PARADIES: Glaube

Zweifellos sind es verlorene Paradiese, und Seidl präsentiert versuchte Rückwege der Vertriebenen. Auf das Flüchtlingsdrama Adams und Evas folgt nun das Rückkehrdrama Anna Marias. Dabei ist ihre Lebensgemeinschaft mit Jesus und Maria von Anfang an keine unbeschwerte Idylle. Anna Maria kämpft sich mutig durch finstere Wiener Stiegenhäuser und schleppt die hölzerne Maria durch religionsferne Milieus, um an fremden Türen Einlass zu finden für gemeinsames Beten. Es gehört zu den berührendsten Szenen, wie die Migrantenfamilie um die Marienstatue kniet und mit Anna die Hände faltet und ihre Worte wiederholt. Die lange Strecke der Rückkehr Annas ins Paradies formuliert die illustre Gebetsgemeinschaft in der Bitte, dass Österreich wieder katholisch werden möge.

Doch die Hürden auf diesem Weg sind zahlreich. Wie ein böses Omen stolpert Anna in eine Swinger-Session in der vorstädtischen Parkanlage (ihre Schwester Teresa aus „Paradies Liebe“ hätte also gar nicht bis nach Afrika fahren müssen!) – und wie sie unschlüssig dasteht und zögert, ob sie einschreiten soll, öffnet sie das ganze Gelände ihrer inneren Anstrengung, das der eigentliche Schauplatz dieses Films ist. Einerseits führt ihre Mission zur Bekehrung Österreichs immer wieder in prekäre Situationen in engen Wohnungen, in Misstrauen und Gewaltbereitschaft. Doch das wahre Prekariat der Röntgenassistentin öffnet sich, als der muslimische Ehemann, der sie verlassen hatte, nun wieder zurückkehrt und seine alten Rechte zurückverlangt. Moderat und geduldig begnügt er sich zunächst mit einem Sofaplatz und mit Hilfeleistungen für den Querschnittgelähmten. Aber als er erkennt, dass Anna nicht mehr frei ist, steigern sich gegenseitige Bosheiten und machen das Zusammenleben unerträglich. Dramatischer Höhepunkt dieser Konfrontationslinie ist, wenn der Rollstuhlfahrer wutschnaubend hereinplatzt in die beschauliche Gebetsszene im Keller – und, nach verständnis- und ratlosen Blicken beiderseits, brummend wieder abzieht. Es gibt keine Konfrontation der Religionen.

Der religiöse Lebensstil Annas, in dem sie noch nicht lang beheimatet ist, ähnelt dem der Legio Mariä. Es ist eine Sonderwelt, noch exotischer und seltener als die ihrer Schwester Teresa, die zum Sextourismus nach Kenia fährt. Beispiele von Selbstgeißelung kennen wir zwei katholische Pfarrer, die den Film gesehen haben, nur aus mittelalterlichen Lehrbüchern, nicht aus der Praxis. Die wenigen Partner Annas kommen zu Kellerliturgien, aber eine Hilfe im Prekariat sind sie nicht. Anna ist allein auf Gott angewiesen, im Bett und in fremden Küchen. Arglos und naiv liefert sie sich weiter aus und schreitet durch strömenden Regen mit Maria in der Tasche. Die zweite tapfere Figur in Seidls Trilogie, eine rechte Verkörperung des Kärntner Diözesanleitbilds „Mit Jesus den Menschen nahe sein“ – wenn es Nähe denn gibt.

Ich wollte sicher sein, dass ich nicht vergeblich laufe oder gelaufen bin

Gal 2, 2

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