Mittwoch, 15. April 2015

Planetentheologie

Anstatt die Galaxien zu durchstreifen wie seinerzeit in der fernen Zukunft Captain Kirk, gilt das Interesse der Planetentheologie dem, was recht konstruktivistisch Sonnensystem ge-nannt wird. Es scheint sich hier um noch begreifbare Dimensionen zu handeln, obwohl auch dies zu bezweifeln ist. Man spricht von einer Anzahl von Himmelskörpern, die um die Sonne rotieren. Aber schon Nennung und Anzahl der Körper bringen Schwierigkeiten; jüngst ist ein Planet im Kuipergürtel abhanden gekommen, und Planetoiden, Asteroiden, Kometen und Meteoriten fahren auf ausgedehnten Bahnen.

A Space Odyssey durchkreuzt den Raum auf weit radikalere Weise als Enterprise. Beginnen wir mit einem Blick auf eine sozusagen tote Zeit, in die der entscheidende Transfer zum Jupiter fällt. Die Mannschaft befindet sich im Winterschlaf und quert den Raum, in Kojen gesperrt, in Abwesenheit. Der Winterschlaf wiederholt die Weltraumkälte. Aber die Kälte ist zugleich die Hauptmetapher des Kubrick-Films. Sie bewirkt, dass die Menschenaffen enger zusammenrücken in der Morgendämmerung des Menschen. Das lapidare Gespräch zwischen Dr. Floyd und der Stewardess im Raumtransporter, der ebenso viele leere Sitzrei-hen aufweist wie unsere öffentlichen Verkehrsmittel, ist an Coolness und Gefühlskälte schwer zu überbieten. Die Kamera fängt diese Beiläufigkeit im Schwenk auf den Kugel-schreiber ein, der sich unbemerkt in der Schwerelosigkeit davonmacht, indem er, sich selbst überschlagend, aus dem Bild tändelt. Ebenso war die Affenkeule durch die Luft geschlin-gert, und diese Bewegung wird später noch einmal wiederkehren, in ganz anderer Bedeu-tung. Halten wir für diese kleine Szene fest: eine linear gedachte Entwicklungslinie des Menschen vom Tier zur coolen Intelligenz wird konterkariert durch die unbeachtete Krei-selbewegung des sich selbst überlassenen Himmelskörpers.

Der Winterschlaf steht nicht nur für die Gefühlskälte, die den ganzen Film durchzieht, son-dern auch für die Linearität, in die menschliche Expansion aus Effizienzgründen gezwängt wird, in verschiedenen Stufen der Abwesenheit. Dominant ist seine Ersatzform, HAL 9000, der Supercomputer, der das Kommando hat, aber mit einer Fehlprognose ins Schlingern kommt. Seine Abschaltung bringt die einzigen Gefühlsregungen des Films hervor. Aber zu-vor schickt er Frank Poole in den Raum. In sich überschlagenden Bewegungen, sich wie eine Raupe krümmend, stürzt er vom Raumschiff ins Leere und lässt Bowman als letzten Menschen allein zurück. Der blickt ihm nach und macht sich, nun etwas hektisch geworden, an den Überlebenskampf. Schließlich sieht man Bowman in der Raumkapsel auf die Plane-tenoberfläche zurasen, sieht ihn auf die Krümmung zuhalten, sich an die Krümmung her-anmachen und an sie angleichen, sieht Farben und Formen sich auflösen in den Augen des Piloten, hört ihn atmen und weiß ihn somit am Leben, sieht ihn in einem surreal eingerich-teten Zimmer ankommen, seinen verschiedenen Zeitformen entgegentreten und sich also aus Zeit und Raum verabschieden.

Das wirkliche Ereignis im Film aber ist das unvermittelte Erscheinen des Monolithen. Stumm steht er in der Wüstenlandschaft auf Erden oder am Mond, streng und stumm und gerade, oder in der Jupiter-Umlaufbahn. Wie eine Antenne, ein Signalempfänger, ein Relais einer unbekannten Intelligenz. Er markiert Knotenpunkte der Entwicklung, Schwingungs-knoten der Linie. Die Präsenz des Stummen haben schon die Affen vernommen, den coolen Wissenschaftlern gellt sie in den Ohren, die Reise aus der Zeit stimuliert er. Die Präsenz des Unbekannten interveniert in der Weltgeschichte (ein altes Thema Arthur Clarkes). Der Mo-nolith selbst ist unzugänglich. Seine Struktur lässt keine Schlüsse zu. Er ist reines Zeichen. Alain Badiou nennt Ereignis das, was etwas Neues ermöglicht. Genau diese Funktion hat das Erscheinen des Monolithen bei Kubrick.

