. Und wenn er schließlich doch, nach der Steinigung des Satan, in die Weite aufbricht: Da ist nichts mehr, was zu entscheiden wäre. Da ist Faust mit sich selbst allein in einer leeren, öden Welt. Ist er da noch? Das ist wohl metaphysische Metapher genug für ein Zukunftsbild des heutigen Menschen und seiner Hybris. Als Metaphysik von der Abwendung vom Metaphysischen.

REGIE: Alexander Sokurow
Darsteller:
Faust: Johannes Zeiler
Wagner: Georg Friedrich
Wucherer (Mephistopheles): Anton Adasinsky
Gretchen: Isolda Dychauk

Sonntag, 16. Oktober 2011

Glavinic auf Pilgerreise?

Was kann man erwarten von einem Roman, der einen Ungläubigen und Unwissenden auf eine Pilgerfahrt nach Medjugerje schickt? Es beginnt wie eine Art Forschungsreise, oder eine Entdeckungsreise ins Religiöse oder in die eigene Seele, wenn der Erzähler begründet, die Medjugorje-Pilgerfahrt wäre kürzer und billiger gewesen als eine nach Lourdes. Als ahnungsloser Zeitgenosse sitzt er dann im Bus, zusammen mit seinem noch gröberen Freund, beobachtet belustigt das Figurenensemble der Pilgergruppe und wundert sich über das Beten und andere religiöse Praktiken. Aber sowohl in den Sitzreihen des Busses, wie im Pilgerhotel, bei den religiösen Vorträgen und Gottesdiensten, als auch nachher bei seiner „Flucht“ an die kroatische Küste versteckt er seine wahren Motive. Er habe „in seinem ganzen Leben noch nicht gebeichtet und werde es auch garantiert niemals tun“, zeigt er sich überraschend dogmatisch immunisiert. Andererseits sagt er, „etwas über den Glauben dieser Menschen und vielleicht gar über meinen eigenen erfahren“ zu wollen. Zwischen diesen motivischen Klippen bewegt sich die ganze Reise, im ersten Teil durch eine skurrile Pilgerwelt, im zweiten durch eine noch skurrilere Balkanwelt. Wie durch Nebel erscheinen schemenhaft religiöse Ereignisse, Begegnungen mit anderen Pilgern, mit dem Freund und mit dem eigenen Vater und dessen Familie. „Manchmal gleiten Zeit und Dinge an mir vorbei“, erkennt er in einem lichten Moment. So darf man also keine Analyse eines religiösen Hotspots erwarten, und auch keine wirklich personale Begegnung mit Menschen oder dem Religiösen.
Was aber beinahe noch grotesker wird als die Pilgerkulisse, ist der streng konsumistische Vordergrund. Die beiden Freunde und Fremdlinge hanteln sich von einem Restaurant ins andere, fortwährend wird „bestellt“ und „serviert“, Bier und Schnaps, Pizza und Cevapcici aufgetischt und verdrückt, und man fragt sich, wie und wann das alles verdaut und verarbeitet werden soll. Unschwer sind die aufkommenden Gesundheitsbeschwerden als eine Folge dieses atemlosen Schlingens erkennbar, und sie steigern sich maßlos im fortgesetzten Tablettenkonsum. Im Finale furiosum kippt diese rasende Unruhe wie in einem Kippbild plötzlich in das gewitterhafte äußere Geschehen, und das verbleibende Ich erscheint als subjektlose, leere Gestalt. Das Unglück, kein Heiliger zu sein, könnte als Erkenntnis dastehen, leer geworden zu sein, ohne die Seele dem Heiligen verschrieben zu haben – falls Gavinic überhaupt auf eine wahrhafte Begegnung aus ist und nicht nur auf einen skurrilen Plot, wofür ich freilich keine Beweise habe.

Samstag, 26. Februar 2011

Zurück am Boden

Es ist ein nasser Boden, die Schneedecke hat ihn nach Monaten wieder frei gegeben, obwohl trotzdem viel zu früh, Mitte Februar so weiche, warme Luft heraufströmen haben auf die Berghänge, und sie in ein solches Licht getaucht von oben beobachten, wo sie nun schutzlos und angreifbar daliegen wie das ganze Jahr nicht, ohne Laub und ohne Schnee, nackt und erdig, topfig weich, bei jedem Schritt schmatzend aufstöhnend und zugleich sich noch weiter auszustrecken in der Länge und in der Höhe. Es ist ein Auf- und Niederfahren auf dieser Erde, das die Zeit außer Kraft setzt, nicht nur durch Vergessen, durch Vorüberziehen, sondern durch den veränderten Atem, der heiß und schnell geworden ist, durch den Puls, der zu jagen begonnen hat und dann doch wieder etwas nachgibt, und weil so der Gang der Zeit ausgesetzt hat, weil in dieser Innigkeit irrelevant geworden ist, was dort vorgehen möge und gültig wäre in den Tälern, und selbst die Gesichter der Bauern, die ich zum ersten Mal vor ihren steinernen und hölzernen Häusern sitzen sehe, den täglichen Aufgaben enthoben und mir mit versonnenen Blicken folgend, ohne zu begreifen, wen oder was sie da erblickten, und einzig die Hunde mir ein paar Schritt gefolgt waren und bald wieder abgelassen hatten, um wieder in die versunkene Stille dieser Erde zurückzusinken, die über den grauen Wiesen stand, hatten jeden Fortgang vergessen und sind entrückt worden an diesem Tag.
Es war eine Frau gegenwärtig hier, Ingrid, Freundin aus alten Tagen, sie war hier gewesen, als noch der Schnee gelegen war, auch damals schon locker und gehbar, oder am Wege von Traktorrädern griffig gemacht oder ganz verschwunden, und sie, die Geherin, die mir viele Wege und Berge erschlossen hat, zu jeder Jahreszeit, die stundenlang, auch tagelang in den Wäldern sein konnte, auch allein, und darin zu wohnen schien, sie, die von einem Seeufer an ein anderes gezogen war und die ich an der Donau kennengelernt hatte, sie ist mit einer großen Natürlichkeit und Eleganz mit mir diesen Weg hinaufgestiegen, Kehre um Kehre, während wir schon das zur Neige gehende Nachmittagslicht gewahrten, so gesammelt, das nichts anderes Platz hatte als unsere Worte und der Boden unter unseren Füßen und die Eisgebilde am Wegrand, und in diesem Gegenwärtigsein geschah es, dass wir auf etwas aus waren, ohne es ausdrücklich wahrzuhaben, Kehre um Kehre höher steigend, in unser Gespräch vertieft, ob die neuerten Entwicklungen in der Psychologie auch die menschlichen Beziehungen angemessen beschreiben konnten, oder immer noch den Menschen primär als Einzelnen im Blick habe, und weiter, ob nicht, nach eineinhalb Jahrhunderten Krankheitsforschung, von der man annehmen könnte, dass sie mehr der Definition und Ausbreitung der Krankheit gedient habe als der Gesundheit, wie Michel Foucault das neurotische Jahrhundert beschrieben hatte, nun endlich eine Psychologie der Gesundheit treten könne, die mehr zu bieten hätte als Wellness, und sie – wann war mir das zuletzt passiert – die Frage nicht sogleich abwies und zurückwies, sondern selbst mitfragte und dann dennoch viel entgegensetzte, aus ihrer Erfahrung sprach und aus Literaturkenntnis, nun, da hatte sie manchmal einem dieser Holzwege nachgeschaut , die an den Kehren weiterliefen und sich bald im Wald verloren, und hatte mir zögerliche Blicke zugeworfen.
Ich hatte diesen Waldweg einige Male beschritten letzten Herbst, und war nach der letzten Kehre auf einer abgeholzten Schneise am Hang gestanden, und ein paar Schritte steil hinauf oder hinunter gestiegen, ohne irgendein Anzeichen eines Ausweges zu finden, obwohl irgendwo im Bergwald ein Übergang sein solle zum gegenüberliegenden Berg, auf den sich ein ebensolcher Weg hinaufschlängelte und schließlich unvermittelt endete. Auf diesen verborgenen Ausweg waren wir zugestiegen, ohne uns sonderlich Rechenschaft zu geben über die Umstände, sondern hatten ganz mit dem genug, was uns entgegenkam, und sahen Wölkchen, die von unten zarte Pastellfarben anzunehmen begannen, während wir, nebeneinander herschreitend, auf etwas aus waren, Ingrid leichtfüßig, in Naturfarben gekleidet, mit einer unwahrscheinlichen Mütze auf dem Kopf, die sie auch nicht abgelegt hatte, als wir unten in meinem Zimmer gekocht und gegessen hatten, in dem alten Steinhaus, das zuweilen tief unter uns zwischen den Baumstämmen sichtbar wurde, und ich in meinem dünnen Anorak, immer wieder damit beschäftigt, die blanken Eisflächen zu umgehen, um nicht ins Schlittern zu kommen, und da war es geschehen, dass wir aufs Geratewohl doch einmal eines dieser Weglein hinunterstiegen, ich erinnere mich deutlich an das umgestürzte Bäumchen, zwischen dessen schneebedeckten Zweigen wir wie durch einen Vorhang hindurchschlüpfen mussten, um danach das Unbekannte auszuschreiten, manchmal zögerlich, zuweilen auch übermütig, als nämlich ein von Eisplatten gerahmtes munter glucksendes Bächlein zu überspringen war, und wir uns nach ein paar Wendungen schließlich einem Felsblock näherten, der zu umschreiten war und eine Entscheidung anzukündigen schien. Und als wir dann vor dem Ende standen, auf einem Holzplatz, vor gefällten Baumstämmen, da gab es erstmals Blicke, die etwas Bestimmtes wollten, die etwas erwarteten, ich erinnere mich deutlich an diese plötzlich sich auseinanderspannende Zeit, diese Dehnung, als wir schnaufend dastanden und die Blicke schweifen ließen, und umhertasteten, wohl mit einer bestimmten Witterung in der Nase. Und auf einmal waren wir die paar Schritte zu dem weiter oben hinter Baumstämmen und abgeholztem Dickicht verborgenen Ausläufer des gegenüber liegenden Weges geraten, über den wir, sogleich in großer Gewissheit bis zur Abzweigung, und dann weiter talwärts ausschritten, obwohl er sich immer wieder weit in den Gegenhang zu verlieren schien, was Ingrid, die Geherin, bisweilen anmerkte.
Die besondere Anmut dieser Freundin an jenem Tag, die mir den lang gesuchten Ausweg erschlossen hatte, dieser Geherin, die mitging und mitgehen ließ, war auch jetzt mit mir, als sich die Unebenheiten des Übergangs etwas gesenkt oder gehoben hatten und der nasse Boden nicht gleichgültig war gegen meine Schritte, und ich nicht gegen ihn.

Dienstag, 8. Februar 2011

Das Wüten der Welt. Marten´t Hart

Adriaan erlebt sozusagen an einem Tag sein ganzes Leben. Wie ein Prolog sind die Begegnungen und Ereignisse an diesem Tag, deren Bedeutung sich erst Jahre später nach und nach zeigt. Es ist eine Geschichte aus der holländischen Nordseeprovinz, und es zeigt sich, dass ein großer Horizont eines flachen Landes noch längst nicht eine weite Sicht erzeugt, denn die Provinz ist ja ein geistiges Phänomen, kein geographisches.
Wenn einer, der tot sein sollte, dennoch lebt, so ist es wie ein Unrecht. Fortan bestimmt der Kampf um Rechtfertigung sein Leben, und ist darin vollendeter Ausdruck des protestantisch-lutherischen Lebensgefühlsdas eben nicht durch Werke, wie im Katholischen, sondern allein durch Glauben die Rechtfertigung sucht, für die es aber zu Lebzeiten keine Gewissheit geben kann. Wenn an seinem Lebensabend im Irrenhaus der religiöse Eiferer, an dessen Hartherzigkeit alle Familienmitglieder zerbrochen sind, immer noch auf Rechtfertigung hofft, so kann das doch wieder Respekt einflößen vor dieser durch Tatsachen unbeirrbaren Hoffnung, einer radikalen Glaubensvariante.
Wenn indes im Leben des heranwachsenden Adriaan Ereignisse ihren Lauf nehmen, wenn er völlig unberührt bleibt von altersgemäßen Erscheinungen, wenn er ein Sonderling wird, der sich um andere Sonderlinge müht, dann sieht man nach und nach einen großen Plan sich vollziehen, dann wird ein auf Prädestination gestütztes Glaubensverständnis sichtbar, eine Gottesbegegnung, für die nicht Gebet und Liturgie, wohl aber Deutesätze der heiligen Schrift maßgeblich sind, und eben das Menschenleben selbst - wer es zu lesen versteht.
Der Großvater ist der Mystiker, der aus Liebe und Distanz die Fäden sieht, an denen Gott zieht, und in großer Gelassenheit Glauben und Gottlosigkeit auf eine Stufe stellt.

Die eigentliche Hauptperson in Harts Romanen ist jedoch die Zeit selbst. Während der Großteil des Personals Unwissende sind, in engen Grenzen Lebende und sich damit begnügend, ist es die Zeit, die Bedeutung schafft. Das beobachtete Kriegsschiff des jungen Adriaan entspricht der späteren Weltreise in der Waschküche der Fregatte, die dennoch nicht aus der Provinz herausführt, sondern eher die ehemalige Seemacht Holland als provinziell vorführt.
"Das Wüten der ganzen Welt" war der Erstlingsroman Harts, in dem der Protagonist sein Leben lang einen Kriminalfall aufzulösen versucht, dessen Zeuge er als Junge geworden ist. Er will ein Geheimnis lösen, das über ihm liegt, über seiner Welt, ihrer Fremdheit und Unerbittlichkeit, und so tastet er sich mit unbeirrbarer Hartnäckigkeit einer Lösung und Klärung entgegen. Auch hier ist es die Zeit, die wie ein Mantel über der Welt liegt und sie erträglicher macht, in der blinden Hoffnung auf Aufklärung seines Lebens und dessen Verwicklungen. Und in beiden Büchern lüftet schließlich die Zeit den Mantel und gibt etwas preis, lässt etwas erkennen und zusammenwachsen. Das Glück liegt weniger in den Leistungen des Protagonisten, oder in seinen Entscheidungen - als Subjekt kommt er wenig zur Geltung. Eher kämpft er mit fremden, unverständlichen Mächten und bekommt geschenkt, was zuletzt zu seinem Leben gehört. In diesem Sinne ist der Protagonist wie Kafkas Herr K, Glavinic´Jonas oder Hotschnigs Kurt Weber. Was die Zeit ihm gewährt, muss erkannt und verstanden werden. Weit davon entfernt, Herr seines Lebens und seiner Entscheidungen zu sein, liegt sein Glück zuletzt darin, das zu bejahen, was die Zeit ihm in den Schoß legt, ungeschuldet. Der Sinn ersteht am Grauen entlang

Donnerstag, 27. Januar 2011

Von Menschen und Gott

Endlich einmal ein guter, einfühlsamer wie auch intelligenter und kritischer Film, der christliches Leben thematisiert. Abseits der Klischees, die Kirche würde sich vorwiegend mit Zölibatsdiskussionen oder Machtfragen beschäftigen und damit, was jemand darf und was nicht, und jenseits der Vorurteile, christliches und gar mönchisches Leben sei weltfremd und ahnungslos, wird aber gerade diese radikale Weise der Christusnachfolge sehr natürlich und schnörkellos dargestellt.

Ein Kloster bei einem Dorf, französische Mönche im algerischen Atlasgebirge. Szenen selbstverständlicher Alltäglichkeit. Der Bruder am Traktor, Furchen ziehend. Er und eine junge Frau aus dem Dorf, die behutsam Zwiebeln setzen in die Furchen. Der andere Bruder, der das Kind in den Armen schaukelt und den Abszess am Kopf als ungefährlich erklärt, und den verschämten Blick der Mutter schließlich richtig deutet, dass ihr Schuhwerk zerschlissen ist und sie neue Schuhe braucht. Der junge Algerier, der frühmorgens die leeren Gassen hinaufeilt und im Kloster bei Maurerarbeiten hilft. Die junge Frau, die dem alten Mönch von ihrer Liebe erzählt, während ihr Vater einen andern für sie zum Mann bestimmt hat.
Dieses Tagewerk ist von einer Brüderlichkeit getragen, die nachsichtig ist gegen menschliche Schwächen, die durchaus wahrgenommen werden – und die auf sehr natürliche Weise beide im Dorf vertretenen Religionen umspannt, Moslems wie Christen. Die Mönche bei islamischen Feiern, die Moslems im Kloster, wie Nachbarn, die einander besuchen. Respekt und Fröhlichkeit, Ernst und Wertschätzung.
Der Rhythmus der Tage aber ist die Liturgie. Gottesdienste der acht Männer in Schlichtheit und Ernst, eine einfache Kirche, Gesänge, Verbeugungen, Stille, Gebet, nach innen gekehrt oder offen, als sprächen sie miteinander. Gerade diese Bilder zeigen: Der Mensch braucht gar nichts anderes. Wenn wir eilige Menschen bereits Unruhe emporkochen fühlen und uns umsehen, was wir versäumen könnten, sind diese Männer noch immer beim Zuhören, und wir können feststellen: es genügt. Es gibt nicht mehr.

Als dann Gewalt auftaucht, als die Bedrohung islamistischer Banden auch im Dorf und im Kloster greifbar wird, da beginnt sich gerade das zu erweisen, was diese acht Männer hält. Und abseits des politischen Hintergrundes, abseits der nun aufkommenden Dramatik, die so im Gegensatz zur vermeintlichen Idylle steht, tritt nun nach und nach eine Männlichkeit und Entschiedenheit hervor, die schließlich in aller Gefasstheit der Gewalt und Gottlosigkeit, dem geschenkten Vertrauen und dem Tod ins Auge blickt. Zunächst zeigt sich das in einer Führungsdiskussion. Dann geht es um den Umgang mit der Angst. Und indem die Männer in großer Freiheit und Ehrlichkeit ihre Alternativen bedenken, eine Rückkehr nach Frankreich, eine Aufgabe des geistlichen Lebens, ein Annehmen militärischer Hilfe durch die Regierung, da verstehen sie erst so richtig, warum sie Mönche und Geistliche sind. „Wir haben unser Leben doch bereits Gott geschenkt“, sagt einer von ihnen. Leben wollen sie alle – aber nicht mit Kalkül, sondern aus Gottes Hand. Genau das ist die Alternative.

Eine der stärksten Szenen ist, als die Islamisten ins Kloster eindringen und den Bruder Arzt holen wollen, um ihre Verwundeten zu versorgen. Der Abt tritt ihm entgegen und setzt ihm auseinander, dass das nicht möglich ist. Er spricht die Sprache des Bandenführers, und er argumentiert mit dem Koran, den er auswendig zitierten kann. So lässt sich der, an dessen Händen Blut Unschuldiger klebt, überzeugen. Dieser feste Blick, diese Klarheit, diese Entschiedenheit und Klugheit: das stammt aus einem geistlichen Leben, aus dem Ringen mit großen Fragen, getragen von einer großen Liebe. Das kann man nicht abtun mit einer beiläufigen Klassifizierung von Märtyrern. Das besteht in jeder Welt.

Samstag, 6. November 2010

Eine Art Krimi. Das Matratzenhaus

Das eine ist die strenge Perspektivik. Als Leser steigst du derart in eine Figur, dass du ihre Weltsicht, ihr Zeitschema, ihre Beziehungen gar nicht mehr verlassen willst. Des Psychiaters Personal auf der Station. Die Söhne, die Frau. Und besonders die Patienten. Wie sie ihn als Menschen herausfordern. Wie er an seinen Grenzen ist. Da zeichnet sich als seine Kompetenz ab, das auszuhalten, die Hilf- und Ratlosigkeit, und dennoch nicht die Nerven wegwerfen und auf Bewährtes zurückgreifen. Gespräche. Das Team. Und Medikamente.
Der andere Mann ist der Kommissar. Auch seine Perspektive ist so streng, dass du sie ungern wieder verlässt. Da lebst du als Leser ein fremdes Leben und siehst mit fremden Augen, als wäre dir alles vertraut. Erst in der zweiten Buchhälfte fallen Bemerkungen über das Äußere einer Figur, und den Leser irritiert es nicht, als hätte er es schon immer gewusst.
Und selbst der Figurenwechsel verursacht zwar Orientierungsaufwand, wirft den Leser aber nicht aus der strengen Perspektivik. Er ist stets eingebettet in die Außensicht der anderen, der Kolleginnen mit ihren Eigenarten, der Frauen und besonders der Kinder.
Und die wären eigentlich das Hauptthema - als Töchter/Söhne der Protagonisten, als Opfer und Patienten, und auch als Protagonistin im Zwischenbereich des Dorfschauplatzes zwischen Klinik und Kommissariat. Und diese, die Kinderperspektive, ist vielleicht das Erstaunlichste dieser Literatur, nämlich ohne jede Psychologisierung und in reflexionsarmer Einfachheit - vielleicht am verwegensten in der grenzgängerischen Konzeption dieses Stücks Literatur.

Und von hier aus das zweite. Denn Kinderperspektivik ist vor allem eine bestimmte Sprache. Eine, die vieles ungenannt lässt. Die für vieles keine Worte hat. Oder falsche. Und diese Wortlosigkeit macht mehr den Krimi aus als der Herr Kommissar. Kinder als Zeugen, die nichts sagen. Kinder, die etwas gesehen haben, und nicht davon reden. Erwachsene, die auf ihre Art mit diesem Nichtreden umgehen. Mal klüger, mal weniger. Und dann vielleicht auf andere Weise hinter das Ungesagte kommen.
Nun, das Ungesagte ist das Zweite in diesem Stück Menschenliteratur. Jeder der Teilnehmer daran, jede Figur des Romans, sowie der Leser und die Figuren seiner eigenen Welt, haben ihre eigene berechtigte Sicht auf die Welt und nehmen sie als ganzes. Aber sie alle, wir alle, wissen nur wenig. Das hält diese Literatur stets offen. Das Ungesagte ist auch ein Ungewusstes, ein Entzogenes, ein Unverfügbares. Das präsentieren die Kinder uns, die Volksschulkinder und die pubertären, diejenigen mit Neonhaaren und Metallbehängen: die vollständige und undurchbrechbare Fremdheit in unseren eigenen Häusern und Dörfern in der Gestalt unserer Kinder. Unbegreiflich.
Das kann nicht einmal ein Krimi auflösen, diese Fremdheit bleibt

Sonntag, 3. Oktober 2010

Exodus

Ein kurzer Moment des Entsetzens im Gesicht, kurz den Blick gehoben, die Augen ins Leere gerichtet. Da hat er in den Abgrund geschaut. Gesehen, wie verloren er ist. Allein auf der Welt, ohne Chance.
Wo sind die Briefe jetzt, wie heißt der Anwalt, was stand darin, und schon fällt er wieder zurück in die Gleichgültigkeit und betrachtet seine Finger.
So sind die chinesischen Bauern, sagt die chinesische Dolmetscherin, sie haben nichts gelernt und keine Ahnung von der Zukunft. In der Schlägerei hat er sich Luft gemacht, dann ist er wieder versunken. Nun weiß er nicht, wo das war, als er den Zug verlassen musste und übers Feld gehen und den Kleinbus besteigen. In Wien ist er angekommen, das weiß er, und wann genau. Eineinhalb Jahre wartet er schon, aber was in den Briefen stand, weiß er nicht, obwohl er es ahnt. Negativ.

Die Kleinstadt, aus der die Dolmetscherin stammt, wird von zwei Millionen Chinesen bewohnt. Yan gibt sich keine Mühe. Er ist 25 und hat ein glattes, offenes Gesicht, in dem alles zu lesen ist, obwohl er nichts preisgibt. Er zappelt ungeduldig auf seinem Stuhl und dreht sich zur Tür. Zwischen den Asylwerbern aus aller Herren Ländern ist er unbeteiligt umhergegangen. Aber in kurzen Momenten zeigt sein Blick, dass er nichts in der Hand hat und keine Chance hat und das weiss.

Ihnen sagen, dass sie alle nicht erwünscht sind in Österreich und in Europa, ihre erstaunten, verständnislosen Blicke. Die Marokkaner und Sudanesen, Nigerianer und Palästinenser, Afghanen und Iraner, Georgier, Russen und Tschetschenen. Ein Sikkh aus Indien, und ein Tibeter aus dem indischen Exil. Fast alle wurden weggebracht. Nach Griechenland ins Elend. Nach Italien in die Arme der Mafia. Nach Ungarn oder Polen in die Hilflosigkeit. Keine Bleibe für keinen. Wenn man sie ausgebeutet hat, ausgequetscht auf den Plantagen, wo unsere billigen Zucchini wachsen, dann werden sie als Illegale zurückgeschickt in den Krieg. Sie glauben das nicht. Verständnislos schütteln sie den Kopf. Und wenn ich sie frage, ob sie vor den Behörden von ihrer Verfolgung erzählen konnten, von der Behandlung im Gefängnis, von den zurückgelassenen Frauen und Kindern, und sie den Kopf schütteln, da wird ihnen klar: keiner wollte das wissen. Es interessiert sie nur, auf welchem Weg sie kamen, denn dorthin müssen sie zurück. Und nun dämmert ihnen, was sie für uns sind.

Und dann wenden sie sich ab und sagen: trotzdem versuch ich es. Ich beginne noch einmal

