Donnerstag, 20. Dezember 2012

PARADIES: Liebe

Obwohl ein Film über eine Fernreise – so spielen doch nicht äußere Räume und Orte die Hauptrolle, sondern steile, zerklüftete Seelenlandschaften. Ein gesuchtes Paradies? Falls eines gefunden wird, dann bereits als verlorenes. Die leuchtenden Augen der gerade in Afrika Angekommenen, als ihre wissende Mitreisende von den schwarzen Männern schwärmt: in Teresa erwacht die Sehnsucht, endlich einmal ganz und gar gewollt und behütet zu sein, so wie das in den weit aufgerissenen Augen der im Wiener Autodrom schwindlig gedrehten Behinderten zu lesen war, aber auch dort eher angstvolle Erwartungslust denn wirkliche Erfahrung. Zwischen Einbildung und Wirklichkeit schwankt stets Teresa, jongliert sie geschickt bereits, als sie ihrer Tochter entgegentritt und mit ihr zu kommunizieren versucht. Ihr süßlicher Singsang, in den sie schließlich ihren Ärger über deren Nichtkooperation verpackt, auch bei ihren Telefonanrufen, zeigt diesen Tanz um die nicht eingestandene Ablehnung. Er sublimiert Aggression in bewundernswerter und zugleich beängstigender Weise.

Anders als die Behinderten, die Teresa betreut und die von undurchschauten Ereignissen hin- und hergerissen werden, nimmt Teresa ihr Schicksal selbst in die Hand. Sie bringt die Tochter bei der Schwester unter und fährt nach Kenia, um sich verwöhnen zu lassen. Anfangs noch sehr unsicher, dirigiert sie schließlich die Afrikaner, bekommt das Gewünschte und bekommt es doch nicht. Ihre Belehrungen und Kommandos im Bett gehören zum Unerträglichsten in diesem Film, doch wenn sie dann im Strudel der ausgelösten Entwicklungen zu ertrinken droht und tapfer den Kopf oben behält, während sie sich vorgebeugt über den Sandstrand schleppt, gebührt ihr wieder Mitgefühl. In Wien wie in Kenia versucht sie die Lage zu beherrschen, indem sie die anderen infantilisiert – und die Opfer rächen sich auf der gleichen Ebene. Das Monströse der Leiber von Mutter und Tochter, das Monströse der Ereignisse in Dorfhäuschen und Hotelzimmern – es ist das, was der menschlichen Willkür entwächst. Der Kolonialismus ist dieses Monströse ebenso wie die Geschlechterverhältnisse oder die Zerstörung von Lebensräumen. Teresas paradiesische Freiheit ist ein atemberaubender Hochseilakt, ohne dass sie die durchtanzten Abgründe erblickt – oder höchstens deren Finsternis ahnt -, ist ein gnadenloses Ausreizen des Möglichen, ist ein verzweifelter Versuch, das Unbeherrschbare zu beherrschen, und damit faschistische Keimzelle. Seidl steht so in der literarischen Tradition von Arthur Schnitzler und Ödön von Horwath, Elias Canetti und Thomas Bernhard, ist damit österreichischer Literat ersten Ranges.

Der Titel stammt nicht, wie die Kommentatoren fälschlich annehmen, von Horwaths Drama, sondern aus dem ersten Korintherbrief des Apostels Paulus. Glaube, Hoffnung und Liebe werden dort als vorläufige Gottesoffenbarung genannt, als Blick durch einen Spiegel. Infantil nennt der Apostel das – aber entwicklungsfähig.

Ich wollte sicher sein, dass ich nicht vergeblich laufe oder gelaufen bin

Gal 2, 2

Hallo Besucher!

Hinterlass doch deine Meinung zu dem, was ich hier preisgebe!

Aktuelle Beiträge

Planetentheologie
Anstatt die Galaxien zu durchstreifen wie seinerzeit...
weichensteller - 15. Apr, 21:16
Was ist um Werner Pircher?
D.U.D.A. bringt es wieder zu Tage, dass man ihn zu...
weichensteller - 5. Apr, 12:08
Licht in Sarajevo
Überall Neonlicht, weißblau, weißgrün,...
weichensteller - 19. Feb, 14:35
Bostjans Flug
Endlich wieder richtige Literatur. Nicht nur erzählte...
weichensteller - 1. Dez, 20:56
DIE INSEL. FILM VON PAVEL...
Vater Anatoly. Ein Idiot oder ein Kautz. Da kommen...
weichensteller - 30. Aug, 22:31

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Status

Online seit 3723 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 15. Apr, 21:16

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page

twoday.net AGB

wer kommt

Free counter and web stats

bibel
des menschen überdrüssig
essays
fragen über fragen
gedicht
kino
musik
predigten
presse
rand
texte
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren