Samstag, 5. April 2014

Was ist um Werner Pircher?

D.U.D.A. bringt es wieder zu Tage, dass man ihn zu Unrecht beiseite gelassen hat die letzten Jahre. Auch wenn er uns Ö1 erträglicher macht nach wie vor. Aber wie kann man das aussagen, was so fasziniert an diesem Ausnahmekünstler, wenn man nicht solche Bilderbuchworte zur Verfügung hat wie Andre Heller, der ihn einen Hundling nennt. Oder wie Erwin Steinhauer solche praktischen Anwendungen nennen kann wie das Prahlen mit Pirchner-Zitaten bei den Studentinnen. Oder einen solchen Tiroler Ausweg zu Pirchner, um den sonst herrschenden Katholen oder Exnazis zu entgehen. Diese Freiheit, die der hatte, lässt uns Josef Hader nun durch einen Türspalt blicken, um E- und U-Musik, Ernst und Satire als Türpfosten passieren zu können. Das Persönlichste stammte von Tobias Moretti: Er war immer jemand, der alles aufgerissen hat. Und zwar auf eine so leichte Weise. Und: Er fehlt mir, sagte er noch.

Es waren nicht nur begeisterte Fans, die bei D.U.D.A. zur Sprache kamen, sondern auch Skeptiker und Spießer: Das müssti lang hören, bissma gfallt. Na immerhin. Und auch etliche, die mehr über sich selbst aussagten als über ihn: Zwei solche Typen wie wir, Felix Mitterer. Und Christian Muthspiel bittet das Kamerateam auf das Hafelekar, 2556 Meter hoch, um dann drei Stunden für Pirchner Posaune zu spielen mit und gegen das Echo. Und natürlich kommt keiner aus, Pirchner nicht irgendwo einordnen zu wollen. Ein Achtundsechziger? Eigentlich bin ich eher kein 68er, ich bin ein Stückchen davor und ein Stückchen danach. Und von wem stammt noch schnell die Theorie von der umgekehrten Korrelation der Enge der Provinz und der Größe der Künstler? Wie auch immer: Man kommt nicht umhin, Pirchner selber sprechen zu lassen, um eine Ahnung zu bekommen, wer das ist – zumal die Sprache, und nicht nur die Musik, durchaus zu seinem ersten Ausdrucksmittel gehört.

Der Film „Der Untergang des Alpenlandes“ erinnert an die düstere Kulturkritik von Oswald Spengler (Der Untergang des Abendlandes) und noch mehr an Oswald Wieners Brachialästhetik (die verbesserung von mitteleuropa, roman), die fünf Jahre zuvor erschienen war. Da ist das Moment der Abkehr, so wie Gott seinem Propheten die Verwerfung des Landes ansagt. Aber diesem Propheten kann niemand böse sein, weil er einen unwiderstehlichen Witz hat. „ein halbes doppelalbum“ bricht ihm die Bahn. „Good News from the Ziller Valley“ sagt die Auferstehung des Tirolerlandes an, und „Die Bewässerung von Mitteleuropa“ soll es am Leben erhalten. „Brechreiz für großes Orchester“ und „Präludium und Fiasko für Blasorchester, Vibraphon und Gitarre“ sind Bürgerschrecke. Und die „Kleine Messe um C – für den lieben Gott“ oder „Mit FaGottes Hilfe“ sind religiöse Neustarts jenseits des Biederkatholischen. Und die beißende Selbstironie macht ihn selbst unbesiegbar, wenn er solche Grotesken produziert wie das „Streichquartett für Bläserrquintett“ oder „Noten für Pfoten“. Und der Witz liegt zumal im Titel wie in der Musik selbst. Haarsträubende Rhythmen, unvorstellbare Intervalle, aber geforderte allerhöchste Präzision – man sieht und hört das bei den Proben. Man erkennt die Volksmusik dahinter, die die Musik dem Mitteleuropäer erdet, nicht nur an der Instrumentierung, und man spürt den Jazz, der die Musik zum virtuosen präsentischen Ereignis macht. Und vielleicht lässt sich an dieser Stelle die resümierende Aussage wagen:

Werner Pirchner ist das Wort/Musik-Ereignis, das neue Möglichkeiten zeigt und schafft jenseits des Bekannten, Möglichkeiten für Kunst und Künstler, aber auch für Leben und Denken, und auch für Glauben und Hoffen. Werner Pirchner ist Prophet im wahrsten Sinne. Und wer nicht Musiker noch Dichter werden kann, der möge wenigstens Priester werden für das Neue, sage ich.

http://www.duda-derfilm.at/
http://www.duda-derfilm.at/wp-content/uploads/2014/02/duda_filmladen.pdf
http://www.wernerpirchner.com/
http://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Pirchner

Ich wollte sicher sein, dass ich nicht vergeblich laufe oder gelaufen bin

Gal 2, 2

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