Samstag, 8. Mai 2010

fisch, ein bericht. christian stuhlpfarrer

1. Blick: Ludwig Adalbert Unselig ist verschwunden. So beginnt der Roman, und rekonstruiert schrittweise, wer Unselig war. Der erzählende Ermittler findet seine zu einem Swimming Pool umgebaute Wohnung, seine Arbeitsstelle im Saal neun, Fossiliensammlung von Meeresbewohnern im Naturhistorischen Museum, dem „Verein zur Erhaltung der Schilfgrasvielfalt am Neusiedler See“, wo Unselig Mitglied war, und schließlich sein rätselhaftes Untertauchen in Albanien, dem Land am Meer.
2. Blick: Die ersten Nachforschungen bei der Fremdenpolizei geben einen Fingerzeig: Eine Flucht von Wien nach Albanien zu erklären obliegt keiner Behörde. Unselig ist genau in umgekehrter Richtung verschwunden, in der sonst Menschen erscheinen. Viele weitere Indizien bestätigen das, die Fossilienkunde, Mitteleuropa im Erdmittelalter, die Zeit, als das Leben aus dem Wasser kam, die Spuren, die es hinterlassen hat, die Wiener Gebäude aus Lethakalk. Zeit wird transparent in beide Richtungen, Evolution vorwärts und rückwärts, Fischwerdung des Menschen.
3. Blick: Frau Mihalvic könnte ein Grund sein, verschwinden zu wollen – zumindest aus Simmering. Ihre eigene Tochter entzieht sich durch Magersucht. Die Hausmeisterin ist eine lästige, aufdringliche Person, die sich beschwert über die Wasserlacken vor Unseligs Wohnungstür.
Herr Jonas ist Zeuge von Unseligs Verschwinden. Aus der gegenüberliegenden Wohnung beobachtet er, wie Unselig Stunden und Tage in seinem Wohnzimmer auf der Luftmatratze schaukelt oder schnorchelt und taucht. Jonas, der biblische Fischexperte.
4. Blick: Unselig selbst dokumentiert seine Fischwerdung mittels Flaschenpost:
Meine Lungenflügel erinnern sich:
Finsternis lag über der Urflut,

schreibt er, tastet sich an das Dämmern des Geistes im Anfang, die Zygote in der finsteren Röhre wie das Seepferdchen im Meer, schließlich das Geborenwerden, als würde man aus dem Wasser gefischt.
Der Himmalaya ist eine Insel, notiert Unselig und prophezeit eine Sintflut, und der Wetterbericht meldet Unwetter in den letzten Wochen des Jahrtausends.
Innen flüssig, weich und glitschig einst.
Ausgelaugt, versteinert, entsaftet nun.

Das Strandgut des Neusiedler Sees, die Paläontologie im Naturhistorischen, die Selbstentsaftung mittels Kiwi-Kur und Schwarztee: die Reduktion des Lebendigen auf Stein.
Wie in den Tagen des Noah, proklamieren die Zeugen Jehovas den Weltuntergang, nachdem sie den Untertaucher herausgeläutet haben.
Die Stadt Wien begrüßt ihre Besucher, die vom Flughafen kommen und am Zentralfriedhof entlang fahren, mit dem Hinweis auf die absolute Fraglichkeit des Menschenlebens.
5. Blick: Unselig geht zugrunde, am See, am Meer, und der Nachforscher hinter ihm her ebenfalls. Die Saurier gingen an der eigenen Masse zugrunde. Zum Grund kommen ist hier kein Eskapismus, es gibt keine unausweichlichen Konflikte, keine Depressionen. Eher, dass die Welt nichtssagend ist, Flaschenstöpsel allenthalben. Verstummen, zum Grund kommen, zurückkommen in das Natürliche, Lebendige, Urwüchsige, ohne Groll, keine Strafe, keine Rache, nur weg.
6. Blick: Eine neue Phänomenologie, Erscheinen und Verschwinden im selben Blick, die überwundene Einseitigkeit des bisherigen Evolutionsverständnisses, in der Erinnerung der Lungenflügel. Weiters: Aufgehen und Untergehen, vom Grund her gesehen, nicht nur im Zeitablauf, sondern als Zusichkommen und Aufgehen in der Welt.
Das europäische Wetterpanorama am Anfang, am Ende als Musilzitat deklariert: die Welt des Mannes ohne Eigenschaften, der im Seinesgleichen ein Fremder ist, der schließlich die Versuche, etwas aus sich zu machen, abbricht und sich selbst zu suchen beginnt: der Unselige hier, erst dann selig, wenn er übereinstimmt mit allem, wie ein Fisch im Meer

Ich wollte sicher sein, dass ich nicht vergeblich laufe oder gelaufen bin

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