Samstag, 26. Februar 2011

Zurück am Boden

Es ist ein nasser Boden, die Schneedecke hat ihn nach Monaten wieder frei gegeben, obwohl trotzdem viel zu früh, Mitte Februar so weiche, warme Luft heraufströmen haben auf die Berghänge, und sie in ein solches Licht getaucht von oben beobachten, wo sie nun schutzlos und angreifbar daliegen wie das ganze Jahr nicht, ohne Laub und ohne Schnee, nackt und erdig, topfig weich, bei jedem Schritt schmatzend aufstöhnend und zugleich sich noch weiter auszustrecken in der Länge und in der Höhe. Es ist ein Auf- und Niederfahren auf dieser Erde, das die Zeit außer Kraft setzt, nicht nur durch Vergessen, durch Vorüberziehen, sondern durch den veränderten Atem, der heiß und schnell geworden ist, durch den Puls, der zu jagen begonnen hat und dann doch wieder etwas nachgibt, und weil so der Gang der Zeit ausgesetzt hat, weil in dieser Innigkeit irrelevant geworden ist, was dort vorgehen möge und gültig wäre in den Tälern, und selbst die Gesichter der Bauern, die ich zum ersten Mal vor ihren steinernen und hölzernen Häusern sitzen sehe, den täglichen Aufgaben enthoben und mir mit versonnenen Blicken folgend, ohne zu begreifen, wen oder was sie da erblickten, und einzig die Hunde mir ein paar Schritt gefolgt waren und bald wieder abgelassen hatten, um wieder in die versunkene Stille dieser Erde zurückzusinken, die über den grauen Wiesen stand, hatten jeden Fortgang vergessen und sind entrückt worden an diesem Tag.
Es war eine Frau gegenwärtig hier, Ingrid, Freundin aus alten Tagen, sie war hier gewesen, als noch der Schnee gelegen war, auch damals schon locker und gehbar, oder am Wege von Traktorrädern griffig gemacht oder ganz verschwunden, und sie, die Geherin, die mir viele Wege und Berge erschlossen hat, zu jeder Jahreszeit, die stundenlang, auch tagelang in den Wäldern sein konnte, auch allein, und darin zu wohnen schien, sie, die von einem Seeufer an ein anderes gezogen war und die ich an der Donau kennengelernt hatte, sie ist mit einer großen Natürlichkeit und Eleganz mit mir diesen Weg hinaufgestiegen, Kehre um Kehre, während wir schon das zur Neige gehende Nachmittagslicht gewahrten, so gesammelt, das nichts anderes Platz hatte als unsere Worte und der Boden unter unseren Füßen und die Eisgebilde am Wegrand, und in diesem Gegenwärtigsein geschah es, dass wir auf etwas aus waren, ohne es ausdrücklich wahrzuhaben, Kehre um Kehre höher steigend, in unser Gespräch vertieft, ob die neuerten Entwicklungen in der Psychologie auch die menschlichen Beziehungen angemessen beschreiben konnten, oder immer noch den Menschen primär als Einzelnen im Blick habe, und weiter, ob nicht, nach eineinhalb Jahrhunderten Krankheitsforschung, von der man annehmen könnte, dass sie mehr der Definition und Ausbreitung der Krankheit gedient habe als der Gesundheit, wie Michel Foucault das neurotische Jahrhundert beschrieben hatte, nun endlich eine Psychologie der Gesundheit treten könne, die mehr zu bieten hätte als Wellness, und sie – wann war mir das zuletzt passiert – die Frage nicht sogleich abwies und zurückwies, sondern selbst mitfragte und dann dennoch viel entgegensetzte, aus ihrer Erfahrung sprach und aus Literaturkenntnis, nun, da hatte sie manchmal einem dieser Holzwege nachgeschaut , die an den Kehren weiterliefen und sich bald im Wald verloren, und hatte mir zögerliche Blicke zugeworfen.
Ich hatte diesen Waldweg einige Male beschritten letzten Herbst, und war nach der letzten Kehre auf einer abgeholzten Schneise am Hang gestanden, und ein paar Schritte steil hinauf oder hinunter gestiegen, ohne irgendein Anzeichen eines Ausweges zu finden, obwohl irgendwo im Bergwald ein Übergang sein solle zum gegenüberliegenden Berg, auf den sich ein ebensolcher Weg hinaufschlängelte und schließlich unvermittelt endete. Auf diesen verborgenen Ausweg waren wir zugestiegen, ohne uns sonderlich Rechenschaft zu geben über die Umstände, sondern hatten ganz mit dem genug, was uns entgegenkam, und sahen Wölkchen, die von unten zarte Pastellfarben anzunehmen begannen, während wir, nebeneinander herschreitend, auf etwas aus waren, Ingrid leichtfüßig, in Naturfarben gekleidet, mit einer unwahrscheinlichen Mütze auf dem Kopf, die sie auch nicht abgelegt hatte, als wir unten in meinem Zimmer gekocht und gegessen hatten, in dem alten Steinhaus, das zuweilen tief unter uns zwischen den Baumstämmen sichtbar wurde, und ich in meinem dünnen Anorak, immer wieder damit beschäftigt, die blanken Eisflächen zu umgehen, um nicht ins Schlittern zu kommen, und da war es geschehen, dass wir aufs Geratewohl doch einmal eines dieser Weglein hinunterstiegen, ich erinnere mich deutlich an das umgestürzte Bäumchen, zwischen dessen schneebedeckten Zweigen wir wie durch einen Vorhang hindurchschlüpfen mussten, um danach das Unbekannte auszuschreiten, manchmal zögerlich, zuweilen auch übermütig, als nämlich ein von Eisplatten gerahmtes munter glucksendes Bächlein zu überspringen war, und wir uns nach ein paar Wendungen schließlich einem Felsblock näherten, der zu umschreiten war und eine Entscheidung anzukündigen schien. Und als wir dann vor dem Ende standen, auf einem Holzplatz, vor gefällten Baumstämmen, da gab es erstmals Blicke, die etwas Bestimmtes wollten, die etwas erwarteten, ich erinnere mich deutlich an diese plötzlich sich auseinanderspannende Zeit, diese Dehnung, als wir schnaufend dastanden und die Blicke schweifen ließen, und umhertasteten, wohl mit einer bestimmten Witterung in der Nase. Und auf einmal waren wir die paar Schritte zu dem weiter oben hinter Baumstämmen und abgeholztem Dickicht verborgenen Ausläufer des gegenüber liegenden Weges geraten, über den wir, sogleich in großer Gewissheit bis zur Abzweigung, und dann weiter talwärts ausschritten, obwohl er sich immer wieder weit in den Gegenhang zu verlieren schien, was Ingrid, die Geherin, bisweilen anmerkte.
Die besondere Anmut dieser Freundin an jenem Tag, die mir den lang gesuchten Ausweg erschlossen hatte, dieser Geherin, die mitging und mitgehen ließ, war auch jetzt mit mir, als sich die Unebenheiten des Übergangs etwas gesenkt oder gehoben hatten und der nasse Boden nicht gleichgültig war gegen meine Schritte, und ich nicht gegen ihn.

Ich wollte sicher sein, dass ich nicht vergeblich laufe oder gelaufen bin

Gal 2, 2

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