presse

Sonntag, 18. April 2010

Wie die Presse funktioniert

Erziehen geht nicht mehr! http://diepresse.com/home/bildung/erziehung/556346/index.do?from=suche.intern.portal

Wenn die Eltern Opfer werden http://diepresse.com/home/bildung/erziehung/559086/index.do?from=suche.intern.portal

Angst vor Eyjafjallajökull http://diepresse.com/home/meinung/kommentare/leitartikel/559062/index.do?from=suche.intern.portal


1.

Am 6. April 2010 ist ein Interview mit Barry Cunningham zu lesen, dem Entdecker von Joanne K. Rowlings Harry Potter-Romanen. Auf der Spur seines Erfolgsrezepts wird zuerst von Firmenstrategien berichtet, mit denen Verlage günstig zu Übersetzungen kommen, sowie in die Nähe zu amerikanischen Verfilmungen, anscheinend dem Höhepunkt verlegerischer Vermarktungsstrategien. Nach dem Potter-Manuskript befragt, nennt Cunningham die Kinderfreundschaften das wirklich Magische, mit denen sie gegen eine feindliche Umwelt zusammenhalten. Befragt nach dem Grund der Überlegenheit angelsächsischer Literatur, sagt er: In anderen Ländern gibt es noch zu stark diese Verhaltensweise, dass Eltern oder andere Personen zu wissen glauben, was für die Kinder gut ist. Diese erzieherische Attitüde funktioniert nicht mehr. Kinder- und Jugendliteratur sei bloß als Teil der Populärkultur zu betrachten. Sie behaupten sich gegenüber der Konkurrenz aus TV und Computer, Partys und Sport, indem sie tragbare Fantasiemaschinen seien, die Erlebnisse ermöglichen. Andere Medien hätten solche Zugänge nur in geringem Maße. Cunningham betont den privaten Charakter des Bücherlesens, dargestellt als dem Haben von Erlebnissen.

Auffällig ist die vorwurfsvolle Formulierung, jemand glaube zu wissen, was für andere gut ist. Das ist natürlich abschätzig gesagt, von einem geschäftstüchtigen Verleger, der die Verkaufstrends richtig einschätzen kann, gesagt an die Adresse solcher, die für andere zu denken versuchen. Allerdings gibt das noch nicht den wirklichen Gegensatz wieder, denn auch der Verleger muss ja für andere denken können, nämlich für künftige Leser, Entwicklungen am Büchermarkt sowie die Bilanzen seiner Firma. Der Unterschied liegt mehr in dem Begriff Erziehung. Denn das Interesse erzieherischen Denkens ist es, dass andere sich selbst finden und dazu kommen, über sich selbst bestimmen zu lernen. Erzieherisches Interesse tritt für bestimmte Werte ein, Werte der Autonomie sowie auch Werte der Solidarität und Empathie. Und selbstverständlich stehen Werte stets in Konkurrenz zu anderen, und ihre Darstellung braucht überzeugende Argumente, und noch besser ihre Erprobung an der eigenen Existenz, also Vorbild und Beispiel.

Nun hat Cunningham aber von erzieherischer Attitüde gesprochen, was ja eine bloß äußere, leere Verhaltensweise ist, ein Tun als ob, der bloße Anschein von Erziehung. Darunter wäre etwa zu verstehen, wenn leer von angeblichen Werten geredet wird, aber Erprobung und Bewahrheitung fehlen. Oder wenn eine bestimmte Haltung nur vorgetäuscht wird, während in Wirklichkeit nur Selbstschutz und Eigeninteressen das Handeln motivieren. Von solchen anscheinend typisch kontinentalen Literaturbeispielen hebt sich nun Cunningham ab. Wodurch? Indem er auf die Fantasie der jungen Leser setzt, die als intimes inneres Erlebnis mit der Solidarität der Gleichaltrigen spielt. Privaterlebnis und Solidarität? Ja, als Fantasie, nicht wirklich. Verbündung von Gleichaltrigen – gegen wen? Gegen die feindliche erwachsene Umwelt natürlich. Cunninghams geniale Strategie besteht somit darin, den jungen Lesern Futter zu geben gegen die Welt, die er selbst repräsentiert, nämlich die Erwachsenenwelt mit ihren geschäftlichen Eigeninteressen auf Kosten der Kinder. Aber das ist ihm nicht vorzuwerfen, weil er es ja offen sagt, und nicht wie die erzieherische Attitüde ein altruistisches Motiv vorgibt. Es darf an den Titel erinnert werden: „Erziehen geht nicht mehr“.

Wie ist die Position des Autors? Barbara Petsch hält mit ihrer Meinung auffällig zurück, stellt einige Informationen über den Buchmarkt und den Jugendfilm bei, jeweils auf Kontinentaleuropa und den angelsächsischen Raum fokussiert, ganz nach dem Deutemuster Cunninghams, das sie also übernommen hat. Damit stellt sie sich eigentlich hinter den Verleger, dem sie auch keine kritischen Fragen stellt, sondern entgegenkommt, damit er sich selbst präsentieren kann. Der Fokus: erfolgreicher Unternehmer, mit beigestellter Vita. Somit wird der Titel als Blickfänger eingesetzt, nicht als Programm, und steht deshalb unter Anführungszeichen – ein Zitat ist er nämlich nicht, zumindest nicht vom wiedergegebenen Interview. Erziehen braucht nicht mehr zu gehen, ist somit die sublineare Botschaft.


2.

Am 18. April desselben Jahres ist Wenn die Eltern Opfer werden erschienen. Die Mama muss das aushalten, wird ein Vierzehnjähriger zitiert, möglicherweise aus dem weiter unten genannten Forschungsbericht der TU Darmstadt. Demnach hätten 10 Prozent aller Familien Probleme mit gewalttätigen Kindern. Auch in den weiteren Beispielen sind es jeweils Mütter, die von der Gewalt ihrer Sprösslinge bedroht sind, sie erscheinen hilflos, mangelhaft gebildet, in trister ökonomischer Situation, als versuchte Freundin des Kindes, resigniert, verschämt, konsumistisch. Bei der Verallgemeinerung wird jeweils von Eltern gesprochen, Väter und Mütter, als Erzieher sowie als Opfer der Kinder erscheinen im Artikel aber niemals Väter.

Bei den Erklärungen stützt sich Doris Kraus auf Martina Leibovici-Mühlberger, Wiener Gynäkologin und Psychotherapeutin, deren Buch jüngst im ORF präsentiert wurde, sowie auf Rotraut Erhard, ebenfalls ORF-erprobte Wiener Psychotherapeutin, die auch als Gerichtssachverständige in Familienfragen tätig ist und eine Untersuchung über Vaterentbehrung vorgelegt hat. Deren Erklärungsversuche: nichtgelingende Eltern- Kindbindung, mangelndes Vertrauen, gestaute Wut, materielle Verwöhnung bei emotionaler Vernachlässigung. Eltern sind nicht imstande, Halt, Sicherheit und Souveränität zu vermitteln. Nun, Psychologinnen geben psychologische Erklärungen, keine strukturellen.

Anlass für den Artikel ist eine Gewalttat einer Vierzehnjährigen, die ihre Mutter erstochen hat, weil sie nicht den Computer benutzen durfte (http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/558150/index.do?from=suche.intern.portal). Jenen Bericht von Manfred Seeh ziert eine Bemerkung der Psychologin Kirstin Lillie, es müsse eine psychische Störung vorliegen, und auf jugendliche Forderungen nach unbeschränktem Medienkonsum solle nicht mit Verbot, sondern mit Erziehung geantwortet werden. Der Rest des Artikels beschäftigt sich mit dem zu erwartenden Strafausmaß.

