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Samstag, 7. November 2009

Die ungeschriebene Theorie der Präsenz

1. Annäherung.

Es würde darum gehen, eine Qualität menschlichen Seins zu beschreiben und als unabdingbar zu seinem Wesen gehörig auszuweisen. Der Mensch ist nicht wie ein Ding vorhanden, sondern er ist auf irgendeine Weise anwesend in seiner Welt - ja eigentlich könnte sogar umgekehrt gesagt werden, seine Welt entsteht geradezu aus seiner Anwesenheit.
Diese eigentümliche Anwesenheit ist jahrtausendelang Geist genannt worden, und zwar als menschliche Fähigkeit und Kraft, anwesend zu sein mit Willen, Gestaltungskraft und Überlegung, aber auch als unfassbare außermenschliche Anwesenheit in der Natur, in ihren Kräften - eine Anwesenheit, die der Mensch mit den Geistern teilen musste. Anwesenheit ist so deutlich erfahrbar wie das Sichtbare, ja auch im Sichtbaren, die Anwesenheit macht gerade erst das Sichtbare interessant, sodass es uns anspricht und uns etwas sagt. Ein gemaltes Stilleben öffnet dem westlichen Menschen eine Präsenz der Dinge, die dem ursprünglichen Menschen noch selbstverständlich war.
Eine flache Kinoleinwand verstrickt die Zuschauer in Leidenschaften, die von Gesichtern, Bewegungen und Worten ausgehen, und er wird berührt von eigenen und fremden Sehnsüchten und Ängsten. Die Verehrung des Darstellers, auch wenn er ohne Maske ist (ist er das je?) - ja gerade die Lust, hinter die Maske zu sehen, sucht gerade seine professionelle Fähigkeit der Präsenz, in diesem oder jenem Zusammenhang.
Vielleicht hat erst diese öffentliche Präsenz der Schauspieler die Wahrnehmung der Ahnen verdrängt, und all der Geister, Engel und Dämonen, die Tag und Nacht den Lebenskreis bevölkerten - so wie heute die lebensprallen Zeitungsnachrichten, vom Rand her.

2. Anfänge

Bezeichnenderweise nahm auch das philosophische Denken bei der Präsenz des Ganzen seinen Anfang, die im Feuer, im Wasser oder sonst in einer Kraft gesehen wurde, die den Kosmos durchwirkt. Ihre innere Richtigkeit faszinierte die Denker, obgleich die Präsenz sich bei jedem Zugriff sogleich um eine Linie zurückzog - das ist bis Einstein und den heutigen Physikern so geblieben.
Auch heute noch wirken offenes Feuer und fließendes oder still liegendes Wasser stark auf Menschen ein, die aus ihren synthetischen Welten in die Natur fliehen, von einer schweigenden Präsenz angezogen.

3. Die Religionen

Die Religionen fanden wohl die deutlichsten Antworten auf die wahrgenommene Präsenz, weil sie sie zunehmend als personale Anwesenheit von Göttern ansprechen konnten. In den alten Religionen ist die gemeinsame Anwesenheit von Göttern und Menschen typisch, auch in den ersten Genesiskapiteln, oder im Abraham-Erzählkreis ist das erkennbar. In den großen Religionen wird dagegen diese personale Präsenz immer stärker als souveräne Anwesenheit wahrgenommen. Das geht vielleicht einher mit der Souveränität der Großkönige, die mehrere Völker beherrschen konnten mit einem starken Willen und einer weitsichtigen Organisationskraft - aber es führt von dort ein Weg zur westlichen Bedeutung der individuellen Freiheit, deren Souveränität mit der Gottes nun ebenbürtig erscheinen kann.
Andere Kulturen, z.B. die indische, haben die Präsenz nicht so sehr auf das Individuum konzentriert, weder bei Gott noch in der Gesellschaft - obwohl auch dort dieselbe Tendenz zu bemerken ist.

4. Zeit

Sehr erstaunlich, dass es kaum einer unternommen hat, einen umfassenden Begriff von der Präsenz in zeitlicher Hinsicht darzulegen, wo doch das deutsche Wort Gegenwart in beide Richtungen weist: jetzt dasein, im Unterschied zu früher oder zu einem späteren Zeitpunkt - aber auch in deiner Gegenwart etwas sagen, sodass du es hören kannst. Vielleicht ist Heidegger in der Nähe gewesen, aber er hat das sich zeitigende Sein nicht personal ansprechen können, wodurch allein vermeidbar gewesen wäre, ein Seiendes daraus zu machen. Umgekehrt ist womöglich die personaldialogische Philosophie, wie sie z.B. Levinas vorträgt, wohl zu einem grundlegenden Verständnis des Du gekommen - aber gerade nicht als Gegenwart, sondern als uneinholbare Zukunft, als welche der Andere stets entzogen bleibt.
Im Gegenteil, was gegenwärtig unter Zeit verstanden wird, Fortschritt, Entwicklung, Evolution, wird immer stärker völlig apersonal angelegt - und dieses Denken erweist sich in einer umfassenden Beschleunigungsbewegung, die über Menschenschicksale, sowie die Befindlichkeit ganzer Länder und Völker rücksichtslos hinweggeht. In dieser Hinsicht besteht zwischen der gegenwärtigen wirtschaftlichen Globalisierung und der nationalsozialistischen Ideologie gar kein großer Unterschied - jeweils geht es darum, dem (eigenen) Fortschritt alles andere unterzuordnen, also den Menschen verfügbar zu machen für den Fortschritt der Zeit. Auch die bereitwillige Unterordnung der Massen unter das jeweilige Diktat von Zeit ist vergleichbar: erstaunlich, wie mühelos sich Menschen von Wirtschaftszwängen und Modediktaten gängeln lassen. Schmeichelhaft wird auch diese gegenwartsarme Zeit mit Zeitgeist angesprochen.

5. Scheinpräsenz/Präsenzschein

Am deutlichsten wird die Sache werden, wenn von den Schein- oder Ersatzformen von Präsenz die Rede ist. Einem jungen Hund, der nicht allein zu Hause bleiben will, stellt man einen tickenden Wecker ins Kistl: das mag ihn an den Herzschlag des Muttertiers erinnern und gibt ihm jedenfalls das Gefühl, nicht allein zu sein. Kindern stellt man mit dem selben Ziel den Fernseher an. Die "Präsenz" aus Licht und Geräuschen, aus einfachen Handlungen und einfach generierten Gefühlen nimmt sie in Anspruch und lässt sie in ein Geschehen eintauchen, als Zuseher und Mitspieler (Mitfühlender). In türkischen Haushalten habe ich oft laufende Fernsehapparate gesehen, ohne dass irgendjemand auf den Bildschirm sah - es genügte das Geräusch, und dass dort unablässig etwas vorging. Diese stetige Produktion von beiläufiger Bedeutung suggerierte ein belebtes Haus. Ich selbst lasse gern das Licht brennen, wenn ich aus dem Haus gehe, um andern ein bewohntes Haus zu präsentieren, und selbst bei der Rückkehr kein leeres betreten zu müssen. Ähnliche Wirkungen haben Kinderzeichnungen an der Wand - ja Bilder überhaupt: Es ist Bedeutsamkeit und Präsenz, die so in einer Wohnung angereichert wird.
Ähnliches wird vom Radio zu sagen sein, Ähnliches auch von der Musik, wobei es große Differenzen in den Arten des Hörens und "Hörens" gibt. Die maschinelle Berieselung erinnert wohl eher an den Hundewecker als an ein Konzert oder ein Gespräch. - Gerade an der Form eines Gespräches tritt aber die bestimmte Form der Präsenz sehr deutlich hervor: am Interesse am Gesprächspartner, am Zuhören, an der Erwiederung, am Diskursniveau.
Daraus ließen sich unschwer Kriterien für die Präsenz entwickeln: ob sie nämlich eine personale Begegnungsdimension aufweist - oder eine solche abweist.

6. Dichte Präsenz

Ich kenne zwei Beispiele für eine deutlich wahrnehmbare Präsenz. Zuerst die Musik. Das eigentümliche an dieser Kunstform ist, dass es sie jeweils nur einmal gibt. Alles, was erklingt, gibt es nur im Augenblick. Man kann das bewundern mit dem Blick auf die Musiker: im Orchster, als Solisten, immer brauchen sie einen besonderen Sinn für den richtigen Moment. Da gilt es, Takte zu zählen, zuzuhören, die eigene Tonproduktion zu beherrschen. Gerade komme ich von einem Konzert zweier Musiker, die zum ersten Mal miteinander spielten und gerade heute erst zusammen gekommen waren. Konzentrierter Blick auf die Noten: eine Seite für ein 10 Minuten-Stück! Immer wieder ein Blick zum anderen, manchmal eine Handbewegung, ein Kopfnicken. Es sind Millionen Momente, die ganz genau kommen müssen! Große Beherrschung der Fingertechnik, der Rhythmen, des Instruments, und auch des Stücks. Und dann große Freiheit im Ausdruck, und in der Anspannung dann wieder große Gelassenheit, ja spontane Freude über dieses oder jenes glückliche Zusammenstimmen, wie das kurze Aufleuchten eines Meteoriten. - Und ebenso die Zuhörer, konzentriert, freudig, bewegt, ergriffen von lauter Momenten, die Stücke entlang fühlend, mit ihren lauten Höhen und zirpenden Stillen - und am Ende jeweils laut aufatmend mit den Händen.
Aber auch das Ereignis als solches ist von unvergleichlicher Einzigartigkeit. Gewiss, man kann Aufnahmen machen - ich hätte gern welche: aber dann, zuhause, ist die Präsenz bereits viel schwächer, obwohl die Musik gleich gut ist. Es bedürfte einer eigenen, besonderen Inszenierung, um eine ähnliche Aufmerksamkeit aufzubauen wie beim Livekonzert. Das braucht es nämlich für die Präsenz: gestimmte, aufmerksame Hörer, mit einem Gefühl für das, was kommt. Egal, ob Konzertsaal oder Cafehaus, Jazzklub oder Kirche. -

Und nun das zweite Beispiel, die Liturgie. Auch hier Musik - vielleicht nicht immer so professionell, aber mitgesungen, eine andere, womöglich viel intensivere Art der Teilhabe als bloßes bewegungsloses Hören. Aber die Musik nur ein Zeichen für etwas anderes, eine Einbettung mehrerer anderer Präsenzen. Zunächst die Gemeinde, die sich bis zum Beginn langsam aufbaut, die Mitarbeiter, die ihre Positionen einnehmen, sich noch absprechen, vorbereiten, noch manchmal eine Irritation. Dann das Erscheinen von Assistenz und Zelebrant, der Einzug, die Umrundung der Gemeinde, Blickkontakte. Mit erschienen heute ein Taufkind, wie mit der Sänfte getragen. Die ersten Worte, die weiter Präsenz aufbauen, an aktuellen Ereignissen anknüpfen, auf die Schrifttexte vorbereiten, vielleicht eine Frage aufwerfen, die von der Schrift oder von der Predigt beantwortet würde. Das Kyrie, das Gloria, Aufrichten der Gemeinde mit Christus, Öffnen der Wahrnehmung für das Wort - das ewige, das nicht vergeht (heutiges Evangelium), das aber ergeht an diesem heutigen Tag, zu dieser Stunde (und zwar gewissenhaft vorbereitet von den Lektoren). Wer jetzt nicht hört, versäumt. Wer jetzt noch mit sich selbst beschäftigt ist, bleibt unberührt. Denn das Wort dringt ein und bewegt, und es will verändern, erneuern und bekehren. - Das ist die zweite, die dritte Präsenz: wer da spricht, wer da verändert.
Sinnbild dieser Präsenz ist wieder eine Zeitform: einsetzend mit einer Erzählung (am Abend nach dem Mahle) baut sie sich auf: Nehmet und esset alle davon: ein präsentischer Auftrag, eine Aufforderung, ein Ansprechen der Anwesenden (das auch um die Abwesenden weiß), dass sie entgegnen, dass sie mitsprechen, mit lobpreisen, dass sie herkommen und empfangen. Und noch einmal: Seht das Lamm Gottes..., damit sie auch wirklich herschauen und sich dabei selbst empfinden als das, was sie vor ihm sind.
Vielleicht ist es nirgends sonst so deutlich: pure Anwesenheit, zwischen den Worten, in den Zeichen, in aller Stille und Aufmerksamkeit.
Und wenn dann noch Kinder stehen, und Jugendliche, gerade an diesem Tag in dieser Weise zusammengewürfelt, rund um den Altar, mit den Händen erhoben, aufrecht, alle in zufälliger Reihenfolge, aber alle hingeordnet auf das stille Geheimnis, das sich da an dem Tisch vollzieht. Und wie der Priester da still steht, und die ganze Gemeinde, aufrecht, und sieht das Lamm, sieht ein Brot, und weiss, das Brot/das Lamm ist die Antwort: ist die Präsenz, welche die eigene berührt, umfasst und einschließt, bis hin zur Bekehrung. Da ist es eine bewegte Gemeinde, in aller Stille, die nicht für die Ohren mehr ist.

Wenn auch bei uns die Gemeinde kleiner wird: Wahrscheinlich sind wir da zuwenig präsent in den Häusern und Gasthäusern und allen möglichen Stätten, das mag sein. Immerhin lassen wir uns im öffentlichen Raum nicht ganz zur Seite drängen von all der Nullpräsenz, wie sie bald zur Weihnachtszeit hervorquellen wird. - Aber an unsrem Initiationsort, im Gottesdienst, da entfalten wir die Präsenz, und das teilt sich mit. Wer da nicht mehr kommt, der meidet eher die Präsenz, weil er nicht antworten will, weil er noch zögert - oder weil es anderswo billiger geht. Präsenz ist geschenkt, aber nicht billig.

Mittwoch, 16. September 2009

Ein neuer Mensch

Ich bin nach langer Zeit wieder einmal im Einkaufszentrum. Ein Vorteil ist die unproblematische Zufahrt mit dem Auto. Ich suche Schuhe, die ich in den letzten Schuhgeschäften in der Stadt nicht mehr finden konnte, weil alle ihr großes Sortiment abgezogen haben und ins Einkaufszentrum verlegt. Ich suche einige Minuten auf zwei Etagen nach einem Schuhgeschäft – weil ich die Örtlichkeiten nicht so genau kenne. In der gleichen Zeit hätte in die Villacher Innenstadt mit dem Fahrrad durchquert.
Ich sehe Menschen, die plaudernd Verkaufszonen durchstreifen, ohne zu registrieren, wo sie sich befinden. Die Geschäfte haben keine Eingangstüren: daher grüßt auch niemand beim Betreten oder Verlassen des Geschäfts. Die Angestellten sitzen wie betäubt an der Kassa oder schlichten stumm und unbeteiligt Ware in die Regale. Nicht identifizierbare Musik plärrt aus unsichtbaren Lautsprechern, ein Springbrunnengeplätscher verstärkt das Hintergrundrauschen, Stimmengeraune kommt dazu. Von verschiedenen Ecken wehen Düfte von Bratfett oder Kaffee und beschleunigen meine Suche. Kinder gereizter Eltern laufen die Reihe von beleuchteten Glasstäben auf und ab und bringen sie zum Schwingen, als wären es Farnwälder. Manchmal sehe ich ein bekanntes Gesicht, oft peinlich berührte Abwendung des Blicks, oft kurzes Zunicken im Vorbeihuschen. Auf der Rolltreppe abwärts stehend, sehe ich jene Burschen umherziehen, die sich noch letztes Jahr regelmäßig auf unserer Fußballwiese getroffen haben: ich kann nicht erkennen, was sie hier tun.

Ich betrete die Verkaufsfläche des gesuchten Geschäfts, niemand nimmt von mir Notiz. Ich spreche eine unbeirrt Regale einschlichtende Verkäuferin an, sie schickt mich in den hinteren Teil des Geschäfts. Dort ist eine andere Verkäuferin mit einer Familie beschäftigt, sie nimmt minutenlang keine Kenntnis von mir. Als nach und nach andere Kunden hinzutreten, ruft sie Verstärkung, schreit, brüllt einige Male den Namen der vorher angetroffenen Verkäuferin, bis diese herläuft und wortlos Schuhkartons schlichtet. Nach einigen Minuten spreche ich sie an, sie erschrickt und blickt mich an, als würde sie aus einem Traum erwachen – und gibt mir die gewünschte Auskunft. An der Kassa steht breit vor mir ein lautstark telefonierender Kunde. Es ist nicht klar, ob er den Zahlvorgang schon beendet hat, ein Geldschein liegt am Tisch, er schwingt einen Plastiksack, minutenlang, stumm schauen die Verkäuferinnen zu und tauschen Blicke. Später erfahre ich, dass die Verkäufer oft zwölf Stunden im Geschäft sind und nicht wissen, ob draußen die Sonne scheint oder es regnet, wie heute.

Ich habe in Einkaufszentren immer den Eindruck, als ob die Menschen hier in Hypnose wären: wie ferngesteuert, von Bildern und Markennamen hierhin und dorthin gezogen, ihre menschlichen Qualitäten vergessend. Geschäftig, quasselnd, ihre Umgebung ignorierend. Oder aber es sind andere Menschen. Solche, die hier erzeugt werden, großgezogen, die sich hier ausbreiten, unter Musikberiesel und Rolltreppengeschiebe, die keine Sonne mehr kennen und kein aufmerksames Gespräch von Angesicht zu Angesicht. – Später treffe ich auch im Wald solche, die sich brüllend unterhalten, andere, die versunken mit Kopfhörern vorbeihuschen, und nur der hervorquellende Lärm bestätigt, dass sie wirklich da waren. Ich habe auch in Jugendzimmern schon Wesen mit kleinen Augen gesehen, die auf Glasscheiben starrten und beim Grüßen nur einen Grunzton von sich gaben. Kinder sind die Hälfte meines Besuchs damit beschäftigt, auf die Mutter einzureden und sie zu irgendetwas zu überreden. Und Erwachsene kenne ich, die suchen sich einen Partner im Internet nach Körpergröße, Monatsverdienst und Essensvorlieben, wie ein neues Auto. Und andere gehen ins Fitnessstudio, um ihren Brust- oder Taillenumfang zu vergrößern oder verkleinern, oder zum Chirurgen. Ein neuer Menschenschlag breitet sich aus in der Stadt, als würde er synthetisch erzeugt, aber niemand wills gewesen sein, niemand ist dafür verantwortlich. Still und unbemerkt nimmt er die Stadt in Besitz, nur in die Kirche scheint er noch nicht gekommen zu sein.

Dienstag, 7. Juli 2009

I. Zur Raumerfahrung im Johannesevangelium

a.
Jesus geht im Kreis, als wäre er nervös, wäre angespannt, würde auf etwas warten, besorgt. Er geht auf und ab, wie im Wohnzimmer, an der Bushaltestelle oder im Büro. Die Säulenhalle des Salomo, Ort der Sammlung zum Gottesdienst, zum Gebet. Haben wir Jesus nervös gekannt, verärgert? Er wird im Gespräch mit Pharisäern angetroffen, ein unbefriedigendes Gespräch für beide Seiten. Provokant spricht Jesus von Hirten, von richtigen und falschen Hirten – nachdem ein Geheilter aus der Gemeinde ausgeschlossen wurde. Von bezahlten Knechten. Und von Schafen, die auf den Hirten hören, die den wahren Hirten an der Stimme erkennen – und von noch anderen Schafen, die nicht von hier sind. Und von der Tür spricht er, vom Eingang in den Stall, vom Ausgang auf die Weide. Die Tür, die er ist, führt vom bergenden Innenraum in die Freiheit der Weide.

b.
Von der Säulenhalle des herodianischen Tempels schreibt Flavius Josephus, dass sie mit doppelten Säulenreihen den inneren Tempelbezirk umgeben hätten und so hoch gewesen wären, dass ein Besucher schwindlig würde, der vom zweiten Stock den Hügel hinab sah. Die königliche Säulenhalle – στοα βασιλικη - wäre dem Tempel im Süden vorgelagert gewesen, mit vier Säulenreihen. Die korinthischen Säulen seien aus weißem Marmor gewesen, das kassettenartige Gebälk aus Zedernholz, der Boden dazwischen aus bunten Steinen. Der innere Tempelbezirk sei abgetrennt gewesen, eine griechische und lateinische Inschrift habe Nichtjuden vor dem Betreten gewarnt. Die königliche Halle könnte ihre Bezeichnung wegen der besonderen Größe haben, oder weil der Thron Salomos dort gestanden sein könnte.
Der Evangelist wie auch Flavius Josephus schreiben beide in einer Zeit, da dieser Tempel nur noch Erinnerung war. Josephus erklärt dessen erhabene Ausmaße geradezu mit der Mühe, welche die Römer bei seiner Zerstörung hatten. (Abraham Schalit referiert und kommentiert Josephus wiederum aus der Distanz von zwei Jahrtausenden, im Vergleich mit der sich heute dort befindlichen „Omar-Moschee“)


c.
Von dieser Warte aus soll nun ein Blick auf das Johannesevangelium geworfen werden. Vom auf- und abgehenden Jesus, der seine Kreise zieht – und andere Kreise stört. In der Halle Salomons nun, wo sogleich der Anfang aufleuchtet: Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. (Joh 1) Die Königshalle, sein Eigentum? Der Tempel? Die Welt? Die Schöpfung? - Sein Kommen/ sein Gehen/ in-etwas-Sein/ was wem gehört: alle diese Fragen stecken in diesem Umhergehen und verweisen auf weiteres und anderes.
Das Auf- und Abgehen Jesu erscheint genau in er Mitte des Evangeliums (10,22f). Es ist Tempelweihfest, also die Erinnerung an die Wiedereinweihung des neu aufgebauten Tempels nach der Rückkehr aus dem Exil. Die eigentümliche Spannung, die in diesem Umhergehen liegt, könnte sich jederzeit entladen. Da umringten ihn die Juden und fragten ihn: Wie lange noch willst du uns hinhalten? Wenn du der Messias bist, sag es uns offen! -
Da treten einander zwei Bewegungen entgegen, das Umhergehen und das Einkreisen. Jesu Bewegungsfreiheit erscheint eingeengt. Die Menge erträgt seine Ungebundenheit nicht und versucht, sich ihm in den Weg zu stellen. Sie will seinen Weg abkürzen, er soll gleich sagen, wo es lang geht. Doch die Antwort kommt nicht. Jesus kommt nicht auf den Punkt. Er verweist auf die Werke, und er weist die Fragenden zurück: Wer zu seinen Schafen gehört, folgt ihm, anstatt ihn einzukreisen. Und dann spricht Jesus von der Einheit: mit den Schafen, und mit dem Vater. Der Kreis zieht sich zusammen, es kommt beinahe zur Steinigung, doch Jesus entzog sich: ερχομαι – entkommen.

d.
Eine auffällige Bewegung war gleich zu Beginn zu sehen. Johannes und Jesus. Der Vorläufer und die Nachfolger. Die Jünger des Propheten folgen Jesus – still, unaufgefordert, aus eigenem Antrieb. Rabbi, wo wohnst du? – Komm und sieh. Von wem geht der Impuls aus? Johannes hatte auf ihn gezeigt, der stumm vorüber gegangen war. Hier der Prophet mit seinen Jüngern, der zu den Menschen spricht – dort der Vorbeigehende.
Es gab das bereits. Mose war der Prophet, der zu den Menschen sprach, der kündete von etwas Kommendem, Unerhörten. Der Schauplatz: Ägypten, Gefangenschaft, Sklavenexistenz. Der Vorbeigehende: der noch unbekannte, namenlose Gott, als rächender Engel, nachts, und er verschonte nur die zu ihm Gehörenden. Und noch einmal, später, am heiligen Berg: Mose in der Höhle, und hinter ihm der Vorbeiziehende, mit dem Namen offenbart, aber in der Wolke verborgen.
Dieser vorbeigehende Jesus ist ebenfalls dem Namen nach noch unbekannt. Johannes nennt ihn Lamm und spricht vom herabkommenden Geist. Aber dieser Vorbeigehende lässt sich ansprechen und einholen. Und man kann diesen Tag bei ihm bleiben – und länger. Die Frage nach Gott: wo? wird beantwortet mit Bleiben. Bei ihm bleiben. -
Aber sogleich zeigt sich: die Wo-Frage löst eine Kettenbewegung aus. Andreas – Simon – Philippus – Natanael unter dem Baum. Natanael, der Skeptische, wird von Jesus durch seine Verortung gewonnen: Du unter dem Feigenbaum (1,48). Ortswechsel – Wechsel der Zugehörigkeit.

e.
Jesus in Bewegung: er zog hinauf (ανεβη) nach Jerusalem, zum Paschafest, der Erinnerung und Wiederholung des verschonenden Vorbeigangs Gottes. Und im Tempel in heftiger Aktivität, Tische umstoßend, Händler, Geldwechsler und Opfertiere vertreibend. Mit ζηλος erklärt der Evangelist das – Jesus, ein Zelot? Ein Leidenschaftlicher, ein Kämpfender. Und dann kommt der Hinweis auf den Bau und den Abriss dieses Tempels, der sogleich wieder zurückführt in die Säulenhalle und das Tempelweihefest. Hier der Zornige, dort der Umhergehende, beide umringt von Verständnislosen. Hier ist es Jesus, der ihre Kreise stört: ihre Opfergottesdienste, ihre Geschäfte, ihre Rechthaberei vor Gott. Dort stört ihr Einkreisen sein unruhiges Umhergehen in der Halle.
Aber unser Blick auf diesen Tempel/Schauplatz sieht so wie der Blick des Evangelisten und auch des Josephus: dieser Tempel wird nicht mehr lange stehen. Zwar lässt der Evangelist Jesus seinen Tod und seine Auferstehung andeuten, aber Jesus hat nicht nur insgeheim, sondern auch wörtlich recht: die Tage des Tempels sind gezählt. Und dort wirft Jesus Tische um und geht umher.

f.
Eine weitere Fortbewegung, Kap. 5: Wieder geht Jesus hinauf (ανεβη) nach Jerusalem, betritt die Stadt durch das Schaftor, nimmt aber nicht den direkten Weg zum Tempel (links), sondern macht einen Umweg zum Teich Betesda (rechts). Unter vielen Kranken geht er auf einen zu und fragt ihn: Willst du gesund werden? Doch dieser scheint nicht zu verstehen, klagt über seine Beschwerlichkeit, überhört das Angebot, hebt den Blick nicht, bleibt in seinem Denken, das bis zum nächsten Aufguss reicht. Trotzdem heilt ihn Jesus, und dieser Mensch der kurzen Wege bis zum Beckenrand steigt von der Bahre und geht weg.
Und nun wird die Bedeutung des Sabbat sichtbar: Er schränkt die Wege ein. Jesus hält sich nicht an die Einschränkung der Bewegungsfreiheit, und auch die von ihm Geheilten nicht. Jesus und der Geheilte treffen einander wieder im Tempel – sie sind also am selben Weg. Und auf die Sabbat-Kritik der Juden antwortet er geheimnisvoll: Mein Vater ist noch immer am Werk, und auch ich bin am Werk. (4, 17) Noch immer: Seit dem Exodus? Als Befreier? Jedenfalls ungehindert und unbeirrt, jedenfalls bewusst und absichtlich, und jedenfalls in Zusammenhang.

g.
Jesus am Berg: Ganz und gar nicht als Prediger – eher scheint es wie Freizeit, wenn er sich mit den Jüngern niederlassen will und von der Menge umringt findet. Es sind die, die seine Heilungen gesehen haben – damit ist ihre Umzingelung Jesu den Juden vergleichbar, die ihn wegen des Sabbat stellen wollten. Und wirklich, als er sie wundersam gespeist hatte, nannten sie ihn den erwarteten Propheten, er aber sah sich gewaltsam zum König gemacht. Die Bewegung? Nicht Nachfolge, sondern seine Verfügbarmachung durch die Menge, bereits in fortgeschrittenem Maße. –
Der zunehmenden Einengung Jesu entsprechen die Zeichen seiner unbeirrten Freiheit. In der Nacht geht er über den stürmischen See. – Und wenn hier einmal der Vergleich mit der synoptischen Überlieferung erlaubt ist, so ist dieser Gang Jesu im johannäischen Blick kein Majestätserweis, sondern ein Erweis seiner Bewegungsfreiheit. Von dieser Seite ergeht nun die Exodus-Erinnerung: Der seinen Weg über die Wasser nimmt, ist derselbe, der sich selbst zur Speise gibt: das Brot des Himmels.

h.
Die Verfolgung hat ein Maß erreicht, dass Jesus sein öffentliches Erscheinen einschränkt. Zum Laubhüttenfest schickt er die Jünger alleine – immer von ihm ausgehende Bewegung! um unerkannt und unabhängig dennoch selbst hinzugehen.
Da kommt es frühmorgens zu einem Ereignis. Während Jesus im Tempel lehrt, wird eine ertappte Ehebrecherin gebracht. Zu beachten ist die Szenerie: Der sitzende Jesus wird beim Lehren gestört. Die Frau wird in die Mitte gestellt. Die Schriftgelehrten und Pharisäer stehen im Kreis und wollen weniger sie als ihn verklagen. Wieder wird Jesus umringt. Wieder wird er gestört und beengt. Wieder bleibt er unbehelligt und ergreift die Initiative – zunächst, indem er nichts tut. Mit dem Finger auf die Erde schreiben – ist das Sammlung oder Zerstreuung? Erst auf ihre Zudringlichkeit hin antwortet er – nicht durch Verteidigung, sondern durch Umkehr der Schuldlast. Die Menge ist nicht im Recht, heißt das, die Menge, die das Verbot zu morden im Strafvollzug umgangen hat durch die Kollektivierung, wird wieder aufgelöst in einzelne Subjekte, die sich einzeln vor Gott zu rechtfertigen haben.
Jesus, der einzelne, besiegt die ihm feindliche Menge durch deren Rückführung in Einzelsubjekte, und bleibt mit der Frau alleine. Ein deutlicher Zug im Johannesevangelium, die Individualisierung: der Hauptmann, die Samariterin, der Geheilte, die Sünderin.

i.
Und nun: der geheilte Blinde. Zur Heilung wird er weggeschickt, um den Teig aus Erde und Speichel abzuwaschen. Eine Jesus-Berührung wie später bei Thomas, der auch zum Sehen kam? Aber die eigentliche Dramatik liegt im Unverständnis der Pharisäer, die ihn/ seine Eltern/ wieder ihn vorladen und befragen, in sichtlich gereizter Atmosphäre, und ihn schließlich aus der Gemeinde ausschließen. Dieses Hin/Wegbringen, das ist Jesu Bewegungsfreiheit entgegengesetzt, das ist der Versuch, einzureihen und Verfügung zu behalten/ zu erlangen. Dass der Blindgeborene den Pharisäern lieber war als der Sehende, ist offensichtlich. Und gerade dies sind die Zeichen seiner neuen Individualität: dass er sich gegen die Verfügung sperrt, dass er seiner Wahrnehmung treu bleibt, und dass er den Menschensohn erkennt. Und nun beginnt Jesus seine Reden vom guten Hirten, der seine Schafe kennt (individuell) und auf dessen Stimme sie hören.
Der bergende Raum? Die Freiheit der Weide?
Es geht um die Zugehörigkeit des einzelnen zu seinem Hirten, um die Nähe zu ihm – es ist die Antwort auf das Rabbi, wo wohnst du? Die Freiheit der Weide aber ist die Selbst-Bewegung: autopoiesis/Selbststeuerung statt Fremdsteuerung. Der erste Geheilte konnte selber gehen, anstatt sich von einem Aufguss zum nächsten dahinzuschleppen, auf den Boden fixiert, mit engem, vorgegebenen Handlungsradius. Der zweite Geheilte konnte wieder sehen, um zu entscheiden, wohin er gehört – und er hat gewählt. Zu seiner Selbsterkenntnis war der Ausschluss aus der Gemeinde geradezu nötig. – Angesichts der Hirt/Schafe-Metaphorik ist es eigentlich überraschend, dass Geheilte und Gläubige bei Joh immer einzelne sind. Die Jünger kommen als Gruppe kaum je ins Bild, nicht einmal beim letzten Abendmahl – eher sind sie stillschweigend vorausgesetztes Auditorium bei Jesu Reden und Heilungen – ja oft ist zwischen Monolog, Gebet und Unterweisung kaum zu unterscheiden – zu wem spricht er über den Vater?- hat er überhaupt laut gesprochen? Aber wenn das Kollektiv nur als misstrauische Menge und Zusammenrottung gezeigt wird, so treten dafür die Individuen in ihrer ganzen Ambivalenz auf: Schon bei Natanael konnten sein Schwanken/ seine Überraschung mitverfolgt werden, ebenso bei Nikodemus das Zögern. In Joh geht es nicht um gläubige Scharen, die Jesus hinterherlaufen, sondern um nachdenkliche, um Verständnis und Positionierung ringende Einzelpersonen. Das Individuum wird nicht durch Extravaganzen oder außergewöhnliche Biographien dargestellt, sondern durch sein Ringen um Entscheidung.

j.
Und diese Arbeit am richtigen Verhalten ist auch bei Jesus selbst zu sehen: Der Umweg nach Betesda, das Zeichnen am Boden, das Umhergehen im Tempel. Gewiss, Jesus handelt souverän. Aber das ist, weil er richtig entscheidet, weil er sein Erscheinen/ Verbergen unter Menschen so bemisst, dass er Menschen die Möglichkeit gibt, selbst zu erscheinen als Individuen: der Hochzeitsverantwortliche, die Samariterin, die einzelnen Jünger in der Berufungskette, die Sünderin. Auch Jesu Handeln ist ein ringendes, abwägendes, er beobachtet Situationen, schätzt Entwicklungen ein, provoziert seine Gegner und entzieht sich wieder ihrem Zugriff.

Und so ist der Raum im Johannesevangelium beim ersten Durchgang: Er schafft das Individuum durch seine (erkämpfte) Entscheidung – das könnte die Neugeburt sein, die Nikodemus nicht begreifen kann, das Eintreten in einen neuen Raum, wo Zugehörigkeit und Verhalten, Glaubensweisen und Verstehen nicht präformiert sind. Später wird derselbe – Lehrer zunächst, am Ende Lernender – diesen Jesus, der zwischen Säulen geht, der zwischen Klippen und Abstürzen geht, zwischen Felswände hinein betten, wo er zuletzt jeglicher Bewegungsfreiheit beraubt zu sein scheint, aber auch da noch nicht am Ende, noch nicht vollends hervorgetreten als das ganze Individuum: einen neuen Raum wird seine Bewegungsfreiheit schaffen, so wie Himmel und Erde entstanden sind, damit der Mensch Individuum sein kann.

Erst durch die Auferstehung kann der Mensch Individuum werden.

II. Individuum und Glaube

k.
Über das Individuum wäre überhaupt nichts auszusagen, meinte Platon, weil seine Einzelheit dem allgemeinen Begriff unzugänglich ist. Erkennbar sind demnach nur Formen (Ideen) – und empirische Gegenstände nur dann, wenn sie in eine Form gefasst werden können: individuum est ineffabile.
Auch das Mittelalter ist gegenüber dem Einzelnen skeptisch. Thomas stellt es in die logische Reihe von genus – species – individuum und hält „dieses da“ ist seiner konkreten Einzigartigkeit für nicht mitteilbar.
Von Aristoteles bis Kant erweist sich der Begriff „Individuum“ als Grenzbegriff, der Erkennbares von Unerkennbarem, Sagbares von Unsagbarem unterscheidet – als Begriff, nicht als reales Ding. Individuum ist demnach weder definierbar noch beweisbar, und daher auch kein Gegenstand der Metaphysik.

l.
Die Unmöglichkeit, ein Individuum zu sein, ist für Elfriede Jelinek eine geschlechtsspezifische. Mann ist Subjekt und verfügt über sich und die Frau, Frau wird verfügt (Janet Blanken, 1994).
kein mensch käme auf den gedanken dass gerda oder ingrid etwas zu sagen haben wenn sie den mund aufmachen. gerda und ingrid schweigen besser. das reden sollten sie jenen überlassen die es gelernt haben. und das sind eine ganze menge. wenn gerda oder ingrid versuchen wie im fernsehen oder im kino zu sprechen dann wissen sie gleich nicht weiter und müssen sich schämen. manchmal glauben gerda und ingrid dass es zwei verschiedene arten von sprache geben muss. diejenige die sie sprechen und diejenige die die andern sprechen. die andern vom fernsehen sind fast so anders wie der herr chef oder die junge frau patrizia. (Michael, Ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft, 1972)

m.
Ganz anders sieht Kierkegaard das Individuelle begründet - oder verfehlt: Der Glaube ist nämlich dieses Paradox, dass der Einzelne höher steht als das Allgemeine (FZ 50) – man denke an den mittelalterlichen Diskurs zur Nichtmitteilbarkeit des Individuums – und das dadurch, dass der Einzelne ... sein Verhältnis zum Allgemeinen bestimmt durch sein Verhältnis zum Absoluten (FZ 64). Kierkegaard führt das beispielhaft an Abraham vor, der Isaak zu opfern bereit ist angesichts der absoluten Forderung, die ihn sprachlos macht vor Frau und Sohn, und die nicht vernünftig mitteilbar ist, oder an Tobias, der im Verhältnis mit dem Absoluten, mutig auf Saras Dämonen zutritt und sich ihnen aussetzt.
Gegenüber dem Allgemeinen, dem System, der Objektivität, sei gerade das Subjektive die eigentliche Qualität des Glaubens (besser: die eigentliche Glaubensdimension). Es ereigne sich im Wagnis, in der Entscheidung, in der Hingabe: Aber dann ist ja das Subjektivwerden, als ganz ausreichend (quantum satis) für ein Menschenleben, eine sehr preiswürdige Aufgabe. (unPB I 153)
Der Begriff des Handelns unterscheidet sich hier von dem Jelineks, die einen Bezug auf das Absolute nicht gelten lassen kann. Möglicherweise liegt aber gerade in ihrer marxistischen Position zwar die Möglichkeit der Kritik der bestehenden Verhältnisse, aber auch die Unmöglichkeit ihrer Überwindung. Sobald man weiß, wie ein Individuum existiert, weiß man auch, wie es sich zur ewigen Seligkeit verhält, d.h. ob es sich zu ihr verhält oder ob es sich nicht zu ihr verhält, ein Drittes gibt es nicht (tertium non datur) (unPB II 99).

Montag, 6. Juli 2009

III. Individuen im Raum

n.
Vom anderen Ende her ergibt sich folgendes Bild: eine Jüngerstaffel von der Wohnung bis zur Höhle. Keiner agiert für sich, alle sind aufeinander bezogen. Das entspricht der Jüngerstaffel von Johannes zum Haus Jesu: Rabbi, wo wohnst du? Nun, eine Wohnung ist die Höhle nicht, gerade nicht. Gleichwohl ereignet sich dortselbst höchste Präsenz: eine ergreifende Anwesenheit im bewegten Stein, den zusammengelegten Tüchern (stumme Zeichen), dem Vermissten, dem Unerkannten – den Engeln, die wie beiläufig sprechen, ohne jede Aura, und zuletzt dem Auferstandenen, der im Rücken erscheint und über die Schulter hinweg angesprochen wird und dann doch als Gärtner gilt. Der Herr der Raumordnung?

Man erinnert sich an weitere Stafetten: Maria und die Diener bei der Hochzeit, die beiden Geheilten zwischen Pharisäern und Jesus, Maria und Martha sowie die Jünger zwischen krankem/toten Lazarus und Jesus, und sodann die Jünger und Bewohner Jerusalems zwischen Jesu Salbung durch Maria/ seinem Einzug in die Stadt/ seiner Auslieferung und Kreuzigung. Wenn diese Karwochenereignisse als ein geschichteter Raumvorgang gesehen werden können, dann fallen gerade hier unterwegs wesentliche Weg-Weisungen: Geht euren Weg, solange ihr das Licht habt!/ Wer mir dienen will, folge mir nach/ wo ich bin, da ist auch mein Diener/ wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen/ Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen/ Ich bin der Weg/ weil ihr nicht von der Welt stammt/ Jesus ging hinaus/ Königtum nicht von dieser Welt

Im Zentrum dieser Wege: die Fußwaschung: das Gehen/ die Bodenberührung/ die Stafetten und Jüngerkreise werden vom Herrn selbst in die Hand genommen

o.
Der Auferstandene begegnet dreifach: der JüngerInstaffel, dem (unvollständigen) Jüngerkreis, dem Einzelnen. Im Epilog wiederholt sich das: die Jünger stafettieren zum See, drehen leere Kreise – Jesus gibt eine relative Ortsbestimmung am See: rechts vom Boot! – und wieder die Individuen: einer erkennt ihn/ einer springt in den See (und schwimmt – das einzige Mal!) – der stumme Kreis um Jesus und das Feuer. Das Schweigen versammelt alle früheren Stafetten und gibt die würdige Bühne für die dreifache Liebesfrage an Simon. Die Schauplätze haben sich ausgeweitet: die Höhle/ das Haus/ der See und das Ufer/ das Bleiben bis zur Wiederkunft Christi.

p.
Jesu neue Individualität ist, dass seine Erscheinung selbst Gabe ist: nur für den Glaubenden, d.h. den hoffnungsvoll und riskant Vertrauenden. Die Berührungen des Thomas, der Wassersprung des Simon. Darin vollzieht sich, was die Jünger gelernt haben bei Jesus: Selbst sein auf ihn hin. Sich selbst vollziehen im Sprung (Kierkegaard). All diese Bewegung durchmisst den leeren Raum: die Höhle, den See, den Zweifel, das Schweigen. Die Entwicklung der Jünger ist, dass sie Individuen geworden sind, mit ihrer jeweiligen Eigenart glauben; dass sie sich überhaupt entwickeln, ihre Blockaden und Verknöcherungen erkennen und lösen.

Schritte der Individugenese: Kinder Gottes werden (Prolog)/ Was er sagt, das tut (Maria)/ neu geboren werden (Nikodemus)/ Willst du gesund werden? (Betesda)/ Wer ohne Sünde ist (Ehebrecherin)/ See (Jesus)/ komm heraus (Lazarus)/ lasst ihn weggehen (Lazarus)/
Sie alle werden zur Begegnung mit dem Auferstandenen geführt – aber nicht alle, die individuell genannt werden: Hannanias, Kaiphas und Pilatus sind, obwohl Antipoden, doch nicht zur Erkenntnis des Menschensohnes vorgedrungen. Individuell heißt auch: so oder so entscheiden können. Gerade das macht ja die jeweilige Jesus-Begegnung sichtbar: dass der Ausgang nicht von vornherein klar ist, man denke an Nikodemus oder die Samariterin.

Das Glauben und Verstehen dieser Individuen ist unfertig und kommt mit Unfertigem aus: eine anfanghafte Sprache: Gärtner?/ Wenn ich nicht meine Finger in seine Wunden.../ Keiner wagte zu fragen../ Herr, was wird mit diesem hier? – Und nun könnte Jesu Zurückweisung der Frage gänzlich neu verstanden werden: Was mit diesem wird? Individuum, durch die Auferstehung

Samstag, 30. Mai 2009

IV. Unterwegs zur Individualkirche

q.
Noch einmal zurück zur Anfangsvision, zum Umhergehen Jesu. Umher ging Jesus im Tempel, περιεπατει, von περιπατεω, umhergehen, wandeln, leben – eine Art der Fortbewegung, eine Art zu existieren überhaupt. Der Spaziergang/ das Umhergehen gibt seinerseits dem Ort den Namen: περιπατος für den Säulengang, die Halle, nicht im Tempel jetzt, sondern in der lykenischen Philosophenschule außerhalb Athens, wo Aristoteles lehrte, und die ihrerseits der ganzen aristotelischen Schule den Namen gab: die Peripatetiker. Übrigens handeln die einzigen erhaltenen Schriften der Schule, die von Aristoxenos, ausgerechnet von Harmonik und Rhythmik.
Umhergehen steht für eine nachdenkliche Existenzform. Es liegt eine Spannung darin, die jederzeit zu Wort und Tat werden kann, wie im Umherschweifen eines hungrigen Tieres. Andererseits liegt eine Verhaltenheit darin, ein Abwarten, eine Beherrschung. Deutlich verweist das sichtbare Verhalten des Gehens auf einen inneren Vorgang, eine Überlegung, ein Abwägen. Neurologen würden es vielleicht als eine innere Repräsentanz der äußeren Handlung bezeichnen – dann ist die Auf- und Abbewegung das Mittlere zwischen der Tat und dem Gedanken.
In der Mitte des Evangeliums geht Jesus im Tempel auf und ab, dem Mittelpunkt Israels, der in sein Eigentum gekommen war und darin als einzelner Mensch lebt – der Tempel als der Inbegriff der ganzen Schöpfung. So gehen im Mittelpunkt der geistigen Welt Griechenlands die Denker auf und ab, in der Wandelhalle des Gymnasiums, den Kosmos und seine Gesetze studierend. So wird einmal Paulus die Halle des Geistes betreten und dort an die Denker sein Wort richten vom Namenlosen, der sich in kein System fügt, weil er lebendig ist – und sie werden keine Freude damit haben: Auf- und Abgehende wollen in kein System gefügt werden, sie erkennen aus sich selbst heraus.


r.
Wenn Jesus umhergehend aus seiner Individualität schöpft, dann ist er aber doch kein Individualist. Es geht ihm nicht um die Selbstverwirklichung, sondern um die Gotteserkenntnis der Menschen: Er, der am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht. Beim Vater sein ist bei sich sein, umhergehend und nachdenkend, Nachdenken als Gebet, als Einschätzung der Situation. Die christlichen Peripatetiker sind zunächst konfus und eilen hin und her zwischen Haus und Höhle. Ihre Jesus-Erkenntnis vertieft sich im Nachsinnen seinem Wort, und im Studium der Ereignisse der anfänglichen Kirche. Nichts von dem, was Jesus getan hat, lässt sich für sie wiederholen. Jesus hat ihnen kein System gegeben, keine Schrift – sondern ein Gehen! Den Weg kennt ihr, sagt der Weggehende wie beiläufig. Die Neugeburt der Auferstehung, das sei das Umhergehen in der inneren Jesus-Gewissheit, aus der der Individuum gewordene Christ frei handelt. Ich bin der Weg. Die Erkenntnis des Umhergehenden, der in Jesus ist – so wie der Sohn im Vater – ist wahr: Ich bin der Weg und die Wahrheit.Diese Freiheit im Auf- und Ab, die nicht vorab zu sichern ist, sondern stets errungen und gesucht werden muss, ist fortan christliche Existenz. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.


s.
Was das der heutigen Kirche sagt? Die Gesellschaftsentwicklung scheint gerade umgekehrt zur angeblichen Befreiung des Individuums immer mehr Gewicht in die Systembildung gelegt zu haben, vom Imperialismus und Nationalismus des 19. Jahrhunderts hin zu den Ideologien des 20. und der subtileren, aber dafür weltumfassenden Verfügbarmachung des Menschen durch wirtschaftliche Abhängigkeit im 21. Jahrhundert. Die mitteleuropäische katholische Kirche nimmt seit dem 19. Jahrhundert einen ähnlichen Weg, etabliert eine hierarchische Weltkirche und vernetzt sie hermetisch mit Standes- und Klassenmilieus. Als der stabile gesellschaftliche Unterbau schwand, kam der Katholizismus ins Schwanken, und von der Volkskirchenzeit blieben nur mehr Lager übrig, die nischenhafte Behausungen bieten – vorübergehend. Doch selbst die links- und rechtskatholischen Lager sind eher an der Höhle orientiert als am freiem Umhergehen. Wenn endlich die Jüngerstafetten wieder in Gang kommen, dann wird sich herumsprechen: Gleich, an welchem Ende die Tücher liegen, die Höhle ist leer!

Donnerstag, 21. Mai 2009

Vom Karussellfahren

Wenn du jeden Tag aufstehst, aus den Augenwinkeln die Familie registrierst, das Frühstück hinunterschlingst und zur Arbeit eilst. Und am Ende der Woche, wenn sich Sonne ankündigt, das Weite suchst, um in der Natur etwas davon wiederzubekommen, was du während der Woche verloren hast. Dann bist du ein Reiter auf dem Hutschpferd im Karussell. Drehst die selben Kreise Jahr für Jahr, unter dem Eindruck von Eigenbewegung.

Aber das Ganze ist mit Mängeln behaftet. Der Radius ist relativ klein. Das Personal ist limitiert, innerhalb von Grenzen wird es immer wieder ausgetauscht. Die Schaukelbewegungen sind lustvoll und erinnern an die Zeit vor der Geburt – aber mit den Jahren nimmt die Lust ab. Dann zählen die Errungenschaften, die zurückgelegten Kilometer und neugebauten Hutschpferdchen, im neuen, amerikanischen Stil. Und wer gut gelernt hat und gut in Bewegung ist, kann die Umdrehung noch etwas beschleunigen. Die zivilisierte Menschheit tut das Jahr für Jahr. Mehr Energieverbrauch, eine größere Gemüseauswahl aus Übersee, ein Winterurlaub am Meer.

Nun ist es unbestritten, dass auch Karussellfahrer erwachsen werden können. Dann ahnen sie eine größere und unbegreifliche Welt, wo andere Maßstäbe gelten. Eine Menschlichkeit, die auch für Fremde offen ist. Ein Interesse am Menschen jenseits seiner Verwertbarkeit. Begegnungen von der Art, wo auch Veränderung möglich ist. Ein Blick auf Menschen, der sie wachsen sieht. Eine Brise aus einem jenseitigen Land. –

Und dann kommt der Moment der Entscheidung. Springst du herunter vom Karussell und trappelst mit anfangs schwindligem Kopf ein paar Schritte an den Verkaufsbuden vorbei, aufs offene Land zu. Oder kehrst du wieder zurück auf dein Holzpferdchen und drehst dich noch ein bisschen schneller. Dann bist du endgültig in der Provinz angekommen. Die Provinzbewohner sind diejenigen, die es nicht anders wollen. Die die Kreisbewegung gewählt haben, nicht erlitten. Die absichtlich auf Pferdchen sitzen und dabei nicht gestört werden wollen. Und die lächelnden Zuschauer draußen verhöhnen. Die Provinz erduldet nichts außerhalb. Ein richtiger Bewohner der Menschenprovinz ist mit seinem Pferdchen verwachsen und nimmt es überallhin mit, und das Pferdchen wiehert und frisst Heu. Eine lustige Karussellwelt.

Aber derjenige, der vom Himmel gekommen ist, ist auf einem Esel geritten, keinem Schaukelpferd. Der Esel fügt sich ebenso wenig in die Kreisbewegung wie sein Reiter. Er hat die Drehbühnen durchquert, ohne schwindlig zu werden. Viele Reiter haben ihre Holzpferdchen verlassen und sind ihm gefolgt. An der gefährlichen Stufe sind einige gestolpert, manche auch gestürzt. Der Himmlische hat sie nicht zurückgelassen, sondern auf sie gewartet, bis der Schwindel sich gelegt hat und sie wieder auf die Beine kamen. Hinter der letzten Bude des Jahrmarkts haben sie zurückgeschaut und das Gefängnis erkannt. Ein Konzentrationslager ohne Wärter und Stacheldraht, mit lustigen und sentimentalen Liedern und Bratwurstduft. Mag sein, dass da der eine oder andere kopfschüttelnd nochmals zurückgegangen ist. Man erzählt aber auch vom Gefängniswärter, der sich zuerst an den Hals griff und dann den Himmlischen anschloss.

Die Welten außerhalb des Jahrmarkts waren unermesslich. Wer da ohne Vorausgeher bestehen will! Mancher verirrte sich und verlor den Himmlischen, und zurück fand er auch nicht mehr. Denn es war eine neue Bewegung. Nicht mehr Wiederholung, kein Kreisen mehr. Jetzt hatte das Gehen eine Richtung bekommen, eine Vorwärtsbewegung, die nicht mehr den Grenzen folgte, sondern sie durchquerte, auch die Todeslinie.

Geht hinaus in die ganze Welt, sagte der Himmlische zu ihnen, bevor er selbst die letzte der Grenzen übersieg, die Grenze der Sichtbarkeit und Verstehbarkeit. Und sprach vom Geist der Bewegung, der die Gehenden im Gang halten würde, damit sie Rat fänden bei den vielen Abzweigungen und ungelösten Fragen. Von der Geisteskraft, die den Schwindelnden und Taumelnden wieder erfasst. Von der Einsicht, die man von einem höheren Punkt auf die Landschaft hat, die man durchquert. Von der Zuversicht, und von der Hoffnung, die die Menschen erfasst hat, als sie eine Ahnung von der Freiheit jenseits des Karussells bekamen wie der Hund die Witterung in der Nase hat. Solcher Art ist der Geist, der sie in Bewegung hält seither, und schon lange stehen sie nicht mehr herum und starren dem Himmlischen nach, der sie gesandt hat:

Geht hinaus in die ganze Welt
und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!

Samstag, 16. Mai 2009

Endlich

bin ich wieder geflogen.
Ich habs insgeheim immer geglaubt.
Natürlich ist Fliegen anstrengend
und riskant -
aber unvergleichlich.

Wer das nur wegen Beschwerlichkeit
und Unglauben aufgibt. Wer
auf die Freiheit des Raumes
verzichtet und wie ein Huhn
am Boden bleibt.

Wie soll man dem
das Leben erklären.
Wenn er unten Körner pickt
und wartet, bis du runterfällst.
Und grinst.

Trotzdem hab ich
jetzt gewonnen, weil
seit Kindertagen, als das Glauben
einfach war,
mein Fliegen niemals widerlegt worden ist.

Mein Respekt vor den Abgründen
hat das eher
bestätigt als beeinsprucht.
Und mein Sturz
vom Dachboden letzten Winter
ohne eine einzige Schramme
war die Probe

Ja, Leute, ich bin
ein flugfähiger, so ist es.
Ich weiß, einige unter euch
wird das gar nicht überraschen.
Ihr kennt mich ja. Wie kann man
daran zweifeln

Sonntag, 1. März 2009

Ich stelle hier ein Lesen vor,

das Sie überraschen wird, ein Lesen, das im ursprünglichen Sinn ein Sammeln ist. Gleich vier Bücher lesen, die miteinander zunächst gar nichts zu tun haben, keine Verbindung der Autoren, keine gemeinsame Poetologie, keine gleichen Themen. Aber auch jedes dieser Bücher soll schichtweise gelesen werden, als Gebäude mit Stockwerken, zwischen denen gewechselt werden kann. In jedem der Bücher sind unter der Hand andere Texte mitgeschrieben, von fremden, manchmal unbekannten Autoren, und es ist nicht sicher, ob das immer absichtlich geschehen ist beim Schreiben, oder ob sich die Bezugstexte auch von selbst mitschreiben.

Ich beginne mit dem jüngsten Text, 1999 veröffentlicht, Allerseelen von Cees Nooteboom. Eine Geschichte, die vorwiegend in Berlin spielt, mit einem kleinen Abstecher nach Holland und einem Anhang in Spanien. Im wesentlichen sind es Streifzüge durch die winterliche Stadt, von einem Sonderling, Dokumentarfilmer, der die Familie verloren hat. Es gibt Begegnungen mit einigen Freunden, Gespräche, Erinnerungen, einige kulinarische Zusammentreffen eines Freundeskreises. Dann eine Bekanntschaft mit einer jungen Frau, Studentin, kurz und intensiv, mit einer längeren, unbefriedigenden Nachgeschichte.
Mag sein, dass der Plot dürr ist für ein großes Buch. Das könnte ein Hinterhalt sein. Ganz bestimmt verführen die Sinne den Leser, die Stadt im Schnee, die Orte, die man kennt, die Speisen, die kredenzt werden, die Stimmen, die Sehnsüchte, die seltsam verhaltene Begegnung mit der Studentin.
Ich rate, zum Einstieg unter die Oberfläche die Abstiege zu verfolgen. Er las die Stadt wie ein Buch, eine Geschichte über unsichtbare, in der Historie verschwundene Gebäude, Folterkammern der Gestapo, die Stelle, an der Hitlers Flugzeug noch hätte landen können, alles erzählt in einem kontinuierlichen, fast skandierten Rezitativ. (23)
Die zweite, miterzählte Geschichte ist also die Geschichte, das Rezitativ. Erzähler dieser zweiten Geschichte ist die Stadt selbst, gelesen wird sie vom Freund Viktor, der sie Arthur Daane vorbuchstabiert. Aber alle Figuren scheinen ein Verhältnis zu dieser zweiten Geschichte zu haben, und bereits Arthurs Betreten der Stadt verläuft so:
Die alte Frau blieb oben an der Treppe stehen. Von unten klang das Gewitter der U-Bahn herauf. Arthur steigt in die Unterwelt hinab wie Orpheus zu den Toten (über den er reflektiert). Sie ging weg, drehte sich um und sagte: „Alles Unsinn.“ Dabei lachte sie, und einen kurzen Moment lang, so flüchtig, dass man ihn mit keiner Kamera hätte einfangen können, hatte sie das Gesicht, das sie einst, in irgendeinem Augenblick ihres Lebens, schon einmal gehabt haben musste. ... Die meisten Lebenden waren genauso unerreichbar wie die Toten. (46f) Arthur ist im Totenreich unterwegs, von Eurydike hinuntergelockt, und erforscht Berlin von unten. Dachau, Napoleon in Moskau, nach Frankreich zogen zwei Grenadier´, Stalingrad, von Paulus sind Erscheinungen jener Welt und verkörpern ihr Grauen. Das Totenreich führt Arthur in die Vergangenheit, ihn umgibt das fortgesetzte Flüstern der Toten unter jeder Gasse Berlins. Er steigt die Treppen zur Unterwelt hinunter und findet seine Familie: „Soll ich dir einen Vater und eine Mutter aussuchen?“(66), fragt er seine (unnahbare) Begleiterin, die verlorene Frau mit dem Sohn.
Das Gemälde im Schloss, Königin Luise von Preußen, ein weiterer Einstieg: Sie hatte nicht nur eine unverkennbare sexuelle Ausstrahlung, sondern es schien auch so, als wollte die Frau aus dem Bild heraus, als ertrage sie den Rahmen nicht. Eurydike wartet auf die Erlösung. Aber es könnte sein, wird angedeutet, dass sie ihren Orpheus nicht mehr erkennt. Solche Frauen gibt es nicht mehr. ... Dieser Blick ist ausgestorben. (54) Die Vergangenheit drängt in die Gegenwart herein, aber sie kommt nicht zu sich. Auf diese Weise befinden wir uns ständig im Totenreich. ... Ein immerwährendes Gespräch an ein und derselben Stelle. (107) Unerlöste Vergangenheit, unerlöste Toten, unerhörte Worte und Sätze, ein Gebrummel, Gemurmel. Unerkannt drohen ihre Geschicke zu bleiben. Das Unverständnis und die Dumpfheit gegenüber ihrem Bedeutungsüberschuss sind aus der Gegenwart genügend bekannt.


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Arthur befindet sich am Ort der Produktion von Wirklichkeit, von Daten und Fakten. Der Redakteur öffnete die Tür zu einem Saal voll schweigender Gestalten an Computern. Lieber tot, er wusste später noch, dass er das gedachte hatte. (25) Von dieser Erscheinung von Wirklichkeit aus der Unterwelt hebt sich Arthur fortgesetzt ab mit seinen wesenhaften Dokumentarfilmen. Sein großes Projekt ist das Einsammeln von Authentizität, beruflich von Tod und Abgeschiedenheit, als persönliche Leidenschaft von Metaphern für das Leben: alles durch Filmaufnahmen, die Gewesenes retten, damit kein Gestus ausstirbt wie das Lächeln der Königin. Hier haben Sie wieder das Lesen, es ist als wesenhaftes Lesen klar markiert durch das Unzeitgemäße und Unangepasste. Am liebsten wäre es ihnen, glaube ich, wenn sie gar nicht mehr existierte (26), sieht Arthur die Welt in ihrer Existenz gefährdet und kämpft um sie.
Die Stadt als Buch erzählt von der Unterwelt und damit von der Vergangenheit. Auf diese Weise befinden wir uns ständig im Totenreich. (107) Das Buch ist offen nach unten und nach hinten, das ergibt die erste (grobe) Vermessung.

Im Zentrum der Erzählung ist eine scharfsinnige Tischrunde (122). Die Ritter der Tafelrunde treten aus dem Totenreich und kommen zu üppigen Mahlen zusammen. Zum Ensemble gehört der Wirt Schulze sowie Galinsky, der Tote: Er sitzt so still wie eine Statue .... als ob er in der Ferne Musik hörte. (122f) Arno, Viktor, Zenobia: Arthur lehnte sich zurück. Vielleicht, dachte er, ist das ja der Grund, warum ich immer wieder nach Berlin zurückkehre. Ein Kreis, in den er aufgenommen war (115). Von diesem Kreis gab es im Schloss ein Bild:

497px-Adolph-von-Menzel-Tafelrunde

Es handelt sich um ein Gemälde Adolph von Menzels, das Friedrich den Großen neben Voltaire zeigt, im Kreis führender Köpfe der Preußischen Akademie der Wissenschaften, im Schloss Sanssouci. Das Bild entstand 1850 und verbrannte 1945. Es dokumentiert den Gestus des Königs, die Weisen seiner Zeit, Diplomaten, Schriftsteller und Offiziere von Rang zu versammeln und unter ihnen der Philosoph von Sanssouci zu sein.

Es ist eine Treppe, auf der in Fontanes Gedicht der Dichter und Spaziergänger dem König begegnet und angesprochen wird auf den Maler Menzel, welcher bei der Tafelrunde Voltaires Platz einnehmen soll (Theodor Fontane, Auf der Treppe von Sanssouci). Und so pflanzt die Runde sich fort. Denn auch der König war mit Bau und Einrichtung von Schloss Sanssouci eingestiegen in ein bereits seit dem Mittelalter währendes Tafeln, als König Arthur die Tapferen seiner Zeit an den Hof holte und sie auf gleicher Höhe um den Gral versammelte. Ihre Erzählungen gehören zu den großen Texten des Mittelalters – die sich somit auch in diesem Buch fortschreiben.

Tafelrunde

Die Runde verweist auf das Mittelalter; das Mahl selbst hingegen ist die Zusammenkunft derer, die von ihren Taten und Überlegungen zu erzählen haben – und ist somit selbst wiederum sprachliche Ereignisstätte von Vergangenheit. Nicht nur die Stadt selbst, deren Oberfläche und Gegenwart vom Schnee verdeckt wird, versinkt in der Vergangenheit, auch das Hauptereignis, das Tafeln, wächst auf mittelalterlichem Boden.

Das dritte Fenster in die Vergangenheit ist Elik Oranje. Die geheimnisvolle Studentin mit dem Königsnamen, die auf eigene Faust nach der mittelalterlichen Königin forscht, erscheint selbst wie deren Inkarnation. Ihre Weltfremdheit, ihr Einzelgängertum und ihre stumme Sexualität sind Marken dafür, und einzig eine Großmutter scheint Zeugin der wirklichen welthaften Existenz dieses Wesens zu sein, dessen Herkunft ansonsten nur eine erzählte ist – und somit der legendären Königin entsprechend. Immerhin scheint sie für Arthur doch sehr wirklich zu werden: Sie tritt ein in den Kreis der Tafelnden und behauptet sich dort mit der Sprache; sie tritt Arthur – wenn das gesagt werden kann – nahe, wobei die Nähe entschieden wird und sich nicht aus dem Beziehungsverlauf ergibt. Die beiden scheinen sich durch einander jeweils erlösen zu wollen von einem Bann: sie von der Narbe ihrer Herkunft, er von der Narbe seines Verlustes von Frau, Kind und Heimat.

Diese Art des Lesens, das im Text andere Texte aufspürt, kann aber nicht alles entscheiden und abschließen. Offen bleibt etwa die Rückfrage nach Odysseus, dem Held Arthurs Jugendzeit, oder nach Orpheus, der seine Frau aus der Unterwelt erlösen will, der ebenfalls genannt wird. Beide auf schwieriger Fahrt, auf eine Frau zu. Der eine ringt mit Zyklopen (88), der andere begegnet Schatten. Der eine, der Tatkräftige, findet und befreit sie, der andere, der Sänger, verfehlt sie. Jedenfalls ein Reisender ohne Gepäck (11), Arthur, der mit Ungeheuern zu tun hat und mit Toten. Aber das ist noch nicht alles, was ich sehe. Es ließe sich noch etwas sagen über den Horizont dieser Reise.

Was uns immer wieder wundert, ist, dass ihr euch so wenig wundert. (64) So hebt ein Metadiskurs an, der das erzählte Geschehen von oben und außerhalb kommentiert. Er nennt sich selbst, ganz nach antikem Vorbild, der Chor. Der Chor der Engel begleitet die Menschengeschichte und wundert sich darüber. Er hat die Menschheit im Ganzen im Blick, Zeit und Raum, Ewigkeit, Gott, Geschichte – und das Verhalten der Menschen darin. Die Wesen, die sich nur die Begleitung nennen und nicht selbst richtig leben dürften (64), sind schon bei Peter Handke und Wim Wenders im Himmel über Berlin (1987) zuhause. Ihr erster Kommentar hinsichtlich der menschlichen Vergänglichkeit: Es ist, als explodierte die Zeit hinter euch in einem fort. (65) Das sind, vom Himmel, vom Jenseits aus gesehen, schlechte Vorzeichen für eine Rekonstruktion der Vergangenheit. Die schlafende Elik möchte mit der Hand die Wahrheit aus dem Buch ziehen wie einen Körper, wie die vergangene Zeit und die ferne Königin, wie eine Ausgrabung, aber ihr könntet nicht damit umgehen (206), sagen die Engel. Ein Licht der Vergeblichkeit, in dem die Handlung erscheint. Vergeblich, sich den Toten zu nähern. Also Orpheus. Umsonst, die Heldentaten. Doch Odysseus? Die wissenden Engel staunen selbst über den Menschen: wie schlecht ihr in euer eigenes Dasein paßt. (64) Immerhin wird es zum Rätsel erhoben, wie weit der Geist des Menschen geht und wie viel Raum er einnehmen kann.

Der Horizont des Himmels überspannt auch die Unterwelt. Orpheus sinniert über die Toten: Er war hier, aber sie waren allgegenwärtig, sie hatten keinen Ort mehr und waren überall, sie hatten keine Zeit mehr und waren immer da. (147) Seine gestorbene Frau, die nie ganz von dieser Welt war (149), hat ihm somit eigentlich den Horizont gewiesen, in den Worten des Johannesprologs. Sucht er nun die Welt oder den Himmel, wenn er Völker besucht, die eine Schöpfung hatten, die für sie allein geschaffen war und deren Schritte über trockene leere Landschaften er filmt. Als er sich trotz Warnung nachts allein aus der Stadt wagt, überfällt ihn das Nichts, die totale Stille: so war der Himmel auf ihn gefallen (154), und darin waren drei Gestalten erschienen, die aus der Tiefe von Jahrtausenden gekommen waren. Er hatte ohne Angst bestanden, weil er nicht in diese Welt gehörte (155) und, wie die Engel sagen würden, schlecht in sein Dasein passt. Denn die ganze Welt war ein Verweis, alles verwies auf etwas anderes zurück (156) Auf die Geschichte, das Gewordene. Der Mönchsgesang ist das Röcheln der Ewigkeit. (200). Gleichwie du nicht weißt, welchen Weg der Wind nimmt und wie die Gebeine im Mutterleib bereitet werden, so kannst du Gottes Tun nicht wissen, der alles wirkt (282f), liest man in Kohelet. Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war (283) , wird Psalm 139 gelesen, die größte erreichte Weite, die weiteste Offenheit nach vor und zurück und aus der Zeit heraus, im Zitat zwar und nicht im Bekenntnis, aber wie kann Sprache weiter aus der Welt hinausweisen als im Zitat, zumal eines Lehrers für einen Suchenden und Fragenden. Zenobias Leidenschaft für Raumfahrt können diesen Horizont nicht ausfüllen, und Arthurs Abenteuerfahrt hinter der Erscheinung der Königin her wohl auch nicht, obwohl beide in gewisser Weise die Grenzen der Schöpfung durchmessen im Wagnis. Die Geschichte, die mit einem Vorübergang an der Buchhandlung und somit mit dem Lesen begonnen hatte, läuft auf den sichtbar werdenden hohen Himmel des Nordens zu, eine Durchquerung der Schöpfung in allen Richtungen von Raum und Zeit.


Handke war schon am Wort – das zweite Buch soll Langsame Heimkehr sein, ebenfalls eine Reisegeschichte, und mehr als die vorige, und zugleich, so sei es gleich voraus gesagt, eine innere Reise durch die Schöpfung. Mit den gewonnenen Wegmarken lassen sich die Etappen leichter abstecken. Sorger, der Geologe und Naturforscher – Schöpfungsforscher, möchte man beinahe sagen – untersucht über Jahre eine Flusslandschaft im hohen Norden Kanadas, wo im Verborgenen die Schotterkugeln dahinglitten, sich rollend überschlugen oder sogar langsame Bogensprünge vollführten, eingehüllt in Schlammwolken und weiterbefördert von natürlichen Wasserwalzen, welche – tief unter der stillen Oberfläche in der Gegenrichtung rotierend – er sich nicht denken, sondern sinnlich miterleben konnte (12f). Er hat ein Gespür für die Formen unter der Oberfläche, für die Wellen und Kurven, die Hebungen und Senkungen, für die räumliche Tiefe, möchte man sagen, und auch für die zeitliche, in jahreszeitlichen und erdgeschichtlichen Skalen.

Der Name Sorger? Der Forscher geriert sich nicht als objektiver, unbeteiligter Beobachter, sondern sieht seinen Auftrag darin, seine Anstrengung, das Befremdende jeder Erdgegend auszuhalten (16) – es ist eine Weltvertrauens-Übung, ein Teilhaftigwerden an „seinem Gegenstand“ (17). Der Sorgende ist Teilnehmer, Mitbetroffener, Vollzieher der Natur in ihren Dimensionen: Raum und Zeit konstatiert er wörtlich mit (in) seiner Existenz, über Jahre in der Tundra. Aber nicht nur das: In diesem Zeitraum war ständige Gegenwart, ständige Allerwelt, ständige Bewohntheit. Die Gegenwart war eine Allgegenwart, wo die einst geliebten Toten mitatmeten (52). So ist bereits mit wenigen Strichen ein Schauplatz gezeichnet, der, nunmehr in der wilden Natur, ebenso wie vorhin in Berlin den Untergrund, das Gewordene und Gewesene aufleuchten lässt, bewohnte Schöpfung. Die Indianerfrau, die Katze, der Kollege Lauffer, das Dorf: alles Erscheinungen des Grundes, ließe sich sagen, wie die plötzlich erschienenen Aborigines am nächtlichen Rand Alice Springs, als Arthur die Stille des Nichts erfahren hatte: Epiphanien des Grundes. (Ich könnte weitere anführen, aus dem nächsten und übernächsten Text, vielleicht komme ich dazu.)

Von dort reist Sorger ohne genannten Grund ab, über mehrere Stationen nach Europa, eben die langsame Heimkehr. Die nächste Station an der Pazifikküste bringt eine Veränderung seiner Naturwahrnehmung. Zunächst durchstreift er die Dünenlandschaft, er, der auf den Grund gesehen hat und von dort seine Sprache bekommen hat (104) – aber fern von der Schöpfung (130) erfahrt er eine Versagung der Lebendigkeit und Zugänglichkeit der Natur: Eine Maschine empfing ständig die Tonwellen aus dem Erdinneren, ... ein ... fast singender Klang (131). Eine Versagung auch von Menschen, die ihn nicht erkennen: Dann wurde der Boden zu seinen Füßen so deutlich, als sei er schon gestürzt. (137) Und in der hereinbrechenden Einsamkeit überwältigt ihn eine unbekannte Unbehaustheit: Das Meer wurde unheimlich. – Zerstört war der Lebensplan .... aus dem Untergrund fuhr „der lebende Tote“ in ihn .... und er sah...die Seele ... hatte Sorger ein Erdbeben erlebt .... so schien ihm jetzt auch das eigene Ende ganz nah .... die Weltenrichterstimme ..... „Danke, ihr Mächte.“ .... „Göttlicher anderer.“ .... Erlebnis der „Schwelle“: wieder im Spiel der Welt sein. (137-141) In dieser erdbebenreichen Küstenlandschaft wird mit Naturmetaphern eine Grunderfahrung erzählt: der Existenzgrund, im ganzen Buch stets unterschwellig gegenwärtig, wird erschüttert, ohne erkennbaren Anlass, ein Ereignis in aller Stille und Einsamkeit. Dieser zweite Abschnitt der Heimkehr heißt Raumverbot – der Naturraum/Weltraum hat sich in seiner Bedeutungskraft entzogen.
Der dritte Abschnitt heisst Das Gesetz. In Abweichung von seinem Plan bleibt Sorger an einem Ort, wo er jemanden kennt. Ihn will der Einsame besuchen, und erfährt gerade von seinem Tod. Vor dem Sarg beweint er den Toten und die anderen Toten. Aufschauend glaubte er zu sehen, wie diese gewaltig über ihn lachten. Er lachte mit ihnen. (166) Diese Begegnung mit dem Tod/Toten führt Sorger neu in eine Behaustheit zurück, der sogleich in der Schneelandschaft in einer schimmernden Furche: die schönste Frau, die er je gesehen hatte, erblickt und somit seinen Naturalismus wieder hat. Was hat sich geändert? Er sieht die Inbilder seiner Verstorbenen, es zieht ihn zu den Abgeschiedenen hin, er gelangt in ein Neubegreifen der Zeit, stellt sich die Zeit als einen „Gott“ vor, der „gut“ war. (173) Gerade in der Großstadt, seiner letzten Station, findet er wieder zum Bewußtsein „seiner“ Erdformen zurück (179). Es ist die Sorge um einen Menschen, der sich ihm anvertraut, die ihm einen Tag in der großen Stadt schenkt, wo er aus dem tiefen Nacht-Raum wie von einem Schauder der Schöpfung überflogen wird (183). Er sieht in einer Vision die Große Handschrift, in der sein Leben beschrieben wurde (201), das als Begegnung der Elemente (Spiegel, Nichts und Gravität) gesehen wird. Diese apokalyptische Vision zeigt, dass die Geschichte der Menschheit bald vollendet sein würde (209), und führt Sorger in eine Sonntagsmesse, wo er gewahr wird, wie ein Schwanken durch die Welt geht, während Brot und Wein gewandelt werden: in ähnlicher Weise (206), also gewandelt, streift er wieder durch die Straßen, vorbei an Bekannten und Unbekannten, und ein Schulfreund erkennt den Gewandelten und erkennt ihn nicht: „Wie der Valentin Sorger!“

Die Welt/die Schöpfung ist wieder zum bergenden Haus geworden, weniger durch einen Persongott, eher durch eine pantheistische Natur. Die Dimensionen der Schöpfung verlaufen im Untergrund, in den geologischen Formen und Abläufen, in der Totenwelt, in Schuld und Gutsein – und zuletzt in einer Art geschenkter (gnadenhafter) Identität. Freies Handeln (Subjektivität) und Gefühl der Eingebundenheit (Gnade) sind verflochten und nicht entwirrbar. Was bei Nooteboom Literaturzitat, ist bei Hanke sozusagen Naturzitat – bedeutungsüberschießend beide. Schöpfungsmetaphern des Werdens und Vergehens, des Ereignishaften, das innerweltlich rätselhaft bleibt und zur Deutung eine externe Perspektive braucht, je in vertikaler Dimension, von Engeln und Toten.

Mehr noch als für die bisherigen Texte gilt das für den dritten: Rainer Maria Rilke, Duineser Elegien, unter besonderer Beachtung der neunten, und mit einer gewissen Neugier für die Sonette an Orpheus im Hinblick auf das erste besprochene Buch, welche sich im selben Band befinden.

(Der vierte und letzte Text dieses Gevierts wird Robert Musils 4.Kapitel Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muß es auch Möglichkeitssinn geben aus Der Mann ohne Eigenschaften sein. Mit diesen vieren ließe sich ein Schöpfungsverständnis umreißen, das, so meine ich, auf der Höhe unserer Zeit sein könne.)

Romy-kuesst

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