Die entscheidende Realität ist die Leere. Zwischen den größeren und kleineren Körpern ist schwarze Leere, die von Zeit zu Zeit durchkreuzt wird. Sonnenwind und Strahlungen durchsickern in Spuren die enormen Räume, aber der trudelnde Frank wird nichts davon wahrnehmen. Er ist selbst zum Himmelskörper geworden und wird auf irgendeine Umlauf-bahn einschwenken. Die altrömische Gottheit Jupiter wurde als Himmelsvater verstanden und als Lichtbringer und Tag. Die Babylonier nannten ihn Gad. Blitze und Wettererschei-nungen führte man auf ihn zurück und denkt am Donners-tag daran. Man sollte sich also nicht von dem Himmelskörper ablenken lassen und mehr auf das Ätherische achten: „sub iove“ heißt einfach „unter freiem Himmel“, „im Freien“. Soll sich nun Frank als erlöst be-trachten? Immerhin steht iovial für Glück und Heiterkeit!

Erinnern wir uns noch einmal an die Szene auf dem Mond. Das Team der Wissenschafter nähert sich dem Monolithen. Diese ungewöhnliche Erscheinung hat sie neugierig gemacht, sie sind gekommen, um sich das anzusehen. Doch da irritiert sie ein Ton. Geräusche, Töne erklingen und schwellen an bis zur Unerträglichkeit, und sie flüchten. Als Mose vor der Dornbusch-Erscheinung stand, die er sich neugierig besehen wollte, hörte er eine Stimme und trat mit einer fremden Intelligenz in Kontakt. Fremd, weil er ihren Namen nicht wuss-te. Intelligent, weil planend, wirkend und kommunizierend. Das Feuer, das ohne Stoff brennt, das symmetrische Objekt ohne Ursache. Was das Zeichen ermöglicht, ist der Weg. Mose wird auf den Weg gebracht: er hat das ganze Volk auf den Weg zu bringen, von der Sklavenexistenz in die Gottesvolk-Existenz. Dr. Floyd bringt Bowman und Poole auf den Weg, den Rest der Mannschaft wissen wir in den Kojen. Auf dem von der unbekannten In-telligenz gewiesenen Weg tritt die sekundäre Intelligenz HAL 9000 auf und kommt dem Plan in die Quere durch eine Fehlfunktion und weil sie unterschätzt wird. Diese Querung teilt die Mannschaft, viele bleiben zurück, nur einer setzt die Reise fort. Der Monolith als Wegzeichen, die Steintafeln als Mensch und Gott verbindendes Weisungswort. Bowmans Austritt aus der Linearzeit kann als angezielter Erlösungszustand betrachtet werden – eventuell ist dieser Übergang auch für den abtrudelnden Poole vorstellbar. Das Ereignis hat den Menschen verändert, vorerst in exemplarischer Form. Die Odyssee als Exodus.

Die religiöse Sphäre ist hier die Langsamkeit, die Kälte und besonders die Leere. Das ist durchaus vergleichbar mit dem generationenlangen Wüstenweg und seinen hitzigen Irr-tümern. Übereinstimmend ist die exzentrische Ausgesetztheit: unvorstellbar weit von der Heimat sind unerwartete Prüfungen zu bestehen, eingebettet in ein absolut lebensfeindli-ches Milieu. Die Wüste galt als Ort böswilliger Dämonen und musste durchquert und be-standen werden. Die Leere des Alls gilt als Geheimnis des Universums, dessen Schweigen von Wissenschaftern, Esoterikern und Mystikern belagert wird, um ihm doch eine Botschaft zu entreißen. In dieses Schweigen kann der Mensch wortlos abstürzen oder einer fremden Intelligenz begegnen, auch wenn er immer nur sich selber sieht. Sein Geschick durchquert die Zeiten und hat einen langem Atem. Vielleicht ist er in Bowmans letzter Reise mitzuhö-ren

Ich wollte sicher sein, dass ich nicht vergeblich laufe oder gelaufen bin

Gal 2, 2

Hallo Besucher!

Hinterlass doch deine Meinung zu dem, was ich hier preisgebe!

Aktuelle Beiträge

Planetentheologie
Anstatt die Galaxien zu durchstreifen wie seinerzeit...
weichensteller - 15. Apr, 21:16
Was ist um Werner Pircher?
D.U.D.A. bringt es wieder zu Tage, dass man ihn zu...
weichensteller - 5. Apr, 12:08
Licht in Sarajevo
Überall Neonlicht, weißblau, weißgrün,...
weichensteller - 19. Feb, 14:35
Bostjans Flug
Endlich wieder richtige Literatur. Nicht nur erzählte...
weichensteller - 1. Dez, 20:56
DIE INSEL. FILM VON PAVEL...
Vater Anatoly. Ein Idiot oder ein Kautz. Da kommen...
weichensteller - 30. Aug, 22:31

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Status

Online seit 3786 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 15. Apr, 21:16

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page

twoday.net AGB

wer kommt

Free counter and web stats

bibel
des menschen überdrüssig
essays
fragen über fragen
gedicht
kino
musik
predigten
presse
rand
texte
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren