Mittwoch, 19. Februar 2014

Licht in Sarajevo

Überall Neonlicht, weißblau, weißgrün, kalt, gespenstisch, wie eine harte Pranke auf den pastellfarbenen Barocksäulen im Stiegenhaus des Priesterseminars. Am Ende der langen und breiten Gänge jeweils eine gelb beleuchtete Christusfigur. Die Stiegen selbst, das fast unsichtbare Eisengeländer zwischen den Säulen, führen ins Halbdunkel hinunter und hinauf. Um sechs Uhr morgens sind wir angekommen hier, mit kleinen Augen von der Busfahrt.

Später sehen wir das Licht zwischen dunklen fernen Wolken Klarheit bringen über die Stadt, und die Hügel, zwischen denen sie liegt, so nah zusammengerückt, dass die Dorfhäuser und kleinen Moscheen der Gegenhänge zwischen die Häuserschluchten hineinrückten, und die Umrisse des österreichischen Kastells dicht über das altösterreichische Rathaus, das nun endlich, zwanzig Jahre nach dem Krieg, gänzlich fertig und grell wiederhergestellt ist. Eine der ersten Kriegshandlungen war gewesen, die Bibliothek abzufackeln, zuviel Bildung tut den Menschen nicht gut, auch Gavrilo Princip ist mit der Bildung nicht weitergekommen, und der Thronfolger, was hatte der hier zu suchen, am Ende hatte man ihn sterbend hier hereingebracht.

Im scharfen Nachmittagslicht eines Frühlingstages saßen wir auf der hölzernen Veranda eines Cafes und blickten auf die Baščaršija herunter und sahen mit zusammengekniffenen Augen die kurzen Schatten der Passanten die steile Pflasterstraße heraufklettern, bevor wir uns dann seitenlang aus Karahasans Büchern vorlasen. Als wir aber schließlich dem Dichter selbst gegenübersaßen, da war es eine unaufdringliche Zimmerbeleuchtung in einem nüchternen Raum des Franziskanerklosters, der vielleicht ein Seminarraum war, schließlich war eine katholische Fakultät untergebracht hier. Es war ein langes, entspanntes Gespräch mit vielen Fragen, und sichtlich beiderseitigem Interesse, über schriftgewordene sowie sich erst anbahnende Erfahrungen. Mit Gedanken zur Freude hatten wir begonnen: freuen kann man sich nicht mit sich allein, so hatte der Dichter eröffnet, Freude komme von anderen, und so bereits erklärt, warum er seine strenge gegenwärtige Klausur unseretwegen unterbrochen hatte, denn die Verlegerin hätte schon vor Wochen das fertige Manuskript verlangt. Über das Miteinander der Religionen in dieser Stadt haben wir lange geredet, Karahasan in der Christmette, wo er heuer elf andere Moslems wiedererkannt hätte, sowie Pater Milan Babič beim Opferfest in der Moschee, und überhaupt bezeichnete er Pater Milan als mehr katholisch als Kardinal Ratzinger, der im Vatikan unter lauter Katholiken lebte. Ich lebe vom Wort – ich bin Schriftsteller! – Diese klare Ansage hatte unsere Jugendlichen sehr beeindruckt, während draußen vor den Vorhängen der Tag unmerklich versank, und Valerian war von der Theorie der drei Bärte fasziniert.

Ein Nachtlicht war es, als wir den Platz vor der Regionalregierung querten, und von den Aufregungen der letzten Tage war noch etwas zu spüren. Anna hatte sich zu den zerborstenen Scheiben der Haltestelle hingestellt, als hätte sie sie selbst zerschlagen, und am Gehsteig wartete dar serbische Fernsehübertragungswagen noch immer auf konspirative Ereignisse. Später würden einige unserer Gesprächspartner gerade sie in Betracht ziehen, unbedarften Jugendlichen die Molotowcocktails in die Hand gedrückt zu haben, denn die Menschen in Sarajevo hätten keinerlei Hang zu Gewalt. Und selbst die Mütter und Väter zu Hause vor den Abendnachrichten stellten sich aufgrund dieser Bilder die ganze Stadt brennend vor und unsere Reisegruppe mittendrin.

Es gab aber auch Lichter in der Stadt, die waren so grau und unbestimmt, dass nicht einmal die Tageszeit oder Jahreszeit zu erkennen war, beispielsweise, als wir zum katholischen Jugendzentrum trabten über lange Gassen von der Straßenbahnstation, oder als wir ahnungslos in einen Film hineinplatzten auf der Baščaršija, wo wir uns über die Scharen von Tauben gewundert hatten und erst langsam erkannten, wie sie angefüttert wurden für einen atmosphärischen Bildhintergrund. Eine schwangere Frau musste eine halbe Stunde lang mit ernstvergrämten Gesicht zwischen zwei gleichmütig blickenden Kindern am Pflaster hocken und etwas in das zottelpelzverhangene Mikrophon sagen, während hinter ihr Tauben und Passanten über den Platz trabten. Diese Begegnung mündete in eine Einladung zum Sarajevoer Filmfestival im nächsten Sommer, in einem anderen Lichte.

Die Franziskanerkirche hingegen ist das ganze Jahr düster, trotz der vielen bunten Glasfenster, ich spreche aus langjähriger Erfahrung. Auch der Tunnel natürlich; auf diese Plätze hinter dem Flughafen, wo noch immer granatendurchsiebte Häuser stehen und die Frontlinien in Schrittweite nebeneinander herliefen, scheint kein richtiges Sonnenlicht durchdringen zu können. Auch das Video, das sie im Museum zeigen, als durch dieses Loch die ganze Stadt versorgt werden musste unter Granatenhagel, gab niemals freies Sonnenlicht des Tages, meistens Nachtaufnahmen oder Sequenzen im Morgengrauen, und sogar der Vorführraum war im Keller. Als wir den Pontamina-Chor treffen wollten bei der Probe im Bosnischen Kulturinstitut in der ehemaligen Synagoge, da war ein feuchtkalter Winterabend, aber als wir später anstelle der Probe, die wegen der Demonstrationen abgesagt war, mit Pater Markovič im Hotel Europa saßen, da war es Wiener Kaffeehauslicht und das entspannte Summen von westlich gekleideten plaudernden Gästen, das unser Gespräch umhüllte, sodass ein Fremder schwerlich geahnt hätte, dass bei uns vom Krieg geredet wurde, von den Erfahrungen dieses freundlichen älteren Mannes mit der Organisation von Hilfslieferungen und mit der Betreuung von traumatisierten Tätern, jawohl, auch Täter bräuchten Hilfe, und von seinen kommenden Einsätzen beim gegenwärtigen Syrienkrieg, als Franziskaner eben.

Und das letzte Licht, das wir von der Stadt sahen, war wieder dieses Balkan-Neonlicht der Busstation, wo zeitig in der Früh unser Bus abfuhr, der blaugestrichene und hellbraun verflieste geheizte Kassaraum und der umso kältere und düstere Perron, und als dann die nächsten Stunden der Bus durch die kurvigen verhangenen Landschaften ruckelte, da schien weder Zeit noch Raum zu vergehen, als würde in jeder Richtung unveränderlich Bosnien bleiben, wie es immer war.

Ich wollte sicher sein, dass ich nicht vergeblich laufe oder gelaufen bin

Gal 2, 2

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