Die beiden letzten Artikel sind ganz offensichtlich nicht für Jugendliche, sondern für Erwachsene geschrieben, und sie rechnen mit deren Empörung über gewalttätige Jugendliche. Kraus’ Hintergrundbericht gibt eine Elternbeschreibung, die es dem Leser/ der Leserin ermöglicht, sich von solchen Eltern zu distanzieren. Scham, Ungläubigkeit und Verschweigen (Zwischentitel) werden Presseleser doch nicht betreffen? Immerhin liefert der Bericht auch Ratschläge, nämlich Öffentlichkeit zu schaffen und eine Therapie zu machen, sowie zwei (schon erwähnte) Literaturempfehlungen. Die zitierte Erklärung Philip Streits, Der Kontakt zwischen Eltern und Kindern muss schon lange zusammengebrochen sein, wird das Problem wohl auch nicht erschöpfend beantworten. So ist also das Interesse dieses Artikels nicht die Lösung des Problems jugendlicher Gewalttätigkeit, schon gar nicht im Blick auf gesellschaftliche und strukturelle Zusammenhänge, sondern viel mehr, das Erschrecken vor jugendlichen Tätern zu fördern, sowie auch unfähige Eltern an den Pranger zu stellen. Bebildert wird der Artikel in der Printausgabe mit einem quer über die Seite liegenden Bild eines Buben mit einem Küchenmesser in der Hand, sowie mit einem rothaarigen Puppenkopf mit grünen Augen am Sidebar, mit Schöne Vision untertitelt.

Auch dieser Bericht handelt also von Erziehung, die nicht stattfindet, weil sie unmöglich geworden ist. Hat zuerst ein Unternehmer sich über eine erzieherische Attitüde lustig gemacht, so spielt der jüngere Text mit dem Entsetzen der Leser, entweder als Beobachter, oder als Betroffener. Niemals ist der Autor mit den Erziehern selbst solidarisch, sondern er steht ihnen gegenüber und verteilt Bonmots und Ratschläge. Der Unterhaltungswert der Texte geht auf Kosten der ErzieherInnen, die mit jenen Jugendlichen zu tun haben.

3.

Christian Ultschs Leitartikel vom 18.4. zum isländischen Vulkanausbruch – und noch mehr zum europäischen Luftfahrtschaos gibt sich gleich zu Beginn recht launig. Die unterschiedlichen Prognosen zum weiteren Verlauf der Eruptionen kommentiert Ultsch mit ebenso unberechenbar wie Chefredakteure – was als selbstreferentielle Bemerkung aufhorchen lässt. Die Vorsicht der Fluggesellschaften nennt er: Ganz Europa macht sich prophylaktisch in die Hosen.
Aber Ultsch denkt strukturell und referiert Triebwerkprobleme bei zwei Vulkanvorbeiflügen 1982 und 1989. Da aber in der Nähe von Wien Schwechat keine Vuilkaneruptionen gemeldet seien, wäre übertriebene Vorsicht überflüssig. Die neun Vulkanascheberechnungszentren seien ausdrücklich kein Witz, aber gerade deshalb nachdrücklich als lächerlich dargestellt.
Als Hauptargument und als Boden der Tatsachen erscheinen nach sovielen Spekulationen über angebliche Gefahren die Millionenverluste der Fluggesellschaften. Also nicht die Sorgen der gestrandeten Passagiere, nicht die unvorstellbare Masse von 30.000 Flügen pro Tag in Europa. Keine Berechnungen des CO2-Austosses, der Lärmbelästigung oder alternativer Transportmittel. Stattdessen 200 Millionen Dollar Betriebsverlust pro Tag, bei bagatellisierten Gefahren.
Nun, es ist leicht auszumalen, wie Ultsch urteilen würde, käme es zu Unfällen bei einem trotz Aschewolke fortgeführten Flugbetrieb. Zur Empörung über Unfallopfer käme die Häme über missachtete Warnungen, verbunden mit der Forderung nach Konsequenzen für die Fluggesellschaft und ihre Verantwortlichen. Ultsch steht natürlich nicht auf der Seite der Verantwortung, sondern der Ungeduld von Reisenden sowie der Geschäftsinteressen. Dafür kann Ultsch ebenso wenig zur Verantwortung gezogen werden wie derjenige, der die Flugzeuglandung bei Katyn trotz widriger Umstände veranlasst hat.
Übrigens: Wo bleibt der journalistische Nachdruck bei der Suche nach Blackbox und Voice-Recorder, um die Unglücksursache zu finden? Kein Interesse an der Wahrheit?

Ich wollte sicher sein, dass ich nicht vergeblich laufe oder gelaufen bin

Gal 2, 2

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